Was für ein Buch es ist

Der Hobbit gliedert sich in neunzehn Kapitel von überschaubarer Länge, deren Titel jeweils eine Station der Reise benennen und dem Buch seinen episodischen, fast folgenhaften Charakter verleihen. Der im Titel angekündigte Bogen „Hin und zurück“ ist zugleich das strukturierende Prinzip: Ausgangspunkt und Endpunkt der Erzählung liegen am selben Ort, sodass sich die Handlung als geschlossene Kreisbewegung liest und nicht als offener Auftakt einer größeren Chronik. Kapitellänge und Erzähltempo schwanken merklich – ruhige, ausführlich geschilderte Etappen wechseln mit knapp zusammengefassten Ereignissen ab.

Erzählt wird aus auktorialer Perspektive durch eine Stimme, die sich immer wieder direkt an die Leserschaft wendet, vorausdeutet, kommentiert und gelegentlich offen einräumt, was sie selbst nicht weiß – ein Duktus, der erkennbar aus der mündlichen Vortragssituation stammt, in der Tolkien den Stoff ursprünglich seinen eigenen Kindern erzählte. Lieder und Verse sind unregelmäßig in den Fließtext eingestreut und unterbrechen die Prosa an Rastpunkten der Handlung. Der Ton bleibt über weite Strecken heiter bis ironisch-distanziert, verdüstert sich zum Ende hin jedoch merklich, sobald Gier, Krieg und Verlust in den Vordergrund treten – einen Bruch, den Tolkien selbst später als stilistisches Ungleichgewicht empfand.

Als eigenständiges Kinderbuch entworfen, besaß Der Hobbit zunächst keine bewusste Anbindung an die parallel entstehenden Erzählungen um Beleriand und die Elben; erst rückblickend wurde er zum Vorspiel des Herrn der Ringe erklärt und dafür in einzelnen Punkten – am auffälligsten im Kapitel über Gollums Ring – überarbeitet, um beide Werke widerspruchsfrei zu verzahnen. Innerhalb des veröffentlichten Legendariums markiert er damit den Einstiegspunkt, an dem die Leserschaft erstmals mit den Hobbits, dem Auenland und weiten Teilen Mittelerdes bekannt gemacht wird, noch bevor deren größere mythologische Tiefe sichtbar wird.

Entstehung und Veröffentlichung

Tolkien erfand die Geschichte in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren zunächst für seine eigenen Kinder, denen er sie über längere Zeit in mündlichen Etappen erzählte, bevor er sie schriftlich festhielt. Rückblickend berichtete er selbst von dem beiläufigen Ursprung des berühmten ersten Satzes über das Loch in der Erde, den er spontan auf ein leeres Blatt notiert habe, während er Prüfungsarbeiten seiner Schüler korrigierte. Das Manuskript blieb danach über Jahre unvollendet liegen und wurde nur gelegentlich weitergeführt, ohne dass Tolkien zunächst an eine Veröffentlichung dachte.

Erst durch Zufall gelangte eine getippte Fassung der unfertigen Erzählung in den Wirkungskreis des Verlags George Allen & Unwin, wo sie wohlwollend gelesen und dem Verleger empfohlen wurde; nach einer positiven Einschätzung, an der auch eine junge Testleserschaft aus dem Umfeld des Verlagshauses beteiligt war, drängte man Tolkien, den Text abzuschließen. Er ergänzte daraufhin die noch fehlenden Kapitel und lieferte das fertige Buch aus, versehen mit eigenen Illustrationen, einer Schutzumschlag-Zeichnung sowie zwei von ihm selbst entworfenen Karten.

Der Hobbit erschien 1937 bei George Allen & Unwin in London und fand rasch Anklang, sodass die erste Auflage noch im selben Jahr nachgedruckt werden musste; für die amerikanische Ausgabe, die im folgenden Jahr bei Houghton Mifflin in Boston herauskam, wurden mehrere von Tolkiens Schwarz-Weiß-Zeichnungen um farbige Tafeln ergänzt. Das Buch war ursprünglich als in sich geschlossene Erzählung konzipiert und stand zum Zeitpunkt seines Erscheinens in keinem angekündigten Zusammenhang mit einem Folgewerk.

