Herkunft und Namen

Goldbeeres Herkunft bleibt in der Erzählung bewusst im Dunkeln. Tom besingt sie als „Kind der Wasserfrau“, und sie selbst stellt sich als „Tochter des Flusses“ vor; damit ist sie an eine Gewässer-Wesenheit gebunden, die selbst nie in Erscheinung tritt, sondern nur durch diese Abstammung angedeutet wird. Ihr Zuhause an der Weidenwinde und ihre enge Verbindung zum fließenden Wasser des Alten Waldes deuten darauf hin, dass ihr Wesen dem eines Naturgeistes nahesteht, doch weder ihr Volk noch ihre Art werden begrifflich benannt oder erklärt. Diese Zurückhaltung ist kein Zufall der Überlieferung, sondern spiegelt den Charakter der gesamten Episode um Tom Bombadils Haus, in der Herkunftsfragen unbeantwortet bleiben und die Figuren sich jeder Einordnung in Frodos vertraute Kategorien von Volk und Geschichte entziehen.1

Der Name Goldbeere selbst wird im Text nicht etymologisch hergeleitet, doch seine Bildung aus „Gold“ und „Beere“ ruft unmittelbar Bilder von Fülle, Farbe und Frucht der wärmeren Jahreszeit hervor und passt zu ihrem ersten Erscheinen inmitten von Wasserlilien. Als Beinamen hören die Hobbits zudem „Tochter des Flusses“, wie sie sich selbst vorstellt, und „Kind der Wasserfrau“ aus Toms Liedern – weniger Eigennamen als Herkunftsformeln, die ihre Bindung an das Wasser sprachlich festschreiben, ohne ihr einen weitergehenden Titel oder Rang zuzuweisen. Die übrigen Anreden, die Tom und Frodo für sie finden, wandeln diese Formeln nur ab oder rühmen ihre Schönheit; so bleibt ihr Name, eng mit ihrer Erscheinung und ihrem Ursprung verwoben, die greifbarste Auskunft über ihr Wesen.2

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 7
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 7

Geschichte

Goldbeeres erstes Auftreten in der Erzählung fällt in jenen Augenblick, in dem Frodo, Sam, Merry und Pippin dem Griff des Alten Mannweide gerade entronnen sind und, von Tom Bombadil geführt, sein Haus am Rand des Alten Waldes erreichen. Noch bevor sie die Schwelle überschreiten, hören sie von drinnen einen Gesang, der sich mit Toms eigenem Singen zu einem Wechselgesang verbindet. Im Inneren finden sie Goldbeere inmitten von Binsen und weißen Wasserlilien sitzend, wie eine Herrin, die ihre Halle für Gäste bereithält. Sie erhebt sich, begrüßt die erschöpften Hobbits mit Freundlichkeit und heißt sie ohne Umschweife willkommen, sodass ihre Furcht vor dem Wald mit einem Mal wie vergessen scheint.1

Am selben Abend erweist sich Goldbeere als Herrin des Hauses im eigentlichen Sinne: Sie bedient die Gäste bei Tisch, sorgt für Wasser und Licht und begleitet die Mahlzeit mit einem eigenen Lied, in dem Regen, Fluss und das Ende des Tages miteinander verwoben sind. Den Hobbits scheint es, als wasche dieser Gesang die Mühen ihrer Reise regelrecht von ihnen ab, noch ehe Tom mit seinen eigenen Erzählungen fortfährt. Über ihre Herkunft und ihr Wesen gibt sie an diesem Abend nichts preis, das über das bereits Angedeutete hinausginge; sie bleibt in dieser Szene ganz auf ihre Rolle als Gastgeberin und auf die friedvolle Stimmung des Hauses konzentriert, während Tom das Wort über Wald und Vergangenheit führt.2

In der folgenden Nacht schlafen die Hobbits unter Goldbeeres und Toms Dach geschützt vor den Gefahren des Waldes draußen, doch nicht ungestört: Drei der vier fahren aus bedrängenden Träumen auf, und zwei von ihnen finden erst durch Goldbeeres Worte vom Abend wieder Ruhe. Am nächsten Morgen, der regnerisch beginnt, ist es Tom, der pfeifend im Zimmer der Gäste umhergeht, als diese erwachen; beim Frühstück sitzt dann keiner der beiden Hausleute mit am Tisch. Goldbeere bleibt den ganzen Regentag über unsichtbar – sie hält, wie Tom es nennt, ihren Waschtag und ist nur einmal von oben singend zu hören, während Tom den Gästen vom Alten Wald, von den Grabhügeln und von weit älteren Zeiten erzählt. Erst am Abend, als der Regen vorüber ist, sind die vier wieder länger mit ihr zusammen: Sie tritt mit einer Kerze in der Hand herein, deckt mit Tom den Tisch, singt nach dem Essen mehrere Lieder und wünscht den Gästen danach gute Nacht.3

Als die Hobbits schon aufgebrochen sind und die Ponys den letzten Hang hinaufführen, fällt Frodo ein, dass sie sich nicht von ihr verabschiedet haben; im selben Augenblick steht Goldbeere winkend oben auf der Kuppe, unter der das Haus liegt. Sie lässt die Reisenden über das Land im Morgenlicht blicken, mahnt sie zur Eile und zur Festigkeit in ihrem Vorhaben, weist sie nach Norden und nimmt von Frodo als einem Elbenfreund Abschied. Mit erhobenen Armen und offenem Haar entlässt sie die Reisenden in den Tag, und ihr Bild auf dem Hügel, hell im Morgenlicht, bleibt den Hobbits als letzter unmittelbarer Anblick von ihr in Erinnerung. Von diesem Moment an tritt Goldbeere in der Erzählung nicht mehr leibhaftig auf.4

