Herkunft und Namen
Tar-Anárion gehörte dem Geschlecht Elros' an, jener Linie der Númenórer, die sich auf Elros Tar-Minyatur zurückführte und aus der seit Beginn des Zweiten Zeitalters die Herrscher der Insel hervorgingen. Er wurde im Jahr 1003 des Zweiten Zeitalters geboren, als achtes Glied dieser Reihe, und war das Kind Tar-Ancalimes, die als erste Frau das Zepter Númenors geführt hatte. Damit stand er in einer Zeit, in der die Nachfolgeordnung der Insel eben erst neu bestimmt worden war: Die Frage, ob und wie das älteste Kind unabhängig vom Geschlecht erben solle, hatte das Königshaus in der Generation vor ihm beschäftigt und die Verhältnisse geprägt, in die er hineinwuchs.
Auch von väterlicher Seite stammte er aus dem Hause Elros'. Sein Vater war Hallacar, Sohn Hallatans, aus Hyarastorni im Mittalmar, dem binnenländischen Herzstück Númenors, und leitete seine Abkunft über Vardamir Nólimon von Elros her. In Tar-Anárion trafen mithin zwei Zweige derselben Sippe zusammen, der königliche und ein Zweig des Landadels, dessen Reichtum in Herden und Weiden lag statt in Schiffen. Die Ehe seiner Eltern verlief indes nicht friedlich; zwischen Ancalimë und Hallacar herrschte langer Zwist, und dieses Zerwürfnis bildete den häuslichen Hintergrund seiner Jugend.
Sein Name ist Quenya. Das Element „anar“ bezeichnet die Sonne, die Endung „-ion“ die Sohnschaft, sodass sich der Name etwa als „Sonnensohn“ oder „Sohn der Sonne“ verstehen lässt. Vorangestellt ist ihm der Titel „Tar-“, „hoch“, den die Herrscher Númenors bei der Übernahme des Zepters vor ihren Namen setzten, solange die Königsnamen dem Hochelbischen entnommen wurden; erst weit später wichen die Herrscher davon ab und wählten Namen in der eigenen Sprache der Insel. In verkürzter Form begegnet er schlicht als Anárion. Derselbe Name wurde im Dritten Zeitalter von Isildurs Bruder getragen, dem Mitbegründer der südlichen Reiche in Mittelerde; die beiden sind nicht zu verwechseln, auch wenn die Namensgleichheit in der Überlieferung gelegentlich Anlass zur Verwirrung gibt.
Geschichte
Die erste Hälfte von Tar-Anárions langem Leben verlief im Schatten anderer Herrscher. Als er 1003 des Zweiten Zeitalters geboren wurde, führte noch sein Großvater Tar-Aldarion das Zepter, jener Seefahrerkönig, dessen Fahrten nach Mittelerde die Insel über Jahrzehnte hinweg beschäftigt hatten; erst 1075 gab dieser die Herrschaft an seine Tochter ab. Anárion war zu diesem Zeitpunkt bereits zweiundsiebzig Jahre alt, nach númenórischem Maß jedoch kaum den Jugendjahren entwachsen, denn die Lebensspanne der Könige aus dem Geschlecht Elros' überstieg die gewöhnlicher Menschen um ein Vielfaches. Von da an war er der erwartete Erbe, doch die Herrschaft seiner Mutter dauerte länger als die irgendeines Vorgängers seit Elros selbst.
So verbrachte er mehr als zwei Jahrhunderte in der Anwartschaft. Tar-Ancalime hielt das Zepter zweihundertfünf Jahre lang, ehe sie es 1280 niederlegte; ihr Sohn war zu dieser Zeit siebenundzwanzig und zweihundert Jahre alt und damit älter, als seine Vorgänger es bei ihrem Herrschaftsantritt je gewesen waren. Fünf Jahre nach der Übergabe starb Ancalimë. Die Chroniken vermerken über diesen Wechsel nichts weiter als das Datum; ob er reibungslos vonstattenging oder von den Zerwürfnissen der vorigen Generation belastet blieb, bleibt ungesagt. Sicher ist allein, dass Anárion als achter Herrscher Númenors das Zepter empfing und es hundertvierzehn Jahre lang führte.
