Name und Benennung

Der deutsche Name „Blaue Berge“ gibt die sindarinische Bezeichnung Ered Luin getreu wieder. Das erste Glied ist die Mehrzahl von „orod“, dem elbischen Wort für einen einzelnen Berg, und kehrt in weiteren Gebirgsnamen des Nordwestens wieder. Das zweite Glied, „luin“, bedeutet schlicht „blau“. Dasselbe Farbwort steckt auch in einigen Sternnamen der Eldar. Der Name gehört damit zu einer Gruppe von Landschaftsbezeichnungen, die ein Merkmal des Anblicks festhalten und keine Person oder kein Ereignis. Einen Grund für die Farbe nennen die Quellen nicht.1

Neben Ered Luin kennt das „Silmarillion“ die Form Ered Lindon, die „Berge von Lindon“. Hier ist das Gebirge nicht nach seinem Aussehen benannt, sondern nach dem Land, an das es grenzt. Im Ersten Zeitalter bildete die Kette den östlichen Rand Beleriands. Lindon war zu jener Zeit ein Name für Ossiriand, das Land der sieben Flüsse am Westfuß der Berge. Beide Benennungen stehen in den Texten gleichberechtigt nebeneinander. Die Zweitform bindet das Gebirge an die elbische Landschaft, die es von Westen her begrenzte, und nicht an das Land östlich davon.2

Im „Herrn der Ringe“ überwiegt die Sicht von Osten. Der Prolog spricht von den Bergen von Lune und nennt sie als westliche Grenze jener Westlande Eriadors, die sich bis zum Nebelgebirge erstrecken. Diese Benennung folgt dem Fluss Lhûn, der das Gebirge durchschneidet, und dem Golf, in den er mündet. Der Anhang über Durins Volk verwendet dagegen die Formen „Blaue Berge“ und Ered Luin, vor allem im Zusammenhang mit den Zwergenstädten und der späteren Zuflucht des Hauses Durin. In Carroux’ Übertragung erscheinen alle drei Bezeichnungen nebeneinander. Welche Form verwendet wird, zeigt oft den Standpunkt des Erzählers an: elbisch-beleriandisch, auf die Landschaft Eriadors bezogen oder aus der Überlieferung der Zwerge.3

  1. 1Das Silmarillion, Anhang: Elements in Quenya and Sindarin Names
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and its Realms
  3. 3Der Herr der Ringe, Prolog; Der Herr der Ringe, Anhang A, III, Durin's Folk

Lage und Gestalt

Im Dritten Zeitalter sind die Blauen Berge die westliche Wand Eriadors. Der Anhang über die Erben Isildurs fasst unter diesem Namen das ganze Land zwischen ihnen und dem Nebelgebirge zusammen. Nach Süden hin bilden die Grauflut und der Glanduin die Grenze. Innerhalb dieses Rahmens entstanden die Reiche der Dúnedain des Nordens, und in ihm liegt später auch das Auenland. Von den Bergen aus gesehen öffnet sich Eriador nach Osten, während nach Westen hin nur noch ein schmaler Landstrich bis zur Küste bleibt. Auf der östlichen Seite des Gebirges, jenseits des Lhûn, fanden die Zwerge aus Durins Haus nach ihrer Vertreibung eine Bleibe.1

Ihre heutige Gestalt verdankt die Kette dem Untergang Beleriands am Ende des Ersten Zeitalters. Damals brach das Meer durch das Gebirge und schuf den Golf von Lhûn, der die Berge seither in eine nördliche und eine südliche Hälfte teilt. Westlich davon überdauerte ein Rest des alten Landes als Lindon. Nördlich des Golfs liegt Forlindon, südlich davon Harlindon. Dort herrschte im Zweiten Zeitalter Gil-galad. An diesem Einschnitt, wo der Fluss in den Golf mündet, liegen die Grauen Anfurten, von denen die Elben über das Meer nach Westen segeln.2

