Name und Herkunft

Bei den grauelbisch sprechenden Völkern, und bald auch unter sich selbst, trugen die Bewohner der Insel den Namen Dúnedain — zusammengesetzt aus dûn, „West“, und Edain, der alten Sammelbezeichnung für jene Menschenhäuser, die sich im Ersten Zeitalter den Eldar und Valar verbündet hatten. Der Name bedeutet schlicht „Menschen des Westens“ und verweist auf die Lage ihres neuen Landes, weit hinaus im Meer zwischen Mittelerde und Aman. In den Überlieferungen, die über das Rote Buch weitergegeben wurden, erscheint daneben die schlichtere Form „Númenórer“, die dasselbe Volk unter demselben geografischen Gesichtspunkt benennt.

Die Insel selbst führte mehrere Namen. Die ersten Wanderer nannten sie Elenna, „Sternwärts“, da ihnen ein Stern — das Zeichen Earendils am Himmel — den Weg über das Meer gewiesen hatte; die Valar und Eldar gaben ihr bei der Übergabe den Ehrennamen Andor, „Land der Gabe“. In der Sprache der Insel selbst wurde daraus mit der Zeit Númenórë, „Westland“, der Name, unter dem sie in den späteren Chroniken vor allem bekannt blieb.

Im Sprachgebrauch der Chroniken, die im Roten Buch überliefert sind, tritt die Insel zudem unter der eingedeutschten Form Westernis auf. Ihre Bewohner entstammten den Häusern der Edain, die sich im Ersten Zeitalter den Eldar angeschlossen und mit ihnen gegen Morgoth gekämpft hatten; ihr erster König, Elros, war zugleich ein Sohn Earendils und somit halb-elbischer Abkunft, wodurch dem Königshaus Númenors von Beginn an ein Erbe aus beiden Völkern zugeschrieben wurde.

Geschichte

Unter Elros und seinen ersten Nachfolgern erlebte das Inselreich eine lange Blütezeit. Die Hauptstadt Armenelos wuchs zu einer Stadt von seltener Pracht, und das Volk mehrte sich in Weisheit, Handwerk und Schiffsbaukunst, ohne zunächst gegen die Bedingung zu verstoßen, unter der die Valar ihm die Insel gegeben hatten: Kein númenórisches Schiff sollte so weit nach Westen segeln, dass das Land außer Sicht geriet, denn Aman selbst blieb den Sterblichen verschlossen. In diesen frühen Jahrhunderten kamen Schiffe der Eldar von Tol Eressea noch häufig zu Besuch, und von ihnen empfing das junge Königreich viel von seinem Wissen.

Mit den Jahrhunderten drängte es die Númenórer, ihre Schiffe auch ostwärts zu schicken, zurück nach Mittelerde, aus dem ihre Vorfahren einst gekommen waren. Zunächst kamen sie als Lehrer und Wohltäter: Sie brachten den dort zurückgebliebenen, in Rückständigkeit und unter dem Schatten Saurons lebenden Menschen Ackerbau, Handwerk und Schrift bei und gründeten an den Küsten Anlegeplätze und Häfen. Aus dieser Zeit der Freundschaft stammt der Ruf, den die Königsleute Mittelerdes den hochgewachsenen Seefahrern aus dem Westen entgegenbrachten.

Doch mit wachsender Macht wandelte sich dieses Verhältnis. Aus den Lehrern wurden Herren, die an den Küsten Mittelerdes Zoll und Tribut erhoben und sich Landstriche unterwarfen, während im Herzen des Inselreichs selbst eine tiefere Unruhe wuchs: der Neid auf die Unsterblichkeit der Eldar und der Groll gegen das Verbot der Valar, das den Menschen Aman verschloss und sie an ihre kurze Lebensspanne band. Diese Auflehnung teilte das Volk in zwei Lager: die Königsleute, die dem Verbot mit wachsendem Trotz begegneten, und die Getreuen, die den alten Bund mit den Eldar und Valar bewahrten, dafür aber zunehmend Misstrauen und offene Verfolgung erfuhren. Die Schiffe von Eressëa blieben in dieser Zeit aus.

