Was für ein Buch das Silmarillion ist
Das Silmarillion ist kein Roman, sondern eine Sammlung von Sagen, die in fünf ungleich große Teile zerfällt. Voran stehen zwei knappe kosmogonische Stücke, die „Ainulindale“ und die „Valaquenta“; danach folgt mit der „Quenta Silmarillion“ der weitaus umfangreichste Abschnitt, der in gut zwanzig Kapiteln die Geschichte der Ältesten Tage erzählt. Den Schluss bilden zwei kürzere Texte, die „Akallabêth“ und der Bericht über die Ringe der Macht und das Dritte Zeitalter. Das Ganze umfasst in den gängigen Ausgaben rund dreihundert Seiten und ist damit erheblich kürzer als „Der Herr der Ringe“, obwohl es einen Zeitraum von vielen tausend Jahren überspannt. Ein Anhang mit einer Notiz zur Aussprache und ein Verzeichnis der Namen mit Elementen der elbischen Sprachen schließen den Band ab.
Die Erzählhaltung unterscheidet sich grundlegend von der des Hobbits und des Herrn der Ringe. Es gibt keinen mitfühlenden Erzähler, der sich zum Leser herunterbeugt, und keine Hauptfigur, deren Blickwinkel den Text zusammenhält; erzählt wird aus großer Distanz, im Duktus eines überlieferten Geschichtswerks, das Generationen zusammenfasst und nur gelegentlich in eine ausgeführte Szene hinabsteigt. Der Satzbau ist bewusst altertümlich gehalten, die Sprache formelhaft und wiederholungsfreudig, wie sie mündlicher Überlieferung ansteht. Christopher Tolkien merkt im Vorwort an, dass der Text als Kompilation aus Aufzeichnungen sehr verschiedenen Alters und Ausarbeitungsgrades entstand; die Unebenheiten im Ton sind also teils Absicht, teils Folge der Entstehung. Wer eine fortlaufende Handlung erwartet, wird das Buch als spröde empfinden — es verlangt eher die Geduld, die man einem Sagenkorpus entgegenbringt.
Im Legendarium steht das Silmarillion vor allem anderen und zugleich hinter allem anderen. Zeitlich setzt es mit der Erschaffung der Welt ein und endet dort, wo „Der Herr der Ringe“ beginnt; entstehungsgeschichtlich reicht sein Kern weiter zurück als der Hobbit, denn Tolkien arbeitete seit den späten Jahren des Ersten Weltkriegs daran. Er selbst betrachtete die beiden Werkgruppen als zusammengehörig und bot sie einem Verlag gemeinsam an, ohne damit durchzudringen. Für die Leserschaft folgt daraus eine praktische Reihenfolge: Das Buch belohnt am meisten, wer den Herrn der Ringe bereits kennt und den Anspielungen auf Beren, Lúthien und Gondolin nachgehen will. Als posthum ediertes Werk hat es nicht dieselbe Verbindlichkeit wie die zu Tolkiens Lebzeiten veröffentlichten Bücher — es bleibt die maßgebliche zusammenhängende Darstellung der Ältesten Tage, doch die Bände von „The History of Middle-earth“ zeigen, wie viele Entscheidungen der Herausgeber treffen musste.
Entstehung und Veröffentlichung
Der Stoff dieses Buches ist älter als alles andere, was Tolkien veröffentlicht hat. Die erste ausgeführte Erzählung, der Bericht vom Fall Gondolins, entstand 1917, während er nach dem Einsatz an der Somme krankgeschrieben in England lag; gegenüber W. H. Auden hat er den Beginn seiner Arbeit später ausdrücklich auf diese Kriegsmonate datiert. Was daraus wuchs, begleitete ihn durch die folgenden Jahrzehnte: Einzelne Sagen nahm er in Versform wieder auf, den Zusammenhang fasste er mehrfach in knappen Prosachroniken zusammen, und parallel dazu entwickelte er die elbischen Sprachen weiter, aus denen die Namen hervorgingen. Gedruckt wurde davon zu seinen Lebzeiten nichts. Die Sammlung blieb ein privates Unternehmen, das er über mehr als fünfzig Jahre hinweg immer wieder umschrieb, ohne je zu einer Fassung zu gelangen, die er als endgültig ansah.
