Was für ein Buch das ist

Nachrichten aus Mittelerde ist keine Erzählung, sondern eine Sammlung. Christopher Tolkien legte 1980 Texte vor, die sein Vater über Jahrzehnte begonnen, umgearbeitet und liegen gelassen hatte, geordnet in vier Teile, die den Zeitaltern folgen: Erstes Zeitalter, Zweites Zeitalter, Drittes Zeitalter und ein Anhang zu Sachfragen. Was die Stücke verbindet, ist nicht ein Handlungsbogen, sondern ihr gemeinsamer Zustand — sie sind unfertig, teils mitten im Satz abgebrochen, teils in mehreren nebeneinanderstehenden Fassungen erhalten. Der Herausgeber sagt in seiner Einleitung selbst, dass das Buch sich darin grundlegend von der geglätteten Erzählform des Silmarillion unterscheidet: Widersprüche und Varianten bleiben stehen, statt zugunsten einer Fassung getilgt zu werden.

Daraus folgt die eigentümliche Doppelstimme des Bandes. Auf der einen Seite steht Tolkiens erzählende Prosa, oft in großer Ausführlichkeit und in einem Ton, der dem der veröffentlichten Werke nahekommt; auf der anderen steht der Kommentar des Herausgebers, der datiert, einordnet, Lücken benennt und offenlegt, wo eine Entscheidung getroffen werden musste. Neben den Erzählungen finden sich Stücke, die eher Abhandlung als Geschichte sind — Ausführungen zu Drúedain, Palantíri und Istari etwa, die weniger einen Vorgang schildern als einen Sachverhalt darlegen. Anmerkungen stehen dabei nicht am Rand, sondern tragen einen erheblichen Teil des Inhalts; wer sie überspringt, liest das halbe Buch.

Der Adressat ist entsprechend nicht der Erstleser. Das Buch setzt Der Herr der Ringe voraus, in wesentlichen Teilen auch das Silmarillion, und richtet sich an Leser, die wissen wollen, wie das Erzählte zustande kam und woran es hing. Im Gefüge des Legendariums steht es damit zwischen den abgeschlossenen Werken und den späteren Entwurfsbänden der History of Middle-earth: näher am fertigen Text als diese, aber ohne deren vollständige Dokumentation der Entstehungsstufen. Für die Enzyklopädie hat das eine praktische Folge — Angaben aus diesem Band gelten als posthum ediert und tragen dort, wo die veröffentlichten Werke schweigen, das Gewicht einer autorisierten, aber nicht letztgültigen Auskunft.

Entstehung und Veröffentlichung

Die Stücke des Bandes sind über gut drei Jahrzehnte hinweg entstanden, und keines von ihnen wurde für eine Sammlung geschrieben. Die Erzählung von Tuors Weg nach Gondolin datiert der Herausgeber auf 1951; sie bricht ab, kurz nachdem Tuor die Stadt erreicht hat, und wurde nie wieder aufgenommen. Die lange Fassung der Geschichte von Húrins Kindern beschäftigte Tolkien in mehreren Anläufen, ohne dass ein durchgehender Text zustande kam — was vorliegt, sind ausgearbeitete Abschnitte neben Partien, die nur skizziert blieben. Am anderen Ende der Zeitspanne stehen Arbeiten aus späteren Jahren: die Geschichte von Aldarion und Erendis, deren Ausgang nur noch in knapper Zusammenfassung erhalten ist, und die Ausführungen zu Galadriel und Celeborn, die Tolkien mehrfach umwarf, ohne zu einer Entscheidung zu gelangen.

