Herkunft und Namen
Dora Beutlin ist eine Hobbitfrau des Auenlandes und gehört jenem Zweig der Sippe an, der in Hobbingen ansässig war und dessen Stammsitz Beutelsend bildete. Die Stammtafeln weisen sie als Tochter Foscos aus und als die älteste von dessen drei Kindern; ihr folgten Drogo, der später Frodos Vater wurde, und Dudo. Damit steht sie im selben Verwandtschaftsgrad zu Bilbo wie ihr Bruder, nämlich in einer Seitenlinie, die sich einige Geschlechter zuvor von Bilbos eigener abgezweigt hatte. Die Beutlins galten im Auenland als begütert und über die Maßen achtbar: eine Familie, deren Ansichten man kannte, ohne nachfragen zu müssen, und die sich auf Unternehmungen nicht einließ. Vor diesem Hintergrund ist auch Dora zu lesen — sie verkörpert den seßhaften, ordnungsliebenden Teil der Sippe, von dem Bilbo und Frodo abwichen.
Der Familienname trägt in beiden Sprachfassungen dieselbe Anspielung. Englisch „Baggins“ ist an „bag“ gebunden und damit an Beutelsend, den Wohnsitz, nach dem sich der Zweig benennt; Carroux gibt ihn als „Beutlin“ wieder und hält so die Verbindung zum Beutel und zu Beutelsend im Deutschen aufrecht. Tolkien hat die Namen des Auenlands nicht als fremdsprachige Fundstücke stehen lassen, sondern sie im Rahmen seiner erklärten Übersetzungsfiktion ins Englische übertragen, so wie das Westron selbst durchgehend übertragen erscheint. Ein sprechender Sippenname wie dieser gehört zu den Fällen, in denen die Bedeutung mitwandern soll — was die deutsche Lösung nachvollzieht.
Der Rufname „Dora“ ist demgegenüber stumm: Er bedeutet im täglichen Sprachgebrauch des Auenlandes nichts, sondern folgt der Gewohnheit der Hobbits, Vornamen nach Klang und Familienbrauch zu vergeben. Auffällig ist die Alliteration innerhalb der Geschwisterreihe — Dora, Drogo, Dudo tragen sämtlich den Anlaut ihres Vaters nicht, wohl aber denselben untereinander, ein in den Stammtafeln des Auenlandes wiederkehrendes Muster der Namengebung. Zur Zeit des Abschiedsfestes zählt sie neunundneunzig Jahre und ist damit die älteste noch lebende weibliche Verwandte Bilbos wie Frodos. In dieser Stellung liegt zugleich das Wesen, das ihr die Erzählung zuschreibt: eine Verwandte, die ihren Rang in der Sippe ernst nimmt und ihre jüngeren Angehörigen seit Jahrzehnten schriftlich mit gut gemeinten Belehrungen versieht.
Geschichte
Datierbar wird Doras Leben allein durch die Stammtafeln des Anhangs, die für ihre Geschwisterreihe Geburts- und Sterbejahre festhalten, aber weder ein Amt noch eine Reise noch irgendein öffentliches Wirken verzeichnen. Rechnet man von dem Alter zurück, das ihr die Erzählung zum Zeitpunkt des Abschiedsfestes zuschreibt, so fällt ihre Geburt in das Jahr 2902 des Dritten Zeitalters, nach der Zeitrechnung des Auenlandes also in das Jahr 1302. Ihr ganzes bezeugtes Dasein liegt damit in jener langen Ruhezeit, in der das Auenland von den Ereignissen der weiten Welt kaum berührt wurde und in der die Chronik der Hobbits vor allem aus Geburten, Heiraten und Erbfolgen besteht. Das einzige Handeln, das ihr überhaupt zugeschrieben wird, ist ein schriftliches, und es erstreckt sich über mehr als ein halbes Jahrhundert. Da es zur Zeit des Festes bereits so lange währte, muss es lange vor Frodos Geburt begonnen haben; die früheren Jahrzehnte dieses Briefwechsels können nur Bilbo gegolten haben, der als der zweite Empfänger erst später hinzukam.
