Herkunft, Wesen und Namen

Als um das Jahr 1000 des Dritten Zeitalters der Schatten in Mittelerde wieder zu wachsen begann, erschienen aus dem Westen über das Meer die Istari, die die Menschen Zauberer nannten. Gandalf war einer von ihnen: ein scheinbar alter Mann in grauem Gewand, der nie an einem Ort blieb, sondern rastlos durch die westlichen Lande zog und weder Reichtum noch Herrschaft suchte. Unter den Weisen stand er den Elben am nächsten; Círdan, der Herr der Grauen Anfurten, erkannte bei seiner Ankunft, was in ihm verborgen war, und vertraute ihm insgeheim Narya an, den Dritten der Elbenringe. Ungewöhnlich für einen der Weisen war zudem seine Zuneigung zum Auenland, dessen Bewohner ihn vor allem als Urheber kunstvoller Feuerwerke kannten und seine tiefere Bedeutung lange nicht ahnten.

Seinem Wesen nach war Gandalf kein Mensch, sondern ein Maia, ein Geist aus der Schar jener Mächte, die vor Anbeginn der Welt in den Dienst der Valar traten. In Valinor trug er den Namen Olórin, der mit dem Wortstamm für Traum und Geistesbild zusammenhängt; er wohnte in den Gärten Lóriens, ging aber oft zu Nienna, von der er Mitleid und Geduld lernte.

Seine vielen Namen spiegeln die Weite seiner Wanderungen: Nach eigener Auskunft hießen ihn die Elben Mithrandir, den Grauen Pilger, die Zwerge Tharkûn, im Süden nannte man ihn Incánus, im Norden Gandalf, und Olórin sei er in seiner Jugend im vergessenen Westen gewesen — nur in den Osten sei er nie gegangen. In Rohan trug er den Beinamen Greyhame nach seinem grauen Mantel; Théoden empfing ihn in dunkler Stunde unwirsch als Sturmkrähe, weil er stets mit schlimmen Zeiten zu kommen schien, und Gríma Schlangenzunge legte ihm höhnisch den Namen Láthspell bei, das heißt böse Botschaft. Dass hinter dem grauen Wanderer mehr stand, als diese Spottnamen ahnen ließen, blieb den meisten, die ihm begegneten, lange verborgen.

Geschichte

Sein Weg nach Mittelerde begann in Valinor. Unter den Elben des Westens wandelte der Maia, der später Gandalf heißen sollte, oft ungesehen oder in elbischer Gestalt und legte ihnen weise Gedanken und schöne Bilder ins Herz. Als die Valar im Dritten Zeitalter beschlossen, Boten zu entsenden, die den Widerstand gegen Sauron wecken sollten, fiel die Wahl auch auf ihn, obwohl er sich für zu schwach hielt und seine Furcht vor Sauron offen eingestand — gerade darin sah Manwe einen Grund, ihn zu schicken. Er traf als Letzter der Abgesandten ein und wirkte geringer als die übrigen, doch Círdan maß ihm den größten Geist unter ihnen bei.

Um das Jahr 1000 des Dritten Zeitalters erreichte er als einer der Istari die Grauen Anfurten. Círdan, der in ihm den größten Geist unter den Abgesandten erkannte, vertraute ihm heimlich Narya an, den Ring des Feuers, damit er die Herzen der Bedrängten entflammen könne. Anders als Saruman und Radagast nahm Gandalf keinen festen Wohnsitz, sondern durchwanderte rastlos die westlichen Lande. Im Jahr 2063 ging er nach Dol Guldur, worauf die dort verborgene Macht nach Osten wich und der Wachsame Friede begann. 2850 drang er erneut in die Festung ein, gewann Gewissheit, dass ihr Herr der wiedererstarkte Sauron war, und fand den sterbenden Thráin, der ihm Karte und Schlüssel des Erebor übergab. Im Jahr darauf drängte er im Weißen Rat auf einen Angriff, wurde jedoch von Saruman überstimmt.

Im Jahr 2941 brachte Gandalf die Fahrt zum Erebor in Gang: Er führte Thorin Eichenschild und seine zwölf Gefährten in Bilbo Beutlins Haus in Beutelsend und empfahl den verdutzten Zwergen den Hobbit als Meisterdieb für ihren Zug gegen den Drachen Smaug. Er begleitete die Gesellschaft über die Nebelberge, wo er sie aus den Höhlen der Orks befreite, verließ sie aber am Rand des Düsterwaldes. Denn im selben Jahr griff der Weiße Rat auf sein Betreiben endlich Dol Guldur an, worauf Sauron die Festung räumte — freilich nach eigenem Plan, um bald darauf in Mordor offen hervorzutreten. Rechtzeitig zur Schlacht der Fünf Heere kehrte Gandalf zum Erebor zurück und geleitete Bilbo anschließend heim ins Auenland.

