Herkunft und Namen
Der Name Dís entstammt, wie alle im Werk überlieferten Zwergennamen, nicht der eigentlichen, streng gehüteten Sprache Khuzdul, sondern den sogenannten „äußeren Namen“, die die Zwerge im Verkehr mit anderen Völkern führen und die in den Texten durch altnordische Formen wiedergegeben sind; ihre wahren Namen bleiben, wie es zwergischer Sitte entspricht, den eigenen Leuten und selbst nach dem Tod meist verborgen. Während die Namen ihrer männlichen Verwandten auf die überlieferte altnordische Namenliste der Zwerge zurückgehen, wählte man für Dís ein eigens weibliches altnordisches Wort, das dort auch weibliche Schutz- und Schicksalswesen bezeichnet - ein Name, der sie schon durch seine Form als Frau kenntlich macht. Ihrem Volk nach ist sie eine Zwergin aus dem Haus Durins, geboren als Tochter Thráins II. und damit Angehörige jener Linie, der auch ihr Bruder Thorin Eichenschild entstammt.
Dass ausgerechnet sie als einzige Zwergin überhaupt mit Namen in die Aufzeichnungen eingegangen ist, lässt sich aus dem, was über die Frauen ihres Volkes berichtet wird, erklären. Zwergenfrauen sollen der Überlieferung nach nur einen kleinen Teil des Volkes ausmachen, verlassen die eigenen Hallen nur selten und gleichen den Zwergenmännern in Stimme und Erscheinung so sehr, dass Fremde sie kaum als eigenständiges Geschlecht wahrnehmen. Unter den Menschen soll deshalb sogar die irrige Vorstellung umgegangen sein, es gebe unter den Zwergen gar keine Frauen und ihr Volk entstehe unmittelbar aus dem Stein. Vor diesem Hintergrund erscheint es folgerichtig, dass selbst innerhalb einer so ausführlich überlieferten Familie wie der Durins keine andere Zwergin mit Namen bekannt ist als Dís.
Geschichte
Nach den überlieferten Stammtafeln von Durins Volk wurde Dís im Jahr 2760 des Dritten Zeitalters geboren, nur zehn Jahre bevor der Drache Smaug das Königreich unter dem Berg überfiel und die Zwerge aus dem Einsamen Berg vertrieb. Sie gehörte damit zu den letzten ihres Hauses, die noch in den alten Hallen Erebors zur Welt kamen, ehe für ihre Familie die lange Zeit der Heimatlosigkeit begann. Über ihre Kindheit und die Jahre der Wanderschaft, die Thráins Sippe danach durch weite Teile Mittelerdes führten, ist nichts weiter berichtet.
In den folgenden Jahrzehnten wurde Dís Mutter zweier Söhne, Fíli, geboren 2859, und Kíli, geboren 2864. Beide wuchsen eng an der Seite ihres Onkels Thorin auf, der nach dem Tod Thráins II. als Anführer des heimatlosen Volkes galt, und sollen ihm nach dem Zeugnis der Überlieferung an Zuneigung nähergestanden haben als manch leiblicher Sohn seinem Vater. Über ihren eigenen Gefährten oder Ehemann findet sich in den Aufzeichnungen keinerlei Angabe, wie es zwergischer Zurückhaltung in solchen Dingen entspricht.
Als Thorin sich im Jahr 2941 mit einer Schar von zwölf weiteren Zwergen aufmachte, um den Einsamen Berg von Smaug zurückzuerobern, zählten Fíli und Kíli zu seinen Gefährten. Dís selbst wird unter den Teilnehmern der Fahrt nicht genannt; sie blieb, soweit den Berichten zu entnehmen ist, in den Landen der Ered Luin zurück, wohin sich ein Teil ihres Volkes gewandt hatte. Damit erlebte sie den Aufbruch ihrer beiden Söhne und ihres Bruders zu jenem Unternehmen nur aus der Ferne.
Noch im selben Jahr kam es am Fuß des Einsamen Berges zur Schlacht der Fünf Heere, in der Thorin, Fíli und Kíli fielen. Die beiden jungen Zwerge sollen im Kampf ihren Onkel mit den eigenen Leibern gedeckt haben, ehe sie selbst der Übermacht der Feinde erlagen. Dís verlor damit an einem einzigen Tag ihren Bruder und beide Söhne und damit ihre gesamte engste Familie.
Von Dís selbst ist danach nur noch überliefert, dass ihre Trauer über diesen Verlust unter den Zwergen weitererzählt wurde und in die Aufzeichnungen von Durins Volk einging. Ein Sterbedatum oder weitere Nachrichten über ihr späteres Leben fehlen; die Geschichte, die von ihr erzählt wird, schließt mit dem Bericht über ihre Trauer.
