Herkunft und Namen
„Mittelerde“ überträgt ins Deutsche das englische Middle-earth, ein Wort, das Tolkien nicht neu erfand, sondern aus der eigenen Sprachgeschichte wiederbelebte. In einem Brief aus dem Jahr 1955 erläuterte er, „Middle-earth“ gehe auf das altenglische middangeard zurück, das mit dem altnordischen Midgard verwandt sei – eine mittelalterliche Vorstellung der von Menschen bewohnten Erde, die man sich zwischen den umgebenden Meeren und, in nordischer Bildsprache, zwischen dem Eis des Nordens und dem Feuer des Südens gelegen dachte. Nach seinen eigenen Worten habe er damit lediglich ein altes, im heutigen Englisch nicht mehr geläufiges Wort für die bewohnte Welt der Menschen in dessen ursprünglicher Bedeutung wiederverwendet.
Innerhalb der erzählten Welt tragen die Elben denselben Kontinent zwei eigene Namen, die dieselbe Grundbedeutung spiegeln: In Quenya lautet er Endor oder ausführlicher Endórë, in Sindarin Ennor, beide zusammengesetzt aus Elementen für „Mitte“ und „Land“ und damit wörtlich das „Land der Mitte“. Anders als das englische Wort, das auf eine wirkliche Sprachgeschichte zurückgeht, sind Endor und Ennor eigenständige Schöpfungen der von Tolkien ausgearbeiteten Sprachen, gebildet nach deren jeweils eigenen Lautgesetzen. Beide Namen verweisen zugleich auf die Lage des Kontinents zwischen dem Großen Meer im Westen, jenseits dessen die Unsterblichen Lande liegen, und den entfernten, kaum benannten Weiten im Osten.
Der Name fügt sich zudem in die Fiktion, mit der Tolkien seine Erzählungen rahmte: Sie geben sich als Übersetzung eines uralten Berichts aus der erzählten Welt selbst, sodass „Mittelerde“ als die ins heutige Englische – und von dort ins Deutsche – übertragene Entsprechung jener Namen erscheint, die die Bewohner für ihre eigene Welt gebrauchten. In diesem Verständnis steht der Name neben zahlreichen anderen Übertragungen von Orts- und Personennamen, mit denen Tolkien die Sprache der erzählten Welt einem heutigen Publikum zugänglich machte. So verbinden sich in der Bezeichnung zwei Ebenen: die reale Geschichte eines alten englischen Wortes und die eigens erdachte elbische Wortbildung, die beide in derselben Grundbedeutung zusammenlaufen.
Land und Lage
Mittelerde besitzt in den Erzählungen keine einheitliche, durchgängig bekannte Gestalt: Genauer beschrieben und gleichsam kartiert ist im Wesentlichen nur sein nordwestlicher Teil, jene Landschaft zwischen dem Auenland im Westen und den Ufern des Anduin, in der die Ereignisse um den Ring sich abspielen. Weiter im Osten und Süden, in Gegenden wie den Heimatländern der Ostlinge und Südlinge, verliert sich der Kontinent in Fernen, von denen die Überlieferung kaum mehr als Namen und Gerüchte kennt. Im Westen dagegen endet Mittelerde am Großen Meer; jenseits davon lag einst, dem Kontinent näher als den Unsterblichen Landen, die versunkene Insel Númenor, und noch weiter draußen erheben sich die Küsten Amans, die den Menschen Mittelerdes verwehrt blieben.
Die im Dritten Zeitalter vertraute Küstenlinie im Nordwesten ist zudem nicht die ursprüngliche: Am Ende des Ersten Zeitalters brach im Krieg des Zorns das Meer weit über das Land herein und verschlang den größten Teil Beleriands, jener weiten Gebiete, die sich einst westlich der heutigen Blauen Berge erstreckten. Nur ein schmaler Streifen dieses Landes blieb erhalten und bildet seither, als Ered Luin, die äußerste westliche Grenze Mittelerdes zum Meer hin. Das Mittelerde der späteren Zeitalter ist somit bereits eine verkleinerte, durch Flut und Umbruch veränderte Gestalt der älteren Welt.
