Was für ein Buch das ist
Die Sammlung ist kein Buch, das Tolkien geschrieben hat, sondern eines, das aus ihm zusammengestellt wurde. 354 durchgezählte Schreiben stehen in zeitlicher Folge, von den Jahren des Ersten Weltkriegs bis in den Sommer 1973, wenige Wochen vor seinem Tod. Der Herausgeber hat ausgewählt und gekürzt, Auslassungen kenntlich gemacht, die Empfänger vorgestellt und dort, wo ein Schreiben ohne seine Vorgeschichte unverständlich bliebe, eine knappe Erläuterung vorangestellt. Der Schwerpunkt der Auswahl liegt erklärtermaßen auf dem, was Tolkien über seine eigenen Bücher sagte; das Berufsleben des Oxforder Philologen erscheint nur, soweit es an das Schreiben rührt. Die deutsche Ausgabe erschien 1991 unter dem Titel „J. R. R. Tolkien: Briefe“ in der Übertragung von Wolfgang Krege.
Geschrieben wurde an sehr verschiedene Leute, und der Ton wechselt mit ihnen. An den Verlag gehen Geschäftsbriefe, oft ungeduldig, gelegentlich zerknirscht über verstrichene Fristen; an die eigenen Kinder gehen Berichte, die nichts erklären müssen; an Leser, die aus eigenem Antrieb geschrieben hatten, gehen Auskünfte, die manchmal in seitenlange Darlegungen über Namen, Sprachen und Voraussetzungen der erzählten Welt ausufern. Daraus ergibt sich die Erzählhaltung des Bandes: Es sind Gelegenheitstexte, jeder an einen bestimmten Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt gerichtet, kein System und keine Abhandlung. Wer über fünf Jahrzehnte hinweg liest, findet daher Präzisierungen, Kurskorrekturen und offene Widersprüche — die Briefe sind Zeugnis eines Nachdenkens, nicht dessen Ergebnis.
Im Gefüge des Legendariums steht der Band deshalb nicht neben den Erzählwerken, sondern quer zu ihnen: als Kommentarschicht, in der der Verfasser über sein eigenes Werk verhandelt, statt es fortzusetzen. Er belegt Absicht, Wortherkunft und Deutung, er belegt nicht, was in Mittelerde geschehen ist; dafür bleiben Der Hobbit, Der Herr der Ringe und die posthum edierten Erzählungen zuständig. Eingeordnet wird die Sammlung auf der Schicht K2, denn der Wortlaut stammt von Tolkien, die Auswahl und Einrichtung des Textes dagegen von seinen Herausgebern nach 1973. Zitiert wird hier ausschließlich nach der Briefnummer, weil die Seitenzählung von Ausgabe zu Ausgabe abweicht, die Nummer aber nicht.
Entstehung, Edition und Veröffentlichung
Die Texte des Bandes sind über nahezu sechs Jahrzehnte hinweg entstanden, ohne dass ihr Verfasser sie je als Buch gedacht hätte. Das früheste aufgenommene Schreiben stammt aus dem Jahr 1914 und richtet sich an Edith Bratt, das letzte an seine Tochter Priscilla, geschrieben Ende August 1973. Dazwischen liegen Jahrgänge von sehr ungleicher Dichte: Aus den Kriegsjahren und den frühen Oxforder Jahrzehnten ist wenig erhalten, während die Zeit nach dem Erscheinen des Herrn der Ringe eine Flut von Leserpost und entsprechend umfangreiche Antworten hervorbrachte. Manches wurde mit der Hand geschrieben, vieles mit der Maschine, und einige der wichtigsten Stücke sind nur deshalb bekannt, weil Tolkien einen Durchschlag oder ein Konzept zurückbehielt — so die lange Darlegung der Mythologie für den Verleger Milton Waldman, deren Datierung von der Edition erst erschlossen werden musste.