Vor diesem Bruch reichte das Gebirge als lange, ungeteilte Kette von Norden nach Süden. Wie der vorige Abschnitt schon festhielt, bildete es damals die Grenze zu Beleriand. Von seinen Westhängen flossen die sechs Nebenflüsse des Gelion herab, die Ossiriand durchzogen. Auf der Ostseite, also dem späteren Eriador zugewandt, hatten die Zwerge ihre Städte Nogrod und Belegost angelegt. Über Pässe im Gebirge kamen sie nach Beleriand herüber, um mit Elben zu handeln. Was die Blauen Berge auszeichnet, ist daher ihre Lage an einer Nahtstelle. Sie gehören zu den wenigen Landschaften, die aus der Welt der Ältesten Tage in die späteren Zeitalter hinüberreichen.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Anhang A, I, iii, Eriador, Arnor, and the Heirs of Isildur; Der Herr der Ringe, Anhang A, III, Durin's Folk
  2. 2Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and its Realms

Geschichte

Die Geschichte der Blauen Berge beginnt, soweit die Überlieferung reicht, mit den Zwergen. Noch bevor die Noldor nach Mittelerde zurückkehrten, gruben sie an der Ostseite der Kette ihre beiden großen Hallen, Nogrod und Belegost, und stiegen von dort nach Beleriand hinab. Die Sindar, die dort lebten, begegneten diesem Volk zum ersten Mal und nannten es die Naugrim. Das Gebirge war damals aber auch ein Durchgangsland für andere Völker. Die Nandor unter Denethor überschritten es auf ihrer späten Wanderung nach Westen und ließen sich in Ossiriand nieder. Viel später folgten ihnen die ersten Menschen, die Beleriand erreichten. Finrod traf das Volk Beors in den Tälern am Westfuß der Berge.1

Die Zeit bis zu den großen Schlachten gegen Morgoth war für die Zwergenstädte eine Zeit des Handels und des Handwerks. Die Zwerge halfen Thingol, die Hallen von Menegroth auszuhauen, und rüsteten die Elben Doriaths mit Waffen und Rüstungen aus, als die Bedrohung aus dem Norden wuchs. Ihre Straße führte vom Gebirge herab und querte den Gelion an der Furt Sarn Athrad. Nach der Rückkehr der Noldor wurde auch Caranthir in Thargelion zu einem Handelspartner. Durch ihn gelangten Erzeugnisse aus Nogrod und Belegost weiter in die Reiche der Eldar. Die Beziehung blieb dabei nüchtern und auf Nutzen gegründet, und Freundschaft entstand daraus nur selten.2

In die Kriege des Ersten Zeitalters wurden die Städte des Gebirges auf zweierlei Weise verwickelt. In der Schlacht der Ungezählten Tränen stellte sich das Heer von Belegost unter seinem König Azaghal dem Drachen Glaurung entgegen. Azaghal verwundete das Untier und fiel dabei. Seine Leute trugen ihn aus dem Kampf und hielten den Rückzug in guter Ordnung. Später brachte der Streit um die Nauglamír Unheil über Nogrod. Zwerge aus dieser Stadt erschlugen Thingol, und ein Heer von dort plünderte Menegroth. Auf dem Heimweg geriet es an der Sarn Athrad in einen Hinterhalt Berens und der Grünelben und wurde vernichtet. Belegost hatte sich an diesem Rachezug nicht beteiligt.3

Mit dem Ende des Ersten Zeitalters endete auch die Geschichte der alten Zwergenstädte. Als Thangorodrim im Krieg des Zorns gebrochen wurde, gingen Nogrod und Belegost zugrunde. Die Veränderung der Landschaft, von der schon die Rede war, traf sie unmittelbar. Die Überlebenden verließen die Ruinen, und viele zogen nach Osten nach Khazad-dûm. Die Anhänge betonen, dass die Stadt Durins durch diesen Zustrom an Menschenkraft und Kunstfertigkeit sehr gewann. Über die Blauen Berge selbst berichten die Quellen für das Zweite und den größten Teil des Dritten Zeitalters wenig. Sie waren nun vor allem die Grenze zwischen Lindon und den Ländern der Menschen.4

