Herkunft und Namen

Isildur war ein Mensch, und zwar aus jenem Zweig der Edain, den die Elben Dúnedain nannten und dem nach dem Ende des Ersten Zeitalters die Insel Númenor als Wohnstatt gegeben wurde. Sein Haus war das der Herren von Andúnië an der Westküste der Insel, das sich auf Silmarien zurückführte, die älteste Tochter des vierten Königs Tar-Elendil. Da das Zepter damals allein auf Söhne überging, fiel die Krone an ihren Bruder, während ihrer Nachkommenschaft die Herrschaft über Andúnië und ein Sitz im Rat des Königs blieben. Über diese Linie stammte Isildur ebenso von Elros Tar-Minyatur ab wie die regierenden Könige selbst, und mit ihnen teilte er die weit über das gewöhnliche Maß hinaus verlängerte Lebensspanne der Númenórer. Sein Haus stand von jeher den Eldar nahe und hielt an dieser Freundschaft fest, als sie am Hof längst als Verrat galt.

Der Name Isildur gehört dem Quenya an und bildet mit dem des jüngeren Bruders ein Paar: Isil ist das hochelbische Wort für den Mond, Anar das für die Sonne; im Sindarin, das die Getreuen im täglichen Umgang gebrauchten, lautet der Mondname Ithil. Sicher bezeugt ist dieses erste Namensglied, das auch in der Klinge Narsil steckt und später in den Städten der Brüder wiederkehrt; das zweite wird gewöhnlich zu einem Stamm mit der Bedeutung „dienen“ gestellt, sodass man den Namen als „Diener des Mondes“ deutet. Die Namengebung des Hauses folgt einem Muster: Der Vater hieß Elendil, was man als „Elbenfreund“ verstand, und dieselbe Endung tragen der Neffe Meneldil und der jüngste Sohn. Dass ein Sohn der Getreuen einen eldarischen Namen erhielt, war zu dieser Zeit keine bloße Gewohnheit mehr, denn die Könige nahmen das Zepter längst unter adûnaischen Namen an und ächteten die alten Sprachen; der Name selbst war damit bereits ein Bekenntnis.

Für die Aussprache gelten die Regeln, die den elbischen Namen des Herrn der Ringe insgesamt zugrunde liegen. Der Ton liegt auf der mittleren Silbe, i-SIL-dur, weil auf deren Vokal zwei Konsonanten folgen; das s ist in jeder Stellung stimmlos wie in „Ast“ und niemals stimmhaft wie in „Rose“. Verbreitet sind daher zwei Fehlformen: die Betonung der ersten Silbe und ein weiches, gesummtes s in der Mitte. Ein Beiname ist der Figur nirgends beigelegt — sie erscheint in den Aufzeichnungen schlicht als Isildur oder als König —, und erst die Nachwelt in Gondor verband seinen Namen mit dem Gegenstand, den er behielt, in einer Wendung, die mehr über diesen aussagt als über ihn.

Geschichte

Isildur wuchs auf Númenor heran, im Haus jener Getreuen, die dem Bund mit den Eldar und der Verehrung der Valar auch dann noch anhingen, als der Königshof beides zu ächten begann. Als Sauron den König überredet hatte, den Weißen Baum Nimloth zu fällen, drang Isildur verkleidet in die Höfe des Königs ein und brach eine Frucht vom Baum, ehe die Axt an ihn gelegt wurde. Die Wachen erkannten ihn und schlugen ihn nieder; schwer verwundet entkam er und lag lange danieder, während man den Baum fällte und auf Saurons Altar verbrannte. Erst als der aus der Frucht gezogene Setzling im Frühjahr sein erstes Blatt entfaltete, erholte er sich. Dieser Sprössling wurde später über das Meer gerettet und blieb das einzige lebende Erbstück des Baumes von Númenor.

Beim Untergang der Insel im Jahr 3319 des Zweiten Zeitalters trug ihn der Sturm mit den Schiffen der Getreuen an die westlichen Küsten Mittelerdes. Ein Jahr darauf wurden die Reiche im Exil begründet: Elendil nahm den Norden und die Oberherrschaft über beide Reiche, während Isildur und Anárion Gondor gemeinsam regierten. Isildur erbaute Minas Ithil im Schatten der Ephel Dúath und pflanzte dort den Setzling des Weißen Baumes; sein Bruder gründete Minas Anor am Fuß des Mindolluin, und Osgiliath am Anduin galt beiden als gemeinsamer Sitz. Von Isildur stammte auch der schwarze Stein, den er auf dem Hügel von Erech aufrichten ließ und bei dem der König der Bergleute ihm Treue schwor — ein Eid, dessen Bruch noch mehr als drei Jahrtausende später nachwirken sollte.

