Valinor und die ersten geschriebenen Worte
Quenya ist die alte Sprache Eldamars jenseits des Meeres, und ihr eignet eine Auszeichnung, die keine spätere Sprache ihr nehmen kann: Sie war die erste, die überhaupt schriftlich festgehalten wurde. Alles, was in der überlieferten Geschichte der elbischen Rede folgt — die Alphabete, die Annalen, die Wurzeltafeln, die Gelehrte Gondors sechstausend Jahre später noch zu Rate zogen —, beginnt an diesem Punkt.
In Valinor war die Sprache nicht abgeschlossen. Einige ihrer Wörter stammen aus dem Valarin, der Rede der Mächte — aina, heilig, aus ayanuz, und der Name Aman selbst. Es ist der einzige fremdsprachliche Substrateinfluss, den die Quellen verzeichnen, und er läuft in beide Richtungen: Die Valar ihrerseits lernten Quenya und sprachen es untereinander, weshalb sie in der Überlieferung durchweg Quenya sprechend erscheinen.
Ein Wandel von innen wog schwerer als jede Entlehnung. Irgendwann in Valinor wurde þ, das th des englischen think, im Mund der meisten Sprecher zu s. Das war kein Zufall des Abgleitens, sondern eine bewusste Änderung, mehrheitlich beschlossen — und Feanor bekämpfte sie. Der Streit um einen einzigen Konsonanten wurde zum Schibboleth im Zwist der Noldor-Fürsten, und er lässt sich zeitlich einordnen: Er muss vor Aufstand und Verbannung liegen, denn das Sindarin, das sich längst zuvor vom Quenya getrennt hatte, gebraucht þ reichlich. Die Schrift bewahrte die Unterscheidung, nachdem die gesprochene Sprache sie verloren hatte — deshalb steht Quenya Isil neben Sindarin Ithil für den Mond.
Der Bruch: Verbannung und ein Königsverbot
Als die Noldor nach Mittelerde zurückkehrten, brachten sie Quenya mit, und eine Zeitlang war es einfach das, was sie sprachen. Der Wandel kam rasch und aus zwei Richtungen zugleich. Beim Mereth Aderthad, dem Fest der Wiedervereinigung, war bereits mehr Sindarin zu hören als Quenya: Die Noldor lernten die Rede Beleriands bereitwillig, während den Sindar die Sprache Valinors schwerfiel.
Die zweite Richtung war ein Erlass. Als Thingol erfuhr, was in Alqualonde geschehen war, verbot er die Zunge der Noldor in seinem ganzen Reich. Von diesem Tag an überlebte Quenya in Beleriand nur noch als Rede der Noldor-Fürsten untereinander — und das ist der Augenblick, in dem aus einer lebenden Sprache eine gelehrte wird. Was das Dritte Zeitalter ein Elben-Latein nennen sollte, haben nicht Gelehrte gemacht, sondern ein König, der einen bestimmten Klang in seinem Reich nicht hören wollte.
Ablesbar ist die Wirkung an den Namen. Turgon gab seiner verborgenen Stadt den Quenya-Namen Ondolindë, Fels des singenden Wassers; was sie fortan heißt, ist Gondolin, derselbe Name ins Sindarin verschoben, Stein für Stein — Quenya ondo antwortet Sindarin gond. Túrin wählte spät in seinem Leben einen Namen für sich, und er wählte einen des Quenya, Turambar; die Erzählung hält ausdrücklich fest, dass es hochelbisch ist. In Gondolin selbst hielt sich Quenya am längsten: Im Haus Turgons war es noch Sprache des täglichen Lebens, und Earendil wuchs damit als Kindersprache auf — der einzige derartige Fall, der aus Mittelerde bezeugt ist. Selbst dort war die Stadt im Ganzen weitergegangen, und die meisten ihrer Bewohner sprachen Sindarin wie alle anderen.
Es blieb die Sprache, in der man rief, wenn keine Zeit zum Nachdenken war. In der Nirnaeth Arnoediad rief Fingon auf Quenya, als er Turgons Heer erblickte, und von Húrin, zuletzt allein, heißt es, er habe dasselbe Quenya-Wort siebzigmal über den Leibern seiner Feinde geschrien. Der Text stellt die Übersetzung gleich daneben. Eine Zunge, die aus Markt und Halle verdrängt worden war, blieb die, die unter dem schwersten Druck zuerst kam, den ein Leben tragen kann.
