Herkunft und Namen

Seiner Art nach gehört Sauron zu den Ainur, jenen Geistern, die vor der Erschaffung der Welt aus dem Gedanken des Einen hervorgingen, und unter diesen zu den Maiar, dem geringeren Rang neben den Valar. Sein Ursprung liegt im Gefolge Aules, des Schmiedes unter den Mächten; von dort rührt die Kenntnis der Stoffe und des Werkzeugs, die ihm auch später eigen blieb und die alles prägt, was er hervorbringt. Einen naturgegebenen Leib besitzt er nicht: Wie alle Geister seiner Ordnung kleidet er sich in eine sichtbare Gestalt, die angenommen und wieder abgelegt werden kann. Unter denen, die Morgoth dienten und deren Namen überliefert sind, gilt er als der mächtigste.1

Die Namen, unter denen er geführt wird, stammen fast sämtlich von anderen. „Sauron“ ist die Quenya-Form eines Schmähnamens der Eldar und bezeichnet den Verabscheuten; die sindarinische Entsprechung Gorthaur verbindet Grauen und Abscheu zu ähnlicher Wirkung und erscheint gewöhnlich mit dem Zusatz „der Grausame“. Beide sagen nichts über sein Wesen aus, sondern über das Urteil derer, die ihm begegnet waren. Anders verhält es sich mit den Namen, die er sich in schöner Gestalt selbst beilegte, als er unter die Elben Mittelerdes trat: Annatar, der Herr der Geschenke, dazu Artano, der Hohe Schmied, und Aulendil, was den Diener oder Freund Aules meint. Sie weisen auf seine Herkunft zurück und empfahlen zugleich, was er anzubieten hatte.2

Im Dritten Zeitalter mieden seine Gegner den Namen. Ehe die Weisen wussten, wen sie vor sich hatten, hieß die Macht im Süden des Düsterwaldes nur der Nekromant; in Gondor sprach man vom Namenlosen oder vom Feind, und verbreitet war die Rede vom Dunklen Herrscher, während den Seinen das Auge genügte, dessen Zeichen seine Heere trugen. Gollum, der ihn gesehen hatte, sprach von der Schwarzen Hand, der ein Finger fehlt. Für sich selbst beanspruchte er den Zusatz „der Große“, den auch die führten, die in seinem Auftrag sprachen. Zur Aussprache hält Anhang E eine Regel bereit: Der Doppellaut au klingt wie in „Haus“, die erste Silbe also wie das englische sour und nicht wie sore.3

  1. 1Das Silmarillion, Valaquenta; Das Silmarillion, Ainulindalë
  2. 2Das Silmarillion, Valaquenta; Of the Rings of Power and the Third Age; Index of Names; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, IV: The History of Galadriel and Celeborn
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 2, The Shadow of the Past; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3, The Black Gate is Closed; Der Herr der Ringe, Anhang E, Writing and Spelling; Der Hobbit, Kap. 1, An Unexpected Party

Geschichte

Die erste ausführlich überlieferte Tat Saurons fällt in das Erste Zeitalter, als er im Krieg Morgoths gegen die Noldor die Elbenfeste auf der Insel Tol Sirion nahm und sie in einen Ort des Grauens verwandelte, den man fortan Tol-in-Gaurhoth, die Insel der Werwölfe, nannte. Dorthin verschleppte er Finrod Felagund und Beren samt ihren Gefährten, rang im Wettstreit der Zaubergesänge allein mit Finrod, behielt die Oberhand und warf sie danach in eine Grube, aus der ein Werwolf einen Gefährten nach dem anderen holte; Finrod starb, als er Beren mit bloßen Händen gegen das Tier verteidigte, und Beren blieb allein zurück. Erst Lúthien und der Hund Huan brachen seine Herrschaft über die Insel: Von Huan überwältigt, musste er die Feste abtreten und entwich in Fledermausgestalt. Nach dem Sturz seines Meisters im Krieg des Zorns trat er reuig vor Eonwe, scheute jedoch das Urteil im Westen und verbarg sich in Mittelerde.1

