Name und Herkunft
Das Haus trägt den Namen seines Stammvaters, doch dieser Name ist selbst erst in Beleriand entstanden. Ursprünglich hieß der Anführer Balan; als er in den Dienst Finrod Felagunds trat, nahm er den Namen Beor an, der in der Sprache seines Volkes so viel wie „Gefolgsmann“ bedeutete. Der Name beschreibt also kein Herkommen, sondern ein Treueverhältnis, und er ging von der Person auf die ganze Sippe über. Den Beinamen „der Alte“ erhielt Beor erst später. Weil seine Leute als erste Menschen die Blauen Berge überschritten und sich den Eldar anschlossen, gilt das Haus in der Überlieferung als ältestes der Menschen und als erstes der Edain.1
Beors Volk kam aus dem Osten. Felagund stieß auf seiner Jagd in den Hügeln Ossiriands auf ihr Lager, lange bevor die Menschen von den Elben dort wussten. Er spielte ihnen auf der Harfe vor, und die Menschen hielten ihn zunächst für einen der Valar. In ihrer Sprache nannten sie ihn Nom, „Weisheit“, und seine Leute die Nomin, „die Weisen“. Felagund erlernte ihre Rede rasch und erkannte darin Spuren der Dunkelelben, mit denen die Menschen jenseits der Berge Umgang gehabt hatten. Über die fernere Geschichte ihrer Wanderung sprachen Beor und die Seinen nur ungern; es lag, so gaben sie zu verstehen, ein Schatten über dem, was sie hinter sich gelassen hatten.2
Aus Sicht der Eldar gehörte das Haus zu den Atani, dem „Zweiten Volk“, wie die Menschen auf Quenya hießen; im Sindarin lautete das Wort Edain. Daneben kannten die Elben weitere Bezeichnungen für die Menschen, etwa Hildor, die „Nachfolgenden“, und Apanonar, die „Nachgeborenen“. In Beleriand verengte sich der Name Edain allmählich auf jene drei Völker, die als Freunde der Elben galten, und unter ihnen stand das Haus Beor an erster Stelle, nach ihm folgten die Leute Marachs und das Volk Haleths. So spiegelt schon die Namensgebung des Hauses seine Stellung: Es bezeichnet sich nach einem Dienstverhältnis und wird von anderen nach seinem Vorrang in der Zeit benannt.3
Geschichte
Nach der Begegnung mit Felagund in Ossiriand zog das Volk Beors westwärts in die Lande östlich des Celon, wo die Menschen ein Lager bezogen, das seither Estolad, „das Lager“, hieß. Beor selbst blieb nicht bei ihnen, sondern ging mit Felagund nach Nargothrond und verblieb dort bis an sein Lebensende in dessen Dienst. Bald folgten die Leute Marachs, und auch sie ließen sich zunächst in Estolad nieder. Die Eldar begegneten den Neuankömmlingen keineswegs einhellig: Thingol duldete sie, verbot ihnen aber, sich in Doriath oder im Norden seines Reiches anzusiedeln, und viele Elben betrachteten die Sterblichen mit Zurückhaltung.1
Noch in Estolad kam es zum ersten Bruch innerhalb der Edain. Bereg aus dem Hause Beors und Amlach aus dem Volk Marachs sprachen offen gegen den Bund mit den Eldar und riefen dazu auf, den Krieg gegen den Dunklen Feind den Elben zu überlassen. Hinter der Unruhe standen, wie sich zeigte, Einflüsterungen Morgoths. Amlach wandte sich später reumütig ab und trat in den Dienst von Maedhros; Bereg dagegen zog mit einer großen Schar über die Berge zurück nach Eriador, und in den Überlieferungen Beleriands ist von diesen Ausgewanderten nicht mehr die Rede. Das Haus verlor damit einen erheblichen Teil seiner Leute, noch ehe es in Beleriand Wurzeln geschlagen hatte.2
Wer blieb, erhielt Land im Norden. Der größere Teil des Volkes siedelte in Ladros am Nordostrand von Dorthonion, das die noldorischen Herren des Hochlands, Angrod und Aegnor, ihnen überließen, und Boromir, ein Urenkel Beors, wurde der erste Herr dieses Gebiets. Beor starb in hohem Alter, nachdem er Felagund über vier Jahrzehnte gedient hatte; die Eldar sahen an ihm zum ersten Mal einen Menschen ohne Wunde und Krankheit an den Jahren sterben und nahmen dieses Ende mit Befremden und Trauer auf. Unter Boromirs Nachkommen, zuletzt unter Bregor und dessen Söhnen Bregolas und Barahir, hielt das Haus als Lehnsleute der Noldor die Nordgrenze Dorthonions gegenüber Ard-galen.3