Die Buchstaben tragen seine Namen
Die Tengwar lassen sich für viele Sprachen gebrauchen, doch das Vokabular, mit dem man sie beschreibt, ist durchweg Quenya. Die vier Reihen heißen témar, die sechs Stufen tyeller, und der volle Name jedes Buchstabens ist ein wirkliches Quenya-Wort, das den Laut enthält, für den er steht. Vier von ihnen benennen die Himmelsrichtungen, und zwei davon sind durchsichtig: hyarmen und formen sind die Linkshand-Gegend und die Rechtshand-Gegend — woran man erkennt, dass der Sprecher nach Westen blickte.
Das Schriftsystem wurde der Sprache angepasst, nicht umgekehrt. Quenya besaß neben den einfachen Velaren eine palatale und eine labialisierte Reihe, weshalb im Quenya-Modus die vierte Serie zur kw-Reihe wurde. Die übliche Quenya-Schreibung wich an mehreren Stellen vom allgemeinen System ab: Die zweite Stufe stand für nd, mb, ng und ngw, zwei weitere Zeichen für rd und ld. Weil die meisten Quenya-Wörter auf einen Vokal enden, wurde das Vokalzeichen über den vorhergehenden Konsonanten gesetzt — umgekehrt zum Sindarin, wo es über dem folgenden steht. Die Verbindungen ts, ps und ks waren häufig genug, um ein eigenes Kürzel zu verdienen.
Númenor: die Sprache der Urkunden
In Númenor wurde Quenya nicht gesprochen. Man kannte es — Gelehrte und Familien hoher Abkunft, denen man es in der Jugend beibrachte —, aber es war niemandes Alltagsrede. Es war stattdessen die Sprache der Urkunden: Gesetze, die Königsrolle, die Annalen, alles, was dauern sollte. Sämtliche amtlichen Namen für Orte, Landschaften und Geländemarken der Insel waren Quenya-Formen, daneben standen örtliche Namen auf Sindarin oder Adûnaisch. Die Insel selbst trug einen Quenya-Namen, Númenórë, neben adûnaischem Anadûnê und dem älteren Elenna.
Die Könige trugen es in ihren Namen. Elros nahm den hochelbischen Namen Tar-Minyatur an, und von ihm lief der Brauch jahrhundertelang ungebrochen, denn Quenya galt als die edelste Sprache der Welt. Unter Tar-Ancalimon, so die Line of Elros, “the royal titles were still given in Quenya, out of ancient custom rather than love.” Beim zwanzigsten König brach der Brauch: Ar-Adûnakhôr nahm seinen Namen adûnaisch, verfolgte die Getreuen und bestrafte den offenen Gebrauch der Elbensprachen; sein Nachfolger Ar-Gimilzôr verbot sie ganz. Und doch hielt eine alte Scheu stand. Im Königsbuch wurde der Name Ar-Adûnakhôrs dennoch in seiner Quenya-Form eingetragen, Herunúmen. Die Schreiber schrieben, was der König abgeschafft hatte.
Gondor, und was ein Elben-Latein ist
Im Dritten Zeitalter war Quenya niemandes Wiegensprache mehr. Anhang F nennt es ein Elben-Latein, und der Vergleich trifft so genau, wie solche Vergleiche selten treffen: eine Sprache, die noch für Feierlichkeiten und für hohe Angelegenheiten des Wissens und des Liedes gebraucht wird, noch gelehrt, noch geschrieben — und von niemandem mehr am Knie erworben. Mit der Heimkehr aus der Verbannung, am Ende des Ersten Zeitalters, brachten die Hochelben diesen Gebrauch mit. Wer sie sprach, musste sie lernen, und das Lernen zeichnete ihn aus.
In den Reichen im Exil blieben die Namen Quenya, wo die Rede es nicht blieb: Elendil, Anárion, Isildur. In Gondor lief der königliche Brauch mit den Truchsessen aus — nach Mardil führten seine Nachfolger keine hochelbischen Namen mehr. Andernorts im Staat hielt die Gelehrsamkeit die Sprache am Leben. Der Orden der Istari heißt Heren Istarion, und Zauberer übersetzt istar; Gandalfs Name Incánus entstand in Gondor, als Quenya dort bei den Gelehrten noch in Gebrauch war, und Saruman hatte einen sonst nirgends bezeugten Quenya-Namen, Curumo. Selbst das Heer führte zwei Register: Was im Sindarin thangail hieß, war amtlich auf Quenya sandastan.