Über die ersten Jahrhunderte des Zweiten Zeitalters schweigt die Zeittafel weitgehend. Um das Jahr 1000 wählte Sauron das von Bergen umschlossene Mordor zum Sitz seiner Macht und begann den Bau von Barad-dûr. Etwa zweihundert Jahre später wandte er sich den Eldar zu und bot ihnen Rat und Freundschaft an; Gil-galad wies ihn ab und ließ sich auf keine Verhandlung ein, doch die Schmiede Eregions nahmen ihn auf, und aus dieser Verbindung ging ihre größte Kunstfertigkeit hervor. Von etwa 1500 an entstanden dort die Ringe der Macht, um 1590 die Drei, an denen Sauron keinen Anteil hatte. Um 1600 aber schmiedete er heimlich im Feuer des Orodruin den Einen Ring, und in derselben Zeit wurde Barad-dûr vollendet.2

Als Celebrimbor den Betrug durchschaute und die Drei verborgen wurden, brach 1693 der Krieg zwischen den Elben und Sauron aus. Zwei Jahre darauf zogen seine Heere nach Eriador; 1697 wurde Eregion verwüstet, Celebrimbor kam um, und Elrond wich mit den Übriggebliebenen nordwärts aus und gründete die Zuflucht Bruchtal. Bis 1699 war Eriador überrannt, ehe 1700 eine große Flotte aus Númenor unter Tar-Minastir eingriff und Sauron eine schwere Niederlage beibrachte; im folgenden Jahr wurde er aus Eriador vertrieben. Er wandte sich daraufhin nach Osten und Süden und dehnte seine Herrschaft über weite Länder aus. Um 2251 traten zum ersten Mal die Ringgeister in Erscheinung, die durch die Neun an ihn gebunden waren.3

Der Aufstieg Númenors zur Seemacht führte zur seltsamsten Wendung seiner Geschichte. Als Ar-Pharazôn mit einem übermächtigen Heer bei Umbar landete, unterwarf Sauron sich 3262 scheinbar und ließ sich als Gefangener nach Númenor bringen — eine Niederlage, die er in eine Eroberung von innen verkehrte. Binnen weniger Jahre gewann er das Ohr des Königs, verdrängte die Verehrung des Einen, führte den Kult des Dunklen ein und richtete die Furcht vor dem Tod auf ein einziges Ziel: die Fahrt in den Verbotenen Westen. 3319 brach Ar-Pharazôn nach Aman auf, und Númenor versank. Saurons leibliche Gestalt ging in diesem Untergang zugrunde; sein Geist entkam nach Mordor und nahm dort in Barad-dûr den Ring wieder an sich, doch eine schöne Erscheinung vermochte er von da an nicht mehr anzunehmen.4

Gegen die aus dem Untergang geretteten Númenórer wandte er sich 3429 mit einem Angriff auf Gondor und nahm Minas Ithil. Im Jahr darauf schlossen Gil-galad und Elendil das Letzte Bündnis; 3434 wurde in der Schlacht auf der Dagorlad sein Heer geschlagen, worauf die Belagerung von Barad-dûr sieben Jahre währte. Im Jahr 3441 trat Sauron selbst hervor und wurde niedergerungen, doch fielen Gil-galad und Elendil in diesem Ringen. Isildur schnitt ihm den Einen Ring mit dem Bruchstück von Elendils Schwert von der Hand und behielt ihn wider den Rat der Weisen. Damit endete das Zweite Zeitalter — und mit dem Fortbestand des Rings blieb auch der Besiegte bestehen.5

Bleibt auf diesem Gerät. Was später erzählt wird als deine Wahl, bleibt verhüllt.

Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.