Die Voraussetzung für die Sammlung schuf Humphrey Carpenter mit der autorisierten Biografie von 1977, für die ihm die Familie Zugang zu Papieren, Tagebüchern und Korrespondenz gewährt hatte. Aus diesem Material heraus entstand der Plan einer eigenen Briefausgabe, an der Christopher Tolkien mitarbeitete: Er kannte die Handschrift, die Personen und die Sachverhalte und konnte Anspielungen auflösen, die einem Außenstehenden entgangen wären. Ausgewählt wurde aus einem sehr viel größeren Bestand, und der Maßstab der Auswahl war das Werk, nicht das Leben. Aufgenommen sind dabei auch Schreiben, die den Empfänger nie erreichten — Entwürfe, die Tolkien beiseitelegte, weil sie ihm zu lang oder zu unwirsch geraten waren; ein bekanntes Beispiel ist die ausführliche Antwort an den Geistlichen Peter Hastings, die als Konzept in seinen Papieren blieb.
Die Erstausgabe erschien 1981 bei George Allen & Unwin in London und im selben Jahr bei Houghton Mifflin in Boston, im Titel Carpenter als Herausgeber und Christopher Tolkien als Mitarbeiter genannt. Sie enthielt die 354 fortlaufend nummerierten Stücke, denen der Herausgeber eine knappe Einleitung über Grundsätze der Auswahl, der Kürzung und der Textwiedergabe voranstellte. Ein Register fehlte zunächst; es wurde erst in späteren Auflagen ergänzt und machte den Band überhaupt erst als Nachschlagewerk brauchbar. Die deutsche Fassung folgte zehn Jahre später in der bereits genannten Übertragung Kreges; sie übernimmt die Nummerierung des Originals, sodass Verweise zwischen den Sprachen ohne Umrechnung funktionieren.
Über vier Jahrzehnte blieb der Bestand unverändert, bis HarperCollins 2023 eine erweiterte Neuausgabe vorlegte, für die Chris Smith den Text durchsah und ergänzte. Sie fügt mehr als 150 zuvor ungedruckte Schreiben hinzu und stellt zugleich Passagen wieder her, die 1981 aus Rücksicht auf lebende Personen oder aus Platzgründen weggefallen waren; dadurch wachsen einzelne bekannte Briefe teils erheblich an. Entscheidend für den wissenschaftlichen Gebrauch ist, dass die alte Zählung nicht angetastet wurde: Die Nummern 1 bis 354 bezeichnen weiterhin dieselben Texte, während die neu aufgenommenen Stücke an ihrem chronologischen Ort mit Buchstabenzusätzen eingeschoben sind. Wer nach Briefnummer zitiert, bleibt daher auch dann verständlich, wenn Verfasser und Leser verschiedene Ausgaben vor sich haben — der Grund, aus dem diese Enzyklopädie durchgängig so verfährt.
Aufbau und Inhalt
Der Band hat keine Architektur im Sinne der Erzählwerke: keine Teile, keine Bücher, keine Anhänge, keine Karten, kein Verzeichnis der erfundenen Namen. Geordnet wird allein nach der Zeit, gezählt allein nach der fortlaufenden Nummer, und beides fällt zusammen — Brief 1 ist der früheste, Brief 354 der späteste. Über jedem Stück stehen Nummer, Empfänger sowie, soweit ermittelbar, Ort und Datum; wo die Vorlage keine Datierung trug, steht die erschlossene in eckigen Klammern. Der Text des Herausgebers ist vom Brieftext typografisch geschieden, sodass auf einen Blick erkennbar bleibt, was Tolkien schrieb und was ihn einrahmt. Hinten schließen Anmerkungen an, die nicht nach Seiten, sondern nach Briefnummern gegliedert sind: Wer einem Namen oder einer Anspielung nachgeht, bleibt also durchweg in derselben Zählung.
