Name und Bedeutung
„Thangorodrim“ ist ein sindarinischer Name und lässt sich sauber in seine Glieder zerlegen. Am Anfang steht „thang“, das Bedrückung oder Zwangsherrschaft bezeichnet; es folgt „orod“, das gewöhnliche Wort für Berg, das auch in Orodruin wiederkehrt. Die Endung „-rim“ ist eine Sammelmehrzahl: Sie zählt nicht einzelne Berge, sondern fasst sie zu einer zusammengehörigen Gruppe zusammen. Daraus ergibt sich die geläufige Wiedergabe „Berge der Tyrannei“, die dem Namen gerecht wird, ohne ihn zu glätten. Die deutschen Ausgaben übernehmen die sindarinische Form unverändert und übersetzen nur die Erläuterung.1
Auffällig ist, dass der Name nichts über Gestalt, Farbe oder Höhe der Gipfel aussagt, sondern allein über ihre Wirkung. Er beschreibt die Berge von unten her, aus der Sicht derer, auf denen ihre Last lag, und ist damit eher ein Urteil als eine Ortsangabe. Das Element „thang“ steht in derselben Bedeutung auch in Durthang, einer Festung in Mordor, sodass sich über die Zeitalter hinweg ein kleines Wortfeld der Unterdrückung abzeichnet. Neben dem benachbarten Angband, dessen Name das Eisen und den Kerker verbindet, bildet Thangorodrim ein Begriffspaar: unten das Verlies, darüber der aufgetürmte Ausdruck der Herrschaft. Ein Name, den Morgoth selbst diesen Bergen gegeben hätte, ist in den Texten nicht überliefert.2
Der Name reicht über die Ältesten Tage hinaus bis in das Dritte Zeitalter. Im „Herrn der Ringe“ führt ihn Elrond im Rat zu Bruchtal an, als er die Heere des Letzten Bündnisses mit jenen vergleicht, die sich einst gegen die Berge der Tyrannei sammelten. Dort dient Thangorodrim bereits als Maßstab der Erinnerung: Der Name steht für eine Vergangenheit, deren Größe selbst das Bündnis von Elben und Menschen nicht mehr erreichte. So bleibt das Wort bei Tolkien nicht auf den Ort beschränkt, sondern wird zum festen Bezugspunkt, an dem spätere Zeiten sich messen.3
Lage und Gestalt
Thangorodrim ist kein gewachsenes Gebirge, sondern ein Bauwerk in Berggestalt. Als Morgoth nach dem Raub der Silmaril in den Norden Mittelerdes zurückkehrte, grub er die Gewölbe und Kerker von Angband neu aus und schichtete über deren Toren die Gipfel auf. Die Überlieferung spricht von drei Spitzen, die zusammen einen einzigen Stock bilden, und von einem dunklen Rauch, der sie ständig umhüllte. Der Berg ist damit zugleich Dach, Wahrzeichen und Wachturm der unterirdischen Festung. Wer von Thangorodrim spricht, meint also immer auch Angband darunter, auch wenn die beiden Namen verschiedene Dinge bezeichnen.1
Seine Lage bestimmt sich aus dem Verhältnis zu den umliegenden Landschaften. Die Gipfel erheben sich im äußersten Norden, im Bereich der Eisenberge, die die Nordgrenze der von den Noldor bewohnten Länder bildeten. Südlich davor breitete sich die weite Grasebene Ard-galen aus, jenseits derer die Hochländer von Dorthonion lagen; im Westen schlossen Hithlum und die Schattenberge an. Weil der Berg die flachen Lande überragte, war er aus großer Ferne zu sehen, und die Fürsten der Noldor richteten ihre Lager und Festen während der langen Belagerung gleichsam nach ihm aus. So wurde er zum festen Bezugspunkt der gesamten nördlichen Grenzkarte.2
Was den Ort auszeichnet, sind seine Wände und sein Feuer. Die Flanken fielen so steil ab, dass Morgoth den gefangenen Maedhros an einer Felswand festschmieden konnte, wo ihn niemand zu Fuß erreichte; erst Fingon gelangte mit Hilfe des Adlerkönigs Thorondor zu ihm. Zugleich war der Berg ein Schlot für die Glut aus der Tiefe. In der Schlacht des Jähen Feuers brachen Flammenströme aus Thangorodrim hervor und ergossen sich über Ard-galen, die daraufhin verbrannt und verödet unter dem Namen Anfauglith fortbestand. Die Landschaft zu Füßen der Gipfel trägt daher selbst die Spuren dessen, was im Berg verborgen war.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 13, Of the Return of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and its Realms
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 13, Of the Return of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin
Geschichte