In den folgenden Jahrzehnten wuchs sein Argwohn gegen den Ring, den Bilbo auf jener Reise gefunden hatte. Bei Bilbos Abschiedsfest im Jahr 3001 bewegte er den alten Hobbit dazu, das Kleinod zurückzulassen — das erste Mal, dass ein Ringträger freiwillig darauf verzichtete. Seine Nachforschungen führten ihn zu Isildurs Aufzeichnungen in Minas Tirith und, mit Aragorns Hilfe, zu dem gefangenen Gollum. Im April 3018 kehrte er nach Hobbingen zurück: Die Feuerprobe machte die verborgene Schrift sichtbar und bewies, dass Frodo den Einen Ring verwahrte; Gandalf riet ihm zur Flucht nach Bruchtal. Im Sommer folgte er einer Einladung Sarumans nach Isengard, wo dieser seinen Verrat offenbarte und ihn auf dem Orthanc gefangen setzte. Am 18. September trug ihn der Adler Gwaihir davon; in Rohan gewann er das Pferd Schattenfell.

Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.

Schicksal

Nach Elronds Rat am 25. Oktober 3018 wurde Gandalf zum Führer der Gemeinschaft des Rings, die Bruchtal am 25. Dezember verließ. Als der Übergang über den Caradhras scheiterte, wählte er widerstrebend den Weg durch Moria. Dort trat er am 15. Januar 3019 auf der Brücke von Khazad-dûm einem Balrog entgegen, um den Gefährten den Ausweg zu sichern, und stürzte mit dem Feind in den Abgrund. Ihr Kampf führte aus der Tiefe bis auf die Spitze des Zirakzigil, wo Gandalf den Balrog niederwarf, dann aber selbst starb. Er wurde zurückgesandt, da seine Aufgabe unvollendet war; Gwaihir trug ihn nach Lothlórien, und Anfang März trat er Aragorn, Legolas und Gimli im Wald von Fangorn als Gandalf der Weiße entgegen.

Im Ringkrieg wurde er zum treibenden Geist des Widerstands: Er löste Théoden aus der Umklammerung durch Sarumans Einflüsterungen, erschien im Morgengrauen mit Erkenbrands Truppen vor Helms Klamm und brach nach dem Sieg Sarumans Stab am Orthanc. Mit Pippin ritt er nach Minas Tirith und trug die Verteidigung der belagerten Stadt; am Tag der Schlacht auf den Pelennor-Feldern stand er am zerborstenen Tor dem Fürsten der Nazgûl gegenüber und rettete wenig später Faramir vor dem Scheiterhaufen des verzweifelten Denethor. Als Bevollmächtigter des Westheeres verhandelte er am 25. März vor dem Morannon, und nach der Vernichtung des Rings holte er Frodo und Sam mit den Adlern aus dem untergehenden Mordor. Am 1. Mai 3019 setzte er Aragorn die Krone auf; damit war sein Auftrag erfüllt. Am 29. September 3021 verließ er Mittelerde von den Grauen Anfurten aus mit dem letzten Schiff der Ringträger — und trug Narya nun offen an der Hand.

Rolle und Kräfte

Innerhalb des Legendariums ist Gandalf als Anstifter und Ratgeber angelegt, nicht als Machthaber. Nach der Zeittafel des Dritten Zeitalters erscheint er um das Jahr 1000 mit den übrigen Zauberern in Mittelerde, und anders als diese bindet er sich an keinen festen Ort, sondern wandert von Volk zu Volk. Er bringt Thorins Fahrt zum Erebor in Gang, indem er Bilbo Beutlin als vierzehnten Gefährten vorschlägt, und er ist es, der Jahrzehnte später die wahre Natur von Bilbos Ring erkennt. Im Ringkrieg wirkt er als Bindeglied zwischen Elben, Menschen, Zwergen und Hobbits: Er führt die Gemeinschaft des Rings und drängt die Freien Völker zum Handeln, ohne selbst über sie gebieten zu wollen.

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Schicksal

Seine sichtbaren Kräfte kreisen um Feuer und Licht: vom Feuerwerk im Auenland über das Entzünden nassen Holzes im Schneesturm am Caradhras bis zu Blitz und Flamme im Gefecht. Er trägt das alte Schwert Glamdring und stellt sich auf der Brücke von Khazad-dûm dem Balrog entgegen; den langen Zweikampf, der sich daraus entwickelt, beendet er siegreich, bezahlt ihn aber mit dem Leben. Zurückgesandt als Gandalf der Weiße, tritt er mit größerer Vollmacht auf: Er zerbricht Sarumans Stab und löst Théoden aus dessen Einflüsterungen. Verborgen trägt er überdies Narya, den Ring des Feuers, dem die Kraft zugeschrieben wird, Herzen gegen Verzagtheit und Erschöpfung zu stärken.