Mit der Dagor Bragollach brach diese Ordnung zusammen. Das Feuer aus Angband überzog die Ebene, Dorthonion wurde überrannt, Angrod und Aegnor fielen, und mit ihnen Bregolas und ein großer Teil der Krieger des Hauses. Barahir rettete in dieser Schlacht Felagund im Moor von Serech das Leben und empfing dafür dessen Ring als Pfand ewiger Freundschaft gegenüber seiner Sippe. Während Emeldir, Barahirs Frau, die Frauen und Kinder aus dem verlorenen Land nach Süden und Westen führte, blieb Barahir mit einer kleinen Schar als Geächteter im Hochland zurück. Durch den Verrat Gorlims fand Sauron ihr Versteck; alle wurden erschlagen bis auf Beren, der zu dieser Zeit fern vom Lager war. Dorthonion aber wurde zum Taur-nu-Fuin, und das Haus Beor hatte kein eigenes Land mehr.4
Als eigenständige Herrschaft endete das Haus mit dem Verlust Dorthonions, doch sein Blut lebte in anderen Linien fort. Morwen und Rían, Töchter von Bregolas' Söhnen, heirateten Húrin und Huor aus dem Hause Hadors und wurden so zu Müttern von Túrin und Tuor; die Überlebenden vermischten sich mit dem Volk von Dor-lómin. Über Beren und Lúthien führte eine Linie zu Dior, Elwing und schließlich zu Elros und Elrond. Nach dem Ende des Ersten Zeitalters gehörten die Nachfahren der Edain zu jenen, die über das Meer nach Númenor zogen, und Elros, in dem das Geschlecht Beors fortbestand, wurde dort der erste König.5
- 1Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
- 2Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
- 3Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West; Das Silmarillion, Index of Names
- 4Das Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin; Das Silmarillion, Kap. 19, Of Beren and Lúthien
- 5Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Das Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath; Das Silmarillion, Akallabêth
Lebensweise und Eigenart
Unter den drei Völkern der Edain standen die Leute Beors den Noldor am nächsten, und die Überlieferung sagt, dass sie von ihnen auch am meisten geschätzt wurden. Sie werden als Menschen von raschem, wissbegierigem Verstand geschildert, geschickt mit den Händen, schnell im Begreifen und von langem Gedächtnis; eher als zum Spott neigten sie zum Mitgefühl. Im Äußeren unterschieden sie sich deutlich vom hochgewachsenen, meist blonden Volk Hadors: Ihr Haar war dunkel oder braun, ihre Augen grau. Diese Züge blieben erkennbar, auch als sich die Linien später vermischten, denn Túrin trug das dunkle Haar seiner Mutter aus dem Hause Beor und nicht das seiner Vatersippe.1
Was das Haus an Wissen und Fertigkeit besaß, verdankte es zu einem guten Teil dem Umgang mit den Eldar. Felagund und seine Leute unterwiesen die Neuankömmlinge in vielem, was ihnen fremd gewesen war, und die Edain lernten die Sprache der Grauelben rasch, teils um sich mit ihren Nachbarn zu verständigen, teils aus eigenem Verlangen nach der Kunde der Elben. Die eigene Rede gaben sie darüber nicht auf; sie blieb die Sprache der Häuser und Herdfeuer. Dass sich das Haus nach einem Dienstverhältnis benannte, war dabei kein bloßer Titel: Treue gegenüber dem elbischen Herrn galt ihm als Kern der eigenen Ehre, und über Generationen hinweg stellten seine Männer sich unter den Befehl der Noldor, statt eigene Reiche zu gründen.2
Am tiefsten trennte die Leute Beors von ihren Lehrmeistern das Verhältnis zur Zeit. Neben den Eldar, die nicht altern, lebten sie ein kurzes Leben, und ihr Lernen war stets ein Lernen gegen die Frist. Gerade darin lag ein Teil ihrer Eigenart: Was sie empfingen, gaben sie in wenigen Generationen weiter, und ihr Gedächtnis hielt die Bande zu den Elben über den Tod der Einzelnen hinaus fest. Deutlich wird das am Ring, den Felagund Barahir schenkte. Er wurde nicht als Beutestück verwahrt, sondern als Zeichen jener Freundschaft weitergereicht, und noch im Dritten Zeitalter zählte er zu den Erbstücken der Nachfahren Isildurs.3
Linien und Zweige innerhalb des Hauses
Eine Gliederung in eigene Stämme mit eigenen Namen, wie sie das Volk Haleths kannte, überliefert der Text für das Haus Beor nicht; er unterscheidet vielmehr die Linie der Herren und die Zweige, die sich von ihr abspalteten. Solange Beor in Nargothrond lebte, führte sein älterer Sohn Baran das Volk in Estolad. Von Baran leitete sich auch jener Zweig her, der das Haus verließ, denn Bereg war ein Enkel Barans. Die Herrschaft ging dagegen über Boromir an dessen Sohn Bregor weiter. Mit Bregors Söhnen gabelte sich die Linie ein letztes Mal: Bregolas war der ältere, Barahir der jüngere, und beide Zweige nahmen einen sehr verschiedenen Weg.1
