Name und Herkunft
Der Name Istari stammt aus dem Quenya und bedeutet sinngemäß „die Kundigen“ oder „die Weisen“; er geht auf eine Wurzel zurück, die schlicht „wissen“ bezeichnet. In der Gemeinsprache Mittelerdes wurde diese Bezeichnung mit „Wizards“ wiedergegeben, im Deutschen entsprechend mit „Zauberer“ – eine Übertragung, die eher auf verborgenes Wissen und Weisheit zielt als auf Zauberkunst im engeren Sinne. Unter den Menschen des Nordens war daneben auch die schlichtere Bezeichnung „die Weisen“ gebräuchlich, ohne dass ihre eigentliche Herkunft dabei bekannt gewesen wäre.
In den Aufzeichnungen der Weisen erscheint der Orden auch unter dem Namen „Heren Istarion“, dem „Orden der Zauberer“ – eine Bezeichnung, die ihre gemeinsame, von den Valar zugewiesene Aufgabe betont. Im Sindarin wurde ein einzelnes Mitglied als „Ithron“ bezeichnet, die Mehrzahl als „Ithryn“; so gingen die beiden Zauberer, die nach Osten zogen, als „Ithryn Luin“, die „Blauen Zauberer“, in die Überlieferung ein – ein Beiname, der sich vermutlich auf ihre Kleidung oder ihr Erscheinungsbild bezog. Diese Namen verweisen zugleich auf die wahre Natur des Ordens: Anders als es ihre Gestalt als hochbetagte Männer nahelegte, waren die Istari keine sterblichen Weisen, sondern Maiar im Dienst der Valar, die aus Valinor über das Meer nach Mittelerde kamen. Der Name spiegelt damit auch ihre zugedachte Funktion wider: Sie sollten als Ratgeber und Vermittler von Wissen auftreten, nicht als Krieger oder Herrscher.
Wie andere Boten der Valar traten sie nicht in ihrer eigentlichen Erscheinung auf, sodass ihre wahre Abstammung den meisten Bewohnern Mittelerdes verborgen blieb; nur wenige Weise unter den Elbenherrschern erkannten oder ahnten, welcher Art diese Wanderer wirklich waren. Die Bezeichnung „Istari“ blieb daher weitgehend den Gelehrten und Loremeistern vorbehalten, die um ihre Herkunft aus dem Geschlecht der Maiar wussten, während sich unter dem einfachen Volk der schlichtere Name „Zauberer“ einbürgerte. So verweisen die verschiedenen Namen des Ordens zugleich auf unterschiedliche Grade des Wissens um seine wahre Natur.
Geschichte
Die Aussendung der Istari fällt in die Frühzeit des Dritten Zeitalters, in eine Epoche, da über Düsterwald zum ersten Mal ein Schatten aufzog und sich Gerüchte von einer neuen, verborgenen Macht im Osten mehrten. Nachdem die Valar nach dem Untergang Númenors keine offene Gewalt mehr gegen Sauron einsetzen wollten, sandten sie stattdessen Boten aus dem Geschlecht der Maiar über das Meer, um Mittelerde auf leisere Weise beizustehen. Diese kamen einzeln, in der Gestalt hochbetagter Wanderer, über die Grauen Anfurten an Land und traten von dort aus ihre getrennten Wege ins Land an.
In den ersten Jahrhunderten ihres Wirkens zerstreuten sich die Ankömmlinge über weite Teile des Landes. Saruman, der als Erster erschien, zog zunächst weit nach Osten, bevor er sich schließlich in Isengart niederließ und den Turm Orthanc zu seinem Sitz machte. Gandalf hingegen nahm nie einen festen Wohnsitz, sondern wanderte rastlos zwischen den Freien Völkern umher, schloss Freundschaft mit Elben, Zwergen und Menschen und mied dabei bewusst Macht und Besitz. Radagast wiederum zog sich früh aus den größeren Angelegenheiten Mittelerdes zurück und ließ sich in Rhosgobel am Rande Düsterwalds nieder, wo er sich fortan den Vögeln und Tieren des Waldes widmete.