Die ersten Jahrzehnte nehmen nur eine schmale Strecke ein und sind eher biografisch als werkbezogen. Von der Mitte der 1930er Jahre an bestimmt der Schriftwechsel mit dem Londoner Verlagshaus das Bild: zunächst Der Hobbit und dessen Aufnahme, dann die Frage nach einer Fortsetzung, dann die langen Jahre an dem, was Tolkien vorläufig den neuen Hobbit nannte. Mitten hinein fällt die dichteste zusammenhängende Folge des ganzen Bandes, die Briefe der Kriegsjahre an den in Südafrika ausgebildeten Sohn Christopher; hier läuft die Arbeit am Herrn der Ringe Woche für Woche mit, samt Kapitelständen, Stockungen und Namenszweifeln. Die Verhandlungen um 1950, Herr der Ringe und Silmarillion gemeinsam unterzubringen, laufen auf die ausführliche Darlegung der gesamten Mythologie für Milton Waldman zu, die als Brief 131 den längsten Einzeltext der Sammlung bildet.
Nach dem Erscheinen der drei Bände 1954 und 1955 verschiebt sich das Gewicht zur Leserpost, und in diesem mittleren Drittel steht der größte Teil dessen, worauf sich die Forschung beruft. Dort finden sich die Bestimmung des Buches als grundlegend religiöses Werk (Brief 142), die Auskünfte über Elben, Zwerge und den Stoff der Anhänge an Naomi Mitchison (Brief 144), die Erläuterung von Gandalfs Wiederkehr (Brief 156), der Rückblick auf die eigenen Anfänge für W. H. Auden (Brief 163), die scharfe Durchsicht eines fremden Bearbeitungsentwurfs (Brief 210) sowie die Erörterung von Frodos Versagen am Ende der Ringfahrt (Brief 246). Die späteren Nummern werden wieder knapper: Übersetzungsfragen, Namensdeutungen für hartnäckige Nachfrager (Brief 297), Klagen über den ungeordneten Zustand des Silmarillion und Familienpost. Wer den Band als Nachschlagewerk benutzt, liest ihn deshalb nicht von vorn nach hinten, sondern springt über Register und Nummer an die Stelle, an der Tolkien den fraglichen Punkt gerade jemandem erklärt hat.
Stellung im Legendarium
Der Band lässt sich nicht als Einstieg lesen. Fast jeder seiner Texte antwortet auf etwas — auf eine Leserfrage, einen Verlagsvorschlag, eine Rezension —, und was gefragt wurde, steht nicht darin; wer die Erzählwerke nicht kennt, hält Antworten ohne Fragen in der Hand. Damit ordnet sich die Sammlung den Büchern unter, über die sie spricht: Sie erklärt Voraussetzungen, Namen und Absichten, sie erzählt aber nichts. Einer ihrer Texte hat allerdings den Sprung in ein Erzählwerk geschafft, denn spätere Ausgaben des Silmarillion drucken die Darlegung für Milton Waldman in gekürzter Form als Vorspann ab — sie überblickt den Stoff der Älteren Tage in einem Zug, wie es keine der erzählenden Fassungen tut.
Ein Teil dessen, was heute wie selbstverständlich zum Bild Mittelerdes gehört, steht allein hier. Dass die Zauberer keine Menschen sind, sondern Gesandte in verkörperter Gestalt und mit begrenzten Vollmachten; dass die Elben an die Dauer der Welt gebunden sind und ihr Verlust nicht der Tod, sondern das Bleiben ist; dass die Herkunft der Orks ihm bis zuletzt ein ungelöstes Problem blieb, weil das Böse nach seiner Auffassung nichts eigenständig hervorbringen kann — all das verhandelt er brieflich, teils gegen Einwände, wie in der ausführlichen Erwiderung an Peter Hastings. Auch Tom Bombadil erklärt er dort ausdrücklich zum absichtlich ungedeuteten Rätsel. Solche Aussagen sind keine erzählten Tatsachen, sondern Stellungnahmen des Verfassers zu Fragen, die seine Bücher offenlassen.