Schicksal

Nachdem der Ring an den Schwertelfeldern verloren war, brauchte Sauron rund tausend Jahre, ehe sich ein Schatten über den Großen Grünwald legte und in Dol Guldur eine Macht Gestalt annahm, die man lange nicht zu benennen wusste. 2063 wich er vor Gandalfs erster Erkundung nach Osten aus, was den Wachsamen Frieden begründete; 2460 kehrte er mit verstärkter Kraft zurück. Erst 2850 drang Gandalf ein zweites Mal in Dol Guldur ein und gewann Gewissheit über seine Person. 2941 vertrieb ihn der Weiße Rat, doch war der Schritt vorbereitet: Schon im Jahr darauf ging er heimlich nach Mordor, erklärte sich 2951 offen und baute Barad-dûr wieder auf. 3018 begann der Ringkrieg; am 25. März 3019 zerbrach mit dem Ring im Feuer des Orodruin seine Macht endgültig.6

  1. 1Das Silmarillion, Of Beren and Lúthien; Das Silmarillion, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years (The Second Age); Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years (The Second Age); Der Herr der Ringe, Anhang A, I (i) Númenor
  4. 4Das Silmarillion, Akallabêth; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years (The Second Age)
  5. 5Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years (The Second Age); Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 2 The Council of Elrond
  6. 6Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years (The Third Age); Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 3 Mount Doom

Rolle und Vermögen

Im Handlungsgefüge des „Herrn der Ringe“ ist Sauron der Gegenspieler, der niemals selbst auftritt. Kein Kapitel zeigt ihn leibhaftig; seine Gegenwart wird durchweg vermittelt — durch die Ringgeister, durch einen Herold vor dem Schwarzen Tor, durch Heere und Späher, vor allem aber durch das Bild des flammenden Auges, das denen erscheint, die dem Ring oder einem der Sehenden Steine zu nahe kommen. Diese Anlage ist keine Verlegenheit der Erzählung, sondern entspricht der Art seiner Macht: Sie wirkt durch Stellvertreter, durch Furcht und durch die Beugung fremder Willen, nicht durch persönliche Anwesenheit. Der Bericht misst ihn deshalb weniger an eigenen Taten als an dem Schatten, den er auf andere wirft.1

Sein wirksamstes Vermögen ist die Herrschaft über fremden Willen, und sie gründet in der Ringkunst. In den Einen Ring legte er einen großen Teil seiner eigenen Kraft, um die Träger der übrigen Ringe zu beherrschen; solange er ihn führte, war seine Stärke ungleich größer als ohne ihn. Die Neun banden ihre Träger dauerhaft und ließen ihnen keinen eigenen Rückweg. Auch ohne den Ring blieb ihm der Zugriff auf die Sehenden Steine: Über den Stein von Barad-dûr lenkte er Sarumans Rat in seine Richtung, und Denethor zeigte er Wahres in solcher Auswahl, dass nur eine Folgerung übrigblieb. Hinzu kommen Heerführung, die Verderbnis und Zucht dienstbarer Geschöpfe und eine Geduld, die in Jahrhunderten rechnet.2

Diesem Vermögen stehen benannte Grenzen gegenüber. Schöpferisch ist er nicht: Er kann Vorhandenes verkehren und nachäffen, doch nichts wahrhaft Neues hervorbringen — eine Einsicht, die Frodo im Turm von Cirith Ungol ausspricht. Seine leibliche Gestalt ist zerstörbar, und jede Wiederherstellung kostete ihn lange Zeit. Vor allem aber ist die Bindung an den Ring zweischneidig: Sie sichert ihm Fortbestand, solange das Werk besteht, macht ihn jedoch vom Verbleib eines einzelnen Gegenstands abhängig. Die entscheidende Grenze ist die des Verstehens. Da er selbst nur in Begriffen von Macht und Besitz denkt, rechnet er mit Gegnern, die den Ring gegen ihn führen wollen, nicht mit solchen, die ihn ins Feuer tragen; ebenso wenig veranschlagt er die Kleinen des Auenlands. Auf dieser Rechnung beruht der Ratschluss Gandalfs und des Rates von Elrond, und dass Aragorn ihm den Stein von Orthanc abzuringen vermochte, zeigt, dass auch sein Zwang nicht unbedingt war.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 7, The Mirror of Galadriel; Buch V, Kap. 10, The Black Gate Opens
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 2, The Council of Elrond; Buch III, Kap. 11, The Palantír; Buch V, Kap. 7, The Pyre of Denethor
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 1, The Tower of Cirith Ungol; Buch V, Kap. 9, The Last Debate; Buch II, Kap. 2, The Council of Elrond