Erst der Erfolg des 1937 erschienenen Hobbits brachte die Papiere überhaupt in einen Verlag. George Allen & Unwin bat um weiteres Material, bekam Teile der Sagensammlung zu lesen und wünschte sich statt ihrer eine Fortsetzung mit Hobbits. Tolkien ließ sich darauf ein; die Arbeit, die daraus wurde, zog sich nach seiner eigenen Angabe von 1937 bis 1949 hin und schob den älteren Stoff für mehr als ein Jahrzehnt beiseite. Folgenlos blieb diese Unterbrechung nicht: Was als in sich ruhender Sagenkreis begonnen hatte, musste nun zugleich als Vorgeschichte eines Buches tragen, das im Dritten Zeitalter spielte.
Nach dem Abschluss des Herrn der Ringe bestand Tolkien darauf, beide Werke gemeinsam herauszubringen. Um 1950 löste er sich von Allen & Unwin und verhandelte mit dem Verlag Collins; für dessen Lektor Milton Waldman schrieb er 1951 einen ungewöhnlich langen Brief, der den Zusammenhang der Sagen darlegte und begründete, warum das eine ohne das andere unvollständig bleibe. Die Verhandlungen zerschlugen sich, und 1952 kehrte er zu seinem alten Verlag zurück, der den Herrn der Ringe 1954 und 1955 allein herausbrachte. Danach nahm Tolkien die älteren Texte erneut auf, doch die Arbeit ging eher in die Breite als zum Ende: Er stellte kosmologische und begriffliche Grundlagen in Frage, schrieb einzelne Partien mehrfach um und ließ andere unangetastet liegen. Als er 1973 starb, gab es kein abgeschlossenes Manuskript, sondern ein Konvolut.
Die Herausgabe fiel Christopher Tolkien zu, der die Papiere seines Vaters seit langem kannte. Vor ihm lagen Aufzeichnungen sehr verschiedenen Alters: An manchen Abschnitten hatte sein Vater bis zuletzt gearbeitet, andere standen im Wesentlichen so da, wie sie in den dreißiger Jahren niedergeschrieben worden waren. Bei der Sichtung und Ordnung des Materials unterstützte ihn Guy Gavriel Kay. Vier Jahre nach dem Tod des Verfassers erschien der Band 1977 bei George Allen & Unwin in London und bei Houghton Mifflin in Boston, ausgestattet mit einer Karte von Beleriand und mit Stammtafeln der Elbenhäuser und der Menschengeschlechter, die den weit verzweigten Verwandtschaften des Textes nachhelfen sollten.
Die deutsche Ausgabe folgte rasch: Bereits 1978 legte Wolfgang Krege seine Übertragung unter dem Titel „Das Silmarillion“ vor. Am englischen Text von 1977 selbst hat sich seither in der Substanz nichts geändert; spätere Auflagen brachten Korrekturen im Detail, keine neue Gestalt. Was folgte, waren vielmehr Veröffentlichungen daneben: 1980 erschienen die „Unfinished Tales“, in denen Christopher Tolkien längere Einzelstücke ungekürzt und mit Kommentar abdruckte, statt sie wie zuvor in einen fortlaufenden Bericht einzuschmelzen; zwischen 1983 und 1996 folgten die zwölf Bände von „The History of Middle-earth“, die die Entwürfe in ihrer zeitlichen Abfolge zugänglich machten. Das Silmarillion von 1977 blieb damit stehen, wurde aber lesbar als das, was es ist: eine Auswahl aus einem sehr viel größeren Bestand.
Der Aufbau des Bandes
Die beiden Eröffnungsstücke sind kurz und tun sehr Verschiedenes. Die „Ainulindale“ läuft in einem Zug und ohne Kapiteleinteilung durch: Eru bringt die Ainur hervor, aus ihrer Musik entsteht ein Bild der Welt, Melkors eigener Klang fährt hinein, und am Ende steigen einige der Ainur in die Welt hinab, um sie zu bereiten. Die „Valaquenta“ dagegen erzählt gar nicht, sondern verzeichnet. Sie stellt die Valar einzeln vor, jeweils mit Herrschaftsbereich und Beinamen, geht dann zu den Maiar über und schließt mit einem eigenen Abschnitt über die Feinde. Wer wissen will, wofür Ulmo, Aule oder Nienna zuständig sind, findet die Auskunft dort und nicht in der fortlaufenden Erzählung, die solches Wissen bereits voraussetzt.
Das Hauptstück, die „Quenta Silmarillion“, ist in vierundzwanzig Kapitel gegliedert, deren Überschriften fast durchweg mit „Of …“ ansetzen — eine Formel, die den chronikhaften Zuschnitt schon im Inhaltsverzeichnis sichtbar macht. Grob zerfällt der Abschnitt in drei Bewegungen: zuerst die Kapitel um Valinor bis hin zum Werk Feanors, der Verfinsterung und dem Auszug der Noldor; dann die Einrichtung der Reiche in Beleriand und die langen Jahre der Belagerung; zuletzt die großen Einzelsagen, die sich am Ende ballen. Beren und Lúthien stehen im neunzehnten Kapitel, die Schlacht der ungezählten Tränen im zwanzigsten, Túrin im einundzwanzigsten, der Untergang von Doriath im zweiundzwanzigsten, Gondolin im dreiundzwanzigsten, Earendils Fahrt im letzten. Eine Sonderstellung hat das vierzehnte Kapitel: Es erzählt nichts, sondern beschreibt Beleriand Landschaft für Landschaft und benennt, wer wo sitzt — wer sich auf der Karte verliert, schlägt dort nach. Die großen Sagen erscheinen hier durchweg gedrängt; ausführlichere Fassungen einzelner Stoffe stehen in den „Unfinished Tales“.
Die beiden Schlussstücke sind wieder ungeteilt. Die „Akallabêth“ führt in einem einzigen fortlaufenden Text von der Gründung des Inselreiches bis zu seinem Ende und zur Veränderung der Welt; der abschließende Bericht über die Ringe der Macht und das Dritte Zeitalter rafft anschließend zwei ganze Zeitalter auf wenigen Dutzend Seiten und endet dort, wo die bekannteren Bücher einsetzen — er ist die Nahtstelle des Bandes und zugleich sein einziges Stück, das den Leser des Herrn der Ringe auf vertrautes Gelände führt. Dahinter beginnt der Apparat, und er ist umfangreicher, als der schmale Band vermuten lässt: Auf eine knappe Notiz zur Aussprache folgt ein Namensverzeichnis, das weit über eine Fundstellenliste hinausgeht und mit kurzen Erläuterungen und Querverweisen wie ein kleines Lexikon des Stoffes benutzbar ist; den Beschluss macht die Zusammenstellung der Namenselemente aus dem Quenya und dem Sindarin, mit der sich viele Namen des Textes in ihre Bestandteile zerlegen lassen. Karte und Stammtafeln, in der Entstehungsgeschichte bereits erwähnt, gehören funktional zu diesem Apparat: Sie sind Nachschlagemittel und nicht Illustration.
Stellung im Legendarium
Vor die übrigen Bücher tritt das Silmarillion weniger der Zeit nach als der Sache nach: Es liefert die Voraussetzungen, unter denen dort erzählt wird. Eru und die Valar, das Erwachen der Elben, die Entstehung der drei Steine und Morgoth als der Herr, dem Sauron nur diente — für all das ist dies der einzige zusammenhängende Bericht, und die anderen Werke setzen dieses Wissen an, statt es zu geben. Auch die Herkunft dessen, was später halbelbisch heißt, wird hier begründet: Die Verbindung Berens mit Lúthien und die Ehe Tuors mit Idril laufen in Earendil zusammen, von dem die Linien Elronds und Elros' ausgehen. An dieser Naht hängen die späteren Bücher, ohne sie selbst noch einmal zu knüpfen.
Von der anderen Seite gesehen ist der Zusammenhang eine Kette von Anspielungen. Aragorn erzählt an der Wetterspitze von Beren und Lúthien, ohne die Sage aufzuschlüsseln; in derselben Nacht ruft Frodo einen Namen an, den der Text nicht erklärt; in Bruchtal trägt Bilbo ein Lied auf Earendil vor, dessen Gegenstand vorausgesetzt bleibt. Der Hobbit rührt beiläufig daran, wenn er Elronds Vorfahren in die alten Kriege des Nordens zurückführt. Der erste Anhang des Herrn der Ringe stellt den Königsgeschlechtern eine gedrängte Übersicht über die Ältesten Tage voran, die für sich gelesen kaum mehr ist als eine Reihe von Namen; neben dem Silmarillion wird daraus die Kurzfassung eines bekannten Stoffes.