Der einschneidende Vorgang in der engeren Verwandtschaft fällt in das Jahr 2980, als Drogo und seine Frau Primula bei einer Bootsfahrt auf dem Brandywein ertranken. Frodo war damals zwölf Jahre alt und wuchs fortan bei der Sippe seiner Mutter in Brandyschloss auf, bis Bilbo ihn im Jahr 2989, als er einundzwanzig geworden war, zu sich nach Beutelsend nahm und zu seinem Erben bestimmte. Die Erzählung nennt Dora in diesem Zusammenhang nicht; über ihren Anteil an dem Unglück, an der Trauer oder an der Frage, wer den Verwaisten aufnehmen solle, schweigt der Text vollständig. Festzuhalten bleibt lediglich, dass sie durch den Tod ihres Bruders in den Rang der ältesten überlebenden Frau dieses Familienzweiges aufrückte und dass Frodos Umzug nach Hobbingen beide Empfänger ihrer Ermahnungen unter einem Dach vereinte.
Am 22. September des Jahres 1401 nach Auenland-Zeitrechnung, dem Jahr 3001 des Dritten Zeitalters, beging Bilbo seinen einhundertelften und Frodo seinen dreiunddreißigsten Geburtstag mit jenem Fest, das die Chronik des Auenlandes als besonderes Ereignis verzeichnet. Bilbo verschwand mitten aus seiner Ansprache heraus, verließ noch in derselben Nacht das Auenland und ließ in Beutelsend eine große Zahl von Abschiedsgeschenken zurück, die er zuvor mit Namen und kurzen Widmungen versehen hatte. Am Morgen darauf holten die Bedachten sie ab, und dabei ging es unordentlich zu: Manches wurde vertauscht, und was ohne Aufschrift blieb, verschwand in fremden Händen. Für Dora lag ein großer Papierkorb bereit, dessen Widmung ausdrücklich an den langen Briefwechsel erinnerte und die Bilbo mit einem herzlichen Gruß beschloss.
Diese Gabe steht in einer Reihe von Geschenken, deren Aufschriften sämtlich auf eine Eigenheit ihres Empfängers zielten. Adelard Tuk erhielt einen Schirm, weil er sich fremde Schirme anzueignen pflegte; Milo Grabender bekam Feder und Tintenfass, da er auf Briefe nie antwortete; Angelica wurde mit einem Spiegel bedacht, Lobelia mit einem Kasten Löffel. Doras Papierkorb gehört zu den milderen dieser Stiche, ist aber der genaueste: Das Gerät bezeichnet zugleich den Umfang ihrer Zuschriften und den Ort, an dem sie regelmäßig endeten. Dass Bilbo die Widmung dennoch als Andenken formulierte und mit seiner Zuneigung unterzeichnete, hält den Scherz in der Schwebe zwischen Spott und Dank. Es ist die einzige Szene, in der Dora überhaupt vorkommt; sie spricht kein Wort, tritt nicht auf und erscheint ausschließlich als Adressatin einer Aufschrift.
Danach verliert sich ihre Spur. Weder bei Frodos Verkauf von Beutelsend an die Sackheim-Beutlins im Jahr 3018 noch während der Besetzung des Auenlandes und seiner Befreiung im folgenden Jahr wird sie erwähnt, und in keiner der Aufzählungen von Verwandten, die der Bericht später bringt, taucht ihr Name wieder auf. Die Stammtafel setzt ihren Tod in die Jahre zwischen dem Fest und dem Ringkrieg; sie hat den Krieg also nicht mehr erlebt und von Frodos Fortgang aus dem Auenland nichts erfahren. Eine Ehe oder Nachkommen verzeichnet die Tafel für sie nicht, während ihre beiden Brüder die Linie fortsetzten: über Drogo führt sie zu Frodo, über Dudo zu dessen Tochter Daisy, die Griffo Boffin heiratete. Damit bleibt von Dora Beutlin genau das im Buch stehen, was ihre Verwandten von ihr kannten — ein Lebensalter, ein Verwandtschaftsgrad und ein Stapel guter Ratschläge, den Bilbo mit einem Gegenstand quittierte.
Rolle und Wirkungskreis
Dora Beutlin hat im Legendarium keine handelnde, sondern eine ordnende Rolle: Sie gehört zu jenem dichten Geflecht benannter Verwandter, das die Erzählung um Beutelsend legt, damit das Auenland als Gesellschaft und nicht als Kulisse erscheint. Ihre Funktion im Text ist die einer Bezugsgröße — an ihr misst sich, was in der Sippe als schicklich galt, und von ihr hebt sich ab, was Bilbo und Frodo taten. Dass die Nachbarschaft Bilbo für sonderbar hielt und seine Umgänge mit Fremden missbilligte, ist im Bericht ausdrücklich festgehalten; Dora steht auf der Seite dieser Meinung, und zwar als deren älteste und in Fragen der Achtbarkeit gewichtigste Stimme innerhalb der eigenen Familie. Mehr an Stellung weist ihr der Text nicht zu.