Seine Regierungszeit fiel in eine Epoche, die von den Annalen nicht als Zeit der Herrscher Númenors, sondern als Zeit der wachsenden Schatten in Mittelerde erzählt wird. Um das Jahr 1200 begannen die Númenórer, an den westlichen Küsten des großen Landes dauerhafte Häfen anzulegen, statt wie bisher nur zeitweilige Anlegeplätze zu unterhalten — ein Schritt, der die spätere Herrschaft der Insel über weite Küstenstriche vorbereitete. In dieselben Jahre fiel Saurons Werben um die Eldar in schöner Gestalt; Gil-galad wies ihn ab, doch die Schmiede Eregions nahmen ihn auf. Beides geschah, ehe Anárion das Zepter erhielt, und die Überlieferung berichtet von keiner Tat, mit der er in diese Vorgänge eingegriffen hätte. Sein Name steht in den Königslisten, nicht in den Jahresberichten der großen Ereignisse.
Die einzige Begebenheit seiner Herrschaft, die eigens festgehalten wurde, betrifft die Nachfolge. Anárion hatte drei Kinder; die beiden älteren waren Töchter, das jüngste ein Sohn, Súrion. Nach dem Gesetz, das Tar-Aldarion in der Generation zuvor durchgesetzt hatte, stand das Zepter dem ältesten Kind ohne Rücksicht auf das Geschlecht zu — eben jenes Gesetz, das Ancalimë überhaupt erst zur Herrscherin gemacht hatte. Doch beide Schwestern schlugen die Erbfolge aus, und so ging die Herrschaft an das dritte Kind über. Über die Beweggründe dieser Weigerung schweigen die Quellen; sie halten nur fest, dass sie erfolgte und dass Súrion darum das Zepter empfing.
Im Jahr 1394 legte Tar-Anárion das Zepter nieder und übergab es Súrion. Damit folgte er dem Brauch, den die Könige und Königinnen Númenors in den früheren Zeitaltern hielten: Solange sie noch bei Kraft und klarem Sinn waren, traten sie zurück und überließen die Herrschaft dem Erben, statt sie bis zum Tod festzuhalten. Erst viel später, als die Schatten über das Königshaus fielen, gab ein Herrscher das Zepter nicht mehr aus freien Stücken ab und starb im Amt. Anárion lebte nach seiner Abdankung noch zehn Jahre und starb 1404, im Alter von vierhundertundein Jahren. Sein Leben umspannte damit vier Jahrhunderte des Zweiten Zeitalters, von denen die Überlieferung nur wenige Daten bewahrt hat — ein Zeichen dafür, wie ruhig die Insel in diesen Jahren lag, ehe die Frage nach der Sterblichkeit die Könige zu bedrängen begann.
Rolle und Machtbefugnisse
Tar-Anárions Stellung im Werk ist eine dynastische, keine erzählte. Er begegnet allein in der annalistischen Aufzählung der Nachkommen Elros', die für jeden Herrscher wenig mehr als Abstammung, Jahreszahlen und die Weitergabe des Zepters festhält; in der zusammenhängenden Darstellung von Aufstieg und Untergang Númenors kommt sein Name nicht vor. Zwischen den ausführlich behandelten Gestalten seiner Vorfahren und den Königen der späteren Jahrhunderte gehört er zu jener Gruppe von Herrschern, über die nur die Regel, nicht die Ausnahme berichtet wird. Sein Gewicht liegt darin, dass die Reihe durch ihn fortbesteht und ordnungsgemäß weitergeht — ein Bindeglied, dessen Funktion die Überlieferung wichtiger nahm als seine Person.