Um das Jahr 2463 des Dritten Zeitalters bildete sich der Weiße Rat, ein Bündnis der Weisen aus Elben und Zauberern, das die wachsende Bedrohung im Süden Düsterwalds beobachten und ihr entgegenwirken sollte. Zu seinem Haupt wurde Saruman gewählt, obgleich Galadriel ihn lieber Gandalf übertragen hätte; Gandalf selbst lehnte den Vorsitz jedoch ab, was den Grundstein zu einer stillen Rivalität zwischen den beiden Zauberern legte. Unter der Führung des Rates gelang es, jene dunkle Festung in Dol Guldur anzugreifen und ihren namenlosen Herrn, den man später als Sauron selbst erkannte, für einige Zeit aus seinem Versteck zu vertreiben.
In den Jahrzehnten danach wandte sich Saruman heimlich der Erforschung der Ringe der Macht zu, angetrieben von einem Verlangen, das ihn zunehmend von seinem eigentlichen Auftrag entfernte. Als im Jahr 3018 des Dritten Zeitalters offenbar wurde, dass er den Einen Ring für sich selbst begehrte, ließ er Gandalf, der ihn in Isengart aufgesucht hatte, auf der Spitze Orthancs gefangen setzen. Erst mit Hilfe des Adlers Gwaihir gelang Gandalf die Flucht, und von diesem Zeitpunkt an stand der einst mächtigste unter den Istari offen gegen den Rat, dem er einst vorgestanden hatte.
Über die beiden Zauberer, die einst in den fernen Osten Mittelerdes gezogen waren, verlieren sich die Überlieferungen weitgehend; ihre späteren Wege blieben den Weisen des Westens verborgen. In den Aufzeichnungen finden sich zwei einander widersprechende Berichte über ihr weiteres Schicksal: Nach dem einen scheiterten sie an ihrem Auftrag und wurden selbst zu Begründern geheimer Kulte der Zauberei unter den östlichen Völkern; nach dem anderen wirkten sie im Verborgenen erfolgreich gegen Saurons Einfluss in jenen Ländern und trugen so, ohne dass man es im Westen wusste, zum Ausgang des Krieges bei. Welcher dieser Berichte zutrifft, ließ sich den überlieferten Quellen zufolge nicht mehr sicher entscheiden.
Gandalf allein unter den Istari erfüllte seinen Auftrag bis zum Ende: Nach seinem Fall im Kampf gegen den Balrog in Moria im Jahr 3019 wurde er als Gandalf der Weiße zurückgesandt und übernahm faktisch die Stellung, die einst Saruman innegehabt hatte, als Führer des Widerstands gegen Sauron im Krieg um den Ring. Saruman selbst, seiner Macht in Isengart beraubt, endete wenig später im Auenland, wohin er sich nach seinem Sturz geflüchtet hatte. Mit dem Ende des Dritten Zeitalters schiffte sich Gandalf zusammen mit den letzten Ringträgern von den Grauen Anfurten aus über das Meer ein, während über den Verbleib Radagasts und der beiden östlichen Zauberer nichts weiter bekannt wurde – womit die Geschichte des Ordens in Mittelerde zu ihrem Abschluss kam.
Lebensweise und Wirken
Äußerlich verkörperten sich die Istari als betagte Wanderer mit grauem oder weißem Haar, die sich auf Stäbe stützten und deren wahre Kräfte den meisten verborgen blieben. Diese Gestalt war ihnen von den Valar auferlegt und band sie zugleich: Sie sollten Hunger, Müdigkeit und Schmerz wie sterbliche Wesen erfahren und ihren Leib der Erschöpfung, ja selbst dem Tod aussetzen, um zu begreifen, worunter die Bewohner Mittelerdes litten. Aus derselben Auflage erwuchs ein strenges Verbot: Sie durften weder ihre eigentliche Macht offen entfalten noch andere durch Furcht oder Zwang zur Gefolgschaft nötigen, sondern hatten allein durch Rat, Überzeugung und das Wecken von Mut und Hoffnung zu wirken. Wer diese Schranke überschritt, verließ damit den eigentlichen Sinn seiner Sendung.