Das längste zusammenhängende Stück Quenya-Prosa der veröffentlichten Quellen ist ein Eid, geschworen auf einem Hügel. Als Cirion im Jahr 2510 Calenardhon an Eorl übergab, sprach er die bindenden Worte auf Quenya, und die Erzählung sagt es ausdrücklich. Zu diesem Eid lieferte Tolkien eine fortlaufende Wort-für-Wort-Analyse — Kasus, ein Futur, ein Infinitiv in der Rolle eines Gerundiums, die Wunschpartikel nai —, das einzige durchgehende Stück Quenya-Grammatik in Anwendung im ganzen Korpus. Eine tote Sprache, einmal gebraucht, im Augenblick, in dem zwei Völker beschlossen, einander zu trauen.
Siebenmal im Ringkrieg
Im Ringkrieg tritt Quenya selten auf und immer mit Absicht. Frodo grüßt Gildor damit auf dem Weg aus dem Auenland — das einzige Mal, dass ein Hobbit die Sprache spricht —, und Gildors Antwort behandelt die Kenntnis als Zeichen von Gelehrsamkeit; Bilbo war der Lehrer gewesen. Galadriels Abschied in Lórien ist Quenya, und der Text hält fest, dass Frodo ihn zunächst nicht versteht; er nennt ihn die alte Sprache der Elben jenseits des Meeres. Auf Cerin Amroth spricht Aragorn sie zu einer Arwen, die Frodo nicht sehen kann. In Kankras Höhle ruft Frodo Worte, deren Sinn er nicht kennt, und das Buch lässt sie unübersetzt.
Zweimal verrichtet sie öffentliche Arbeit. In den Häusern der Heilung nennt sich Aragorn Elessar, Envinyatar und Telcontar und sagt geradeheraus, das seien Namen in der hohen Sprache von einst; bei seiner Krönung wiederholt er die Quenya-Worte, die Elendil sprach, als er aus dem Meer kam, und die Übersetzung steht daneben. Und Baumbart, der viele Sprachen lernte und die alte hochelbische von allen am meisten liebte, gebraucht sie sowohl gegenüber Pippin als auch beim Abschied von Celeborn und Galadriel. Von allen hastigen Zungen, fand er, war sie die edelste.
Die Sprache reichte auch bis in den Kalender und die Lehnwörter. Ein yén, meist mit Jahr wiedergegeben, sind in Wahrheit hundertvierundvierzig Sonnenjahre; die Quenya-Monatsnamen wurden im Westron beibehalten, ähnlich wie heute die lateinischen Monatsnamen — den Vergleich ziehen die Quellen selbst. Und das Westron-Wort tarkil, ein Mensch númenórischer Abkunft, ist ein Quenya-Wort, das die Orks nach ihrer Art zu tark verkürzten.
Der Name und was er bedeutet
Die Elben gaben ihrer ältesten Sprache keinen erhabenen Titel. Quenya heißt schlicht die elbische Rede und gehört zur Wurzel quen- beziehungsweise quet-, sagen, sprechen — derselben Wurzel wie Quendi, die Sprecher, wie die Elben sich selbst nannten, bevor sie je einem anderen Volk begegnet waren, das reden konnte. Eine Sprache, benannt nach der bloßen Tatsache des Sprechens, gesprochen von einem Volk, das nach derselben Tatsache heißt: Diese Benennung ist älter als jede Geschichte, die sie gebraucht.
Die Form selbst hat eine Geschichte. Älter ist Quendya, und bei den Vanyar blieb sie unverändert; erst in der Rede der Noldor fiel das d aus und ließ Quenya zurück. In den eigenen Begriffen der Sprache war das Wort nie ein Eigenschaftswort, sondern immer ein Hauptwort, und es bedeutete die quendische Sprache — also Elbisch schlechthin. Der engere Sinn, der heute geläufig ist, eine elbische Sprache unter mehreren, ist eine Folge der Geschichte, nicht des Namens.