Beziehungen

Saurons Beziehungen sind durchweg unsymmetrisch. Als Geist ohne Geschlecht und Nachkommenschaft kennt seine Überlieferung weder Familie noch Freundschaft unter Gleichen; was bei anderen Gestalten Verwandtschaft heißt, ist bei ihm Zugehörigkeit — erst zu einem Gefolge, dann zu einem Dienst. Die Bindung an Morgoth ist die einzige, in der er selbst der Untergebene war, und sie prägte ihn gerade dort, wo er von ihr abwich: Sein Meister trieb zuletzt auf Vernichtung zu, er selbst auf Ordnung, auf die Einreihung alles Lebendigen unter einen einzigen Willen. Nach dem Sturz Morgoths trat er darum nicht als dessen Rächer auf, sondern nahm den frei gewordenen Platz auf eigene Rechnung ein. Von diesem Zeitpunkt an gibt es über ihm niemanden mehr, und unter ihm nur Werkzeuge.1

Nach unten hin beruht sein Gefolge auf Zwang und Bindung, nicht auf Treue. Die neun Könige der Menschen, die er durch Ringe an sich zog, sind sein einziges dauerhaftes Werkzeug von Rang; ihren Obersten setzte er als Herrscher über Angmar ein und später über die eroberte Feste im Tal des Morgulflusses. Wie weit dieser Dienst reicht, zeigt der Bote, der vor dem Schwarzen Tor für ihn spricht: ein Mensch aus dem Geschlecht der Schwarzen Númenórer, der in Barad-dûr seinen eigenen Namen vergessen hat. Selbst was ihm gar nicht gehorcht, rechnet er sich zu — die Spinne im Paß über Cirith Ungol dient niemandem als sich selbst, doch ihre Gier bewacht ihm eine Grenze, und er duldet sie belustigt. Und Gollum, der ihm unter der Folter preisgab, was er wusste, wurde nicht behalten, sondern absichtlich wieder in die Freiheit entlassen, damit seine Spur weiterführe.2

Unter seinen Gegnern gilt eine andere Art von Verbindung, und eben sie versteht er nicht. Saruman, der ihm dem Rang nach als Einziger nahekam, suchte ein Bündnis und wurde zum Werkzeug, denn Sauron teilt keine Macht, er zieht sie an sich. Gandalf, der ihm am beharrlichsten nachspürte, ist ihm nie von Angesicht zu Angesicht begegnet; ihr Widerstreit vollzog sich über Jahrhunderte in Erkundungen, Ratschlüssen und dem Streit um die Sehenden Steine. Persönlich richtet sich seine Feindschaft auf ein Geschlecht: auf das Haus, dessen Ahn ihm den Ring von der Hand nahm. Dass ein Erbe Isildurs sich ihm offen zeigte, traf ihn an dieser alten Wunde und trieb ihn zu vorschnellem Zuschlagen. Seine Gegner rechneten mit ihm; er rechnete mit ihnen nur nach seinem eigenen Maß.3

  1. 1Das Silmarillion, Valaquenta; Of the Rings of Power and the Third Age
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 2; Buch IV, Kap. 9; Buch V, Kap. 10; Anhang A
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 11; Buch V, Kap. 9; Anhang B, The Tale of Years