Innerhalb dieser gemeinsamen Beschränkung entfaltete jeder der Istari eigene Neigungen und Fertigkeiten, die schon seinem Wesen vor der Ankunft in Mittelerde entsprachen. Gandalf zeigte eine Vorliebe für Feuer und für das Mitgefühl mit den Geringen und Bedrängten, wanderte darum bevorzugt unter kleinen Völkern wie den Hobbits umher und ließ sich nirgends dauerhaft nieder. Saruman hingegen galt als der Kundigste in den Künsten der Hand und des Werkzeugs, in Metallarbeit und Bauwerk – eine Begabung, die ihn später zur Erforschung der Ringschmiedekunst und zum Aufbau der Werke von Isengart trieb. Radagast wiederum wandte sich früh der Sprache der Vögel und Tiere zu und lebte im Einklang mit den Geschöpfen des Waldes, statt sich um die großen Angelegenheiten der Freien Völker zu kümmern.
In ihrem Verhältnis zu Tod und Zeit unterschieden sich die Istari sowohl von den Elben als auch von den sterblichen Völkern Mittelerdes. Ihre gewählte Gestalt alterte nur sehr langsam, sodass sie über Jahrhunderte hinweg nahezu unverändert als hochbetagte Männer erschienen, ohne doch der eigentlichen Vergänglichkeit der Menschen zu unterliegen. Zugleich war ihr Leib verletzlich und sterblich: Wurde er zerstört, so bedeutete dies nicht notwendig das Ende ihres Wesens, sondern ihr Geist blieb den Valar verantwortlich, die über eine Rücksendung entscheiden konnten – ein Grundsatz, der sich am Schicksal Gandalfs bestätigte. In ihrer Lebensweise blieben sie zudem stets Fremde unter den Völkern, die sie berieten: Sie nahmen bereitwillig Sprache, Sitten und Gastfreundschaft der jeweiligen Gegend an, traten dabei aber gewöhnlich bescheiden, ja bedürftig auf und verzichteten so aus freien Stücken auf jene Ehrerbietung, die ihrer wahren Herkunft eigentlich zugestanden hätte.
Untergliederung des Ordens
Innerhalb des Ordens der Istari zeichnete sich schon bald nach ihrer Ankunft eine Unterscheidung durch Farben ab, mit denen die Bewohner Mittelerdes die drei im Westen wirkenden Zauberer belegten: Saruman galt als der Weiße, Gandalf als der Graue und Radagast als der Braune. Diese Bezeichnungen waren keine Titel, die den Trägern von den Valar verliehen worden wären, sondern Namen, die sich aus ihrem jeweiligen Auftreten und Wirken in Mittelerde selbst ergaben. Weil Saruman als Erster der Fünf nach Mittelerde kam und sich in den folgenden Jahrhunderten eingehender als die übrigen mit dessen Geschicken befasste, wurde er von den anderen als der Älteste und dem Rang nach Erste des Ordens anerkannt.
Dieser Vorrang begründete jedoch keine tatsächliche Befehlsgewalt über die übrigen Mitglieder des Ordens: Weder Gandalf noch Radagast waren Saruman untergeben, und jeder der Istari blieb in seinem Wirken eigenständig. Gerade daraus erwuchs später jene Spannung, die sich zeigte, als Gandalf sich Sarumans Anspruch auf unbedingten Vorrang widersetzte, obwohl dessen Stellung als Erster des Ordens unbestritten war.
Die beiden übrigen Istari bildeten demgegenüber einen eigenen, vom westlichen Zweig des Ordens getrennten Teil: Im Sindarin als Ithryn Luin, die „Blauen Zauberer“, bezeichnet, trugen sie die Namen Alatar und Pallando. Sie zogen gemeinsam mit Saruman gen Osten, gingen dort jedoch eigene Wege und kehrten den westlichen Landen nicht wieder zurück; über ihr weiteres Wirken drang so gut wie nichts in die Überlieferungen der Weisen des Westens. Weder dem Weißen Rat noch den Angelegenheiten der drei übrigen Istari standen sie je zur Seite, sodass ihr Zweig des Ordens von den bekannten Ereignissen des Dritten Zeitalters weitgehend unberührt blieb.