Daraus folgt eine Rangordnung. Wo ein Brief einem gedruckten Erzähltext in der Sache widerspricht, gilt der Erzähltext; der Brief bleibt Zeugnis dafür, was der Autor in jenem Augenblick dachte. Solche Abweichungen sind nicht selten, denn Tolkien antwortete meist aus dem Gedächtnis, ohne die eigenen Bände aufzuschlagen, und musste sich gegenüber genauen Nachfragern gelegentlich selbst berichtigen, wie im Brief an Rhona Beare. Hinzu kommt, dass er an seinen Texten jahrzehntelang weiterarbeitete: Eine Auskunft von 1954 kann durch ein Manuskript von 1968 überholt sein, ohne dass der Brief davon etwas ahnt. Was er im Vorwort zur zweiten Auflage des Herrn der Ringe öffentlich sagte — die Ablehnung der Allegorie zugunsten der freien Anwendbarkeit —, kehrt in den Briefen schärfer und persönlicher wieder.
Zu den nachgelassenen Editionen steht die Sammlung nicht als Schlüssel, sondern als Parallele. Sie erschien nach dem Silmarillion und nach den Nachrichten aus Mittelerde, deren Herausgeber bereits auf Briefe zurückgriff und im Abschnitt über die Istari eine briefliche Auskunft mit abdruckte; wer beides nebeneinanderlegt, liest streckenweise dieselbe Stimme in zwei Bänden. Umgekehrt beschreibt die Darlegung von 1951 eine Mythologie im damaligen Stand, während das 1977 gedruckte Buch aus späteren Handschriften eingerichtet wurde und in Anlage wie Einzelheiten davon abweicht. Beide Bände liegen auf derselben Schicht — Wortlaut von Tolkien, Anordnung von anderen —, und keiner entscheidet über den anderen.
Aufnahme und Wirkung
Als der Band 1981 erschien, traf er auf ein Publikum, das durch die Biografie desselben Herausgebers von 1977 und durch das vier Jahre zuvor gedruckte Silmarillion bereits an nachgelassene Tolkien-Ausgaben gewöhnt war. Er wurde von Anfang an weniger als Lesebuch denn als Quellenband benutzt, und die Auswahl von 1981 blieb über vier Jahrzehnte hinweg die maßgebliche Textgrundlage, in gebundenen wie in Taschenbuchausgaben beider Verlagshäuser. Belastbare Angaben zu Auflagenhöhen oder Verkaufszahlen liegen dieser Enzyklopädie nicht vor; sie werden hier deshalb nicht behauptet. Auszeichnungen sind für die Sammlung nicht bekannt.
Die dauerhafteste Wirkung liegt in der Zitierpraxis. Weil die Nummerierung von Beginn an fest war, setzte sich in der Sekundärliteratur die Angabe nach Briefnummer als übliche Verweisform durch, und die großen Handbücher richten ihren Kommentar entsprechend ein: Wayne G. Hammond und Christina Scull erschließen in ihrem Begleitband zum Herrn der Ringe von 2005 und in ihrem zweibändigen Nachschlagewerk von 2006 zahlreiche Stellen über Briefe, ebenso die seit 2004 erscheinende Zeitschrift Tolkien Studies. Aussagen wie die zur religiösen Anlage des Buches (Brief 142) oder die zu Frodos Versagen (Brief 246) sind dadurch zu festen Bezugspunkten der Diskussion geworden, auf die verwiesen wird, ohne dass eine Seitenzahl nötig wäre.
Einzelne Stücke haben eigene Nachgeschichten. Die scharfe Durchsicht eines fremden Verfilmungsentwurfs (Brief 210) wird regelmäßig herangezogen, wenn über die Übertragbarkeit des Stoffes in andere Medien gesprochen wird, und die Darlegung für Milton Waldman (Brief 131) hat als Vorspann späterer Silmarillion-Ausgaben eine Verbreitung erreicht, die weit über den Briefband hinausgeht. Im deutschen Sprachraum beruht die Rezeption bis heute auf der Übertragung Wolfgang Kreges von 1991, die den Bestand von 1981 wiedergibt und dessen Zählung beibehält; die 2023 hinzugekommenen Schreiben sind darin folglich nicht enthalten, sodass deutsche und englische Belegstellen nur innerhalb der Nummern 1 bis 354 deckungsgleich sind.