Herkunft und Namen

Elros war der Sohn Earendils und Elwings und wuchs mit seinem Zwillingsbruder Elrond an den Mündungen des Sirion auf, wo sich in den letzten Jahrzehnten des Ersten Zeitalters die Überlebenden zweier untergegangener Reiche gesammelt hatten: Flüchtlinge aus Gondolin, dem die Familie des Vaters entstammte, und aus Doriath, aus dem Elwing als Enkelin Berens und Lúthiens gekommen war. In seiner Person liefen damit mehrere Linien zusammen, die sonst getrennt blieben. Über Earendil reichte seine Herkunft auf Tuor und damit auf die Edain zurück, über Idril auf das Königshaus der Noldor von Gondolin, über Elwing auf Dior und Lúthien und mithin auf Melian, die dem Volk der Maiar angehörte. Kein anderes Geschlecht Mittelerdes verband elbische, menschliche und angelische Abkunft in dieser Weise.

Der Name Elros ist sindarin gebildet. Sein erstes Glied ist das Element el- beziehungsweise elen, „Stern“, das in zahlreichen Namen des Ersten Zeitalters begegnet und die beiden Brüder auch sprachlich aneinanderbindet, da Elrond dasselbe Anfangsglied trägt. Das zweite Element wird herkömmlich mit „Schaum“ oder „Gischt“ wiedergegeben, sodass sich der Name insgesamt etwa als „Sternenschaum“ verstehen lässt; die Deutung des Schlussgliedes ist allerdings weniger gesichert als die des Anfangs. Daneben führte Elros wie sein Bruder die Bezeichnung Peredhel, im Plural Peredhil, „Halbelb“, die in den Überlieferungen weniger als Name denn als Standesangabe erscheint und die Zwischenstellung des Geschlechts zwischen den Erstgeborenen und den Menschen benennt.

Die roten Fäden dieser Abstammung fasst der Rückblick im Anhang des Herrn der Ringe zusammen, der die Halbelben ausdrücklich auf die Ehen zwischen Eldar und Edain zurückführt und Elrond und Elros gemeinsam als Peredhil bezeichnet. Dort ist auch der zweite Name überliefert, unter dem Elros in den Aufzeichnungen Númenors geführt wird: Tar-Minyatur, eine hochelbische Bildung. Das Vorderglied Tar- kennzeichnet die Herrschernamen der númenórischen Linie überhaupt, während der zweite Bestandteil ihn als den ersten dieser Reihe ausweist. Beide Namen blieben nebeneinander in Gebrauch, und von ihm her heißt das Königshaus in den späteren Verzeichnissen schlicht das Geschlecht Elros'.

Geschichte

Die Jahre an den Sirionmündungen endeten für die Zwillinge in Gewalt. Als die überlebenden Söhne Feanors erfuhren, dass Elwing den Silmaril aus Doriath hütete, forderten sie den Stein zunächst durch Botschaft und fielen schließlich über die letzte Zuflucht der Flüchtlinge her; es war der dritte und schwerste jener Brudermorde, die den Eid des Vaters durch das Erste Zeitalter verfolgt hatten. Elwing entzog sich den Angreifern mit dem Silmaril, indem sie sich ins Meer stürzte, und das Lager wurde geplündert, während Earendil fern auf See war. Elrond und Elros blieben als Gefangene zurück. Die Überlieferung nennt Maglor als denjenigen, der sich der Knaben annahm, statt sie zu töten, und berichtet, dass zwischen dem Sohn Feanors und seinen Mündeln mit den Jahren eine Zuneigung entstand, die niemand erwartet hätte. In dieser Obhut wuchs Elros heran, bis der Krieg alles umwarf.

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Schicksal

Der Vater erreichte unterdessen Aman und trug die Sache der Elben und Menschen vor die Valar. Aus dieser Fürsprache erwuchs der Zug des Heeres des Westens nach Beleriand, der Krieg des Zorns, in dem Morgoths Macht zerbrach und das Land selbst zerschlagen wurde und im Meer versank. Für Elros und Elrond hatte der Sieg eine besondere Folge: Als Söhne Earendils und Elwings standen sie zwischen zwei Geschlechtern, deren Lose einander ausschließen, und die Valar erkannten, dass ihnen nicht einfach das eine oder das andere zugesprochen werden konnte. Eonwe, der Herold Manwes, überbrachte darum den Halbelben die Erlaubnis, selbst zu entscheiden, welchem der beiden Völker sie fortan angehören und welches Ende ihres Lebens sie tragen wollten. Elrond wählte die Erstgeborenen. Elros wählte die Menschen und damit die Sterblichkeit, doch wurde ihm und seinen Nachkommen eine Lebensspanne zugemessen, die weit über das Maß gewöhnlicher Menschen hinausging.

Die Wahl trennte die Brüder für die Dauer der Welt, doch führte sie Elros zugleich an die Spitze eines neuen Volkes. Den Edain, die in den drei Menschenhäusern gegen Morgoth gestritten hatten, gewährten die Valar zum Lohn ein Land, das eigens für sie aus dem Meer gehoben wurde: eine große Insel im westlichen Ozean, näher an Aman als an Mittelerde, aber vom Unsterblichen Reich durch ein Verbot geschieden. Die Überfahrt führte unter dem Licht jenes Sterns, den Earendil trug, und die Sterngestalt der Insel gab dem Reich später sein Wappen. Elros stand an der Spitze der Auswandernden; er wurde der erste König Númenors und begründete die Ordnung, die dort über dreitausend Jahre Bestand haben sollte. Sein Bruder blieb in Mittelerde und ging in den Dienst der Elbenreiche des Zweiten Zeitalters.

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Schicksal

Die Jahresrechnung des Zweiten Zeitalters hält beide Eckpunkte seines Königtums fest. Im Jahr 32 erreichten die Edain Númenor; mit diesem Datum beginnt in den Verzeichnissen die Reihe der Könige, und Elros führte fortan neben seinem sindarinischen Namen den hochelbischen Herrschernamen, unter dem ihn die Annalen der Insel verzeichnen. Vierhundertzehn Jahre später, im Jahr 442, vermerkt dieselbe Rechnung seinen Tod. Zwischen diesen beiden Einträgen liegt eine Regierungszeit, die länger währte als das Leben ganzer Menschengeschlechter in Mittelerde, und die Kürze der Notiz verdeckt, dass hier zum ersten Mal ein Sterblicher als König über ein Reich gebot, dessen Menschen die Gaben der Eldar zwar nicht besaßen, aber deren Nachbarschaft genossen.

Genauere Zahlen bietet das Verzeichnis der Könige und Königinnen Númenors. Danach wurde Elros noch in Beleriand geboren, rund sechs Jahrzehnte vor dem Beginn des Zweiten Zeitalters, sodass er bereits neunzig Jahre zählte, als ihm das Zepter zufiel. Er lebte fünfhundert Jahre und regierte vierhundertzehn davon; keiner seiner Nachfolger erreichte dieses Alter wieder, und die Lebensspanne der Linie blieb lange bei vierhundert und nahm erst mit dem Schatten ab. Als er starb, ging die Herrschaft an seinen Sohn Vardamir Nólimon über, der als Gelehrter mehr an Überlieferung als an Regierung gelegen war und das Zepter alsbald an seinen eigenen Sohn weitergab, obwohl sein Name in der Zählung der Könige stehen blieb. Elros hatte damit nicht nur ein Reich, sondern auch eine geregelte Erbfolge hinterlassen.

Die eigentliche Nachwirkung seiner Entscheidung liegt in dieser Erbfolge. Aus dem Geschlecht Elros' stammten sämtliche Könige Númenors bis zum Untergang der Insel, und aus einem seiner Seitenzweige, dem Haus der Herren von Andúnië, gingen Elendil und dessen Söhne hervor, die dem Verderben entkamen und in Mittelerde die Reiche Arnor und Gondor gründeten. Über sie führt die Linie bis zu den Fürsten der Dúnedain des Nordens und schließlich zu Aragorn, der im Dritten Zeitalter Anspruch und Königtum wieder zusammenführte. So blieb das Los, das Elros am Ende des Ersten Zeitalters gewählt hatte, für die Geschichte der Menschen des Westens bestimmend, während sein Bruder unter denselben Nachkommen als bleibender Zeuge jener Trennung fortdauerte, bis sich die beiden Zweige des Geschlechts der Halbelben durch Arwens Wahl noch einmal berührten.

Rolle und Wirkungskreis

Als handelnde Gestalt tritt Elros in den überlieferten Erzählungen kaum hervor. Außer bei der Entscheidung über sein Los gibt es keine Szene, in der er spricht oder eingreift; die Texte führen ihn in Jahresrechnungen, Stammtafeln und Königslisten, nicht in Dialogen. Seine Stellung im Gefüge des Legendariums ist darum weniger die eines Helden als die eines Anfangspunktes, von dem her sich der besondere Rang der Menschen des Westens überhaupt erst erklärt. Sichtbares Zeichen dieser Stellung war das Zepter Númenors: Die Anhänge bezeichnen es als das eigentliche Merkmal des dortigen Königtums, während in Gondor später die Krone diese Rolle übernahm, und es blieb bis zum letzten Herrscher der Insel in Gebrauch, mit dem es unterging.

Was ihm und seinem Volk zuteilwurde, benennen die Quellen genau, und ebenso genau die Grenze. Die Valar mehrten den Edain Lebensdauer, Einsicht und Ansehen und gaben ihnen ein Land, in dem sie zu Seefahrern und Handwerkern wurden, wie sie Mittelerde nicht kannte; sie nahmen ihnen aber die Sterblichkeit nicht, denn diese galt als Gabe Ilúvatars, über die auch die Mächtigen des Westens nicht verfügten. In der Frühzeit der Insel legten die Menschen ihr Leben freiwillig nieder, solange sie noch bei Kräften waren, statt zu warten, bis das Alter sie zwang. Zugleich zog man dem neuen Reich eine Schranke: Seine Schiffe durften nicht so weit nach Westen fahren, dass die eigene Küste außer Sicht geriet. Elros regierte also über ein Volk, dessen Vorzüge und dessen Beschränkung von außen gesetzt waren.

Von Fähigkeiten im engeren Sinne ist bei ihm nirgends die Rede. Anders als sein Bruder, dem die Überlieferung Heilkunst, Ratgeberamt und später einen der Ringe zuschreibt, erscheint Elros ohne Kunstfertigkeit, ohne Waffentat und ohne Werk, das man ihm namentlich zuschriebe; die Abkunft von Melian schlägt sich bei ihm in keiner erkennbaren Gabe nieder. Was er weitergab, war allein die gemehrte Lebensspanne, und auch sie ließ über die Geschlechter nach. Wer ihm darüber hinaus Macht zuspricht, verlässt den Bestand der Quellen: Sein Gewicht liegt nicht in dem, was er vermochte, sondern in dem, was aus ihm hervorging.

Verwandtschaft und Bindungen

Die engste Bindung seines Lebens war zugleich diejenige, die er selbst zerschnitt. Bis zur Entscheidung am Ende des Ersten Zeitalters teilten Elros und Elrond alles: dieselbe Herkunft, dieselbe Gefangenschaft, dieselbe Zwischenstellung zwischen zwei Völkern. Danach trennten sie ein Meer und zwei einander ausschließende Lose, und die Überlieferung berichtet nichts von einem Wiedersehen, obwohl beide noch Jahrhunderte lang lebten. Bemerkenswert ist, wie diese Bindung dennoch fortdauerte: Elrond nahm sich in späteren Zeitaltern der Nachkommen seines Bruders an, und die Anhänge halten fest, dass die Erben Isildurs in Bruchtal aufwuchsen und dort auch die zerbrochene Klinge ihres Hauses verwahrt wurde. Was Elros an Verwandtschaft aufgab, kehrte über die Geschlechter hinweg als Fürsorge für seine eigene Linie zurück.

Zu den Eltern bestand kaum je ein gewöhnliches Verhältnis. Earendil war zur See, als das Unglück über die Sirionmündungen kam, und kehrte nie zu seinen Söhnen zurück; Elwing verließ sie in dem Augenblick, in dem sie sich den Verfolgern entzog. Beide Eltern blieben den Knaben danach nur noch als ferne Gestalten: der Vater als Licht am Abendhimmel, die Mutter in einem Turm an der Küste der Trennenden Meere. An ihre Stelle trat ausgerechnet einer aus dem Geschlecht, das ihre Heimat vernichtet hatte. Diese Verbindung zwischen Mündel und Mörder gehört zu den befremdlichsten Zügen der Überlieferung und zeigt, dass der Eid Feanors seine Träger nicht in jeder Hinsicht entmenschlicht hatte.

Von der eigenen Familie zeichnen die Verzeichnisse ein knappes, aber deutliches Bild. Eine Gemahlin wird nirgends genannt, wohl aber vier Kinder: der Erstgeborene Vardamir sowie Tindómiel, Manwendil und Atanalcar, deren Namen teils sindarinisch, teils hochelbisch gebildet sind und die Nähe des jungen Reiches zu den Eldar bezeugen. Aus dieser Nachkommenschaft wurde binnen weniger Geschlechter der Adel der Insel; die Seitenzweige führten sich sämtlich auf ihn zurück, und noch die Herren von Andúnië zählten die Abstammung als ihren vornehmsten Besitz. Dass die Númenórer ihr Königshaus nicht nach der Insel, sondern nach ihm benannten, ist der eigentliche Ausdruck dieser Beziehungen: Nicht ein Ort, sondern eine Person stand am Anfang.

Entwürfe und Varianten

Elros gehört zu den späten Zugängen des Legendariums. Die frühen Fassungen der Eärendel-Erzählung kennen nur einen Sohn: Im Buch der Verschollenen Geschichten wie noch im Quenta Noldorinwa der frühen dreißiger Jahre steht Elrond allein, und ihm allein gilt dort auch die Zwischenstellung zwischen den Geschlechtern. Zudem fällt seine Entscheidung anders aus, als sie später erzählt wurde: Er bleibt, durch sterbliches Blut an das jüngere Volk gebunden, in Mittelerde zurück, als die Elben nach Westen zurückkehren, und von ihm leitet sich gleichwohl ein großes Geschlecht her. Auch der Bewahrer der Kinder war zunächst ein anderer, denn in dieser Fassung nimmt sich Maedhros und nicht sein Bruder des Knaben an. Erst als Tolkien in der Mitte der dreißiger Jahre die Überlieferung vom Fall Númenors entwarf, trat der Zwilling hinzu; dort begegnet der Name Elros zum ersten Mal, und mit ihm die Aufteilung der einen Wahl auf zwei Personen, deren eine das Inselreich gründet, während die andere in Mittelerde verbleibt.

Der Name selbst blieb bis zuletzt ein offener Punkt. In einem Aufsatz aus seinen letzten Lebensjahren, den Christopher Tolkien unter dem Titel „The Problem of Ros“ veröffentlichte, prüfte der Verfasser, ob sich das Schlussglied überhaupt aus dem Sindarin herleiten lasse, da dasselbe Element in Namen ganz unterschiedlicher Herkunft wiederkehrt. Er erwog daher, es der Sprache der Edain, näherhin dem Hause Beors zuzuschreiben, aus dem Elwing über Beren stammte, und stellte den geläufigen Formen hochelbische Bildungen wie Elerondo und Elerossë an die Seite. Der Ansatz blieb Fragment und wurde am Ende verworfen, sodass die überlieferte Deutung des Namens auf älteren und einfacheren Erklärungen beruht. Der Vorgang ist bezeichnend: Die Gestalt war in ihrer Geschichte längst festgelegt, während die sprachliche Begründung ihres Namens noch Jahrzehnte später verhandelt wurde.