Im Jahr 3429 des Zweiten Zeitalters brach Sauron unversehens aus Mordor hervor, nahm Minas Ithil und ließ den dort gepflanzten Baum in Flammen aufgehen. Isildur brachte Frau und Söhne in Sicherheit, floh mit einem Schiff den Anduin hinab und fuhr über See zu seinem Vater, um im Norden Hilfe zu erbitten, während Anárion die Übergänge des Stromes und Osgiliath hielt. Aus dieser Not entstand das Letzte Bündnis zwischen Elendil und Gil-galad; 3434 wurde Saurons Heer auf dem Dagorlad geschlagen, und die Belagerung von Barad-dûr zog sich über sieben Jahre hin. In ihrem vorletzten Jahr fiel Anárion vor der Feste, tödlich getroffen von einem Stein, den man von den Mauern warf.

Im Jahr 3441 trat Sauron selbst zum Kampf hervor. Elendil und Gil-galad überwanden ihn, doch beide kamen dabei um; Elendils Schwert Narsil zerbrach unter ihm, als er stürzte. Isildur nahm das Heft mit dem verbliebenen Stück der Klinge und schnitt dem gefallenen Feind den Einen Ring von der Hand, worauf dessen Geist entwich und der Leib zerfiel. Elrond und Círdan, so gab er später selbst zu, drängten ihn, den Ring sogleich in das Feuer des Orodruin zu werfen, das nahe genug lag; er aber wies den Rat zurück und beanspruchte den Ring als Wergeld für Vater und Bruder. Damit endete zwar der Krieg, doch das Werk blieb unvollendet, und das Zweite Zeitalter schloss mit einer Entscheidung, deren Folgen erst zweitausend Jahre später ganz sichtbar wurden.

Die ersten beiden Jahre des Dritten Zeitalters verbrachte Isildur in Gondor. Er pflanzte in Minas Anor einen Sprössling des Weißen Baumes zum Gedächtnis seines Bruders, ordnete die Grenzen des Südreiches und übergab dessen Herrschaft Meneldil, dem Sohn Anárions, während er selbst die Oberherrschaft über beide Reiche als Erbe seines Vaters behielt. In dieser Zeit legte er auch eine Schriftrolle über den Ring in den Archiven Gondors nieder: eine nüchterne Beschreibung des Fundstücks, der Feuerschrift auf seiner Oberfläche und ihres Erlöschens, als das Gold erkaltete. Dass gerade dieses Dokument Jahrtausende später die Wiedererkennung des Ringes ermöglichte, gehört zu den stillen Ironien seiner Geschichte.

Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.

Schicksal

Im zweiten Jahr des Dritten Zeitalters zog Isildur nordwärts, um in Arnor die Königswürde seines Vaters anzutreten; bei ihm waren seine drei älteren Söhne Elendur, Aratan und Ciryon sowie eine kleine Leibwache, denn den Weg über den Hohen Pass hielt man für sicher. An den Schwertelfeldern nahe der Einmündung des Gladden in den Anduin fiel ein zahlenmäßig weit überlegenes Orkheer über den Zug her. Die Gefährten wurden aufgerieben, Isildurs Söhne fielen einer nach dem anderen, und er selbst versuchte zuletzt, unter dem Ring unsichtbar durch den Strom zu entkommen. Im Wasser glitt ihm der Ring vom Finger; sichtbar geworden, wurde er von Orkpfeilen getroffen und starb, und der Ring blieb im Flussgrund zurück. Nur wenige entkamen, unter ihnen sein Knappe Ohtar, der die Bruchstücke Narsils nach Bruchtal brachte; dort lebte Valandil, der jüngste und einzig überlebende Sohn, der später als König von Arthedain die Linie fortsetzte.

Rolle und Macht

Im Gefüge des Legendariums steht Isildur weniger für außergewöhnliche Fähigkeiten als für eine Schlüsselstellung: An ihm hängt die Fortdauer der Königslinie ebenso wie das Fortbestehen des Ringes. Als älterer Sohn Elendils trug er die Oberherrschaft über beide Reiche im Exil, und über seinen jüngsten Sohn läuft die Reihe der Erben weiter zu den Häuptlingen der Dúnedain im Norden und schließlich zu Aragorn, dessen Anspruch auf beide Kronen sich auf diese Abstammung stützt. Auf ihn geht auch die Reihe der Erbstücke zurück, die diesen Anspruch sichtbar machen: die Bruchstücke Narsils, die Sprösslinge des Weißen Baumes und der Ring, den man in Gondor später nur noch Isildurs Fluch nannte. Dass der Rat in Bruchtal drei Jahrtausende später überhaupt zusammentreten musste, ist die Folge einer einzigen Entscheidung von ihm.

