Was für ein Buch das ist
Der Herr der Ringe erschien in drei Bänden, konzipiert war er jedoch als ein einziges, fortlaufendes Werk; die Dreiteilung in Die Gefährten, Die zwei Türme und Die Rückkehr des Königs geht auf verlegerische Erwägungen zurück, wie Tolkien im Vorwort zur zweiten Auflage festhält. Die innere Gliederung folgt einer anderen Ordnung: sechs durchgezählten Büchern, je zwei pro Band, denen ein Prolog vorangeht und ein umfangreicher Anhangteil folgt. Dieser Anhang enthält Annalen der Könige und Herrscher, eine fortlaufende Zeittafel, Stammbäume der Hobbit-Sippen, Ausführungen zum Kalenderwesen sowie Abschnitte über Schriften, Aussprache und die Sprachen und Völker des Dritten Zeitalters. Das Beiwerk ist kein Zierrat, sondern trägt einen Gutteil jener historischen Tiefe, auf die der Erzähltext selbst nur anspielt.
Die Erzählhaltung ist die eines Herausgebers, nicht die eines Erfinders. Das Buch gibt sich als Übertragung aus dem Roten Buch der Westmark, einer Hobbit-Überlieferung mit benannten Schreibern und späteren Abschriften; der Prolog erläutert dem Leser vorab, was Hobbits sind und wie das Auenland verfasst ist, und die Nachbemerkung zu den Aufzeichnungen des Auenlands beschreibt die angebliche Textgeschichte. Damit tritt der Autor hinter einen fiktiven Überlieferungsweg zurück, und Lücken, Doppelungen oder abweichende Angaben erscheinen als Eigenheiten der Quelle. Der Ton wechselt mit dem Gelände: Die frühen Kapitel sind beinahe häuslich erzählt, mit einem Erzähler, der sich gelegentlich an den Leser wendet; je weiter die Handlung nach Süden und Osten führt, desto knapper, feierlicher und altertümlicher wird die Diktion. Eingelassene Lieder, Verse und Sprichwörter markieren dabei die Sprechweisen der einzelnen Völker.
Angesprochen sind erwachsene Leser. Zwar knüpft das Buch unmittelbar an Der Hobbit an und übernimmt dessen Figuren aus dem Hause Beutlin, doch verlangt es Ausdauer, Namensgedächtnis und die Bereitschaft, Anspielungen zunächst unaufgelöst stehen zu lassen. Denn hinter dem Ringkrieg steht eine ältere Überlieferung, die zu Tolkiens Lebzeiten unveröffentlicht blieb: Was Streicher in Bruchtal an Liedern aus den Ältesten Tagen anklingen lässt, war für den zeitgenössischen Leser ohne Kommentar nicht auflösbar. Gegenüber seinem Verleger hat Tolkien den Zusammenhang selbst benannt und die Ringgeschichte als Teil eines einzigen, zusammenhängenden Sagenstoffes beschrieben, dessen früherer Teil damals unpubliziert war. Innerhalb dieser Enzyklopädie ist der Roman deshalb weniger ein Einzelwerk als der Fixpunkt, an dem die späteren, posthum edierten Schichten gemessen werden.
Entstehung und Veröffentlichung
Der Anstoß kam vom Verlag. Nachdem Der Hobbit 1937 erschienen und freundlich aufgenommen worden war, wünschte man dort eine Fortsetzung, und Tolkien setzte sich noch im selben Jahr an eine neue Hobbit-Geschichte. Im Vorwort zur zweiten Auflage hat er später beschrieben, wie ihm das Vorhaben unter der Hand entglitt: Aus der erbetenen Anschlusserzählung wurde binnen weniger Kapitel die Geschichte eines Krieges, in die zugleich jene ältere Überlieferung hineinragte, die er eigentlich zuerst hatte ordnen wollen. Der Ring, im Hobbit noch ein beiläufiges Fundstück aus Gollums Höhle, rückte dabei in die Mitte und musste nachträglich mit einer Vorgeschichte versehen werden, was auch Änderungen am älteren Buch nach sich zog.