Diesen Kräften sind enge Grenzen gesetzt. Schon die Zeittafel hält fest, dass es den Zauberern verwehrt war, Saurons Macht mit gleicher Macht zu begegnen oder Elben und Menschen durch Furcht und Zwang zu beherrschen. Der posthum edierte Essay über die Istari führt dies weiter aus: Als tatsächlich verkörperte Maiar unterliegen sie Hunger, Müdigkeit und Furcht, sie können irren und getötet werden — Gandalfs Tod nach dem Balrog-Kampf ist wirklich, und seine Rückkehr geschieht nicht aus eigener Kraft, sondern durch ein Eingreifen von höherer Seite. Bezeichnend ist schließlich seine Selbstbeschränkung: Den Einen Ring, den Frodo ihm anbietet, weist er zurück, weil dessen Macht gerade über sein Mitleid den Weg zu ihm fände.

Beziehungen

Die auffälligste Bindung Gandalfs ist seine Freundschaft mit den Hobbits, eine unter den Weisen einzigartige Neigung, die ihm bei manchen den Ruf eines Sonderlings einträgt. Über Jahrzehnte verkehrt er im Auenland, und aus dieser Vertrautheit erwachsen die beiden Entscheidungen, die das Dritte Zeitalter mitbestimmen: Er drängt Bilbo Beutlin in das Abenteuer vom Erebor, und er wird später Frodos wichtigster Ratgeber, als er die wahre Natur von Bilbos Ring erkennt. Dass er das Unscheinbare ernst nimmt, wo andere nur auf die Mächtigen blicken, kennzeichnet seine ganze Art zu wirken.

Unter den Großen Mittelerdes steht Gandalf in einem weit gespannten Netz von Bündnissen. Círdan von den Grauen Anfurten erkennt bei seiner Ankunft seinen Rang und vertraut ihm Narya an, den Ring des Feuers; mit Elrond von Bruchtal und Galadriel verbindet ihn die gemeinsame Arbeit im Weißen Rat gegen den wachsenden Schatten. Besonders eng ist sein Verhältnis zu Aragorn, den er lange vor dem Ringkrieg kennt: Der Zauberer und der Waldläufer, den die Breeländer nur als Streicher kennen, arbeiten über Jahre zusammen, etwa bei der Jagd nach Gollum, und Gandalf stützt Aragorns Weg zum Königtum bis zuletzt.

Seine Gegnerschaften zeichnen die Figur ebenso scharf. Sauron ist der eigentliche Feind, dem Gandalf jedoch nie im offenen Zweikampf entgegentritt; er bekämpft ihn, indem er den Widerstand der freien Völker weckt und lenkt. Schmerzhafter ist der Bruch mit Saruman, dem Haupt seines eigenen Ordens: Aus Misstrauen wird Verrat, als Saruman ihn auf dem Orthanc gefangen setzt, weil er selbst nach dem Einen Ring greifen will. Gerade dieser Gegensatz erhellt Gandalfs Wesen — wo Saruman Herrschaft sucht, lehnt Gandalf den Ring ab, als Frodo ihn ihm anbietet, aus Furcht davor, was die Macht aus ihm machen würde.

Gandalf in Adaptionen

In den Verfilmungen wurde Gandalf von mehreren Darstellern verkörpert. Im Zeichentrickfilm von Rankin/Bass (1977, Der Hobbit) sprach John Huston die Figur, in Ralph Bakshis Animationsfilm (1978) William Squire. In Peter Jacksons Realverfilmungen des Herrn der Ringe (2001–2003) und des Hobbits (2012–2014) spielte Ian McKellen den Zauberer; für seine Darstellung in Die Gefährten wurde er für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert. In der deutschen Synchronfassung lieh Joachim Höppner Gandalf in der Ringe-Trilogie die Stimme, nach Höppners Tod übernahm Eckart Dux die Rolle in den Hobbit-Filmen. Im Hörspielbereich sprach Michael Hordern die Figur in der BBC-Produktion von 1981, in der deutschen WDR-Fassung von 1992 Manfred Steffen.

Die Filmfassungen weichen an mehreren Stellen belegbar von der Vorlage ab. Jacksons Die Gefährten zeigt die Auseinandersetzung zwischen Gandalf und Saruman im Orthanc als offenes Zauberduell, während das Buch die Gefangensetzung nur in Gandalfs Bericht vor Elronds Rat schildert. In der erweiterten Fassung von Die Rückkehr des Königs zerbricht der Hexenkönig vor den Toren von Minas Tirith Gandalfs Stab — eine Szene ohne Entsprechung im Roman. Die Hobbit-Trilogie wiederum verlegt Handlungsstränge, die im Buch nur angedeutet und erst in den Anhängen des Herrn der Ringe umrissen werden, direkt auf die Leinwand, darunter Gandalfs Nachforschungen in Dol Guldur und das Eingreifen des Weißen Rates.