Nicht alle nahmen den Anspruch hin, der in diesem Namen steckt. Die Teleri sahen ihre eigene Rede überhaupt nicht als Quenya-Mundart an, und sie hatten einen eigenen Namen dafür: Goldorin, die Zunge der Noldor. Was die Noldor schlicht Elbisch nannten, hieß bei ihren Verwandten jenseits des Wassers die Sprache eines bestimmten Hauses.
Wer sie sprach und wer nicht
Wer Quenya im Dritten Zeitalter noch als erste Sprache besaß, war über das Meer gekommen. Anhang F stellt die Lage nüchtern fest: Sindarin war die tägliche Rede fast aller Elben im Westen Mittelerdes, die heimgekehrten Hochelben eingeschlossen; Quenya blieb für anderes vorbehalten. Galadriel, in Aman geboren, ehe die Noldor auszogen, gehört zu den wenigen, bei denen die Sprache nicht erlernt, sondern mitgebracht war. In Bruchtal, wo mehr hochelbische Gelehrsamkeit beisammenlag als sonst irgendwo östlich des Meeres, war die Umgangssprache dennoch Sindarin. Die Grenze verlief also nicht zwischen Völkern, sondern zwischen Herkunft und Schulung.
Nach unten und nach außen war die Reichweite schmal. Selbst unter den Elben Mittelerdes war die Sprache keineswegs allgemein: Die Waldelben Lóriens und des Düsterwalds hatten ihre eigene Rede, und Anhang F hält eigens fest, dass Frodo in Lórien eine ihm unbekannte Zunge zu hören meinte — es war Sindarin im Tonfall des Waldvolks, und Quenya war es erst recht nicht. Unter den Menschen erreichte es nur eine dünne Schicht, und überall dieselbe: die Schriftkundigen. Wie eng sie war, zeigt der Tag der Übergabe Calenardhons: Eorl leistete seinen Teil des Eides in der Sprache seines eigenen Volkes, und die Rohirrim benannten sich, ihr Land und ihre Lieder auch weiterhin aus dem Eigenen. Zwerge und die Völker des Feindes standen ganz außerhalb.
Ein Geheimnis war Quenya dabei zu keiner Zeit. Was das heißt, lässt sich an dem messen, was in Mittelerde wirklich geheim gehalten wurde: Khuzdul, das die Zwerge kein fremdes Volk lehrten und so streng hüteten, dass sie sich nach außen mit Namen aus Menschensprachen behalfen; oder die Schwarze Sprache, die für einen Herrn und seine Diener gemacht war. Quenya arbeitete umgekehrt. Es wurde unterrichtet, abgeschrieben, weitergereicht, und wer es beherrschte, verdankte das einem Lehrer und nicht seiner Geburt. Genau daher rührt sein Stand: Nicht Abkunft entschied, sondern Mühe — und ein Volk, das sie als Ganzes gesprochen hätte, gab es diesseits des Meeres längst nicht mehr.
Von Cuiviénen in die Archive Gondors
Die Geschichte des Quenya beginnt vor dem Quenya. Am Wasser von Cuiviénen erwachten die Elben, und das Erste, was sie taten, war Sprechen: Sie gaben den Dingen Namen, ehe sie irgendetwas anderes begannen. Aus dieser einen Rede ist alles Spätere durch Trennungen geworden, und die erste Trennung war die Große Wanderung nach Westen — wer aufbrach und wer zurückblieb, entschied darüber, welche Sprache seine Nachkommen sprechen würden. Die zweite fiel in Beleriand, als Elwë sich in den Wäldern verlor und sein Volk auf ihn wartete, statt über das Meer zu fahren; aus ihrer Zunge wurde das Sindarin. Quenya ist demnach nichts anderes als das, was aus der gemeinsamen Rede der Eldar wurde, nachdem ihre Sprecher das Meer hinter sich gelassen hatten.
In Eldamar hatte die Sprache dann etwas, das sie nie wieder haben sollte: keine Nachbarn. Vanyar und Noldor wohnten unter dem Licht der Bäume beieinander, es gab kein anderes Volk, mit dem man sich hätte verständigen müssen, und keine zweite Zunge, gegen die man sich behaupten musste. Quenya war in diesen Jahren die vollständige Sprache eines vollständigen Lebens — Handwerk und Rat, Lied und Streit, Kinder und Könige. Es ist die einzige Epoche ihrer Geschichte, in der das so war, und sie dauerte länger als alles, was danach kam. Alle späteren Zustände des Quenya, in Beleriand wie in Númenor wie in Gondor, sind Abzüge von diesem einen.
