Herkunft und Namen

Angrim gehört zu jenen Gestalten der Älteren Tage, die in der überlieferten Erzählung ausschließlich als Herkunftsangabe erscheinen. Er wird ein einziges Mal genannt, und auch dort nicht um seiner selbst willen, sondern damit sein Sohn Gorlim eingeordnet werden kann: Dieser tritt als Gorlim, Sohn Angrims, in den Bericht ein. Über den Vater selbst schweigt der Text vollständig. Weder ein Wohnsitz noch ein Amt, weder eine Tat noch eine Lebenszeit sind verzeichnet; es fehlt selbst der sonst häufige Hinweis auf einen Vorfahren, der ihn seinerseits in eine Ahnenreihe stellte. Was von ihm bleibt, ist mithin allein die Vaterschaft und der Beiname, der ihm daraus erwachsen ist.

Sein Volk lässt sich nur mittelbar bestimmen. Gorlim zählte zu den Gefährten Barahirs, die nach der verheerenden Schlacht des Plötzlichen Feuers im Hochland von Dorthonion ausharrten und sich schließlich zum See Tarn Aeluin zurückzogen; diese kleine Schar bestand aus Männern von Barahirs eigenem Volk, den Edain aus dem Hause Beors, die das Land nicht verlassen wollten. Daraus ergibt sich für Angrim mit einiger Wahrscheinlichkeit dieselbe Zugehörigkeit, ohne dass die Quelle es ausspricht: ein Mann der Beoringer, der Generation vor jenen angehörig, die in Dorthonion den Untergang ihres Hauses erlebten. Mehr trägt die Überlieferung nicht; jede genauere Verortung seiner Sippe innerhalb der Nachkommenschaft Beors bliebe Vermutung.

Der Name selbst ist von Tolkien nirgends gedeutet worden. Er trägt, wie die Namen der Edain in dieser Überlieferungsschicht überhaupt, sindarinische Gestalt, und sein erstes Glied entspricht dem im Anhang zum Werk verzeichneten Element ang „Eisen“, das in Bildungen wie Angband, Angrist oder Angrod wiederkehrt. Das zweite Glied lässt sich dagegen nicht sicher bestimmen: Eine Verbindung zu rim, das in Volksnamen die Menge oder Schar bezeichnet, ergäbe in einem Personennamen keinen überzeugenden Sinn, und andere Anknüpfungen bleiben ebenso unbelegt. Angemessen ist daher die Zurückhaltung, die Bedeutung des Namens offenzulassen. Ein Beiname ist Angrim nicht überliefert; die im Register geführte Kennzeichnung als Vater Gorlims des Unglücklichen ist eine Hilfsbezeichnung späterer Ordnung, kein Titel der Erzählung.

Geschichte

Eine eigene Geschichte im Sinne datierbarer Taten lässt sich für Angrim nicht schreiben; was sich chronologisch fassen lässt, ist allein der Rahmen, in den ihn die einzige Erwähnung stellt. Sein Sohn war zur Zeit des Untergangs von Dorthonion ein erwachsener Mann, vermählt und im Grenzkampf erprobt, und daraus folgt, dass Angrim selbst der Generation angehörte, die in der langen Zeit der Belagerung von Angband in jenem Hochland lebte – in jenen Jahrzehnten also, in denen die Häuser der Edain unter der Herrschaft der Noldor Land und Frieden im Norden Beleriands genossen. Ob er das Ende dieses Friedens noch erlebte oder vorher starb, ist nirgends gesagt. Die Erzählung nennt ihn erst rückblickend, zu einem Zeitpunkt, an dem er selbst bereits aus dem Blick geraten ist, und alles, was sich anschließend berichten lässt, ist die Geschichte seines Sohnes.

Der Einschnitt kam mit dem Winter, in dem Morgoth die Belagerung brach und Feuerströme aus Thangorodrim über die Ebene von Ard-galen wälzte. Dorthonion wurde überrannt, und das Haus Beors verlor in kurzer Zeit fast alles: Bregolas fiel mit einem großen Teil seiner Männer, das Land geriet unter die Hand des Feindes, und Emeldir, Barahirs Frau, führte die Frauen und Kinder über die Berge nach Süden in Sicherheit. Barahir selbst weigerte sich zu weichen und behielt eine Schar von zwölf Getreuen bei sich, unter ihnen seinen Sohn Beren, die Söhne des Bregolas und eben Gorlim. Im selben Kriegsjahr rettete Barahir den König Finrod Felagund im Sumpf von Serech aus der Umklammerung der Feinde; dafür schwor ihm Finrod Freundschaft und gab ihm den Ring, der später an Berens Geschlecht überging.