Ein zweiter Strang führt unmittelbar in die Arbeit am Herrn der Ringe und an dessen Anhängen. Der Bericht über die Beratung in Bree, aus der die Fahrt zum Erebor hervorging, entstand im Umkreis dieser Arbeit und fand dort keinen Platz mehr; ähnlich verhält es sich mit der Darstellung von Saurons Suche nach dem Ring, die Bewegungen und Zeitpunkte ausbuchstabiert, die der Roman nur andeutet. Die Ausführung über die Istari geht in ihrem Kern auf 1954 zurück, als Tolkien an einem Register zum Herrn der Ringe arbeitete, das in dieser Form nicht zustande kam. Diese Texte sind also nicht Vorstufen, sondern Ausläufer eines abgeschlossenen Werks — Erläuterungen, die über den Rand der Veröffentlichung hinauswuchsen.

Die Sammlung erschien 1980 bei George Allen & Unwin in London und bei Houghton Mifflin in Boston, drei Jahre nach dem Silmarillion. Christopher Tolkien erläutert in der Einleitung, dass die Entscheidung zur Veröffentlichung ihm nicht leichtfiel: Material dieser Art fordert vom Leser Geduld und gibt ihm zugleich weniger, als eine fertige Erzählung geben würde. Seine Lösung bestand darin, die Texte so weit wie möglich unangetastet zu lassen und die Verantwortung für jeden Eingriff sichtbar zu machen — durch datierende Vorbemerkungen zu jedem Stück, durch Anmerkungen, die Fassungsunterschiede benennen, und durch ein umfangreiches Register. Hinzu kam eine Karte, die gegenüber der des Herrn der Ringe um Orte ergänzt ist, die erst in diesen Texten eine Rolle spielen.

Die deutsche Ausgabe folgte 1983 bei Klett-Cotta unter dem Titel Nachrichten aus Mittelerde. Am Textbestand hat sich seither nichts Wesentliches geändert; spätere Auflagen und illustrierte Ausgaben geben dieselbe Zusammenstellung wieder, sodass die Kapitel- und Anmerkungszählung von 1980 zitierfähig bleibt. Eine Fortsetzung anderer Art fand das Buch jedoch darin, dass Christopher Tolkien einzelne seiner Bestandteile später erneut vornahm: Die Geschichte von Húrins Kindern legte er 2007 als eigenständigen Band vor, zusammengesetzt aus demselben Material, aber zu einer fortlaufenden Erzählung geführt; die Tuor-Erzählung erschien 2018 wieder, diesmal eingebettet in die Reihe aller Fassungen vom Fall Gondolins. Was 1980 als Rest galt, wurde damit teilweise zum Ausgangspunkt neuer Bücher.

Aufbau und Inhalt

Teil Eins, dem Ersten Zeitalter gewidmet, enthält nur zwei Stücke, beide von erheblichem Umfang: die Erzählung von Tuor und seiner Ankunft in Gondolin und die „Narn i Hîn Húrin“, die Geschichte von Húrins Kindern in ihrer ausgeführten Fassung. Der Narn ist ein Anhang beigegeben, in dem der Herausgeber die nicht ausgearbeiteten Partien durch Zusammenfassungen, alternative Ansätze und Bruchstücke überbrückt, sodass der Handlungsgang trotz der Lücken verfolgbar bleibt. Teil Zwei, das Zweite Zeitalter, ist der ungleichmäßigste Abschnitt des Bandes: Er beginnt mit einer Beschreibung der Insel Númenor, die Lage, Klima, Häfen und Landstriche ordnet wie ein geografischer Bericht und nicht wie eine Geschichte; darauf folgt die Erzählung von Aldarion und Erendis; dann „Die Linie Elros“, eine Reihe der Könige mit Regierungsdaten und knappen Bemerkungen zu jedem Namen; und zuletzt der lange Abschnitt über Galadriel und Celeborn, dem mehrere Anhänge angefügt sind — über Amroth und Nimrodel, über die Waldelben und ihre sindarischen Fürsten, über den Elessar und über die Namen der beiden.