Innerhalb dieses nordwestlichen Kernlandes prägen große Gebirgszüge und Flüsse die Gestalt des Kontinents: Das Nebelgebirge zieht sich von Norden nach Süden als Rückgrat durch das Land und trennt Eriador mit dem Auenland und Bruchtal im Westen von den Wildlanden im Osten. Dort fließt der Anduin, der große Strom, von den Ausläufern des Nebelgebirges weit nach Süden und scheidet seinerseits den Düsterwald im Osten von Lothlórien, Rohan und den Landen weiter westlich. Im äußersten Süden dieses Kernlandes liegen Gondor und, hinter einem eigenen Gebirgswall, das finstere Mordor. In dieser Abfolge aus Gebirge, Strom, Wald und Ebene finden die Völker Mittelerdes je eigene Landschaften, die ihre Lebensweise wie ihre Geschichte prägen.
Geschichte
In den frühesten Zeitaltern, ehe Sonne und Mond bestanden, war Mittelerde noch ohne Menschen und Elben, doch bereits Schauplatz des ersten großen Streits um die Gestalt der Welt. Die Valar hatten sich hier niedergelassen und zwei gewaltige Leuchten errichtet, deren Licht das Land erhellte, bis Melkor sie zerstörte und die Ordnung der Anfangszeit zerbrach. Erst danach zogen sich die Valar größtenteils nach Aman zurück, während Mittelerde in Dämmerung zurückblieb. In dieser Dämmerzeit erwachten am Gewässer Cuiviénen im äußersten Osten die ersten Elben, und mit ihnen beginnt die eigentliche, von Völkern getragene Geschichte des Kontinents.
Das Erste Zeitalter war geprägt vom langen Ringen der zurückgekehrten Noldor und ihrer Verbündeten gegen Morgoth, der sich in Angband im Norden verschanzt hatte. In Beleriand entstanden Reiche wie Doriath, Gondolin und Nargothrond, die über Jahrhunderte Bestand hatten, ehe sie nacheinander fielen. Das Zeitalter endete mit dem Krieg des Zorns, in dem die Heere Amans nach Mittelerde übersetzten und Morgoth endgültig bezwangen; im Zuge dieses Krieges brach das Land Beleriand größtenteils unter das Meer, sodass die geographische Gestalt des Nordwestens sich für immer veränderte.
Im Zweiten Zeitalter verlagerte sich das Geschehen zunehmend auf die Beziehung zwischen Mittelerde und der neu errichteten Insel Númenor, deren Bewohner den Edain zu Dank für ihren Beistand gegen Morgoth verliehen worden war. Zugleich erstarkte in Mittelerde eine neue Bedrohung: Sauron, einst Diener Morgoths, gewann Einfluss über die elbischen Schmiede von Eregion und verleitete sie zur Schmiedung der Ringe der Macht, während er selbst heimlich den Einen Ring schuf. Der offen ausgebrochene Krieg gegen die Elben, das spätere Eingreifen der Númenórer und schließlich der Untergang Númenors selbst prägten das Zeitalter, das mit dem Bündnis der Letzten Allianz von Elben und Menschen endete, in dem Sauron erstmals gestürzt wurde.
Nach dem Fall Saurons entstanden in Mittelerde die Nachfolgereiche der Númenórer im Exil, Arnor im Norden und Gondor im Süden, die über Jahrhunderte die Ordnung des Kontinents bestimmten, jedoch beide allmählich an Macht und Zusammenhalt verloren. Im Verlauf des Dritten Zeitalters kehrte Sauron in verhüllter Gestalt zurück, gewann im Düsterwald als „Nekromant“ neue Kraft und machte schließlich Mordor wieder zu seinem offenen Herrschaftssitz. Die letzten Jahre des Zeitalters wurden vom Krieg um den Einen Ring bestimmt, der mit dessen Vernichtung im Schicksalsberg und dem endgültigen Sturz Saurons endete.
