Herkunft und Namen

Bilbo Beutlin wurde am 22. September des Jahres 2890 des Dritten Zeitalters geboren und gehörte dem Volk der Hobbits an, jenen kleinwüchsigen, mit den Menschen verwandten Bewohnern des Auenlandes im Nordwesten Mittelerdes. Sein Vater Bungo Beutlin entstammte einer der angesehensten Familien von Hobbingen und ließ für seine Frau die Höhle Beutelsend erbauen, in der Bilbo aufwuchs; seine Mutter Belladonna Tuk war eine der drei Töchter des Alten Tuk, des Oberhaupts der als unternehmungslustig geltenden Tuk-Sippe. Aus dieser doppelten Abstammung leitet bereits das erste Kapitel des Hobbit den Zwiespalt seines Wesens her: die behäbige, auf Ehrbarkeit bedachte Beutlin-Seite und ein tukisches Erbe, das sich lange verborgen hielt, ehe es zum Vorschein kam.

Der Name Bilbo Beutlin ist nach Tolkiens Übersetzerfiktion selbst schon eine Übertragung: Die Hobbits sprachen Westron, und ihre überlieferten Namen wurden in die Sprache des Erzählers übergeführt. Dabei glich Tolkien nach eigener Auskunft die Endungen an, denn in der Hobbitsprache war -a eine männliche Endung, sodass die ursprüngliche Form des Vornamens auf -a auslautete; der Vorname selbst zählte zu jenen Alltagsnamen, die keine erkennbare Bedeutung mehr trugen. Der Familienname dagegen ist sprechend gewählt und spielt auf den Wohnsitz der Familie an — ein Wortspiel um den Begriff des Beutels, das Margaret Carroux mit Beutlin und Beutelsend im Deutschen nachbildet.

Zu seinem bürgerlichen Namen traten im Lauf seines Lebens zahlreiche Beinamen. Von Gandalf und den Zwergen wurde er für Thorins Unternehmung förmlich als Meisterdieb verpflichtet — eine Berufsbezeichnung, die er zunächst mit Befremden trug. Vor Smaug wiederum verbarg er seinen wahren Namen klugerweise hinter selbstgewählten Rätseltiteln, die in verhüllter Form auf die Stationen seiner Reise anspielten, etwa auf den Ritt im Fass und den Fund des Ringes. Im Auenland schließlich machte ihn sein Ruf als Sonderling zur Legendengestalt: Noch Jahrzehnte später erzählte man sich dort Geschichten vom „verrückten Beutlin“, der angeblich mit Schätzen beladen verschwand und wiederkehrte.

Geschichte

Bis in sein einundfünfzigstes Lebensjahr führte Bilbo das unauffällige Dasein eines wohlhabenden Junggesellen in Beutelsend. Das endete im April des Jahres 2941 D.Z., als Gandalf ihn aufsuchte und tags darauf dreizehn Zwerge unter Führung Thorin Eichenschilds in seiner Höhle erschienen. Ihr Ziel war der Erebor, der Einsame Berg im Osten, dessen Zwergenreich der Drache Smaug im Jahr 2770 D.Z. verwüstet und dessen Schatz er seither bewacht hatte; Bilbo sollte der Unternehmung als vierzehnter Gefährte dienen. Fast wider eigenes Erwarten brach er am nächsten Morgen auf. Die erste Etappe der Reise brachte ihn in Lebensgefahr durch drei Trolle und danach nach Bruchtal, wo Elrond die Mondrunen auf Thrors Karte entzifferte und damit den Weg zum geheimen Eingang des Berges wies.

Beim Übergang über das Nebelgebirge geriet die Gesellschaft in die Hände von Orks. In der Dunkelheit der Stollen von den anderen getrennt, tastete Bilbo sich allein voran und fand dabei einen goldenen Ring — ohne zu ahnen, dass dieser Zufallsfund das Schicksal des ganzen Zeitalters berühren würde. Am unterirdischen See traf er auf das Geschöpf Gollum, bestand gegen es einen Wettstreit in Rätseln und entdeckte auf der Flucht, dass der Ring seinen Träger unsichtbar macht; so entkam er unbemerkt ins Freie. Von da an wuchs sein Ansehen unter den Zwergen stetig: Nach der Rettung vor Orks und Wölfen durch die Adler und der Rast bei Beorn befreite er im Düsterwald seine Gefährten aus den Netzen der Riesenspinnen — bei dieser Gelegenheit gab er seiner elbischen Klinge den Namen Stich — und schmuggelte sie schließlich in Fässern aus den Kerkern des Elbenkönigs.