Seine Macht war durchweg von menschlicher Art. Er besaß die Gaben seines Geschlechts — die lange Lebensspanne der Númenórer, hohen Wuchs und Zähigkeit —, dazu einen Mut, der bis zur Tollkühnheit reichte, und ein sicheres Gespür für das, was ein Reich zusammenhält: Städte, Grenzen, Bündnisse, Eide. Zauberkraft im eigentlichen Sinn wird ihm nirgends zugeschrieben; wo seinem Handeln Wirkung über das Gewöhnliche hinaus zukommt, geht sie von seiner Stellung als König aus. Am deutlichsten zeigt das der Schwur der Bergleute am Stein von Erech: Als sie in der Stunde der Not treulos blieben, sprach er über sie einen Fluch, der sie noch nach mehr als dreitausend Jahren nicht ruhen ließ. Dass ein einzelnes Wort so lange Bestand hatte, sagt mehr über das Gewicht des númenórischen Königtums als über die Person, die es aussprach.

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Schicksal

Die Grenzen dieser Macht treten am Ring hervor. Stark genug, ihn dem Feind abzunehmen, war Isildur schwach genug, ihn zu behalten, und er hielt seine Weigerung überdies für einen Akt der Gerechtigkeit. Beherrschen aber konnte er ihn nicht. Nach seiner eigenen Aufzeichnung war das Gold anfangs glühend heiß und versengte ihm die Hand, und die Feuerschrift erlosch, sobald es erkaltet war; später gestand er, dass ihm der Ring teuer geworden sei, obwohl er ihn mit großem Schmerz erkauft habe, während zugleich seine Erinnerung an die Schriftzeichen verblasste. Unsichtbarkeit blieb die einzige Wirkung, die er zu nutzen wusste — und gerade sie versagte an den Schwertelfeldern. Spätere Beurteilungen, die Gandalfs wie die Elronds, sehen darin keinen Unfall, sondern die Eigenart des Ringes, seinen Träger fallen zu lassen, sobald ihm das dient.

Verwandte, Gefährten und Gegner

Die Bindungen, die Isildur prägten, reichen über seinen Vater hinaus. Sein Großvater Amandil war der letzte Herr von Andúnië und das anerkannte Haupt der Getreuen; als es keine Fürsprache mehr gab, fuhr er heimlich nach Westen, um bei den Valar für sein Volk zu bitten, und kehrte nie zurück. Von ihm erbte Elendil die Führung einer Partei, die eher ein Bekenntnis als eine Fraktion war, und Isildur wuchs in eine Rolle hinein, die vorgezeichnet war, ehe er sie wählen konnte. Das Verhältnis zu Anárion wird nirgends als Rivalität geschildert, obwohl beide gleichzeitig herrschten: Die Quellen kennen keinen Streit zwischen den Brüdern, sondern eine Teilung der Aufgaben, in der jeder seine Stadt hielt und beide denselben Sitz am Strom anerkannten. Zu Anárions Sohn Meneldil dagegen blieb das Verhältnis kühl; die spätere Überlieferung deutet an, dass der Neffe den Abzug des Onkels mit Erleichterung sah, so höflich er ihn auch geleitete.

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Schicksal

Von Isildurs Frau ist kein Name überliefert, wohl aber, dass sie mit dem jüngsten Sohn in Bruchtal blieb, während er nach Norden zog — eine Vorsichtsmaßnahme, die die Linie rettete. Unter den vier Söhnen tritt der älteste am schärfsten hervor: Elendur, der Erbe, dem der Vater am nächsten stand und dem die Erzähler das Zeug zu einem großen König zusprechen. In der Stunde der Niederlage war er es, der dem Vater riet, sich mit dem Ring abzusetzen, statt mit den Seinen zu fallen; der letzte Rat, den Isildur annahm, kam damit von seinem eigenen Sohn. Dass Bruchtal überhaupt als Zuflucht in Frage kam, hat einen älteren Grund: Elrond war den Dúnedain durch seinen Bruder Elros blutsverwandt, und aus dieser Verwandtschaft wurde nach den Schwertelfeldern eine Vormundschaft, die über die Jahrhunderte hin fortdauerte.