Mit dem Fortschreiten der Arbeiten am Herrn der Ringe erwies sich vor allem die Schilderung von Bilbos Fund des Rings als nicht mehr vereinbar mit der inzwischen entwickelten Bedeutung des Einen Rings, sodass Tolkien für eine zweite Auflage 1951 das Kapitel „Rätsel im Dunkeln“ überarbeitete: Gollums Verhalten und seine Darstellung des Verlustes wurden dem später erzählten wahren Hergang angeglichen. Die ursprüngliche, mildere Fassung wurde dabei nicht getilgt, sondern innerhalb der erzählten Welt selbst als Bilbos beschönigte, nicht ganz wahrheitsgemäße Version der Ereignisse erklärt.

Eine weitere, insgesamt geringfügigere Textrevision folgte 1966 im Zuge einer neuen amerikanischen Ausgabe, für die Tolkien einzelne Formulierungen und Detailangaben nochmals durchsah, um sie mit dem inzwischen abgeschlossenen Herrn der Ringe stimmig zu halten. Diese dritte Fassung bildet bis heute die Grundlage der meisten späteren Neuauflagen und Übersetzungen.

Aufbau und Gliederung

Für die Orientierung im erzählten Raum stellte Tolkien dem Buch zwei selbst gezeichnete Karten zur Seite: Thrors Karte, die zu Beginn abgedruckt ist und neben der gewöhnlichen Beschriftung auch Mondrunen trägt, die im Text erst unter bestimmten Lichtverhältnissen lesbar werden, sowie eine Übersichtskarte des Wilderlands am Ende des Bandes, die den zurückgelegten Weg im Ganzen zeigt. Beide Karten sind nicht als nachträgliches Beiwerk zu verstehen, sondern als Bestandteil der Erzählung selbst, auf den im Fließtext ausdrücklich Bezug genommen wird. Auch der Schutzumschlag der Erstausgabe trägt am Rand ein Runenband, das Titel, Verfasser und Verlag in der im Buch verwendeten Runenschrift wiedergibt und schon vor der ersten Seite auf das Thema der verborgenen Schrift einstimmt.

Anders als der später erschienene Herr der Ringe, der durch einen Prolog eingeleitet und am Ende um umfangreiche Anhänge, ein Namensregister und Stammtafeln ergänzt wird, beginnt Der Hobbit unmittelbar mit dem ersten Kapitel und endet ohne solches Beiwerk; das Buch bildet einen einzigen fortlaufenden Erzählstrang aus neunzehn Kapiteln, deren Titel zugleich das einzige Inhaltsverzeichnis darstellen. Diese Titel benennen überwiegend Orte, Gegenstände oder Situationen und keine Personen, sodass sich schon aus der Kapitelfolge eine grobe geografische Reiseroute ablesen lässt, ohne dass Einzelheiten der Handlung vorweggenommen würden. In den deutschen Übersetzungen wurde diese Kapitelstruktur durchweg beibehalten, lediglich die Überschriften selbst wurden neu übertragen, sodass sich Leser auch über Ausgaben und Sprachen hinweg an derselben neunzehnteiligen Gliederung orientieren können.

Die zahlreichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, mit denen Tolkien seinen Text illustrierte, sind nicht in einem gesonderten Bildteil gesammelt, sondern jeweils in unmittelbarer Nähe der Kapitel eingefügt, die sie bebildern, sodass Karte, Bild und Erzählung im Druckbild eng aufeinander bezogen bleiben. Diese enge Verzahnung von Text und Bildapparat unterscheidet die Erstausgabe von späteren, stärker aufgeteilten Buchformaten und macht deutlich, dass Tolkien das Buch von Anfang an auch als gestaltetes Ganzes plante, nicht nur als reinen Lesetext, dessen Bebilderung sich beliebig hätte auslagern lassen.

Stellung im Legendarium

Innerhalb der erzählten Chronologie Mittelerdes liegt Der Hobbit vergleichsweise spät: Die Ereignisse um Bilbo, Thorin und den Einsamen Berg fallen, wie die im Herrn der Ringe nachgetragene Zeittafel festhält, in die letzten Jahrzehnte des Dritten Zeitalters – viele Jahrtausende nach dem Untergang Beleriands und den Geschehnissen, die später im Silmarillion erzählt werden sollten. Als Buch bildet er dennoch den eigentlichen Ausgangspunkt des veröffentlichten Legendariums, denn er erschien vor jedem anderen zu Lebzeiten Tolkiens gedruckten Werk über Mittelerde. Für die erste Leserschaft war er damit das einzige Fenster in diese Welt, lange bevor deren ältere mythologische Schichten überhaupt zugänglich wurden.