Mit der Rückkehr der Noldor nach Mittelerde begann die lange Schrumpfung, und sie ging schneller, als irgendjemand erwartet haben dürfte: Innerhalb eines Menschenalters war das Sindarin die Umgangssprache der Verbannten selbst, und ein Wort aus Doriath tat den Rest. Was das Erste Zeitalter dem Quenya ließ, war Rang ohne Reichweite. Sein Ende nahm ihm auch die Sprecher: Beleriand versank im Zorn der Mächte, die Verbannung wurde aufgehoben, und der größere Teil der Noldor fuhr über das Meer zurück. Was blieb, sammelte sich im Nordwesten unter Gil-galad, und von diesem Zeitpunkt an gab es in Mittelerde keinen Ort mehr, an dem Quenya von selbst weiterlief — es lief nur noch dort weiter, wo jemand es absichtlich lehrte.
Im Zweiten Zeitalter wechselte der Träger der Sprache das Volk. Als die Edain im Jahr 32 ihre Insel erreichten, begann die längste zusammenhängende Überlieferung des Quenya außerhalb elbischer Hände, und sie lag bei Menschen, die es nie als Alltagsrede besaßen, sondern als Können. Dass ein späterer König den Gebrauch der Elbensprachen verfolgte und sein Nachfolger ihn verbot, hat diese Kette gedehnt und nicht zerrissen; sie hielt bis zum Untergang der Insel im Jahr 3319. Was danach über das Wasser kam, war das, was sich tragen ließ — Schriften, Namen, Erinnerung, in den Köpfen von Menschen auf neun Schiffen. Ein Jahr später standen die Reiche im Exil, und die Sprache stand mit ihnen: nicht als Rede eines Landes, sondern als Bestand seiner Kanzlei.
Im Dritten Zeitalter änderte sich an diesem Zustand über dreitausend Jahre hinweg im Grunde nichts, was für eine tote Sprache eine bemerkenswerte Leistung ist. Die Zahl derer, die sie konnten, sank mit der Zahl der Schriftkundigen, und der königliche Namensbrauch lief in Gondor irgendwann aus; gebraucht wurde sie weiterhin, wenn etwas gelten sollte — bei der Übergabe Calenardhons im Jahr 2510 ebenso wie bei der Krönung des letzten Erben Elendils. Das Ende des Zeitalters nahm Mittelerde dann auch noch die Wenigen, die Quenya nicht gelernt, sondern mitgebracht hatten: Mit der Abfahrt der Ringträger im Jahr 3021 blieb die Sprache allein bei denen zurück, die sie aus Büchern hatten. Genau dorthin führt ihre letzte datierbare Spur. Im Jahr 172 des Vierten Zeitalters vollendete Findegil, der Schreiber des Königs, in Minas Tirith eine Abschrift des Roten Buches, die auch Bilbos Übertragungen aus dem Elbischen enthielt — die Sprache Eldamars, angekommen als Archivbestand einer Menschenstadt, ordentlich kopiert und aufbewahrt.
Wie es klingt und wie es gebaut ist
Die Umschrift, die in den Geschichtswerken gebraucht wird, ist bewusst so lateinisch wie möglich gehalten; deshalb schreibt man Quenya mit c und nicht mit k. Einige Gewohnheiten der Sprache treten trotzdem hervor. Die Verbindung qu, also cw, ist für Quenya kennzeichnend und kommt im Sindarin überhaupt nicht vor. Ein z gab es nicht. Der Buchstabe y ist hier Konsonant wie im englischen you, während er im Sindarin Vokal ist; und v und w stehen beide nebeneinander, gegen das lateinische Muster, weil die Laute verschiedenen Ursprungs sind. Archaisches Quenya schrieb hl und hr für stimmloses l und r, doch im Dritten Zeitalter sprach man hl meist als einfaches l. Die Betonung bevorzugt die drittletzte Silbe — ein Zug, den die eldarischen Sprachen teilen und das Quenya am ausgeprägtesten.