Die Festung unter den Bergen ist älter als die Berge selbst. Morgoth hatte Angband in den frühen Zeitaltern als nördliches Bollwerk angelegt, im Vorfeld seiner größeren Feste Utumno. Als die Valar ihn im Krieg der Mächte bezwangen und gefangen nach Valinor führten, zerstörten sie Angband nicht gründlich; in den Gewölben blieben Diener und böse Geschöpfe zurück, die sich dort verbargen. An diesen Ort kehrte Morgoth nach dem Raub der Silmaril zurück, und erst mit diesem Neubeginn beginnt die eigentliche Geschichte von Thangorodrim, dessen Aufschichtung bereits beschrieben wurde. Von nun an war der Berg das sichtbare Zeichen dafür, dass der Feind wieder im Norden Mittelerdes herrschte.1
Zum ersten Mal kamen die Noldor den Gipfeln in der Schlacht unter den Sternen nahe, die bald nach ihrer Landung in Mittelerde geschlagen wurde. Feanor verfolgte die geschlagenen Orks mit wenigen Begleitern bis in die Nähe von Angband, wurde dort von Balrogs umringt und von Gothmog, ihrem Anführer, tödlich verwundet. Seine Söhne erreichten ihn noch und trugen ihn nach Süden zurück. Auf den Hängen der Schattenberge ließ er sich absetzen, sah in der Ferne die Spitzen von Thangorodrim aufragen und erkannte, dass die Macht seines Volkes nicht genügen würde, sie zu Fall zu bringen. Dennoch verfluchte er Morgoth dreimal und band seine Söhne an ihren Eid, ehe er starb. Die Einsicht des Sterbenden sollte sich bewahrheiten, freilich auf andere Weise, als er selbst es sich hätte vorstellen können.2
Nach einem überraschenden Angriff Morgoths, den die Noldor in der Dagor Aglareb, der Glorreichen Schlacht, zurückschlugen, schlossen sie Angband von Westen, Süden und Osten her ein. Diese Belagerung währte fast vierhundert Jahre, und in dieser Zeit wagten sich die Heere des Feindes nur selten über die Ebene. Selbst der junge Drache Glaurung, der eines Tages aus den Toren hervorbrach, wurde von den berittenen Bogenschützen Fingons zurückgetrieben. Einnehmen ließ sich die Festung jedoch nicht, und unter den Gipfeln arbeitete Morgoth ungestört weiter. Als das Jähe Feuer die Belagerung beendete, ritt Fingolfin in Zorn und Verzweiflung allein bis vor die Tore, rief Morgoth zum Zweikampf und fiel nach langem Ringen. Der Adlerkönig Thorondor entriss seinen Leichnam dem Feind und zeichnete dabei dessen Gesicht mit einer Wunde, die nie verheilte.3
In den folgenden Jahrzehnten wurde Thangorodrim zum Schauplatz von Wagnis und Gefangenschaft. Beren und Lúthien stiegen in die Tiefen darunter hinab und schnitten einen Silmaril aus Morgoths Krone. In der Nirnaeth Arnoediad drang Gwindor mit seinen Kriegern bis an die Tore vor, wurde dort jedoch abgeschnitten und gefangen, und die Schlacht endete mit der Vernichtung der vereinten Heere. Unter den Gefangenen war Húrin, der sich weigerte, Morgoth den Weg nach Gondolin zu verraten. Zur Strafe ließ ihn Morgoth auf einem steinernen Sitz hoch oben auf Thangorodrim festbinden, wo er durch den Blick seines Peinigers das Unglück seiner Familie mit ansehen musste. Erst nach achtundzwanzig Jahren kam er wieder frei, und der Berg war in diesen Jahren zugleich Kerker und Aussichtspunkt eines Fluches.4
Das Ende kam erst mit dem Heer der Valar, das nach der Fahrt Earendils aus dem Westen herüberkam und im Großen Kampf die Heerscharen Morgoths zerschlug. Als letztes Mittel entsandte Morgoth geflügelte Drachen, wie man sie zuvor nie gesehen hatte, und trieb die Angreifer damit zunächst zurück. Earendil trat ihnen mit Thorondor und den Adlern entgegen und erschlug nach einem Kampf, der eine ganze Nacht dauerte, Ancalagon den Schwarzen, den mächtigsten unter ihnen. Der stürzende Drache fiel auf Thangorodrim und zerbrach dessen Türme. Morgoth wurde in den tiefsten Gängen seiner Festung aufgespürt, gefesselt und aus der Welt gestoßen, und die Gewölbe Angbands wurden aufgebrochen. So fiel der Berg nicht durch die Noldor, wie Feanor vorausgesehen hatte, sondern durch die Macht der Valar und den Sturz eines Drachen; mit dem Untergang Beleriands verschwand auch die Landschaft, die er einst beherrscht hatte.5
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 13, Of the Return of the Noldor
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 13, Of the Return of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin
- 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 19, Of Beren and Lúthien; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath; Die Kinder Húrins, Kap. 3, The Words of Húrin and Morgoth
- 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
Bewohner und Herrschaft