Teil Drei versammelt fünf Stücke aus dem Dritten Zeitalter. Das erste behandelt Isildurs Untergang auf den Schwertelfeldern und den Verlust des Rings im Anduin; das zweite, „Cirion und Eorl“, ist selbst in Abschnitte gegliedert und führt von den Nordmenschen und den Wagenfahrern über Eorls Ritt bis zum Bündnis, das Gondor und Rohan auf dem Halifirien schlossen. Es folgen der Bericht über die Beratung, aus der die Fahrt zum Erebor hervorging, die Darstellung von Saurons Suche nach dem Ring und schließlich die Schlachten an den Furten des Isen, denen ein Anhang über die Heeresordnung der Rohirrim beigegeben ist. Teil Vier verlässt die Erzählform: Die drei Abschnitte über die Drúedain, die Istari und die Palantíri legen Sachverhalte dar, ordnen Namen und klären Zusammenhänge, die anderswo nur vorausgesetzt werden; einzig im Abschnitt über die Drúedain steht mit der Geschichte vom treuen Stein eine kurze eingelagerte Erzählung.

Wer sich im Band zurechtfinden will, muss die Anordnung des Beiwerks kennen. Jedem Stück geht eine Vorbemerkung des Herausgebers voraus, die es datiert und den Zustand der Handschrift beschreibt; die Anmerkungen stehen nicht unter dem Text, sondern gesammelt am Ende des jeweiligen Stücks und sind pro Text neu durchgezählt. Anhänge gehören dabei stets zu einem einzelnen Abschnitt, nicht zum Buch als Ganzem — es gibt keinen allgemeinen Anhangteil, sondern nur an Ort und Stelle angehängte Erläuterungen. Am Schluss steht ein Register, das nicht bloß Fundstellen nachweist, sondern viele Einträge mit kurzen Bestimmungen versieht und Namensformen zueinander in Beziehung setzt. Aus dieser Bauweise ergibt sich die übliche Zitierweise: Man verweist auf Teil, Stück und Anmerkungsnummer, nicht auf die Seiten einer bestimmten Auflage.

Stellung im Legendarium

Ein Teil dessen, was heute als gesichertes Wissen über Mittelerde gilt, steht ausschließlich in diesem Band. Dass die Zauberer fünf waren, dass sie über das Meer kamen und zwei von ihnen in den Osten zogen und dort aus dem Blick geraten, wird nirgends sonst ausgeführt; ebenso wenig, wie viele der sehenden Steine es gab, wo sie standen und welchen Beschränkungen ihr Gebrauch unterlag. Die wilden Waldmenschen des Drúadan-Waldes und die verwitterten Steinbilder am Weg nach Dunharg werden hier als ein Volk kenntlich, dessen Spur bis nach Beleriand zurückreicht. Und die Chronologie Númenors — Regierungsjahre, Abfolge und Verwandtschaft der Könige — liegt in der Reihe der Erben Elros' zum ersten Mal geschlossen vor. In all diesen Fällen füllt das Buch Leerstellen, die die veröffentlichten Werke offen lassen, ohne sie selbst als Leerstellen zu markieren.

Umgekehrt steht kaum ein Stück für sich. Der Bericht über die Vorgeschichte der Fahrt zum Erebor erzählt aus Gandalfs Blickwinkel, was der Hobbit aus Bilbos erzählt, und ergibt ohne diesen kein vollständiges Bild. Die Schlachten an den Furten des Isen setzen den Krieg voraus, den Der Herr der Ringe schildert, und beantworten Fragen, die dort gar nicht gestellt werden. Isildurs Untergang knüpft an das an, was Elrond in Bruchtal in wenigen Sätzen mitteilt; Cirion und Eorl setzen die Königsreihen und die Jahresliste der Anhänge voraus, deren dürre Einträge sie in Handlung zurückverwandeln. Das Buch ist damit weniger ein eigenes Werk als ein Kommentar zweiter Ordnung: Es antwortet auf Texte, die der Leser schon kennen muss.