Kenntnis jener älteren Schichten setzt Der Hobbit dabei nicht voraus: Er kommt ohne Wissen um Valar, Beleriand oder die Sprachgeschichte der Elben vollständig aus und funktioniert als in sich verständliche Erzählung. Gleichwohl ragen einzelne Fäden aus der zu jener Zeit noch unveröffentlichten Mythologie hinein. Die in einem Trollhort gefundenen Schwerter Orkrist und Glamdring werden in Bruchtal ausdrücklich als Beute aus dem gefallenen Gondolin benannt, und Elrond wird als Nachfahre jener untergegangenen Welt vorgestellt. Solche Anspielungen bleiben unerklärt, verankern das Buch aber lose in einem größeren geschichtlichen Hintergrund, den es selbst nicht ausbreitet.

An anderen Stellen weicht die im Hobbit gezeichnete Welt von der Gestalt ab, die sie in späteren Texten annahm. Am folgenreichsten ist die Figur des Nekromanten, dessen Festung am Rand des Düsterwalds zunächst als vage, kaum ausgeführte Bedrohung erscheint und erst im Herrn der Ringe rückwirkend als Sauron selbst identifiziert wird. Auch Duktus und Erscheinungsbild der Zwerge, Trolle und Spinnen liegen erkennbar näher am Märchenton als an der gehobeneren Diktion, in der dieselbe Welt später beschrieben wird. Die im Herrn der Ringe nachgereichte Geschichte von Durins Volk gleicht solche Spannungen nachträglich aus, ohne dass der ursprüngliche Text des Hobbit dafür selbst verändert worden wäre.

In der kanonischen Schichtung des Legendariums nimmt Der Hobbit dieselbe Stellung ein wie der Herr der Ringe: Beide sind noch zu Lebzeiten Tolkiens veröffentlicht und bilden damit dessen gesicherte, autorisierte Schicht, während die eng verwandte Mythologie der Älteren Tage erst postum durch Christopher Tolkien im Silmarillion herausgegeben wurde. Tolkien selbst beschrieb das Verhältnis der beiden Bücher rückblickend so, dass der scheinbar beiläufig entstandene Kinderroman sich im Nachhinein als Zugang zu einem sehr viel älteren, längst in Entwürfen bestehenden Geschichtsgebäude erwiesen habe – und nicht umgekehrt aus diesem abgeleitet worden sei.

Aufnahme und Wirkung

Nach dem Erscheinen 1937 fand Der Hobbit rasch ein Publikum, das über die als Kinderbuch angelegte Zielgruppe hinausging; Tolkien erinnerte sich später selbst daran, wie sehr das Buch auch von erwachsenen Lesern geschätzt wurde, obwohl Verlag und Buchhandel es eindeutig der Kinderliteratur zuordneten. Gerade diese Einordnung führte dazu, dass manche Leser, die das Buch allein in dieser Kategorie wahrgenommen hatten, später überrascht oder befremdet reagierten, als sich ein weitreichenderer Zusammenhang mit einer sehr viel umfangreicheren erzählten Welt andeutete.

Der rasche Erfolg des Buches veranlasste den Verlag Allen & Unwin bereits kurz nach der Veröffentlichung, bei Tolkien eine Fortsetzung anzufragen; in seiner Korrespondenz mit dem Verlag äußerte Tolkien zunächst Zurückhaltung, da ihm der Stoff um Bilbo mit dem Ende der Erzählung erschöpft schien, ließ sich jedoch auf die Bitte ein, weiteres Material über Hobbits und ihre Welt vorzulegen. Aus diesen ersten, noch unverbindlichen Entwürfen entwickelte sich in der Folge das weit umfangreichere Werk, das später als Der Herr der Ringe erschien – einen Zusammenhang, den Tolkien rückblickend selbst als unmittelbare Folge der Aufnahme des Hobbit beschrieb.