Über die Seestadt Esgaroth erreichte die Gesellschaft den Einsamen Berg, dessen verborgene Tür sich am Durinstag öffnete. Bilbo stieg zweimal in den Hort hinab, entwendete beim ersten Mal einen Pokal und bestand beim zweiten ein gefährliches Gespräch mit dem wachen Drachen. Smaug flog daraufhin aus, zerstörte Esgaroth und wurde dabei von Bard dem Bogenschützen getötet. Als Thorin sich anschließend weigerte, Menschen und Elben einen Anteil am Schatz zuzugestehen, übergab Bilbo den Belagerern heimlich den Arkenstein, das Kronjuwel der Könige unter dem Berge, um eine Verhandlung zu erzwingen — die eigenmächtigste und folgenreichste Entscheidung seiner Reise, die ihm Thorins Zorn eintrug. In der Schlacht der Fünf Heere, in der Orks und Wölfe gegen das verbündete Heer aus Elben, Menschen und Zwergen unterlagen, wurde er bewusstlos geschlagen; am Sterbelager Thorins kam es noch zur Versöhnung. Im Juni 2942 D.Z. kehrte er heim — gerade rechtzeitig, um die Versteigerung seines für erblos gehaltenen Besitzes zu unterbrechen.

Die folgenden sechzig Jahre verbrachte Bilbo wieder in Beutelsend, wohlhabend durch seinen bescheidenen Anteil am Schatz, freigebig gegenüber Jüngeren und im Ruf wachsender Wunderlichkeit. Den Ring behielt er als Geheimnis für sich und nutzte ihn vor allem, um unliebsamen Besuchern auszuweichen; über die Umstände des Fundes verbreitete er zunächst eine geschönte Fassung, nach der Gollum ihm den Ring als Preis versprochen habe — erst später kam die wahre Geschichte ans Licht, was Gandalfs Misstrauen früh geweckt hatte. Auffällig blieb, dass das Alter ihm kaum etwas anhaben konnte. Im Jahr 2989 D.Z. nahm er seinen früh verwaisten jungen Vetter Frodo als Erben an und holte ihn nach Beutelsend. Am 22. September 3001 D.Z. richtete er zu seinem einundelfzigsten Geburtstag ein großes Fest aus, verschwand vor den Augen seiner Gäste mit Hilfe des Rings und verließ das Auenland für immer; auf Gandalfs Drängen ließ er den Ring für Frodo zurück — als erster seiner Träger, der ihn freiwillig aufgab.

Ab 3002 D.Z. lebte Bilbo als Ehrengast Elronds in Bruchtal, wo er Verse dichtete, an seinen Lebenserinnerungen schrieb und an Übersetzungen aus dem Elbischen arbeitete. Im Oktober 3018 D.Z. sah er dort Frodo wieder, der den Ring nach Bruchtal gebracht hatte; ein kurzer Augenblick, in dem er darum bat, das alte Kleinod noch einmal zu sehen, zeigte beiden, dass dessen Macht über ihn nicht ganz erloschen war. Bei Elronds Rat erbot sich der inzwischen hochbetagte Hobbit sogar, die Bürde selbst nach Mordor zu tragen — ein Angebot, das mit Respekt aufgenommen, aber nicht angenommen wurde. Vor dem Aufbruch der Gefährten schenkte er Frodo sein Schwert Stich und das kostbare Mithril-Hemd, das er einst von Thorin erhalten hatte und das Frodo später das Leben retten sollte.

Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.

Schicksal

Nach der Vernichtung des Rings holte das zurückgehaltene Alter Bilbo rasch ein: Als Frodo und seine Gefährten im Herbst 3019 D.Z. auf dem Heimweg in Bruchtal Rast machten, fanden sie ihn stark gealtert und viel schlafend vor. Zwei Jahre später brach er dennoch ein letztes Mal auf. Am 22. September 3021 D.Z. vollendete er sein hunderteinunddreißigstes Lebensjahr und übertraf damit den Alten Tuk als langlebigster Hobbit der Überlieferung; wenige Tage darauf, am 29. September, bestieg er an den Grauen Anfurten gemeinsam mit Frodo, Gandalf, Elrond und Galadriel das weiße Schiff und fuhr über das Meer in den Westen. Seine Aufzeichnungen, der Grundstock des späteren Roten Buchs der Westmark, blieben in Frodos Händen zurück.