Geschrieben wurde über rund zwölf Jahre hinweg, mit langen Stillständen. Tolkien kam zunächst nur bis zu Balins Grab in Moria und blieb dort für geraume Zeit stecken; erst gegen Ende 1941 führte er die Erzählung nach Lothlórien und an den Großen Strom weiter. Im folgenden Jahr entstanden erste Fassungen des dritten Buches und Ansätze zum fünften, ehe die Arbeit erneut liegen blieb. 1944 zwang er sich zur Wanderung Frodos nach Mordor und schickte die entstehenden Kapitel in Fortsetzungen an seinen Sohn Christopher, der damals in Südafrika bei der Luftwaffe diente. Bis zum Abschluss vergingen danach noch einmal Jahre: Erst 1949 lag das Ganze vor, und die Überarbeitung verlief gleichsam rückwärts, vom erreichten Ende her durch die früheren Bücher zurück.
Damit begann die zweite, mühsamere Geschichte, die der Drucklegung. Tolkien wollte den Roman gemeinsam mit dem älteren Sagenstoff veröffentlicht sehen und bot beides zu Beginn der fünfziger Jahre dem Verlag Collins an; für dessen Lektor Milton Waldman verfasste er den ausführlichen Brief, der das Verhältnis der beiden Werke zueinander darlegen sollte. Umfang und Kosten ließen das Vorhaben scheitern, Collins zog sich zurück, und 1952 kehrte Tolkien zu Allen & Unwin zurück, die bereit waren, die Ringgeschichte allein zu drucken. Die Verkoppelung mit der Vorgeschichte gab er damit auf.
Die beiden ersten Bände kamen 1954 in London heraus, der dritte erst im Jahr darauf; die amerikanische Ausgabe bei Houghton Mifflin folgte jeweils kurz danach. Verantwortlich für den Verzug war der Anhangteil, der weit mehr Material umfasste, als sich unterbringen ließ, und am Ende noch gekürzt werden musste; der im ersten Band angekündigte Namensindex blieb deshalb zunächst aus. 1965 nahm Tolkien den Text ein weiteres Mal vor. Anlass war eine ohne seine Zustimmung erschienene amerikanische Taschenbuchausgabe, die eine autorisierte Neuausgabe nötig machte. Er nutzte die Gelegenheit, um Fehler und Unstimmigkeiten zu bereinigen, ein neues Vorwort an die Stelle des ursprünglichen zu setzen und den Index nachzuliefern; die britische Fassung dieser zweiten Auflage zog 1966 nach.
Auch danach blieb der Text in Bewegung, nun in fremder Hand. 1994 wurde er neu gesetzt und dabei von einer Reihe überlieferter Druckfehler befreit; 2004 legten die Herausgeber der Ausgabe zum fünfzigsten Jahrestag eine erneut durchgesehene Fassung vor, die in den folgenden Jahren weiter berichtigt wurde. Die editorische Vorbemerkung heutiger Ausgaben verzeichnet diese Schichten im Einzelnen. Im deutschen Sprachraum erschien die Übertragung von Margaret Carroux 1969 und 1970, gefolgt von einer zweiten Übersetzung Wolfgang Kreges im Jahr 2000, die 2012 noch einmal überarbeitet wurde. Wie mit den Eigennamen zu verfahren sei, hat Tolkien früh und nachdrücklich bedacht: Nach den Erfahrungen mit der niederländischen Ausgabe widersprach er einer freien Übertragung der Namen und stellte für spätere Übersetzer eigene Erläuterungen zusammen.
Auf Deutsch erscheint das Buch im Stuttgarter Haus J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger in der Übersetzung von Margaret Carroux; die Gedichte übertrug E.-M. von Freymann, das ergänzende Kapitel zur Aussprache übersetzte Helmut W. Pesch. Die hier zugrunde gelegte Ausgabe hat Lisa Kuppler neu durchgesehen, sie trägt die Jahre 2009 und 2010. Im selben Haus erscheint Der Hobbit in der Übersetzung Wolfgang Kreges — wer deutsche Namensformen über die Mittelerde-Bücher hinweg vergleicht, vergleicht deshalb unter Umständen zwei Übersetzerhände und nicht eine.