Rolle und Fähigkeiten
Innerhalb des Legendariums tritt Dís an keiner Stelle als handelnde Figur auf; ihre gesamte Präsenz beschränkt sich auf den genealogischen Bericht in den Anhängen des Herrn der Ringe. Anders als ihr Bruder Thorin oder ihre Söhne Fíli und Kíli, die als Gefährten auf der Fahrt zum Erebor unmittelbar ins Geschehen eingebunden sind, wird Dís nirgends in einer Szene mit eigener Rede oder Handlung gezeigt; man erfährt von ihr allein durch die Aufzählung der Verwandtschaftsverhältnisse und die knappe Nachricht über ihre Trauer. Ihre Funktion im Werk liegt damit weniger in eigenem Handeln als darin, das Vorhandensein von Zwergenfrauen innerhalb einer sonst ausschließlich männlich besetzten Erzählwelt zu belegen und der sonst nur allgemein beschriebenen Gruppe der Zwergenfrauen ein konkretes Beispiel und einen Namen zu geben.
Fähigkeiten, Fertigkeiten oder Taten werden ihr in den Texten nicht zugeschrieben; weder ein Handwerk noch Kampfgeschick noch eine sonstige besondere Begabung wird für sie vermerkt, wie es für andere Zwerge etwa in Waffenkunst oder Schmiedehandwerk berichtet wird. Das Einzige, was von ihr als eigenes Verhalten festgehalten ist, ist ihre Trauer nach dem Tod Thorins, Fílis und Kílis, die in die Überlieferung von Durins Volk aufgenommen wurde - ein menschlich-emotionaler, kein heldischer Akt, aber der einzige, der ihr in den Texten überhaupt einzeln zugeordnet wird.
Auch politische Macht oder Herrschaft kam ihr trotz ihrer Herkunft nicht zu: Nach dem Tod Thorins und dem seiner beiden Söhne, die als seine nächsten Erben galten, ging die Königswürde über das wiedergewonnene Erebor nicht an sie, sondern an Dáin II. Eisenfuß über, einen entfernteren männlichen Verwandten aus einem Nebenzweig des Hauses Durin. Die Aufzeichnungen weisen ihr zu keinem Zeitpunkt Rang, Titel oder Herrschaftsbefugnis zu; ihre einzige im Text belegte Rolle bleibt die der Tochter, Schwester und Mutter innerhalb der Familie Durins.
Beziehungen
Dís' Stellung im Legendarium ist fast ausschließlich über ihre Bindung an drei männliche Verwandte definiert, die alle vor ihr aus dem Leben scheiden. Ihr Bruder Thorin Eichenschild war nach dem Tod des gemeinsamen Vaters Thráin II. das Oberhaupt ihres heimatlosen Hauses und damit über Jahrzehnte die zentrale Autorität, an der sich ihr Leben und das ihrer Söhne ausrichtete; die Überlieferung stellt sie in keiner Szene neben ihn, doch die Tatsache, dass ihre Trauer um ihn eigens vermerkt wird, deutet auf eine enge Bindung über die bloße Verwandtschaft hinaus.
Zu ihren Söhnen Fíli und Kíli wird das Verhältnis nur mittelbar greifbar, über deren eigene, engere Bindung an Thorin: Beide gelten ihm als näherstehend denn manch leiblicher Sohn seinem Vater, ein Umstand, der Dís gewissermaßen in den Hintergrund der eigenen Familie treten lässt, während ihr Bruder die Vaterrolle für ihre Kinder mitübernimmt. Diese Konstellation macht aus der Trias Thorin–Fíli–Kíli, die gemeinsam in der Schlacht der Fünf Heere fällt, für Dís keine drei getrennten Verluste, sondern den Zusammenbruch eines einzigen, über Jahre gewachsenen Beziehungsgeflechts an einem Tag.
Zu ihrem Vater Thráin II. wird keine eigene, persönliche Beziehung geschildert, ebenso wenig zu einem Gefährten oder Ehemann; beide Leerstellen fügen sich in das Bild einer Figur, die im Text ausschließlich als Schwester, Mutter und Trauernde erscheint. Auch zu Dáin II. Eisenfuß, der nach dem Tod ihres Bruders und ihrer Söhne die Herrschaft über Erebor übernimmt, wird kein Verhältnis erwähnt, wodurch dieser entferntere Zweig des Hauses Durin in ihrem überlieferten Leben ohne jede Berührung bleibt.