Lautentsprechungen erlauben es, eine Sprache an der anderen abzulesen. Quenya qu antwortet Sindarin p oder b: Quenya quetta, ein Wort, steht neben Sindarin beth. Ein dritter Zeuge schärft das Bild. Für Schwan geben die drei Zungen Quenya alqua, Telerin alpa und Sindarin alph, alle aus älterem alkwa — eine Form, drei Wege. Auch im Wortschatz hinterließ das Telerin seine Spur: Für Silber setzte sich telpe gegen die lautgesetzliche Form tyelpe durch, weshalb der Weiße Baum Telperion heißt und nicht Tyelperion.
Geschrieben, nicht geritzt
Im Westen Mittelerdes standen zwei Schriftsysteme nebeneinander, und Quenya gehörte nur zu einem von beiden. Die Tengwar sind das ältere: entwickelt von den Noldor, lange bevor sie in die Verbannung zogen. Die ältesten dieser Zeichen, die Tengwar Rúmils, kamen in Mittelerde überhaupt nie in Gebrauch; was die Verbannten mitbrachten, waren die Buchstaben Feanors, weitgehend eine Neuschöpfung, die den älteren gleichwohl einiges verdankte. Die Certar dagegen — im Sindarin Cirth — entstanden erst in Beleriand bei den Sindar, und sie dienten lange ausschließlich dazu, Namen und kurze Gedenkzeilen in Holz, Stein oder Metall zu schneiden; daher ihre eckigen Formen, die den Runen unserer Welt äußerlich gleichen und im Aufbau doch gänzlich anders geordnet sind. Die eine Schrift war für Feder und Pinsel gemacht, die andere für den Meißel, und Quenya kam über das Meer bereits mit der Feder.
Diese Arbeitsteilung hielt sich über die Zeitalter. Was in Quenya Bestand haben sollte — Annalen, Gesetze, Rollen, Bücher —, verlangte fortlaufenden Text, und den trug die Tengwar-Schrift; die Certar blieben bei dem, wofür sie gemacht waren, und fanden ihre reichste Entfaltung nicht bei den Elben, sondern bei den Zwergen, die sie in Moria zu einem eigenen Bestand ausbauten, während die Sindar selbst mit der Zeit zu den Buchstaben der Noldor übergingen. Über den Rang einer Sprache sagt die Schrift dabei weniger aus, als man erwarten möchte, denn die Tengwar hielten keiner Zunge die Treue: Man schrieb Sindarin damit und Westron, und an der berüchtigtsten Stelle des Ringkriegs stand die Schwarze Sprache in elbischer Schreibweise auf einem Ring — Gandalf erkennt am Rat Elronds die Buchstaben als elbisch und die Sprache als die Mordors. Was Quenya auszeichnete, war also nicht der Besitz einer eigenen Schrift, sondern die Richtung der Abhängigkeit. Eine Sprache ohne Alltagssprecher reicht genau so weit, wie geschriebene Zeilen sie tragen; die Tengwar waren das Werkzeug, das diese Reichweite über sechstausend Jahre hinweg sicherte, und kein einziges Zeugnis nennt Quenya in Runen geritzt.
Was auf der Seite steht
Wer Quenya im Text sucht, stößt zuerst nicht auf Sätze, sondern auf Wörter. Der Grundwortschatz, mit dem die Erzählung ihre eigene Welt benennt, ist hochelbisch — Vala und Valar, Maia, Eldar, Silmaril —, und keines dieser Wörter wird als fremd ausgewiesen; sie gelten als die richtigen Bezeichnungen der Sache. Im Herrn der Ringe gehört auch der Seherstein dazu, der durchgängig palantír heißt, in der Mehrzahl palantíri, gebraucht wie ein Fachausdruck unter Kundigen. Dazu treten Beinamen, die ein König Gondors nach gewonnenem Feldzug annahm: Rómendacil, der Ost-Sieger, und Hyarmendacil, der Süd-Sieger. Wo Quenya am häufigsten auf der Seite steht, steht es demnach als Hauptwort und nicht als Rede.
Ganze Sätze sind selten genug, um sie zu zählen, und sie zerlegen sich in Bestandteile, die einander mehrfach begegnen. Der Gruß, den Frodo an Gildors Gesellschaft richtet, ist aus elen, Stern, síla, es scheint, lúme, Stunde, und omentie, Begegnung, gefügt. Die Formel, mit der Aragorn sein Königtum antritt, führt ear, Meer, in der Form Eärello, dazu Endor, Mittelerde, mit der Richtungsendung -nna, ferner utúlien, ich bin gekommen, hildinyar, meine Erben, und Ambar-metta, das Ende der Welt. Das längste zusammenhängende Quenya des Romans ist indes kein Satz, sondern ein Lied: Galadriels Gesang beim Abschied aus Lórien, im vollen Wortlaut gedruckt, mit einer Übertragung im selben Kapitel. Sein Schlusswort namárië heißt schlicht Lebewohl, und dasselbe Wort steht bei anderen Trennungen im Buch für sich allein.
Außerhalb des Romans steht Quenya vor allem in Überschriften. Die Hauptteile des Silmarillion tragen hochelbische Titel — Ainulindale, die Musik der Ainur, Valaquenta, der Bericht von den Valar, Quenta Silmarillion, die Geschichte der Silmaril —, sodass der Leser das Werk durch Quenya betritt, ehe eine Zeile erzählt ist. Auch im Erzähltext werden Werke so benannt: Noldolantë, der Sturz der Noldor, heißt das Klagelied, das Maglor nach der Tat von Alqualonde machte, und die Übersetzung steht unmittelbar daneben. Gesprochene Wendungen dagegen sind auch hier dünn gesät. Eine steht dort, wo man sie kaum erwartet: Als die Noldor umkehren und Tuor allein weiterziehen lassen, geben sie ihm einen Wunsch mit, in dem anar, die Sonne, und tie, der Weg, zu erkennen sind. Vier Wörter am Wegrand — mehr an lebendig gesprochenem Quenya überliefern die Quellen aus dem Ersten Zeitalter kaum.
Die Werkstatt dahinter
Außerhalb der Geschichtswerke ist Quenya das Älteste am ganzen Legendarium. Tolkien begann seine erste Elbensprache um 1910 oder 1911, noch als Schüler in Birmingham; der frühe Name lautete Qenya, die Schreibung mit u kam später. Die Reihenfolge der Arbeit ist für alles Weitere entscheidend: Er hat unmissverständlich gesagt, der Herr der Ringe sei sprachlich angeregt und begonnen worden, um seinen elbischen Zungen die Geschichte zu geben, die sie brauchten. Die Erzählungen wurden für die Sprachen gebaut, nicht die Sprachen für die Erzählungen.
Die Zutaten hat er selbst benannt: Quenya ist auf lateinischer Grundlage gebaut, mit Finnisch und Griechisch als den beiden weiteren Hauptbestandteilen — eine Reihenfolge, die auffällt, denn sonst nennen alle das Finnische zuerst. Den Fund einer finnischen Grammatik beschrieb er als das Öffnen eines Weinkellers mit einem Wein, wie er ihn nie gekostet hatte. Was die Sprachen tatsächlich voneinander nahmen, verteilt sich anders, als die Kurzformel nahelegt: Der Klang des Quenya ist finnisch, seine Grammatik steht den flektierenden Mustern des Lateinischen und Griechischen näher als der finnischen Agglutination.
Der Entwurf war bewusst zweischichtig, und hier spiegelt die Erfindung die Geschichte: Tolkien gab dem Quenya eine Alltagsschicht, Tarquesta, und eine gelehrte, feierliche Buchsprache, Parmaquesta, von denen nur die zweite den vollen Kasusbestand behält. Wofür die Sprache nicht gedacht war, war ihm klar. Als internationale Hilfssprache hat er Quenya nie gewollt — das war eine andere Frage, und dort hielt er viel von Esperanto. Und in einem Brief kurz vor seinem Lebensende hat er den Status schlicht benannt: Den Gelehrten Gondors war Quenya mindestens so vertraut, wie es heute das Lateinische in Westeuropa ist, und es zu gebrauchen war eine Ehrbezeugung. Zur Zeit des Ringkriegs war es seit etwa sechstausend Jahren tot in dem Sinn, dass niemand es mehr als Kind erlernte.
Eine seiner Korrekturen lohnt es zu behalten, weil sie zeigt, wie weit die Grammatik durchdacht war. Frodos Gruß an Gildor lautete in der Erstausgabe omentielmo und wurde zu omentielvo geändert — Quenya unterscheidet im Dual danach, wie viele Personen einander tatsächlich begegnen. Ein Autor, der eine gedruckte Zeile wegen einer Pronominalendung überarbeitet, schmückt keine Geschichte mit fremd aussehenden Wörtern.