Was folgte, waren Jahre der Ächtung. Die Schar hielt sich verborgen und lebte vom Überfall, bis Morgoth die Verfolgung Sauron übertrug, der von der eroberten Insel im Sirion aus das Land beherrschte. In dieser Zeit lag Gorlims Unglück bereits hinter ihm: Er war mit Eilinel vermählt gewesen, und als er von einem Kriegszug an der Grenze heimkehrte, fand er sein Gehöft ausgeraubt und leer, ohne Nachricht darüber, ob die Frau erschlagen oder verschleppt worden war. Er schloss sich Barahir an und war fortan der Verwegenste und zugleich der Verzweifeltste der Gefährten; die Hoffnung, Eilinel könne noch leben, ließ ihn nicht los und trieb ihn immer wieder in die verlassenen Landstriche zurück.

Eben darin lag die Öffnung, die der Feind suchte. Als Gorlim eines Abends erneut an seinem alten Haus vorüberkam, sah er darin Licht brennen und trat ein, und dort erschien ihm seine Frau, abgehärmt und klagend; es war ein Trugbild, gestellt, um ihn zu fangen. Die Häscher Saurons ergriffen ihn und brachten ihn vor deren Herrn, der ihn peinigte und ihm zuletzt anbot, Eilinel zurückzugeben und ihn selbst freizulassen, wenn er verriete, wo Barahir sich verberge. Gorlim gab nach und nannte den Ort. Sauron hielt das Versprechen auf seine Weise: Er eröffnete ihm, dass Eilinel längst tot war und dass er nur einem Blendwerk nachgelaufen sei, und ließ ihn töten – so ging Angrims Sohn zugrunde, mit dem Wissen, seine Gefährten um nichts verkauft zu haben.

Der Verrat wirkte sofort. Die Orks fanden das Lager am Tarn Aeluin und erschlugen Barahir und seine Männer bis auf einen: Beren war zu dieser Zeit auf einem Auftrag seines Vaters fern des Sees. In der Nacht vor dem Überfall aber kam ihm im Schlaf der Schatten des Toten und offenbarte ihm, was geschehen war und was bevorstand. Beren brach auf und eilte zurück, kam jedoch zu spät; er erreichte den Ort, als die Feinde bereits abzogen, und fand nur noch die Erschlagenen.

Beren bestattete die Gebeine seines Vaters, verfolgte die Schar bis zu ihrem Lager an der Quelle des Rivil oberhalb des Sumpfes von Serech und hörte dort den Anführer sich seiner Beute rühmen; er erschlug ihn, nahm den Ring Felagunds an sich und entkam. Danach blieb er noch vier Jahre allein in Dorthonion, ehe die Bedrängnis ihn über die Schattenberge nach Süden trieb. Mit Gorlims Tod endet, soweit die Überlieferung reicht, auch Angrims Geschlecht: Kinder des Sohnes werden nicht genannt, und kein weiterer Träger des Namens tritt in den Annalen auf. Was von Angrim in die Erzählung eingegangen ist, verdankt sich damit vollständig einem einzigen Verhängnis, an dem er selbst keinen nachweisbaren Anteil hatte.

Rolle und Vermögen

Die Rolle Angrims im Legendarium ist eine rein namenkundliche: Er wirkt nicht als Handelnder, sondern als Bestimmungsstück im Namen eines anderen. Die Vatersnennung ist in der Erzählung von den Edain das übliche Mittel, einen Mann einzuführen, der kein Amt trägt und keinen Rang beanspruchen kann; wo Herrschaft, Sippenführung oder eine Tat fehlen, bleibt die Herkunft die einzige Auskunft, die der Bericht gibt. Bei den Gefährten Barahirs erhält jeder Genannte auf diese Weise ein Mindestmaß an Umriss, ehe von seinem Geschick die Rede ist. Angrim erfüllt genau diese Aufgabe und keine weitere: Er verleiht seinem Sohn eine Zugehörigkeit, ohne selbst in das Blickfeld der Erzählung zu treten.

Ein Vermögen im engeren Sinn ist ihm nirgends zugeschrieben, und es gibt auch keinen Rahmen, in den sich eines einfügen ließe. Die Edain der Älteren Tage sind sterbliche Menschen ohne übernatürliche Gaben; was ihnen in der Überlieferung Gewicht gibt, sind Standhaftigkeit, Treue und Kriegstüchtigkeit, nicht Macht über Dinge oder Geister. Selbst die hervorgehobenen Männer des Hauses Beor werden an ihren Entscheidungen und ihrem Ausharren gemessen, nicht an Fähigkeiten, die andere nicht hätten. Für Angrim heißt das, dass jede Zuschreibung von Kraft, Kunstfertigkeit oder Ansehen über das gewöhnliche Maß hinaus ohne Grundlage bliebe. Auch ein Führungsanspruch lässt sich ausschließen: Die Reihe der Häuptlinge des Hauses Beor ist im Werk vollständig verzeichnet, und sein Name kommt darin nicht vor.

Damit bleibt seine Wirkung im Gefüge des Werkes mittelbar. Was durch ihn in die Erzählung gelangt, gelangt ausschließlich über den Sohn, und was der Sohn tut, geschieht ohne erkennbaren Anteil des Vaters – kein Rat, kein Erbstück, keine Verpflichtung wird von ihm hergeleitet. Angrim gehört zu jener großen Gruppe von Gestalten, die der Quenta Silmarillion beiläufig festhält, weil die Ordnung der Abstammung es verlangt, und die er ebenso beiläufig wieder fallen lässt. Für eine Darstellung seiner Person bedeutet das eine feste Grenze: Alles, was über die Nennung hinausginge, wäre Ergänzung aus fremdem Stoff. Die Zurückhaltung ist hier kein Mangel an Auskunft, sondern die Auskunft selbst.