Aufbau und Inhalt
Wer sich im Buch zurechtfinden will, beginnt beim Prolog. Er zerfällt in mehrere kurze Abschnitte, die über die Hobbits, das Pfeifenkraut und die Ordnung des Auenlandes unterrichten und die Auffindung des Rings noch einmal in der Fassung wiedergeben, die das Rote Buch enthalten haben soll; damit ist der Anschluss an das ältere Buch hergestellt, ohne dass dessen Kenntnis vorausgesetzt würde. Es folgen sechs Bücher von je neun bis zwölf Kapiteln, paarweise auf die drei Bände verteilt, sodass jede Bandgrenze zugleich eine Buchgrenze ist. Die ersten beiden Bücher folgen einem einzigen Handlungszug vom Auenland nach Bruchtal und von dort nach Süden. Vom dritten Buch an teilt sich die Erzählung in zwei Stränge, die sich abwechseln: Drittes und fünftes Buch bleiben beim Kriegsgeschehen westlich des Anduin, viertes und sechstes folgen dem Weg nach Osten, bis die Fäden im letzten Buch wieder zusammenlaufen. Da die Stränge zeitlich nebeneinanderherlaufen, setzt der Text mehrfach neu an; wer eine durchlaufende Abfolge sucht, findet sie erst im Anhang.
Der Anhangteil ist in sechs mit Buchstaben bezeichnete Abteilungen gegliedert. Die erste sammelt Königsannalen: Númenor und die Reiche der Verbannten, die Linie von Arnor und Gondor mit ihren Truchsessen, daran anschließend die Erzählung von Aragorn und Arwen, ferner das Haus Eorls und die Geschichte von Durins Volk samt dem Zwergenkrieg gegen die Orks. Die zweite Abteilung stellt eine Zeittafel bereit, die vom Zweiten Zeitalter bis über den Ringkrieg hinaus reicht und die Ereignisse der einzelnen Bücher tagegenau nebeneinanderstellt. Es folgen Stammbäume der Sippen Beutlin, Tuk, Brandybock und Gamdschie, dann eine Darstellung der Kalender, die die Auenland-Rechnung gegen die Zeitrechnung der Könige und Truchsesse und gegen die nach dem Krieg eingeführte Zählung hält. Die fünfte Abteilung erklärt Aussprache und Schrift, unterscheidet dabei die Buchstaben der Elben von den geritzten Runen und gibt an, wie die Laute der fremden Namen zu lesen sind. Die sechste behandelt die Völker und ihre Sprachen im Dritten Zeitalter.
An diese letzte Abteilung ist eine Bemerkung über das Übersetzen angehängt, die für den Leser der deutschen Ausgabe von besonderem Gewicht ist. Sie erklärt, dass die Gemeinsame Sprache im Text durchweg durch die Sprache des Herausgebers wiedergegeben sei und dass die Namen der Hobbits und die Mundart der Rohirrim entsprechend nachgebildet wurden. Wer wissen will, warum Ortsnamen des Auenlandes überhaupt übertragbar sind, findet hier die Begründung. Hinzu kommen die Karten, die zum Apparat gehören und nicht zur Ausstattung: eine Übersichtskarte des Westens von Mittelerde, ein größer aufgelöster Plan des Auenlandes und, für die Schlachten des fünften Buches, eine Karte der Landschaften zwischen Rohan, Gondor und Mordor. Sie stammen von Christopher Tolkien, sind auf den Text hin gezeichnet und tragen die Ortsnamen in der Schreibung der jeweiligen Ausgabe.
Stellung im Legendarium
Vieles, was heute als gesichertes Wissen über die Vorzeit Mittelerdes gilt, steht zuerst in diesem Buch. Die Herkunft des Rings trägt Gandalf im zweiten Kapitel des ersten Buches vor: die Schmiedearbeit der Elben im Zweiten Zeitalter, Saurons verdeckten Anteil daran und das Ausbleiben der endgültigen Vernichtung nach dem Sieg der Verbündeten. Der Rat von Elrond ergänzt diesen Bericht um die Stimme eines Zeugen, um die Nachrichten aus Gondor und um das, was in Isengart über die Ringe gesammelt worden war; erst im Nebeneinander dieser Aussagen wird die Kette von Isildur bis zum Auenland vollständig. Die Anhänge liefern dazu den annalistischen Unterbau: einen knappen Abriss von Númenors Aufstieg und Untergang, die Reihen der Könige in Norden und Süden sowie eine Zeittafel, die das Zweite Zeitalter überhaupt erst datierbar macht. Nichts davon war zu Tolkiens Lebzeiten anderswo gedruckt zu finden.