Bregolas hatte zwei Söhne, Baragund und Belegund. Nach dem Tod ihres Vaters schlossen sie sich ihrem Onkel an und gehörten zu der kleinen Schar Barahirs, die in Dorthonion aushielt; mit ihm fanden sie dort auch den Tod. Fortgeführt wurde der ältere Zweig daher nur durch ihre Töchter: Morwen war Baragunds Kind, Rían das Belegunds, und durch ihre Ehen ging diese Linie, wie oben erzählt, im Hause Hadors auf. Der jüngere Zweig hing zuletzt an einem einzigen Mann, Barahirs Sohn Beren. Durch ihn gelangte das Blut Beors nicht in ein anderes Menschenhaus, sondern in die Linie der Halbelben. So endete das Haus nicht in einer eigenen Herrschaft, sondern in zwei Erbfolgen, die beide über die Grenzen der eigenen Sippe hinausführten.2
Rolle in der Erzählung
Im „Silmarillion“, das die Ereignisse fast durchweg aus der Sicht der Eldar berichtet, ist das Haus Beor die Tür, durch die die Menschen in das Buch treten. Das Kapitel über ihre Ankunft erzählt sie nicht aus ihrer eigenen Erinnerung, sondern als Entdeckung: Ein elbischer König findet Fremde an einem Feuer, und der Leser sieht sie mit seinen Augen. Die Menschen erscheinen so zunächst als Rätsel, als Lernende ohne eigene Überlieferung, deren Herkunft im Dunkeln bleibt. Auch die Sterblichkeit betritt die Erzählung auf diesem Weg, nicht als Lehrsatz, sondern als Erfahrung der Elben, die zum ersten Mal zusehen, wie einer der Ihren vergeht.1
Erzählerisch trägt das Haus vor allem das Motiv der gegenseitigen Bindung zwischen den Völkern. Was in Ossiriand als Dienstverhältnis beginnt, kehrt in der Geschichte von Beren als Verpflichtung in umgekehrter Richtung zurück: Felagund löst sein Versprechen gegenüber Barahirs Sippe ein, verlässt sein Reich und geht mit Beren in die Gefangenschaft Saurons, aus der er nicht zurückkehrt. Die Treue, nach der sich das Haus benennt, erweist sich damit als Band, das beide Seiten verpflichtet. Zugleich braucht die Geschichte der Silmaril an dieser Stelle einen Sterblichen, und Beren liefert ihn; mit Lúthiens Entscheidung, sein Los zu teilen, werden die Wege von Elben und Menschen zum ersten Mal unauflöslich verknüpft.2
Im „Herrn der Ringe“ ist das Haus nur noch als Erinnerung gegenwärtig, doch gerade dort zeigt sich, wofür es steht. Auf der Wetterspitze erzählt Streicher den Hobbits die Geschichte von Beren und Lúthien und gibt dabei zu verstehen, dass sie zu seiner eigenen Vorgeschichte gehört. Die Anhänge greifen das Muster in der Geschichte von Aragorn und Arwen erneut auf, deren Wahl der Lúthiens nachgebildet ist. Das Erste Haus der Edain wirkt so als Ursprung einer Wiederholung: Was in Beleriand zum ersten Mal geschah, bleibt bis ans Ende des Dritten Zeitalters Maßstab und Deutungsrahmen.3
Entwürfe und Varianten
In den frühesten Fassungen der Legenden gab es das Haus Beor noch nicht, und auch sein berühmtester Sohn gehörte einem anderen Volk an. In der Erzählung von Tinúviel aus der Zeit der „Verschollenen Geschichten“ ist Beren kein Mensch, sondern ein Gnom, wie Tolkien die Noldor damals nannte, und sein Vater heißt Egnor, ein Jäger und Waldläufer. Die Verbindung von Elbin und Sterblichem, die später den Kern der Geschichte ausmacht, fehlt hier also. Erst im Lay of Leithian wird Beren zum sterblichen Menschen und zum Sohn Barahirs. Damit war eine menschliche Sippe nötig, aus der er stammen konnte, und aus diesem Bedürfnis der Erzählung heraus wuchs in den folgenden Quenta-Fassungen allmählich das Haus, das sich nach Beor benennt.1
Die Genealogie des Hauses war lange kürzer, als sie im veröffentlichten Text erscheint. In den späten Überarbeitungen der Erzählung von der Ankunft der Menschen dehnte Tolkien die Geschlechterfolge und passte sie der Zeitrechnung an, und erst dort erhielt Beor einen eigenen früheren Namen. Unter den späten Schriften steht außerdem ein Text, der dem Haus eine Stimme gibt, die im „Silmarillion“ fehlt: das Gespräch zwischen Finrod und Andreth, einer weisen Frau aus dem Volk Beors, die Aegnor liebte. Darin geht es um den Tod der Menschen und um die Frage, ob er von Anfang an zu ihrem Wesen gehörte. Andreth deutet an, dass ihr Volk eine dunkle Erinnerung an eine frühe Schuld mit sich trägt. So erhält das Schweigen der Beor-Leute über ihre Herkunft in den Entwürfen einen Hintergrund, den die edierte Fassung offenlässt.2