Verwandtschaft und Verbindungen

Von den Bindungen, die einen Menschen im Bericht kenntlich machen, ist bei Angrim einzig die zum Sohn verzeichnet, und sie wirkt nur in eine Richtung: Nicht der Vater trägt den Sohn in die Erzählung, sondern der Sohn den Vater. Eine Gattin wird nicht genannt, Geschwister ebenso wenig, und nach oben hin bricht die Reihe ohne Anschluss ab. Bemerkenswert ist das gerade im Vergleich mit den übrigen Männern, die bei Barahir ausharrten: Von den zwölf erhalten in der Aufzählung allein Beren und die beiden Neffen des Anführers eine Vatersangabe, während Radhruin und Dairuin, Dagnir und Ragnor, Gildor, Arthad, Urthel und Hathaldir ohne sie bleiben. Dass Gorlims Herkunft überhaupt vermerkt wird, ist innerhalb dieser Schar die Ausnahme, nicht die Regel.

Die zweite Verbindung, die sich von ihm aus ziehen lässt, ist mittelbar: Eilinel, die Frau seines Sohnes, bleibt die einzige Person, die durch Heirat an sein Haus gebunden erscheint. Sie tritt jedoch erst dort hervor, wo der Vater längst außer Sicht ist, und nichts deutet darauf, dass er diese Ehe noch erlebte oder gar gestiftet hätte. Von einer Verbindung zwischen Sippen, von Gut oder Anspruch, die daran gehangen hätten, schweigt die Quelle vollständig. Gorlim führte, als das Unglück ihn traf, einen eigenen Hausstand; ob dieser aus väterlichem Besitz herrührte, wird nicht gesagt.

Bündnis und Gegnerschaft gehören sodann ganz dem Sohn. Eines aber wirft dessen Stellung auf den Vater zurück: Die neun Männer, die Barahir neben Sohn und Neffen blieben, werden als Getreue seines Hauses bezeichnet, und Gorlim war einer von ihnen. Damit stand auch Angrims Sippe im Umkreis der Herren von Dorthonion, in jenem Verhältnis von Gefolgschaft und Schutz, das die Häuser der Edain untereinander kannten und das offenbar über eine Generation hinweg Bestand hatte. Einen eigenen Widersacher hat Angrim dagegen nicht; der Feind aus dem Norden und sein Diener treten dem Geschlecht erst nach seiner Zeit entgegen. So zeigt sich an ihm, was für viele Gestalten dieser Überlieferung gilt: Sie sind nicht durch das kenntlich, was sie tun, sondern durch die Bindungen, in denen andere sie mitführen.

Entwürfe und Fassungen

In der ältesten Schicht der Überlieferung gibt es für Angrim keinen Platz, weil es die Erzählung nicht gibt, die ihn hervorbringt. In der Geschichte von Tinúviel aus den Verschollenen Geschichten ist Beren kein Mensch, sondern ein Noldo, Sohn des Jägers Egnor, und weder ein Vater Barahir noch eine Schar geächteter Gefährten noch ein Verrat im Hochland kommen darin vor. Die Handlung setzt vielmehr unmittelbar mit der Begegnung im Wald ein; alles, was in der späteren Fassung dem Fund Lúthiens vorausgeht, ist erst nachträglich vor die Erzählung getreten. Da die Vatersnennung Angrims allein durch Gorlim in den Bericht gelangt, teilt sie zwangsläufig dessen Alter: Sie kann nicht älter sein als die Ächtung Barahirs, und diese entsteht erst, als Beren zum sterblichen Menschen und Sohn eines Hauses der Edain wird.

Ausgeformt wird der Zusammenhang zuerst in der Verserzählung, die Tolkien in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre begann und 1931 unvollendet liegen ließ. Dort steht das Geschick Gorlims bereits in allen wesentlichen Zügen, wie es die spätere Prosa aufnimmt – die Rückkehr in das verwüstete Gehöft, das Trugbild der Gattin, der erpresste Verrat und der Schatten, der Beren die Wahrheit bringt –, und von hier aus ist es in die Quenta übergegangen. Die Unterschiede betreffen weniger den Hergang als die Namen der beteiligten Größen: Das Hochland erscheint unter der Bezeichnung Taur-na-Fuin, und der Peiniger, der Gorlim das Angebot macht, ist Thû, der Nekromant, jener Diener Morgoths, der erst in späteren Jahren mit Sauron gleichgesetzt und unter dessen Namen geführt wurde. Die Schicht, der Angrim angehört, ist somit weder besonders alt noch nachträglich umgearbeitet worden; sie entsteht mit der Verserzählung und bleibt in ihrem Bestand.