Mit dem Ende des Ringkrieges und dem Beginn des Vierten Zeitalters trat Mittelerde in eine neue Epoche ein, die zunehmend von den Menschen bestimmt wurde. Viele der verbliebenen Elbenreiche lösten sich auf, und ein großer Teil ihrer Bewohner verließ den Kontinent über das Meer, während die Macht der alten Ringe und mit ihr manches an Zauber aus der Welt schwand. Gondor und das erneuerte Königtum Aragorns traten an die Stelle der geschwächten älteren Ordnungen und leiteten jenen Fortbestand Mittelerdes ein, der in den Überlieferungen als Zeitalter der Herrschaft der Menschen gilt.
Völker und Herrschaft
Unter den Völkern Mittelerdes reichen die Zwerge in ihrer Herkunft am weitesten zurück: Der Überlieferung des Silmarillion zufolge formte sie der Vala Aule aus ungeduldigem Verlangen nach eigenen Kindern, noch ehe die Elben erwachten, doch ließ Ilúvatar sie tief unter der Erde schlummern, bis die Erstgeborenen ihrerseits erwacht waren. Auf Bitten Yavannas, die um ihre Wälder fürchtete, erhielten zur selben Zeit auch die Bäume Mittelerdes eigene Hüter, die Ents, die seither als Hirten der Bäume durch seine Wälder ziehen. Die Menschen erwachten dagegen erst viel später, mit dem ersten Aufgang der Sonne, in fernen Landen im Osten des Kontinents, und breiteten sich von dort rasch in vielen Stämmen aus, von denen nur wenige in späterer Zeit den weiten Weg nach Westen zu den Elben fanden.
Über eine gemeinsame Herrschaft verfügte Mittelerde zu keiner Zeit; jedes Volk ordnete sich nach eigenen, oft sehr unterschiedlichen Formen. Unter den Elben, die in Bruchtal und Lothlórien noch bis in die Tage des Ringkrieges eigene Reiche unter Herrschern wie Elrond oder dem Paar Celeborn und Galadriel bewahrten, war die Macht an einzelne Fürsten oder Könige gebunden, ohne dass je einer von ihnen über alle anderen geherrscht hätte. Auch die Zwerge gliederten sich seit ihren sieben Stammvätern in ebenso viele Sippen, von denen jede in ihren eigenen Hallen, wie einst in Khazad-dûm und später in Erebor, unter einem eigenen König lebte. Unter den Menschen bestanden nebeneinander eigenständige Königreiche wie Gondor und Rohan, deren Throne innerhalb der jeweils eigenen Linie weitergegeben wurden. Die Hobbits dagegen, deren eigene Herkunft schon ihren sorgfältigen Chronisten im Auenland weitgehend im Dunkeln lag, begnügten sich mit der vergleichsweise losen Ordnung eines Thains und eines gewählten Bürgermeisters und nahmen über weite Strecken ihrer Geschichte kaum Notiz von einer Krone über sich.
Im Krieg um den Einen Ring traten diese Ordnungen zueinander in ein enges Bündnis, wie es sich in der Waffenhilfe Rohans für das bedrängte Gondor und in der gemeinsamen Verteidigung durch Menschen, Elben und Zwerge vor den Toren Minas Tiriths zeigte. Andere Völker standen dagegen von alters her im Dienst des Feindes: Orks, Trolle und ähnliche Geschöpfe folgten unmittelbar dem Willen Saurons, während aus den Weiten des Ostens und Südens Ostlinge und Südlinge als seine Verbündeten gegen die Reiche des Westens ins Feld zogen. Zwischen den freien Völkern selbst herrschte trotz gemeinsamer Gegnerschaft nicht immer Eintracht; so blieb das Verhältnis zwischen Elben und Zwergen von altem Argwohn geprägt, den erst Freundschaften Einzelner wie die zwischen Legolas und Gimli während des Ringkrieges allmählich zu mildern begannen.
Mittelerde in der Erzählung
Innerhalb der Handlung ist Mittelerde zuerst ein Raum, den die Hauptfiguren durchqueren müssen, nicht einer, den man von Anfang an überblickt: Sowohl im Hobbit als auch im Herr der Ringe führt der Weg aus einem behüteten, kleinen Zuhause – Beutelsend, dem Auenland – hinaus in ein Land, dessen wahre Ausdehnung sich Bilbo, Frodo und ihren Gefährten erst nach und nach erschließt. Die Erzählung bleibt dabei eng an die Wahrnehmung dieser Reisenden gebunden, sodass auch der Leser Mittelerde in denselben Etappen kennenlernt, in denen es den Figuren selbst begegnet – vom vertrauten Auenland über Bruchtal und Moria bis zu den Ebenen Rohans und den Mauern Gondors. Der Kontinent wird auf diese Weise selbst zu einer Größe der Erzählung: ein Land, dessen schiere Weite die Kleinheit und Verletzlichkeit derer, die es durchqueren, immer wieder spürbar macht.