Genannt wird Goldbeere danach nur noch von Tom: Am Rand seines Landes begründet er seine Umkehr damit, dass Haus und Goldbeere auf ihn warten, und aus dem Schatz, den er aus dem aufgebrochenen Grabhügel ins Freie trägt, wählt er eine Brosche mit blauen Steinen für sie aus. Die Hobbits selbst sehen sie nicht wieder: Ihr Weg führt in den Nebel der Gräberhügel und weiter nach Norden, und die Erzählung kehrt zu Toms Haus nicht mehr zurück.5

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 7
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 7
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 7
  4. 4Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 7; Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 8
  5. 5Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 8

Rolle und Macht

Innerhalb der Episode um Tom Bombadils Haus nimmt Goldbeere die Rolle der Herrin ein, deren Zuständigkeit neben Toms weiterem Wirken als Meister von Wald, Wasser und Hügel deutlich enger bleibt. Auf Frodos Frage, wer Tom eigentlich sei, ist es Goldbeere, die ihm knapp erläutert, dass Bäume, Gräser und alle wachsenden und lebenden Dinge des Landes sich selbst gehören, Tom aber gleichwohl als Meister über sie gilt. Damit erscheint Goldbeere zugleich als Deuterin von Toms Stellung und als Wesen, dessen eigener Bereich auf das Wasser und das Haus beschränkt bleibt, während Toms Wirken sich über das ganze Land erstreckt. Sie ordnet sich ihm dabei nicht unterwürfig unter, sondern erscheint als eigenständige Herrin eines enger gefassten Bereichs.1

Wo sich Goldbeeres Macht zeigt, äußert sie sich nicht in Handlungen, sondern in Stimmung, Gastlichkeit und Gesang, die den Gästen eine Ruhe vermitteln; als Frodo ihr zum ersten Mal gegenübersteht, spricht die Erzählung ausdrücklich von einem Zauber, der auf ihn gelegt sei und sich von der Wirkung elbischer Stimmen unterscheide. Diese Wirkung bleibt an Ort und Anwesenheit gebunden: Goldbeere verlässt in der gesamten Handlung nie das Haus und die Anhöhe davor, und nirgends wird von ihr ein aktives Eingreifen gegen eine konkrete Bedrohung geschildert, wie es Tom später gegenüber dem Alten Mannweide und den Grabunholden zeigt. Sie bleibt damit eine Gestalt des geschützten Innenraums, deren Einfluss mit den Grenzen von Toms Land zusammenzufallen scheint, statt sich darüber hinaus zu erstrecken.2

Diese Begrenzung tritt auch dort hervor, wo Goldbeere die Hobbits zur Eile mahnt und ihnen einen Segen für den Weg mitgibt, ihnen aber keinen Schutz jenseits von Toms Land zusichert; den Spruch, mit dem sie im Notfall Hilfe rufen können, hat ihnen am Abend zuvor Tom beigebracht. Ihre Macht erscheint so an ein bestimmtes, begrenztes Land geknüpft, innerhalb dessen sie als schützende und gastliche Kraft wirkt, während die aktive Abwehr von Gefahren außerhalb dieses Bereichs in der Erzählung allein Tom vorbehalten bleibt.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 7
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 7
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 8; Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 7

Beziehungen

Abgesehen von ihrer Abkunft vom Fluss, als dessen Tochter sie sich vorstellt, ist die einzige im Text benannte Bindung Goldbeeres die zu Tom Bombadil, doch die Erzählung beschreibt diese Beziehung eher durch gemeinsames Handeln als durch erklärende Worte. Schon der Wechselgesang, mit dem die Hobbits das Haus erreichen, zeigt Tom und Goldbeere als eingespieltes Paar, dessen Stimmen und Aufgaben ineinandergreifen, ohne dass eine der beiden Figuren der anderen untergeordnet wäre. Innerhalb des Hauses teilen sich beide die Rolle der Gastgeber: Tom bringt Nahrung und Geschichten, Goldbeere Wasser, Licht und Gesang, sodass ihr Zusammenwirken den Hobbits ein Bild von Gleichrangigkeit statt von Herrschaft vermittelt. Dass am ersten Morgen keiner von beiden mit am Frühstückstisch sitzt und Goldbeere bis zum Abend nicht zu sehen, sondern nur einmal von oben singend zu hören ist, während Tom den Tag mit den Gästen verbringt, unterstreicht zusätzlich, dass ihre Partnerschaft nicht auf ständiger gemeinsamer Anwesenheit beruht, sondern jeder von beiden auch eigenständig im gemeinsamen Haus wirkt.1

Zu den vier Hobbits entwickelt Goldbeere keine Bindung, die über die kurze Zeit ihres Aufenthalts hinausweist, doch innerhalb dieser Begegnung nimmt sie erkennbar die Stellung einer fürsorglichen Gastgeberin ein, die sich von Toms burschikoser, oft rätselhafter Art unterscheidet. Während Tom die Gäste mit Liedern, Sprüchen und alten Geschichten unterhält und belehrt, ist es Goldbeere, die ihnen unmittelbaren Trost und Geborgenheit vermittelt, etwa wenn sie Frodo bei der Begrüßung an der Hand nimmt oder ihm auf seine Fragen zu Tom in einfachen Worten antwortet. Diese Rolle als beruhigende, erklärende Instanz gegenüber den verängstigten Reisenden hebt sie von den übrigen Gestalten ab, denen die Hobbits auf ihrer Reise bislang begegnet sind, und erklärt auch, warum Frodo beim Aufbruch auf dem letzten Hang unwillkürlich ihren Namen ruft, als ihm aufgeht, dass die Gefährten sich nicht von ihr verabschiedet haben.2

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 7
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 8