Wieder in den Blick rückt das Gebirge mit dem Unglück des Hauses Durin. Nachdem der Drache Smaug im Jahr 2770 den Erebor genommen hatte und nach der Schlacht von Azanulbizar 2799, zogen Thráin II. und sein Sohn Thorin mit den Resten ihres Volkes lange heimatlos umher. Schließlich ließen sie sich im Osten der Blauen Berge jenseits des Lhûn nieder. Die Zuflucht war bescheiden. Ihre Bewohner arbeiteten vor allem Eisen und verdingten sich bei den Menschen der Umgebung. Die Zahl der Zwerge nahm nur langsam zu. Im Jahr 2841 brach Thráin von hier aus auf, um den Einsamen Berg wiederzusehen, und kehrte nicht zurück. Seither führte Thorin die Verbannten.5

Von den Blauen Bergen ging im Jahr 2941 auch das Unternehmen aus, das den Erebor zurückgewann. Die Anhänge erzählen, dass Gandalf Thorin auf dessen Weg durch Eriador traf und ihm riet, statt eines offenen Heerzugs eine kleine Gruppe zu bilden und einen Meisterdieb mitzunehmen. So führte der Weg über Beutelsend. Nach dem Tod Smaugs und der Schlacht der Fünf Heere wurde das Königreich unter dem Berge unter Dain wiedererrichtet. Damit hatte die Zuflucht im Westen ihren wichtigsten Zweck verloren. Wie viele Zwerge danach in den Blauen Bergen blieben und was im Vierten Zeitalter aus den Hallen wurde, lassen die Quellen offen.6

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 13, Of the Return of the Noldor
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath
  4. 4Der Herr der Ringe, Anhang A, III, Durin's Folk
  5. 5Der Herr der Ringe, Anhang A, III, Durin's Folk; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  6. 6Der Herr der Ringe, Anhang A, III, Durin's Folk; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years

Völker und Herrschaft

Im Ersten Zeitalter war das Gebirge das Land zweier Zwergenvölker. Jede ihrer Städte regierte sich selbst, und einen gemeinsamen Herrscher über Nogrod und Belegost nennen die Quellen nicht. Das „Silmarillion“ überliefert, wie die Zwerge ihre Hallen in der eigenen Sprache nannten: Tumunzahar hieß Nogrod, Gabilgathol hieß Belegost. Namentlich bekannt ist von den Herrschern nur Azaghal von Belegost, dessen Ende der vorige Abschnitt schildert. Weit mehr Ruhm als jeder König erwarb Telchar aus Nogrod, dessen Klingen und Helme noch lange nach ihm in den Geschichten der Elben und Menschen auftauchen. Die Grünelben Ossiriands am Westfuß der Berge wählten dagegen keinen Herrscher mehr, nachdem ihr Anführer Denethor im ersten Kampf gegen Morgoths Heere gefallen war.1

Das Verhältnis zu den Nachbarn im Westen war wechselhaft. Unter den Elben suchte vor allem Eol, der Dunkelelb aus Nan Elmoth, die Nähe der Zwerge. Er besuchte ihre Hallen, lernte ihre Schmiedekunst und fand dort mehr Umgang als unter seinesgleichen. Als Maedhros seinen Bund gegen Morgoth schmiedete, stellten beide Städte Kämpfer und lieferten zudem Waffen in großer Zahl. Die Grünelben hingegen hielten Abstand zu allen Fremden. Als die ersten Menschen über die Pässe nach Ossiriand kamen, beunruhigte sie das, und sie baten Finrod, die Neuankömmlinge weiterzuführen.2

Nach dem Untergang der alten Städte gab es in den Bergen selbst lange keine eigene Herrschaft mehr. Die Macht lag nun an ihren Rändern. Westlich davon lebten die Elben Lindons, und nach dem Fall Gil-galads blieb Círdan als Herr der Anfurten ihr Oberhaupt. Östlich schlossen die Reiche der Dúnedain an. Die Anhänge berichten, dass Streitkräfte aus Lindon und den Anfurten den Königen von Arthedain mehrfach gegen Angmar beistanden. Die Zwergenzuflucht im Osten des Gebirges folgte ihrer eigenen Rangordnung: Thráin und nach ihm Thorin führten dort den Titel des Königs unter dem Berge weiter, obwohl der Erebor verloren war. Wie das Leben der Verbannten verlief, hat der vorige Abschnitt bereits erzählt.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 16, Of Maeglin; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang A, I, iii, Eriador, Arnor, and the Heirs of Isildur; Der Herr der Ringe, Anhang A, III, Durin's Folk