In der Erzählung
Innerhalb der Erzählung fungieren die Istari als jener Prüfstein, an dem sich die Frage entscheidet, wie Macht in Mittelerde gebraucht werden darf. Anders als der Eine Ring, der Herrschaft durch Zwang verspricht, treten die Zauberer als Gegenentwurf auf: Ihr Auftreten als schwache, alternde Gestalten, die auf den guten Willen anderer angewiesen bleiben, macht sie zu einer Verkörperung jener Überzeugung, dass wahre Führung nicht aus Beherrschung, sondern aus Rat und Ermutigung erwächst. Gerade weil Gandalf äußerlich unscheinbar bleibt, wirkt sein Wort unter Königen, Hobbits und Zwergen gleichermaßen glaubwürdig – seine Autorität beruht auf Vertrauen, nicht auf Furcht.
Zugleich dient der Orden als erzählerischer Gegenpol zueinander: Saruman und Gandalf, aus derselben Sendung hervorgegangen und mit denselben Gaben ausgestattet, entwickeln sich zu Spiegelbildern, an denen sich zeigt, wie dieselbe Freiheit zu grundverschiedenen Wegen führen kann. Wo Saruman Wissen in Herrschaft und Maschinenwerk ummünzt und sich am Ende selbst dem Ring verfällt, den er eigentlich bekämpfen sollte, bewahrt Gandalf gerade durch Verzicht auf Macht seine Wirksamkeit – ein Kontrast, der dem Buch seine zentrale Warnung vor dem Streben nach Kontrolle eingibt, wie sie Frodo und Galadriel in eigenen Szenen ausdrücklich reflektieren.
In der Gesamtkomposition des Werkes bilden die Istari überdies ein Bindeglied zwischen den großen, unpersönlichen Mächten – Valar, Sauron, die alten Kräfte der Welt – und dem Handeln einzelner, kleiner Gestalten wie der Hobbits. Gerade weil ein Zauberer sich herabbeugt, um Bilbo oder Frodo auf ihren Weg zu bringen, erhält die Vorstellung Gewicht, dass auch die Geringen im Kampf gegen Sauron eine tragende Rolle spielen können; die Istari verleihen damit dem Gedanken erzählerisches Gewicht, dass Vorsehung und Mut oft in unscheinbarer Gestalt wirken.
Entwürfe und Varianten
In den späten Notizen, die Christopher Tolkien unter dem Titel „Last Writings“ in Die Völker Mittelerdes veröffentlichte, kehrte sein Vater in den letzten Jahren seines Lebens noch einmal zur Gestalt der Istari zurück und rührte dabei an Fragen, die der Essay in den Nachrichten aus Mittelerde bereits geklärt erscheinen ließ. Diese Aufzeichnungen zeigen, dass die theologische Einordnung des Ordens als verkörperte Maiar und die genauen Umstände ihrer Aussendung noch in Bewegung waren, lange nachdem Der Herr der Ringe in seiner endgültigen Form vorlag – ein Hinweis darauf, wie spät und wie zögerlich sich dieser Teil des Legendariums festigte.
Am deutlichsten zeigt sich diese Unsicherheit an den beiden Zauberern, die nach Osten zogen: Während der Text in den Nachrichten aus Mittelerde ihnen die Namen Alatar und Pallando gibt und ihre Aussendung wie die der übrigen Istari ins frühe Dritte Zeitalter legt, nennt Tolkien sie in den späten Notizen der Völker Mittelerdes stattdessen Morinehtar und Rómestámo und lässt sie schon im Zweiten Zeitalter in den Osten aufbrechen, um dort dem Einfluss Saurons unter den östlichen Völkern entgegenzuwirken. Namensgebung und zeitlicher Rahmen dieser beiden Fassungen widersprechen einander, und Tolkien hat sie zu Lebzeiten nicht mehr miteinander in Einklang gebracht.