An mehreren Stellen widerspricht der Band anderen Fassungen, und der Herausgeber verschweigt das nicht. Am deutlichsten betrifft das Galadriel und Celeborn: Das Silmarillion führt Celeborn als Verwandten Thingols aus Doriath, während eine späte Ausarbeitung ihn zu einem Telerin aus Aman macht, der mit Galadriel über das Meer zurückkehrte; auch über den Zeitpunkt ihres Übergangs nach Osten und über ihre Wohnsitze stehen unvereinbare Angaben nebeneinander. Ähnlich verhält es sich mit Amroths Abkunft, für die der Band selbst mehr als eine Auskunft bereithält. Das ist kein Versehen der Edition, sondern ihr Programm: Wo Tolkien nicht entschieden hat, entscheidet der Herausgeber nicht an seiner Stelle. Der Leser erhält deshalb nicht eine Antwort, sondern die Lage der Überlieferung.

Für die Enzyklopädie ergibt sich daraus eine Rangordnung, die keine Wertung ist. Der Band steht auf derselben Schicht wie das Silmarillion — von fremder Hand aus dem Nachlass hergerichtet, aber vom Verfasser selbst geschrieben. Wo er einer Angabe des Herrn der Ringe oder seiner Anhänge widerspricht, gilt die dort veröffentlichte Fassung; wo diese schweigen, trägt er allein. Wo er sich selbst widerspricht, wird nicht die scheinbar plausibelste Variante gewählt, sondern der einzelne Text mit der Datierung genannt, die der Herausgeber ihm gibt. Damit bleibt sichtbar, worauf eine Aussage beruht — auf einer Erzählung, auf einer Notiz am Rand oder auf einer Erschließung des Herausgebers.

Aufnahme und Wirkung

Der Band blieb nach der Erstausgabe dauerhaft lieferbar und wurde in beiden Sprachräumen bald auch als Taschenbuch verbreitet; die gebundenen wie die broschierten Auflagen führen den Apparat vollständig mit, also die datierenden Vorbemerkungen, die Anmerkungen, die Karte und das Register. 1998 kam eine illustrierte Ausgabe hinzu, für die Alan Lee, John Howe und Ted Nasmith Bilder beisteuerten — eine Beigabe, die den Textbestand unberührt lässt und die Gliederung nicht verändert. Spätere Neusatz-Ausgaben unterscheiden sich damit in der Ausstattung, nicht in dem, was sie enthalten.

Übersetzungen entstanden in zahlreiche Sprachen, meist erst nach der jeweiligen Fassung des Silmarillion, da der Band diese voraussetzt. Der deutsche Titel gibt das englische Wort für den unfertigen Zustand der Texte nicht wieder: „Nachrichten aus Mittelerde“ benennt statt der Beschaffenheit der Handschriften die Funktion, die das Buch für seine Leser hat — es teilt mit, was die veröffentlichten Werke offenlassen. Bei den Eigennamen hält sich die deutsche Ausgabe an die Formen, die für Der Herr der Ringe bereits eingeführt waren, sodass Bruchtal, Auenland oder Beutlin nicht neu übertragen erscheinen. Ein eigenes Problem stellte dabei der Kommentar: Er musste auch in der Übersetzung als Stimme des Herausgebers vom Text des Verfassers unterscheidbar bleiben.

In der Folgezeit ist der Band zur üblichen Fundstelle für eine Reihe von Auskünften geworden, die sich anderswo nicht belegen lassen — die Zahl und Herkunft der Istari, die Aufstellung und der Verbleib der Palantíri, die Vorgeschichte der Drúedain, die Reihe der Herrscher Númenors. Nachschlagewerke, Register und Zeittafeln späterer Ausgaben stützen sich für solche Angaben regelmäßig auf ihn. Ebenso wirkte das hier erprobte Verfahren fort: Text, datierende Vorbemerkung und offengelegter Eingriff des Herausgebers wurden zum Muster der weiteren Editionen aus dem Nachlass, die in den folgenden Jahrzehnten erschienen und den Anmerkungsapparat noch erheblich ausbauten. Dass zwei der hier gedruckten Erzählungen später als eigene Bücher erneut vorgelegt wurden, gehört in dieselbe Linie.