Rolle und Fähigkeiten

Im Gefüge des Legendariums verbindet Bilbos Gestalt die kleine Welt des Auenlandes mit der großen Geschichte der Ringe: Was im Hobbit als Zufallsfund eines Wanderers erzählt wird, deutet Der Herr der Ringe nachträglich als Fügung. Gandalf erklärt Frodo, hinter dem Fund habe noch etwas anderes gewirkt als der Wille des Ringschöpfers — Bilbo sei dazu bestimmt gewesen, den Ring zu finden. Ebenso gewichtig ist die moralische Rolle, die das Werk ihm zuweist: Weil er bei der Begegnung unter dem Nebelgebirge Mitleid mit Gollum empfand und die Hand vom Schwert ließ, begann sein Besitz des Rings ohne Blutschuld. Gandalf führt darauf zurück, dass der Ring ihm so wenig anhaben konnte; und das verschonte Leben Gollums erweist sich am Ende des Ringkriegs als entscheidend.

Eigene Zauberkraft besitzt Bilbo nicht; seine Fähigkeiten sind die seines Volkes, gesteigert durch Übung und ein sprichwörtliches Glück. Hobbits bewegen sich von Natur aus nahezu lautlos, und im Verbund mit dem unsichtbar machenden Ring wurde Bilbo zu einem Kundschafter, den kaum ein Auge entdeckte — doch auch dieses Hilfsmittel hatte Grenzen: Es dämpfte keine Geräusche, löschte in hellem Licht den Schatten des Trägers nicht völlig und half nichts gegen Smaugs feinen Geruchssinn. Als Kämpfer trat Bilbo nur ein einziges Mal ernstlich hervor, im Alleingang gegen die Spinnen des Düsterwaldes; seine eigentliche Waffe blieb der Verstand, wie ihn der Wettstreit mit Gollum und die doppelbödige Rede vor dem Drachen zeigen. Den einsamen Gang durch den Stollen hinab zum wachen Smaug nennt der Erzähler ausdrücklich die tapferste Tat seines Lebens — vollbracht, ehe er den Drachen überhaupt erblickte.

Gegenüber der Macht des Rings blieb Bilbo gleichwohl verwundbar. Sechzig Jahre des Besitzes hielten sein Altern auf, hinterließen aber Spuren: Vor dem Abschied klagte er Gandalf, er fühle sich innerlich dünn geworden und gleichsam auseinandergezogen, und die Trennung von dem Kleinod gelang ihm nur unter dem beharrlichen Zureden des Zauberers — dass die Begierde auch danach nicht restlos erlosch, trat Jahre später in Bruchtal noch einmal zutage. Seine dauerhafte Bedeutung liegt schließlich in der Rolle des Chronisten: Nach der Erzählfiktion gehen der Bericht über die Fahrt zum Erebor ebenso wie — durch seine in Bruchtal entstandenen Übertragungen — Teile der elbischen Überlieferung auf seine Feder zurück.

Beziehungen

Innerhalb der weitverzweigten Verwandtschaft der Beutlins stand Bilbo niemand näher als Frodo — und niemand ferner als die Sackheim-Beutlins. Otho Sackheim-Beutlin und seine Frau Lobelia betrachteten sich als rechtmäßige Anwärter auf Beutelsend, und das Verhältnis blieb seit der geplatzten Versteigerung dauerhaft vergiftet; Lobelia stand überdies im Verdacht, silberne Löffel aus der Höhle entwendet zu haben. Die Annahme Frodos an Kindes statt zerschlug ihre Erbhoffnungen endgültig. Mit Frodo verband Bilbo mehr als die Erbfolge: Beide waren am 22. September geboren, über Vater- wie Mutterlinie miteinander verwandt und einander in Neigung und Wesensart so ähnlich, dass die Nachbarschaft von zwei Sonderlingen unter einem Dach sprach.

Die Freundschaft mit Gandalf reichte weiter zurück als die gemeinsame Fahrt: Dem jungen Bilbo war der Zauberer vor allem durch die Feuerwerke auf den Festen des Alten Tuk im Gedächtnis geblieben. Aus dem Werber, der ihm einst ein Abenteuer aufnötigte, wurde über die Jahrzehnte der einzige Vertraute, dessen Urteil er auch gegen den eigenen Willen gelten ließ — nur dieses Vertrauen machte den Abschied vom Ring möglich. Unter den Zwergen stand ihm Balin am nächsten, der ihn Jahre nach der Fahrt als Erster wieder in Beutelsend besuchte; Elrond schließlich gewährte dem alternden Hobbit eine Gastfreundschaft, wie sie Sterblichen in Bruchtal selten zuteilwurde.