Ebenso deutlich ist, was das Buch stillschweigend voraussetzt. Nach hinten schließt es unmittelbar an Der Hobbit an, und der Abschnitt über Durins Volk führt die dort erzählte Fahrt zum Erebor bis in den Ringkrieg hinein weiter. Nach vorn, in die Ältesten Tage, reicht es dagegen nur in Anspielungen: Aragorns Erzählung an der Wetterspitze, die Anrufungen Elberchts Sternenkönigin — richtig: Elberths — nennt der Text bei ihrem Namen Elbereth, dazu Earendil, Gil-galad und die Abkunft Elronds. Für den Leser von 1954 gab es zu keinem dieser Namen eine gedruckte Fortsetzung; die fünfte und sechste Abteilung des Anhangs erklären ihre Aussprache und ihre sprachliche Zugehörigkeit, nicht aber ihre Geschichten. Das Werk verlangt damit ein Vertrauen in Zusammenhänge, die es nicht einlöst.
Seit 1977 hat sich dieses Verhältnis umgekehrt: Der ältere Sagenstoff liegt gedruckt vor, aber in posthum hergestellter Gestalt. Das Silmarillion schließt mit einem Abriss, der die Ringe und den Ringkrieg selbst noch einmal zusammenfasst und damit über weite Strecken vom Roman abhängt; die Nachgelassenen Erzählungen dehnen einzelne Episoden aus, die im Anhang nur als Jahreseintrag stehen, und ihr Abschnitt über Galadriel und Celeborn stellt ausdrücklich mehrere untereinander unvereinbare Fassungen nebeneinander. Wo solche Texte dem Roman widersprechen, gilt in dieser Enzyklopädie die zu Lebzeiten autorisierte Fassung, denn sie allein hat Tolkien selbst zum Druck gegeben. Ein Sonderfall ist die Auffindung des Rings: Hier korrigiert das Buch ein früheres gedrucktes Buch, indem es dessen Darstellung der erzählenden Figur als Unwahrheit zuschreibt — der einzige Fall, in dem ein Widerspruch nicht bereinigt, sondern in die Überlieferungsfiktion eingebaut wurde.
Aufnahme und Wirkung
Wie das Buch aufgenommen wurde, hat Tolkien selbst an sichtbarer Stelle festgehalten: im Vorwort zur zweiten Auflage. Er verzeichnet dort, dass die Urteile weit auseinandergingen, dass manche Leser die Erzählung langweilig, ungereimt oder geringschätzenswert fanden, und bemerkt dazu, er habe keinen Grund zur Klage, da er über die von jenen bevorzugten Bücher ähnlich denke. Ausführlicher geht er auf eine verbreitete Deutung ein, nämlich die Annahme, der Ringkrieg bilde den eben vergangenen Weltkrieg ab und der Ring die Atombombe. Er weist sie zurück und führt aus, welchen Verlauf die Handlung hätte nehmen müssen, wenn sie tatsächlich als Gleichnis angelegt worden wäre. Dabei unterscheidet er ausdrücklich zwischen der Allegorie, die vom Verfasser gesetzt wird, und der Anwendbarkeit auf eigene Erfahrung, die dem Leser freisteht.
Die Nachfrage nach Auskunft schlug sich in Tolkiens Briefwechsel nieder, und zwar rasch. Schon 1956, also zwei Jahre nach dem ersten Band, verhandelte er mit seinem Verleger über die niederländische Übertragung und widersprach der dortigen Praxis, die Namen des Auenlandes frei umzubilden; sein Einwand war kein ästhetischer, sondern ein systematischer, denn die Namen bilden nach seiner Darstellung ein zusammenhängendes Gefüge, das sich nicht stückweise ersetzen lässt. Zwei Jahre später lag ihm ein amerikanischer Entwurf für eine Verfilmung vor, den er Abschnitt für Abschnitt durchging und in einer Reihe von Punkten zurückwies. Beide Vorgänge zeigen, dass das Werk binnen weniger Jahre über den englischen Sprachraum und über das gedruckte Buch hinaus beansprucht wurde.
Ein weiteres Zeugnis der Aufnahme liegt in der späteren Editionsgeschichte. Christopher Tolkien begründet die Herausgabe der Nachgelassenen Erzählungen mit dem fortdauernden Verlangen nach weiteren Nachrichten über Mittelerde und erörtert eigens, ob Texte von so ungleichem Fertigungsgrad überhaupt vorgelegt werden dürfen. Er rechnet dabei mit einer Leserschaft, die den Roman und seine Anhänge bereits kennt und deren Fragen über das dort Mitgeteilte hinausgehen. Dass ein Band aus unfertigen Materialien auf diese Erwartung hin zusammengestellt wurde, gehört zur Wirkung des Romans ebenso wie seine Auflagen und Übersetzungen.