Was das Amt selbst umfasste, lässt sich nur mittelbar bestimmen, da die Quellen es allgemein und nicht für ihn beschreiben. Zeichen der Herrschaft war das Zepter, nicht eine Krone; sein Empfang und seine Abgabe bilden die Eckdaten, nach denen die Regierungszeiten gezählt werden. Dem Herrscher fiel überdies eine gottesdienstliche Aufgabe zu, die niemand sonst wahrnehmen durfte: Auf dem Gipfel des Meneltarma, wo weder Gebäude noch Bildwerk standen und keine Priesterschaft bestand, sprach allein er bei den drei Festen des Jahres — dem Bittgebet im Frühling, dem Lobpreis zur Sommermitte, der Danksagung im Herbst —, während die versammelte Menge schwieg. Neben ihm stand der Rat des Zepters, dessen Zustimmung bei Änderungen des Erbrechts eingeholt wurde; die Herrschaft war also weder unbeschränkt noch formlos.
Über besondere Fähigkeiten Tar-Anárions berichtet nichts. Dem Geschlecht Elros' war lange Lebensdauer verliehen, dazu Kraft und Klarheit des Sinnes, doch keine Gewalt, die über menschliches Maß hinausginge; die Sterblichkeit blieb auch den Königen gesetzt, und der Rückzug vom Zepter zu Lebzeiten gehörte zu den Formen, in denen sie das anerkannten. Zwei feste Schranken umgaben zudem jeden Herrscher der Insel: das Verbot der Mächte des Westens, mit den Schiffen weiter zu segeln, als die Küsten Númenors noch zu sehen waren, und das Erbrecht, dessen Wortlaut über dem Willen des Zepterträgers stand. An beidem zeigt sich, dass die Weigerung seiner ältesten Kinder für ihn kein bloßer Familienzwist war, sondern der Punkt, an dem die Ordnung den Ausschlag gab und er selbst nichts zu bestimmen hatte.
Verwandtschaft und Bindungen
Die Beziehung, die über sein Leben am stärksten bestimmte, war die zu Tar-Ancalime, und sie war von Anfang an eine dynastische. Seine Mutter hatte sich lange gegen jede Ehe gesträubt und gab erst nach, weil das Haus einen Erben brauchte; ihr Vater drängte darauf, dass die Linie nicht mit ihr endete. Anárion verdankte sein Dasein mithin weniger einer Neigung als einer Notwendigkeit der Nachfolgeordnung. In der Umgebung, in der er aufwuchs, galt die Ehe wenig: Ancalimë hielt die Frauen ihres Haushalts unvermählt und bezog aus dieser Strenge einen Teil ihres Zerwürfnisses mit Hallacar. Von Zuneigung zwischen Mutter und Sohn berichtet die Überlieferung nichts, ebenso wenig von Zwist; sie nennt allein die Übergabe des Zepters.
Von den vier Gestalten, die das Haus vor ihm geprägt hatten, kannte er nur zwei. Erendis, seine Großmutter, war schon gestorben, ehe er zur Welt kam; ihr Rückzug in das Schafland von Emerië und ihre Abkehr vom Meer wirkten nur mittelbar auf ihn fort, über die Erziehung seiner Mutter und über die väterliche Sippe, die in eben jenen binnenländischen Weidegründen saß. Tar-Aldarion dagegen lebte noch fünfundneunzig Jahre neben ihm, und die Verbindungen, die dieser nach Mittelerde geknüpft hatte — vor allem das Einvernehmen mit Gil-galad —, waren zu Anárions Zeit bereits erkaltet, da Ancalimë die Politik ihres Vaters nicht fortführte. So erbte er ein Haus, das nach außen kaum noch Bündnisse unterhielt; Gegenspieler werden für ihn nirgends genannt.
Der Name seiner Gemahlin ist nicht überliefert, und auch die beiden ältesten seiner drei Kinder bleiben namenlos — die Annalen führen sie nur als jene Schwestern, die das Zepter ausschlugen. Allein Súrion tritt aus dieser Anonymität hervor, und zwar erst dadurch, dass die Weigerung der Älteren ihn zum Herrscher machte. Bemerkenswert ist, dass sich die Abneigung gegen das Erwartete im Hause wiederholte: Súrions Tochter Telperiën, Anárions Enkelin, führte später selbst das Zepter, nahm aber keinen Gemahl und blieb ohne Nachkommen, sodass die Herrschaft an Minastir überging, den Sohn ihres Bruders Isilmo. Zweimal binnen zweier Geschlechter entschied damit ein Verzicht statt eines Anspruchs darüber, wer regierte.