Seine Gegenspieler zeichnen die Figur schärfer als mancher Freund. Smaug blieb eine Episode, in der sich List an List maß; Gollum dagegen wurde zum lebenslangen Schatten. Beide hatten denselben Ring über lange Jahre getragen, und was aus dem einen geworden war, ließ ahnen, was dem anderen erspart blieb. Die Feindschaft überdauerte Bilbos eigene Geschichte: Unter der Folter in Mordor gab Gollum die Namen Beutlin und Auenland preis und lenkte damit die Jäger des Feindes auf die Spur seines Erben — der alte Rätselgegner reichte so bis in Frodos Schicksal hinein.

Entwürfe und Varianten

Als Tolkien Ende 1937 mit einer Fortsetzung des Hobbit begann, war Bilbo zunächst selbst als deren Held vorgesehen: Im frühesten Entwurf des Eingangskapitels richtet er das Fest aus und verschwindet abermals aus dem Auenland, weil sein mitgebrachter Schatz zur Neige gegangen ist und eine — bereits mit dem Ring verknüpfte — Unruhe ihn hinaustreibt. Bald übertrug Tolkien die Hauptrolle jedoch auf einen jüngeren Verwandten namens Bingo, den er anfangs als Bilbos Sohn erwog; da ihm eine nachträgliche Verheiratung des eingeführten Junggesellen nicht annehmbar erschien, machte er Bingo Bolger-Beutlin stattdessen zu einem jüngeren Vetter und Adoptiverben. Erst in einer späteren Arbeitsphase erhielt diese Figur den Namen Frodo, womit Bilbo endgültig in die aus dem veröffentlichten Roman vertraute Rolle des Vorgängers zurücktrat.

Auch Bilbos Fund wandelte in den Entwürfen seine Bedeutung. Anfangs war der Ring keineswegs als das eine Herrscherkleinod gedacht, sondern als einer von vielen Ringen, und Gandalfs früheste erzählte Vorgeschichte folgte noch der ersten Ausgabe des Hobbit, nach der Gollum den Ring ehrlich als Preis für den Rätselwettstreit ausgesetzt und dem Gewinner den Weg ins Freie gewiesen hatte. Erst mit der wachsenden Verdüsterung der Ring-Konzeption in den Entwurfsschichten des Kapitels über die Vorgeschichte wurde diese harmlose Fassung unhaltbar — die Vorstufe jener Umdeutung, die schließlich zur Neufassung des fünften Hobbit-Kapitels führte. Ein Entwurfsbefund anderer Art betrifft Bilbos Dichtung: Das Lied über Earendil, das er in der endgültigen Erzählung in Bruchtal vorträgt, entwickelte Tolkien in mehreren Fassungen aus dem älteren, rein scherzhaften Gedicht „Errantry“, dessen Versform er dabei dem ernsten Stoff anverwandelte.

Die Figur in Adaptionen

In den frühen Ton- und Filmfassungen wurde Bilbo von wechselnden Sprechern verkörpert: In der BBC-Hörspielfassung des Hobbit von 1968 sprach ihn Paul Daneman, in der umfangreichen BBC-Produktion des Herrn der Ringe von 1981 John Le Mesurier. Der Zeichentrickfilm von Rankin/Bass aus dem Jahr 1977 besetzte die Rolle mit Orson Bean, der sie 1980 in der Fortsetzung The Return of the King erneut übernahm; Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 ließ Bilbo, gesprochen von Norman Bird, nur in den Eingangsszenen und in Bruchtal auftreten. Die Fassung von 1977 straffte die Handlung erheblich und ließ unter anderem die Episode bei Beorn vollständig entfallen.

In Peter Jacksons Realverfilmung des Herrn der Ringe (2001–2003) spielte Ian Holm den gealterten Bilbo — derselbe Schauspieler, der 1981 im BBC-Hörspiel noch Frodo gesprochen hatte. In der anschließenden Hobbit-Trilogie (2012–2014) übernahm Martin Freeman den jungen Bilbo, während Ian Holm in der Rahmenhandlung zurückkehrte. Diese Trilogie dehnte den einen Roman auf drei Filme und ergänzte Stoff aus den Anhängen des Herrn der Ringe; für die Figur selbst ergaben sich dabei einzelne Abweichungen vom Buch: Im Gespräch im Drachenhort gibt der Film Bilbos Unsichtbarkeit auf, sodass Smaug ihm sichtbar gegenübersteht, und in der Schlacht der Fünf Heere bleibt er bei Bewusstsein, kämpft mit und wird zum unmittelbaren Zeugen von Thorins Tod.