Der Nekromant

„Der Nekromant“ ist kein Name, sondern eine Bezeichnung nach dem Anschein. Sie benennt eine Macht nach dem, was man von ihr wahrnahm, und nicht danach, wer sie war. Im „Hobbit“ erscheint sie nur am Rand der Handlung. Zu Beginn erwähnt Gandalf, er habe Thráin, den Vater Thorins, in den Verliesen des Nekromanten gefunden und von ihm Karte und Schlüssel erhalten. Gegen diese Macht könnten alle Zwerge zusammen nichts ausrichten. Am Schluss erfährt der Leser nur beiläufig, dass ein Rat der Weisen den Nekromanten aus seiner Feste im Süden des Düsterwaldes vertrieben hat. Wer sich hinter der Bezeichnung verbirgt, sagt der „Hobbit“ an keiner Stelle. Die Gleichsetzung mit Sauron vollzieht erst der „Herr der Ringe“.1

Das Wort meint seiner Herkunft nach die Befragung oder Beschwörung der Toten. Eine solche Praxis in Dol Guldur schildern die Erzählwerke jedoch nicht. Die Zeittafel verzeichnet lediglich den Schatten, der sich über den Wald legte, und die Entdeckung einer bösen Macht an diesem Ort. Die Bezeichnung hält demnach eher den Eindruck derer fest, die aus der Ferne auf finstere Zauberei schlossen, als eine beobachtete Tätigkeit. Das „Silmarillion“ beschreibt Sauron schon im Ersten Zeitalter als Zauberer, der über Schatten und Trugbilder gebot. Wer darin die Wurzel der späteren Bezeichnung sieht, deutet. Ausdrücklich zieht der Text diese Verbindung nicht.2

Die Grenze des Begriffs ist die Grenze des Wissens. Als die Weisen um das Jahr 1100 die Feste in Dol Guldur entdeckten, hielten sie ihren Herrn für einen der Nazgûl. Die Bezeichnung haftete damit lange an einer bloßen Vermutung. Auf dem Rat von Elrond berichtet Gandalf, er selbst habe die Schwelle des Nekromanten überschritten und dessen Wege ausgekundschaftet. Dabei habe sich die alte Befürchtung bestätigt, dass kein anderer als der Feind dahinterstand. Auch dieses Wissen blieb zunächst ohne Folgen. Nach der Zeittafel drängte Gandalf 2851 im Weißen Rat auf einen Angriff, wurde aber von Saruman überstimmt. Das „Silmarillion“ zufolge hoffte Saruman insgeheim, der Ring werde sich zeigen, wenn man seinen Meister gewähren ließe. Mit Saurons offener Erklärung in Mordor verlor die Umschreibung ihren Zweck; im „Herrn der Ringe“ begegnet sie vornehmlich im Rückblick.3

  1. 1Der Hobbit, Kap. 1, An Unexpected Party; Der Hobbit, Kap. 19, The Last Stage
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Das Silmarillion, Of Beren and Lúthien
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 2, The Council of Elrond; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age

Entwürfe und Varianten

Die Gestalt, die später Sauron heißt, hatte in den ältesten Fassungen der Beren-Erzählung eine ganz andere Vorform. In der „Tale of Tinúviel“ der Verschollenen Geschichten hält Tevildo, der Fürst der Katzen, den gefangenen Beren in seinem Haus fest, und Huan überwindet ihn als sein angestammter Widersacher — der Streit ist der zwischen Hund und Katze, nicht der zweier Mächte. Erst in der Verserzählung „The Lay of Leithian“ trat an Tevildos Stelle Thû, der Herr der Werwölfe und Beschwörer der Toten, dem nun die Feste auf der Insel im Sirion zufiel. Christopher Tolkiens Kommentar hebt hervor, dass mit diesem Austausch die spätere Figur überhaupt erst entsteht: Das Possenhafte des Katzenfürsten weicht einer Macht, die durch Zauber und Schrecken wirkt. Der Wettstreit der Lieder und die Niederlage gegen Huan sind also älter als ihr Träger und wurden ihm nachträglich zugeschrieben.1