Zugleich ist Mittelerde in der Erzählung die eigentliche Bühne der Sterblichen: Wer von dort für immer über das Meer aufbricht, verlässt nicht nur einen Ort, sondern beschließt ein Kapitel seines Lebens. Bilbos und schließlich Frodos Abschied von den Grauen Anfurten am Ende des Ringkrieges ist im Buch weniger ein geographischer Übergang als ein Moment des Innehaltens, in dem die Erzählung dem Leser vor Augen führt, was mit dem Sieg über Sauron zugleich verloren geht. In solchen Szenen steht Mittelerde nicht für einen bloßen Handlungsschauplatz, sondern für die Zeit selbst, die für die Zurückbleibenden weitergeht, während für die Fortziehenden ein Teil ihrer Geschichte an dieser Küste endet.
Auffällig ist zudem, wie sehr die Erzählung die Ränder Mittelerdes im Ungefähren belässt: Von den Landen jenseits des Nebelgebirges und südlich von Gondor erfahren die Leser kaum mehr als Namen, Gerüchte und vereinzelte Begegnungen mit Ostlingen, Südlingen oder fernen Geschöpfen wie dem Oliphanten, den Sam nur aus einem alten Auenland-Reim kennt. Diese bewusst gehaltene Unschärfe lässt Mittelerde größer erscheinen, als die eigentliche Handlung es zeigt, und vermittelt den Eindruck, dass die erzählten Ereignisse nur einen Ausschnitt aus der Geschichte eines weit umfassenderen Landes bilden – ein Effekt, den schon die Selbstbeschreibung des Auenlands als kleiner, abgelegener Winkel einer viel größeren Welt vorbereitet.
Frühe Fassungen und Entwürfe
In den ältesten Fassungen der Mythologie, den Verschollenen Geschichten, trug der Kontinent noch keinen festen, dem späteren „Mittelerde“ entsprechenden Namen, sondern erscheint überwiegend als „die Großen Lande“, gesetzt gegen das ferne Valinor. Die Erzählung war zudem in einen Rahmen eingebettet, den Tolkien später aufgab: Der Seefahrer Eriol, der von den Großen Landen zur Insel Tol Eressea gelangt und dort die alten Geschichten hört, sollte diese Insel ursprünglich mit England selbst gleichsetzen, sodass die Großen Lande in dieser frühen Konzeption unmittelbar als mythische Vorzeit des heutigen europäischen Festlands gedacht waren. Diese enge Verknüpfung von Erzählwelt und wirklicher Geographie, ein Rest von Tolkiens ursprünglichem Vorhaben einer „Mythologie für England“, verschwand in den späteren Bearbeitungen fast vollständig zugunsten einer eigenständigen, in sich geschlossenen Welt.
Die Gestalt der Welt selbst, in der Mittelerde liegt, war lange Zeit anders gedacht als im späteren Werk: In der kosmologischen Schrift Ambarkanta, die zusammen mit zugehörigen Karten überliefert ist, entwarf Tolkien eine flache Welt, die von einem äußeren Ozean umschlossen wird und in der Mittelerde als zentraler Landmasse zwischen Aman im Westen und fernen, kaum ausgeführten Landen im Osten liegt. Erst in Verbindung mit der sich wandelnden Erzählung vom Untergang Númenors entwickelte Tolkien daraus schrittweise die Vorstellung einer Welt, die im Zuge dieses Untergangs von einer flachen in eine gekrümmte, kugelförmige Gestalt gewandelt wird – ein Motiv, das in dieser ausgearbeiteten Form den frühesten Fassungen noch fehlte und erst in den Entwürfen zu einem eigenen, ausführlichen Kapitel der Weltgestalt wurde.