Von Fähigkeiten im engeren Sinn kann bei ihr so wenig die Rede sein wie bei den Hobbits überhaupt. Der Prolog stellt klar, dass dieses Volk über keinerlei Zauberkunst verfügt und dass selbst sein rasches, geräuschloses Verschwinden vor großen Leuten kein Kunststück ist, sondern eine geübte Gewandtheit, die sich aus Lebensart und Erfahrung erklärt. Ebenso wenig bekleidet Dora ein Amt: Die drei Würden, die das Auenland kennt — der Thain, der Bürgermeister von Michelbinge und der Herr von Bockland —, waren anderweitig besetzt, und die Verwaltung des Landes ruhte ohnehin auf wenigen Regeln, die man freiwillig befolgte, weil sie alt waren. Ihr Rang ist ein familiärer, kein öffentlicher, und er beruht allein auf Lebensjahren und Verwandtschaftsgrad.
Das einzige Werkzeug, das ihr die Erzählung lässt, ist das geschriebene Wort, und dessen Grenze wird an den Empfängern sichtbar. Weder hielt der jahrzehntelange Zuspruch Bilbo davon ab, seinen Geburtstag zum Anlass eines heimlichen Aufbruchs zu machen, noch bewahrte er Frodo davor, denselben Weg zu gehen; in beiden Fällen entschied gegen den Rat der Verwandtschaft, was von außen an Beutelsend herantrat. So bleibt Doras Einfluss durchweg mittelbar: Sie kann mahnen, nicht binden, und ihre Autorität reicht genau so weit, wie ihr Gegenüber sie gelten lässt. Bezeichnend ist, dass Bilbo ihr Bemühen zum Abschied nicht bestritt, sondern es mit einem Gegenstand beantwortete, der ihm das letzte Wort sicherte — der Scherz setzt voraus, dass ihre Zuschriften ihn erreichten, und er hält zugleich fest, dass sie ihn nicht erreicht hatten.
Verwandtschaft und Bindungen
Im Gefüge der Sippe ist Dora Beutlin zuerst Frodos Tante väterlicherseits — und die einzige, die der Bericht ihm zubilligt. Diese Stellung wiegt schwerer, als sie erscheint, denn die väterliche Seite seiner Herkunft war schmal besetzt: Ein Bruder war fort, der andere lebte mit eigener Tochter außerhalb des Blickfelds der Erzählung, und was von Foscos Nachkommenschaft in Hobbingen sichtbar blieb, lief in ihr zusammen. Dass Frodo dennoch bei der Sippe seiner Mutter groß wurde, verschiebt das Verhältnis auf eine bloß behauptete Nähe: Sie hatte den Rang einer nahen Angehörigen, ohne je in der Lage gewesen zu sein, ihn auszufüllen. Die Briefe, die sie schrieb, sind der Ersatz für eine Vormundschaft, die andere übernommen hatten.
Zu Bilbo steht sie in gleicher Höhe: Beide gehen auf denselben Urgroßvater zurück und sind einander damit im zweiten Grade verwandt, Angehörige einer Generation, die einander weder etwas schuldet noch etwas zu befehlen hat. Gerade das erklärt den Ton ihres Verkehrs — sie konnte ihm zusetzen, weil sie ihm ebenbürtig war, und er konnte sie überhören, weil sie über ihm keine Gewalt besaß. In dieselbe Ebene gehören die Sackheim-Beutlins, die als nächste Anverwandte auf Beutelsend hofften, bis Bilbo Frodo an Kindes statt annahm. Dora teilte mit ihnen die Lage der übergangenen Seitenlinie, nicht aber deren Anspruch: Die Erzählung macht sie nirgends zur Gegenspielerin, sondern lässt sie eine Verwandte bleiben, die auf ihre Weise beansprucht, gehört zu werden.
Über die Familie hinaus reicht keine ihrer Bindungen. Weder Freundschaften noch Nachbarn, weder Dienstleute noch Feinde werden für sie verzeichnet; durch ihre Mutter Ruby lief eine Verbindung zu den Bolgers, doch der Bericht knüpft daran nichts an. So bleibt sie eine Gestalt, die ausschließlich in Beziehungen besteht und über keine eigene Umgebung verfügt — sichtbar allein als Schwester, als Tante, als Base und als Empfängerin einer Aufschrift. Darin liegt kein Mangel der Figur, sondern die Bauart des Auenlandes selbst, in dem die Verwandtschaft das Netz stellt, an dem jeder Name hängt.