Ebenso schwankend blieb lange der Name. In den Texten der dreißiger Jahre stehen Thû und Gorthû neben der erst allmählich vordringenden Form Sauron; die „Etymologies“ aus der Zeit des unvollendeten „Lost Road“ führen sie auf eine gemeinsame Wurzel zurück, die Fäulnis und üblen Geruch bezeichnet, und stellen so die elbischen Formen ausdrücklich als Schmähnamen nebeneinander. Eine eigene Überlieferungslinie bietet „The Drowning of Anadûnê“, die von der später veröffentlichten Fassung des Untergangs abweichende Bearbeitung, in der die Númenórer ihn in ihrer eigenen Sprache Zigûr nennen, den Zauberer — ein Name aus dem Munde der Menschen, die ihm verfielen, und keiner seiner Feinde. In den späten Erörterungen unter dem Titel „Myths Transformed“ schließlich verlagert sich das Interesse vom Namen auf die Beweggründe: Dort wägt Tolkien ab, worin sich der Diener von seinem Meister unterschied und wie weit ihm anfangs noch Umkehr möglich gewesen wäre. Diese Überlegungen sind nirgends in eine erzählende Fassung eingegangen und bleiben Entwurf.2

  1. 1Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 2, The Tale of Tinúviel; The Lays of Beleriand, The Lay of Leithian
  2. 2The Lost Road and Other Writings, The Etymologies; Sauron Defeated, The Drowning of Anadûnê; Morgoth's Ring, Myths Transformed

In Film, Fernsehen und Hörspiel

Die älteren Bearbeitungen halten an der vermittelten Darstellung des Romans fest. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm führt Sauron allein in der vorangestellten Vorgeschichte vor, die Schmiedung und Verlust des Rings zusammenzieht; da die Handlung nach der Schlacht um Helms Klamm abbricht und der geplante zweite Teil nie entstand, bleibt es bei diesem einen Auftritt. Die 26-teilige Hörspielfassung von BBC Radio 4, die dem Buch unter den frühen Bearbeitungen am genauesten folgt, verzichtet ebenfalls auf eine sprechende Figur und hält den Dunklen Herrscher durch die Ringgeister, durch Boten und durch die Berichte der Weisen gegenwärtig. Peter Jacksons Trilogie gibt ihm dagegen einen Körper: Sala Baker verkörpert ihn im Vorspiel der Schlacht des Letzten Bündnisses, Alan Howard spricht ihn und den Ring. Die meistdiskutierte Abweichung ist die Verfestigung des Auges zu einem dauerhaft sichtbaren Zeichen über Barad-dûr, während der Roman es als wahrgenommenes Bild führt; der Bote vor dem Schwarzen Tor, gespielt von Bruce Spence, fehlt in der Kinofassung und erscheint erst in der erweiterten Schnittfassung.1

In der späteren Hobbit-Trilogie, die zusätzlichen Stoff aus den Anhängen zieht, spricht Benedict Cumberbatch den Nekromanten. Was Tolkien nur als knappe Notiz der Zeittafel überliefert — die Vertreibung aus Dol Guldur durch den Weißen Rat —, wird dort zu einer ausgeführten Auseinandersetzung erweitert, und Gandalfs Gefangenschaft in der Feste ist eine Zutat der Filme ohne Entsprechung im Buch.2

  1. 1Der Herr der Ringe (Film 1978), 1978; Der Herr der Ringe (Hörspiel 1981), 1981; Der Herr der Ringe (Filmtrilogie), 2001–2003
  2. 2Der Hobbit (Filmtrilogie), 2012–2014