Auf der Gegenseite steht ein einziger Name, doch das Verhältnis zu Sauron ist keines von Person zu Person: Isildur begegnet ihm zweimal, in Númenor als dem Ratgeber, der den Baum verbrennen ließ, und vor Barad-dûr als dem gestürzten Gegner — beide Male ohne Wortwechsel, den die Überlieferung festhielte. Aufschlussreicher sind die Bindungen, die er selbst stiftete und die zerbrachen. Der König der Bergleute hatte ihm Gefolgschaft geschworen und verweigerte sie im Krieg; die Treulosigkeit traf Isildur offenbar so tief, dass er den Eid nicht löste, sondern die Schwörenden an ihn fesselte. Umgekehrt hielten die Seinen bis zuletzt: Sein Knappe Ohtar gehorchte einem Befehl, der ihn zur Flucht zwang, während seine Herren starben. Zwischen beiden Polen liegt der zurückgewiesene Rat der Weisen — die Beziehung, die für alles Weitere die folgenreichste blieb, war die zu jenen, auf die er nicht hörte.

Entwürfe und Varianten

Der Name Isildur gehört zur ältesten Schicht der Númenor-Erzählung und ist älter als der Eine Ring. In den Fassungen des Untergangs von Númenor, die Tolkien in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre niederschrieb, führen Elendil und seine Söhne die Getreuen bereits über das Meer, doch die Erzählung endet mit dem Verderben der Insel und der Ankunft an den Küsten; von einer Klinge, die dem Feind den Ring von der Hand schlägt, ist nirgends die Rede, weil dieser Ring damals noch nicht erdacht war. In den Númenor-Kapiteln des abgebrochenen Zeitreiseromans „The Lost Road“ hat Elendil überdies nur einen einzigen Sohn, Herendil, dessen Neigung zur Partei des Königs den Vater-Sohn-Konflikt des Textes trägt; Isildur und Anárion fehlen dort ganz, und der letzte Herrscher der Insel heißt noch Tar-kalion.

Die genealogische Feinarbeit folgte erst nach Abschluss des Herrn der Ringe. Die Aufstellung „The Heirs of Elendil“ in „The Peoples of Middle-earth“ enthält das Gerüst, aus dem der knappe Bericht des Anhangs A schöpft: Sie verzeichnet Isildurs vier Söhne mit Lebensdaten, die Dauer seiner Herrschaft und den Übergang auf Valandil ausführlicher als der gedruckte Text, und nicht jede Angabe stimmt mit ihm überein. Daneben lassen die Entwürfe zur Zeittafel des Zweiten Zeitalters erkennen, wie spät die Jahreszahlen um das Letzte Bündnis und den Zug nach Norden ihre endgültige Gestalt fanden. Eine ganz andere Blickrichtung nimmt „The Drowning of Anadûnê“ in „Sauron Defeated“ ein: eine menschliche Überlieferung des Inseluntergangs in adûnaischer Namensform, in der Elendil Nimruzîr heißt, das eldarische Wissen stark zurücktritt und die spätere Geschichte der Reiche im Exil kaum noch anklingt.

In Film und Hörspiel

In Peter Jacksons Verfilmung tritt Isildur im Prolog von „Die Gefährten“ auf und wird von Harry Sinclair gespielt; darüber hinaus kehrt die Figur nur in kurzen Rückblenden wieder. Die Abweichungen ergeben sich zunächst aus der Verdichtung: Die siebenjährige Belagerung entfällt, Sauron erscheint leibhaftig mitten in der Feldschlacht, und Elendil fällt unmittelbar vor den Augen des Sohnes, worauf Isildur dem Feind den Ring mit dem Bruchstück Narsils von der Hand trennt. Dass Saurons Gestalt darauf sogleich zerfällt, macht den Verlust des Ringes zur eigentlichen Ursache seiner Niederlage, während er in der Vorlage zuvor von Elendil und Gil-galad überwunden wird. Auch die Zurückweisung des Rates ist umgestellt: Sie ergeht am Rand des Orodruin und geht allein von Elrond aus, der Isildur dorthin führt; von Círdan, vom beanspruchten Wergeld und von der später niedergelegten Aufzeichnung ist keine Rede. Der ältere Zeichentrickfilm Ralph Bakshis behandelt dieselben Vorgänge im einleitenden Bericht, ohne Isildur zu einer sprechenden Rolle zu machen.