Unter den Bergen der Tyrannei gab es nur einen Herrn, und eine Herrscherfolge kennt die Überlieferung nicht. Morgoth hatte sich nach seiner Rückkehr eine eiserne Krone geschmiedet, die Silmaril hineingesetzt und sich den König der Welt genannt. Diesen Anspruch übte er von einem Thron in den Tiefen Angbands aus, nicht von den Gipfeln herab; sichtbar wurde er meist nur durch das, was er aussandte. Unter ihm standen Befehlshaber, allen voran Sauron, der mächtigste seiner Diener, und Gothmog, der Fürst der Balrogs und Heerführer der Festung. Nach dem Zweikampf mit Fingolfin, der ihn gezeichnet zurückließ, zog sich Morgoth noch tiefer in seine Gewölbe zurück.1
Die Bevölkerung der Festung bestand aus Geschöpfen, die Morgoth gezüchtet oder an sich gebunden hatte. Die Orks, nach der Überlieferung einst aus gefangenen Elben verdorben, stellten die Masse seiner Heere; neben ihnen dienten die Balrogs, später die Drachen und die Wölfe. Carcharoth, der gewaltigste unter ihnen, wurde in Angband mit lebendem Fleisch großgezogen und lag als Wächter vor den Toren. Hinzu kamen Unfreie, gefangene Elben und Menschen, die in den Bergwerken und Schmieden der Tiefe arbeiten mussten und den Reichtum der Festung mehrten.2
Friedliche Nachbarn hatte Thangorodrim nicht; das Verhältnis zu den umliegenden Ländern war Belagerung, Krieg und Unterwanderung. Morgoth setzte nicht allein auf Heere, sondern auch auf Späher und Lügen. Manche Gefangene ließ er scheinbar entkommen, damit sie seinen Willen unerkannt zu ihrem Volk trugen. Die Folge war ein wachsendes Misstrauen unter den Noldor, die selbst entflohene Verwandte oft nicht mehr aufnehmen mochten, sodass viele Heimkehrer heimatlos umherzogen. Unter den Ostlingen, die nach dem Jähen Feuer nach Beleriand kamen, fand er Verbündete, die ihm heimlich verpflichtet waren und in der Nirnaeth Arnoediad ihren Verrat offenbarten.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9, Of the Flight of the Noldor; Das Silmarillion, Valaquenta, Of the Enemies; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 19, Of Beren and Lúthien
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
Rolle in der Erzählung
In der Erzählung ist Thangorodrim weniger Schauplatz als Horizont. Die meisten Szenen, in denen die Gipfel auftauchen, blicken aus der Ferne auf sie: von den Hängen im Westen, von den Wachtposten der Belagerung, aus den Lagern der Fürsten. Hinein gelangt man fast nur als Gefangener oder verkleidet, und wer den Weg freiwillig wählt wie Beren und Lúthien, sucht dort keinen Sieg, sondern einen einzigen, verwegenen Raub. Feanors letzter Blick gibt dieser Anordnung ihr Gewicht, denn er spricht gleich zu Beginn der Kriege aus, was die folgenden Kapitel nur noch bestätigen. Von da an sind die Gipfel das stumme Maß, an dem jede Hoffnung der Noldor gemessen wird.1
Zugleich ist der Berg ein Ort, an dem sich Bindungen zwischen Figuren entscheiden. Die Befreiung des Maedhros ist in erster Linie eine Versöhnung: Fingon überbrückt damit den Riss, den der Verrat an den Schiffen zwischen den Häusern aufgetan hatte, und Maedhros verzichtet danach zugunsten Fingolfins auf den Anspruch, König aller Noldor zu sein. Bei Húrin kehrt sich das Motiv um. Der hohe Sitz macht ihn zum Zeugen wider Willen, und die Geschichte seiner Kinder erscheint dadurch als ein Geschehen unter fremdem Blick, den er teilen muss. An diesen Stellen wird sichtbar, wie Morgoths Wille von seinem Berg aus unmittelbar in das Leben Einzelner greift.2
Im Ganzen des Werkes markiert Thangorodrim die Grenze dessen, was Elben und Menschen aus eigener Kraft vermögen. Die Noldor können den Berg umstellen und bedrängen, doch jede Anstrengung endet an seinen Hängen. Die Wende kommt erst, als Earendil über das Meer fährt und um Beistand bittet, als also Hilfe erbeten statt erkämpft wird. Dass die Türme am Ende nicht durch die Hand eines der Helden fallen, die sich an ihnen aufgerieben hatten, ist folgerichtig: Die Erzählung verweigert ihnen den Triumph, den ihr Eid ihnen verhieß, und lässt den Berg zum Denkmal ihres Hochmuts werden.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 13, Of the Return of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 19, Of Beren and Lúthien
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 13, Of the Return of the Noldor; Die Kinder Húrins, Kap. 3, The Speech of Húrin and Morgoth
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath