Herkunft und Namen

Lúthien war das einzige Kind Elu Thingols, des Königs der Grauelben von Doriath, und Melians, die dem Volk der Maiar angehörte und vor ihrem Kommen nach Mittelerde in den Gärten Lóriens in Valinor gelebt hatte. Geboren wurde sie in den Jahren der Bäume, und sie wuchs in den Buchenwäldern von Neldoreth auf, innerhalb jenes Gürtels aus Zauber und Schatten, den ihre Mutter um das Reich gelegt hatte. Sie zählte damit zu den Sindar Beleriands und hat das Licht der Zwei Bäume nie mit eigenen Augen gesehen. Ihre Herkunft ist gleichwohl eine doppelte: Von Melian kam ihr Anteil an einer Macht, die den Eldar sonst nicht zu Gebote stand, und die Quellen führen ihre Kunst des Gesangs und der Verzauberung ausdrücklich auf dieses mütterliche Erbe zurück.

Der Name Lúthien ist ihr Geburtsname aus dem Hause ihres Vaters; die Texte deuten ihn nicht aus. Erklärt wird dagegen der Beiname Tinúviel, den ihr Beren gab, als er sie zum ersten Mal in der Dämmerung des Waldes tanzen sah, ohne ihren wirklichen Namen zu kennen. Das Wort bezeichnet im Sindarin die Nachtigall und meint wörtlich die Tochter der Dämmerung; die deutsche Überlieferung gibt es meist mit „Nachtigall“ wieder. Aus beiden Formen setzt sich die im Ersten Zeitalter geläufige Doppelnennung Lúthien Tinúviel zusammen. Die Chronisten fügen ihr sonst keine Ehrentitel bei, sondern begnügen sich mit dem Urteil über ihre Schönheit, das in der Überlieferung zum festen Bestandteil ihres Namens geworden ist.

Der Name blieb noch im Dritten Zeitalter lebendig, und zwar über den Kreis der Elben hinaus. Auf der Wetterspitze trug Streicher den Hobbits einen Teil der Geschichte von Beren und Tinúviel vor, in einer Fassung, die aus dem elbischen Lied ins Westron übertragen war; das setzt eine bis dahin ungebrochene Weitergabe des Stoffes voraus. Die Erzählung von Aragorn und Arwen im Anhang berichtet zudem, dass Aragorn beim ersten Zusammentreffen mit Arwen Undómiel sie in seiner Verwirrung mit eben jenem Beinamen anredete, weil sie ihm wie die Gestalt aus dem Lied erschien. Mit Melian war ein Erbe der Ainur in die Linie der Kinder Ilúvatars eingegangen, das die späteren Chroniken bei den Halbelben ausdrücklich weiterverfolgen.

Geschichte

Die Überlieferung berichtet von Lúthien erst ausführlich, als nach der Dagor Bragollach die Ordnung Beleriands zerbrach und Beren, der letzte Überlebende seines Hauses in Dorthonion, nach langer Flucht durch die Schattenberge in das verborgene Reich seines künftigen Schwiegervaters gelangte. Ihre Begegnung in den Wäldern blieb zunächst ohne Zeugen; erst Daeron, der Spielmann Thingols, der selbst um sie warb, brachte die Sache vor den König. Beren wurde nach Menegroth geführt, und Thingol, der einen Sterblichen als Schwiegersohn nicht dulden wollte, setzte einen Brautpreis fest, den er für unerfüllbar hielt: einen der Silmaril aus der eisernen Krone Morgoths. Melian erkannte sogleich, dass ihr Gemahl mit diesem Wort das Schicksal Doriaths an das Werk der Feanor-Söhne gebunden hatte. Jahreszahlen nennt der veröffentlichte Text für diese Vorgänge nicht; die Ereignisse sind nur in ihrer Folge und im Verhältnis zu den großen Schlachten geordnet.

Beren zog nach Süden und suchte Hilfe in Nargothrond bei Finrod Felagund, den ein alter Eid an das Haus Barahirs band. Als Celegorm und Curufin das Volk gegen das Unternehmen aufbrachten, legte Finrod die Krone nieder und ging mit einer kleinen Schar; auf der Insel Tol-in-Gaurhoth wurden sie von Sauron gefangen genommen. In Doriath erfuhr Lúthien durch die Voraussicht ihrer Mutter von Berens Gefangenschaft. Als sie das Reich verlassen wollte, verriet Daeron sie zum zweiten Mal, und Thingol ließ ihr in den Zweigen der Buche Hírilorn ein Haus errichten, aus dem sie sich schließlich mit einem selbstgewebten Mantel aus Schatten und Schlaf befreite. Auf dem Weg nach Norden fanden Celegorm und Curufin sie und brachten sie nach Nargothrond, wo man sie festhielt: Den Mantel nahm man ihr ab, und weder das Tor noch ein Wort mit anderen als den beiden Brüdern wurde ihr erlaubt.

Aus dieser zweiten Gefangenschaft half ihr Huan, der Jagdhund Celegorms, der sich gegen seinen Herrn entschied und sie nordwärts trug. Vor der Brücke von Tol-in-Gaurhoth stellte sie sich dem Herrn der Insel entgegen; Sauron sandte seine Wölfe, und zuletzt trat er selbst in Wolfsgestalt an, doch Huan bezwang ihn. Lúthien forderte die Herrschaft über den Turm für sich, und Sauron gab sie preis und entwich in Fledermausgestalt. Die Verliese öffneten sich, Beren wurde befreit, Finrod jedoch war zuvor bei seiner Verteidigung umgekommen. Auf dem Rückweg holten die beiden Feanor-Söhne die Gefährten ein; Curufins Pfeil traf Beren, der sich vor Lúthien geworfen hatte, und sie heilte ihn mit ihrer Kräuterkunde.

Berens Versuch, sie zurückzulassen und allein nach Angband zu gehen, scheiterte; sie folgte ihm, und beide nahmen die Gestalt der Feinde an, er die Wolfshaut Draugluins, sie die Flügelhaut der Fledermausbotin Thuringwethil. Am Tor hielt Carcharoth Wache, den Morgoth eigens dazu aufgezogen hatte; Lúthien warf die Verkleidung ab und zwang ihn mit ihrem Wort in den Schlaf. Vor dem Thron trat sie als Sängerin auf, entschwand den Blicken und sang ein Lied, unter dem der ganze Hof erlag: Morgoth sank von seinem Sitz, und die eiserne Krone rollte fort. Beren schnitt mit dem Messer Angrist einen Silmaril heraus; beim Griff nach dem zweiten brach die Klinge, ein Splitter traf den Schlafenden, und die Flucht begann. Am Ausgang riss Carcharoth Beren die Hand samt dem Stein ab, und nur Thorondor und seine Adler brachten die Verwundeten an die Grenzen Doriaths.

Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.

Schicksal

Nach Berens Genesung — er trug seither den Beinamen Erchamion, der Einhändige — kehrten beide nach Menegroth zurück, und Thingol gab seinen Widerstand auf. Doch der Wolf trug den Silmaril in sich und verwüstete rasend die Wälder, sodass die Jagd auf ihn unvermeidlich wurde. Huan tötete Carcharoth und starb an seinen Wunden; Beren wurde tödlich verletzt und starb in Lúthiens Armen. Ihr Geist entfloh, und ihr Leib lag unverwelkt zurück; sie kam in die Hallen des Mandos, wo sie vor dem Richter der Toten ein Lied sang, das die Trauer der Elben und der Menschen ineinanderflocht. Mandos wurde davon bewegt, Manwe holte den Ratschluss Ilúvatars ein, und Lúthien erhielt die Wahl zwischen einem Dasein in Valinor ohne Beren und der Rückkehr nach Mittelerde unter dem Los der Sterblichen. Sie entschied sich für das zweite.

Die zurückgekehrten Eheleute lebten auf der Insel Tol Galen im Fluss Adurant in Ossiriand, und das Land umher hieß fortan Dor Firn-i-Guinar, das Land der Toten, die leben; dort wurde ihr Sohn Dior geboren. Als die Zwerge von Nogrod Thingol wegen des Nauglamír erschlagen hatten, in den der Silmaril eingesetzt worden war, überfiel Beren die heimziehende Schar an der Furt Sarn Athrad und gewann das Kleinod zurück. Die Chronik hält fest, dass Lúthien den Halsschmuck mit dem Silmaril trug und dass außerhalb des Reiches der Valar nie ein schönerer Anblick gewesen sei. Kurz darauf endete die zweite, kurz bemessene Lebensspanne der beiden; Dior übernahm Kette und Stein und mit ihnen das Erbe Doriaths, das er an seine Tochter Elwing weitergab. Über sie und Earendil gelangte der Silmaril an den Himmel und die Linie Lúthiens zu den Halbelben.

Rolle und Fähigkeiten

Innerhalb des Legendariums steht Lúthien an der Stelle, an der zwei Linien der Überlieferung zusammenlaufen: die Geschichte der Silmaril, die seit dem Eid Feanors nur Verlust und Blutschuld hervorgebracht hatte, und die Geschichte der Menschen, die erst wenige Generationen zuvor nach Beleriand gekommen waren. Ihr Unternehmen ist das einzige, das einen der Steine tatsächlich aus Morgoths Krone löste, und es gelang dort, wo die Heere der Noldor in offener Feldschlacht nichts ausgerichtet hatten. Zugleich begründete ihre Ehe die erste Verbindung der Eldar mit den Edain, deren Folgen die Chronisten bis in die Geschlechter der Halbelben hinein festhalten. Die Quellen behandeln sie deshalb weniger als Herrscherin — ein Amt hat sie in Doriath nie geführt — denn als handelnde Kraft in einem Geschehen, das sonst von Königen und Schlachten bestimmt wird.

Ihre Macht ist durchweg eine des Wortes und der Stimme. Sie bindet und löst: Sie legt Schlaf auf Wächter und Widersacher, sie schwächt die Kraft, mit der Sauron die Steine seines Turmes zusammenhielt, sie hebt Verzauberungen auf und heilt Wunden und Gift mit Kräuterkunde. Waffen führt sie nirgends; kein Text schreibt ihr einen Schwertstreich oder eine Wunde zu, die sie geschlagen hätte. Wo Gewalt nötig ist, tritt Huan an ihre Stelle — gegen Sauron in Wolfsgestalt ebenso wie später gegen Carcharoth —, und dass sie zweimal, in Doriath und in Nargothrond, gegen ihren Willen festgehalten wurde, zeigt die Reichweite dieser Kunst ebenso deutlich wie ihre Erfolge.

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Schicksal

Auch die großen Wirkungen bleiben begrenzt. Der Schlaf, in den ihr Lied Morgoth versenkte, hielt nur so lange, wie die Flucht dauerte; den Untergang, den Thingols Forderung über Doriath heraufbeschworen hatte, konnte sie nicht abwenden, und sie hat weder Beren noch Huan vor dem Tod bewahrt. Vor Mandos erzwang ihr Gesang nichts, sondern bewegte allein; das Urteil selbst lag bei anderen, und was sie erlangte, wurde ihr nur um den Preis einer Wahl gewährt, die ihr das Los der Eldar für immer nahm. Die Chronik hält als Ergebnis fest, dass sie als einzige der Elben wirklich gestorben und aus der Welt geschieden ist, sodass ihre Verwandten ihr nicht folgen können.

Verwandtschaft, Gefährten und Gegner

Das Verhältnis zu ihren Eltern ist in den Quellen als Gegensatz zweier Haltungen angelegt. Thingol begegnete seiner Tochter mit einer Zuneigung, die zugleich Anspruch war: Er hielt sie im Reich zurück, wies ihre Werber ab und griff zum Mittel des Gewahrsams, als sie ihm zu entgleiten drohte. Melian dagegen widersprach ihm offen, sagte ihm die Folgen seiner Forderung voraus und stellte sich zwischen die Sache ihrer Tochter und den Willen des Königs, ohne selbst Zwang zu üben. Als Lúthien nach Berens Los fragte, gab die Königin ihr Auskunft und hielt sie nicht auf. Der Vorbehalt beider gegen den Sterblichen blieb bestehen, doch nach der Rückkehr aus dem Norden nahm Thingol ihn in sein Haus auf.

Unter denen, die ihr auf dem Weg begegneten, steht Huan als einziger auf gleicher Höhe: Ihm war zugemessen, dreimal mit Worten zu sprechen, und zwei dieser Male galten ihrer Sache; sein Rat und seine Entscheidung gegen den eigenen Herrn machten das Unternehmen überhaupt erst möglich. Daerons Zuneigung dagegen schlug in Aufsicht um, und nach ihrem Fortgang verlor Doriath seinen Spielmann, der über die Berge nach Osten ging und dort in der Klage um sie blieb. Celegorm und Curufin verbanden Begehren mit Berechnung und dachten sie über den Kopf ihres Vaters hinweg in ihr Haus zu zwingen. Ihren beiden großen Gegnern trat sie nie mit Waffen entgegen; Sauron wie Morgoth ließen sich auf sie ein, weil sie in ihr keine Gefahr sahen, und beide unterlagen nicht einer Übermacht, sondern der Verkennung dessen, was ihr Wort vermochte.

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Schicksal

In den Aufzeichnungen der Dúnedain erscheint sie schließlich weniger als handelnde Person denn als Anfang einer Verwandtschaft: Über Dior und Elwing führt die Linie zu Earendil und dessen Söhnen Elros und Elrond und damit sowohl zum Königshaus von Númenor als auch zum Hause von Bruchtal. Für Elrond ist sie eine Vorfahrin, deren Entscheidung in der eigenen Familie wiederkehrte, denn die Halbelben mussten je für sich wählen, welchem Volk sie zugerechnet werden wollten. Am deutlichsten wird die Verbindung bei Arwen Undómiel, in der ihr Volk die Gestalt Lúthiens wiedergekehrt sah und die zuletzt dieselbe Wahl traf, mit demselben Preis der Trennung — diesmal für den Vater, der über das Meer ging.

Entwürfe und Fassungen

Die älteste erhaltene Prosafassung des Stoffes, die Erzählung von Tinúviel, weicht in fast allen Einzelheiten ab. Ihre Eltern heißen dort Tinwelint und Gwendeling, das Waldreich trägt den Namen Artanor, der Feind im Norden heißt Melko, und sie selbst wird allein Tinúviel genannt; die Form Lúthien fehlt noch ganz. Beren ist in diesem Text kein Sterblicher, sondern ein Elb aus dem Volk der Noldoli und Sohn Egnors, sodass die Verbindung zweier Geschlechter, die den späteren Fassungen ihr Gewicht gibt, überhaupt nicht zur Frage steht. Dairon, der spätere Spielmann Daeron, ist hier ihr Bruder. Die Rolle des Kerkermeisters, die später Sauron zufällt, spielt Tevildo, der Fürst der Katzen, in dessen Küchen Beren Knechtsdienst leisten muss; Huan erscheint als Anführer der Hunde, und die alte Feindschaft zwischen Katzen und Hunden trägt die Handlung. Nach der Rückkehr aus den Hallen des Mandos wohnen beide nicht in Ossiriand, sondern in Hisilómë, in einem Land, das nach den Toten benannt ist, die wieder leben.

Die Gestalt, die der veröffentlichten Erzählung nahekommt, entsteht in der unvollendeten Verserzählung, dem Lied von Leithian, an dem Tolkien Ende der zwanziger Jahre arbeitete und das mitten in der Begegnung am Tor von Angband abbricht. Hier ist Beren ein Mensch und Sohn Barahirs — ein Wechsel, der schon in der knappen Gesamtübersicht der Mythologie vollzogen ist —, und an die Stelle des Katzenfürsten tritt Thû, der Nekromant und Herr der Wölfe, aus dem später Sauron wurde. Der Fürst von Nargothrond führt in diesen Texten noch den Namen Inglor Felagund und gilt als Sohn eines Finrod, dessen Name erst später auf den Sohn überging. Nach Abschluss des Herrn der Ringe setzte Tolkien das Lied noch einmal neu an, kam aber nur wenige Gesänge weit. Eine Jahreszählung liefern erst die annalistischen Texte, die der Herausgeber des veröffentlichten Bandes weitgehend beiseiteließ; sie datieren das Ende der beiden auf das Jahr 503 des Ersten Zeitalters.

Adaptionen

Lúthien ist bis heute in keiner Verfilmung als handelnde Figur besetzt worden. Der Grund liegt in der Überlieferungslage der Rechte: Verfilmt wurden allein „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ samt Anhängen, während die ausführliche Erzählung von Beren und Lúthien zum Silmarillion gehört, der nicht Teil der lizenzierten Werke ist. Die Adaptionen erreichen sie deshalb nur an jenen wenigen Stellen, an denen ihr Name im Herrn der Ringe selbst fällt, und stets aus zweiter Hand — als Lied, als Auskunft, als Vergleich. Eine Darstellerin gibt es folglich nicht, ebenso wenig eine bildliche Umsetzung der Ereignisse in Angband oder in den Hallen des Mandos.

Am ausführlichsten geht Peter Jacksons Filmtrilogie auf sie ein, und zwar in der erweiterten Fassung des ersten Teils von 2001. Auf der Wetterspitze singt Aragorn dort ein Lied auf Sindarin, das unübersetzt bleibt; auf Frodos Frage nennt er Tinúviel eine Elbenfrau, die einem Sterblichen ihre Liebe schenkte, und schließt mit der Auskunft, sie sei gestorben. Gegenüber der Buchvorlage ist das eine erhebliche Verkürzung: Aus dem längeren Vortrag vor allen vier Hobbits wird ein kurzer Wortwechsel unter vier Augen, und der Silmaril, die Fahrt nach Norden und die Wahl vor Mandos entfallen vollständig. In der Kinofassung fehlt die Szene ganz. Die im Anhang berichtete erste Begegnung Aragorns mit Arwen, bei der er sie mit Lúthiens Beinamen anspricht, gehört nicht zu den verfilmten Szenen.