Wo der Band mit anderen Fassungen zusammenstößt, liegt der Konflikt fast immer innerhalb der posthumen Schicht selbst. Die „Unfinished Tales“ bringen zu mehreren Gegenständen längere und in Einzelheiten abweichende Berichte: Die Túrin-Erzählung steht dort weit ausgeführt, während sie im gedruckten Silmarillion auf ein Kapitel zusammengezogen ist, und zur Geschichte Galadriels und Celeborns hält Christopher Tolkien ausdrücklich fest, dass sein Vater sie nie in eine einheitliche Gestalt gebracht hat. „Die Kinder Húrins“ legen denselben Stoff 2007 noch einmal als durchlaufende Erzählung vor. Solche Doppelungen sind keine Fehler des Bandes, sondern die Folge eines Nachlasses, aus dem sich mehr als eine vertretbare Fassung herstellen lässt.
Für diese Enzyklopädie trägt der Band die Schicht K2: maßgeblich überall dort, wo keine zu Lebzeiten gedruckte Auskunft vorliegt, nachrangig dort, wo es eine gibt. Praktisch wird das am Schluss des Buches, dessen Bericht über die Ringe und das Dritte Zeitalter dasselbe Feld bestellt wie die Zeittafel im Anhang des Herrn der Ringe; wo beide auseinandergehen, gilt die Angabe des älteren, vom Verfasser selbst veröffentlichten Textes. Dass die Darstellung ungleich dicht ausfällt, war zudem früh eingeplant: In dem Schreiben an Milton Waldman umriss Tolkien den Plan so, dass einige Sagen voll ausgearbeitet, andere nur in den Umriss gestellt und dem Zugriff späterer Hände offengelassen werden sollten. Der Band steht damit nicht als abgeschlossenes Werk im Legendarium, sondern als dessen tragende, aber durchlässige Mitte.
Aufnahme und Wirkung
Der Band traf 1977 auf eine Leserschaft, die auf ihn gewartet hatte, und stand kurz nach dem Erscheinen auf den Bestsellerlisten in Großbritannien und den Vereinigten Staaten; belastbare Absatzzahlen sind hier nicht anzuführen, wohl aber die Tatsache dieser Platzierung. Im folgenden Jahr wurde das Buch mit dem Locus Award in der Sparte des besten Fantasyromans ausgezeichnet. Dass die Nachfrage nicht dem einen Band allein galt, sondern dem Nachlass überhaupt, lässt sich an der Einleitung zu den „Unfinished Tales“ ablesen: Christopher Tolkien erörtert dort ausdrücklich, ob unfertiges und in sich widersprüchliches Material gedruckt werden solle — eine Frage, die sich vor 1977 so nicht gestellt hatte.
In der Ausgabenfolge sind zwei Eingriffe von Belang. 2004 erschien eine durchgesehene Fassung, der ein längerer Auszug aus dem Schreiben an Milton Waldman vorangestellt wurde; damit rückte der Text, in dem Tolkien selbst den Zusammenhang seiner Sagen erklärt hatte, aus dem Briefband in den Band hinein, auf den er sich bezieht. Daneben stehen die illustrierten Ausgaben: eine mit Gemälden von Ted Nasmith, 2021 eine von Alan Lee ausgestattete und 2022 eine, die auf Zeichnungen und Farbentwürfe des Verfassers selbst zurückgreift. Der Wortlaut blieb dabei unangetastet; verändert hat sich, was den Leser durch ihn hindurchführt.
Die Übersetzungen setzten früh ein — die deutsche lag, wie an anderer Stelle vermerkt, schon im Jahr nach der Erstausgabe vor und ist bis heute die Grundlage der hiesigen Drucke geblieben. Für alle fremdsprachigen Fassungen gilt dieselbe Bedingung: Sie geben nicht den Nachlass wieder, sondern die eine Gestalt, die der Herausgeber ihm 1977 gegeben hat, samt ihrer Kapitelfolge, ihren Namensformen und ihrem Apparat. Die Entscheidungen des Bandes sind auf diesem Weg in Sprachräume gelangt, in denen die zugrunde liegenden Entwürfe nie erschienen sind.