Rolle in der Erzählung

In den erzählenden Teilen des „Herrn der Ringe“ betritt niemand die Blauen Berge. Das Gebirge ist dort keine Bühne, sondern ein Horizont. Der Prolog verwendet es als Rahmen, um den Lebensraum der Hobbits abzustecken: Es markiert die Westgrenze jenes offenen Landes, in dem das kleine Volk abseits der großen Ereignisse Platz fand. Damit ist das Gebirge von Anfang an mit dem Gedanken verbunden, dass das Auenland ein geschütztes Randgebiet ist, das zwischen zwei Bergketten liegt und von der Welt dahinter wenig weiß.1

Greifbar wird die Kette im Buch vor allem über die Zwerge, die auf ihrem Weg zu ihren Minen im Westen die alte Oststraße durch das Auenland benutzen. Für die Hobbits sind diese Reisenden eine der wenigen Quellen für Nachrichten aus der Ferne. Im zweiten Kapitel wird ihr Durchzug zum Vorzeichen. Mehr Zwerge als sonst sind unterwegs, und was sie aus dem Osten mitbringen, klingt beunruhigend. Das Gebirge selbst bleibt dabei unsichtbar. Es gibt dem Verkehr auf der Straße nur eine Richtung und macht deutlich, dass selbst dieser abgelegene Winkel mit den fernen Gefahren verbunden ist.2

Am Schluss des Werkes kehrt das Gebirge noch einmal wieder, ohne dass sein Name im Vordergrund stünde. Die Grauen Anfurten, von denen Frodo, Bilbo und die Hüter der Ringe aufbrechen, liegen an der Stelle, an der sich die Kette zum Meer hin öffnet. Hier hört die bewohnte Welt Eriadors auf, und hier endet deshalb auch die Erzählung. Die Blauen Berge stehen so für eine doppelte Grenze: Sie trennen das vertraute Land vom Meer und die Gegenwart des Dritten Zeitalters von dem, was vom Ersten übrig ist. Dass von diesem Gebirge einst auch Thorins Fahrt ausging, wie der Geschichtsteil schildert, verknüpft beide Bücher an ihren Rändern.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Prolog, 1, Concerning Hobbits
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 2
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 9; Der Herr der Ringe, Anhang A, III, Durin's Folk

Entwürfe und Varianten

In den frühen Fassungen der Silmarillion-Überlieferung aus den 1920er- und 1930er-Jahren tritt das Gebirge noch nicht unter dem Namen Ered Luin auf. Die Texte, die Christopher Tolkien in den Bänden der „History of Middle-earth“ vorgelegt hat, nennen es meist Eredlindon, zusammengeschrieben und in der Regel mit der Erläuterung „Blaue Berge“ versehen. Die getrennte Schreibweise und die Form Ered Luin, die das Farbwort unmittelbar enthält, gehören erst in die Zeit, in der Tolkien am „Herrn der Ringe“ arbeitete, und wurden später in die Silmarillion-Texte übernommen. Die Lage der Kette an der Ostgrenze Beleriands und der Sitz der Zwerge in ihr stehen dagegen schon in diesen frühen Entwürfen fest. Auffällig ist dabei eine Eigenheit der Quenta-Fassungen: Sie geben die beiden Zwergenstädte nicht nur mit ihren elbischen Namen wieder, sondern stellen ihnen altenglisch gefärbte Übertragungen zur Seite, Hollowbold für Nogrod und Mickleburg für Belegost. Diese Wiedergaben entsprechen Tolkiens damaligem Verfahren, die Überlieferung als Übersetzung aus einer fremden Sprache darzustellen. In die veröffentlichten Werke gelangten sie nicht.1

  1. 1The Shaping of Middle-earth, The Quenta; The Lost Road and Other Writings, The Quenta Silmarillion