Unter Ar-Pharazôn, dem letzten und mächtigsten der Könige, erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt. Um die eigene Vormacht in Mittelerde gegen Sauron zu behaupten, zog er mit einer gewaltigen Streitmacht aus und zwang dessen Unterwerfung; Sauron aber ließ sich als Geisel nach Númenor bringen und gewann von dort aus binnen kurzem die Stellung eines Ratgebers am Hof. Unter seinem Einfluss wandte sich der König offen von den Valar ab, ließ Melkor einen Tempel errichten und die Getreuen dort zum Opfer bringen, während die alte Furcht vor dem Tod in blinden Hass auf das Verbot umschlug.

Am Ende trieb ihn diese Furcht dazu, das Verbot in offener Waffentat zu brechen: Ar-Pharazôn stach mit seiner Flotte gen Westen in See, um sich Aman selbst und die dort verheißene Unsterblichkeit zu erzwingen. Darauf legten die Valar die Herrschaft über die Welt in die Hand Ilúvatars zurück, die Gestalt der Erde ward gewandelt, und Númenor versank in einem einzigen Sturz in die See, zuletzt der Berg Meneltarma. Von den Getreuen entkamen Elendil und seine Söhne mit wenigen Schiffen dem Untergang und erreichten die Küsten Mittelerdes; mit ihnen und ihren Nachkommen, den Dúnedain, lebte das Volk der Insel im Exil fort.

Lebensweise und Werke

Vor allem in den ersten Zeitaltern des Inselreichs war den Númenórern eine Gelassenheit gegenüber dem eigenen Ende eigen, die sie von allen übrigen Sterblichen unterschied. Krankheit und vorzeitiges Altern blieben ihnen über weite Strecken ihres langen Lebens fremd, und wer das nahende Ende seiner Tage spürte, legte, solange er noch bei Kräften und klarem Sinn war, sein Amt nieder, nahm Abschied von den Seinen und ging aus freiem Willen in einen Schlaf, aus dem er nicht wieder erwachte. Erst in späteren Geschlechtern, als die Furcht vor dem Tod im Volk erwachte, geriet diese Sitte des willentlichen Sterbens allmählich in Vergessenheit.

Die Insel selbst gliederte sich in mehrere Landstriche, von denen jeder für eigene Erzeugnisse und Fertigkeiten bekannt war: Das fruchtbare Mittalmar lieferte Getreide, die Weinhänge von Hyarnustar edlen Wein, während man im steinreichen Forostar Bergbau und Steinmetzkunst betrieb. Besondere Sorgfalt galt den duftenden Bäumen von Nísimaldar im Westen, die einst als Geschenk der Eldar aus Eressëa gebracht worden waren und in keinem anderen Land Mittelerdes gediehen. Aus dieser Verbindung von Landwirtschaft, Bergbau und Handwerk erwuchs ein Wohlstand, der sich auch in Bauwerken aus behauenem Stein, in Türmen und weiten Hafenanlagen niederschlug, und die Kunstfertigkeit der Steinmetze und Baumeister Númenors galt in jenen Zeitaltern als unerreicht.

Im täglichen Umgang sprachen die Númenórer eine eigene Sprache, das Adûnaische, das sich von der Rede der alten Edain-Häuser herleitete. Unter den Adelshäusern und vor allem im Geschlecht der Fürsten von Andúnië blieb daneben das Sindarin der grauelbischen Nachbarn in Gebrauch, während das erhabenere Quenya der Eldar aus Aman den Königen und ihren Namen sowie feierlichen Inschriften vorbehalten war. Neben dieser Mehrsprachigkeit pflegte man in Númenor eine sorgfältige Aufzeichnung des eigenen Werdens: Geschlechterfolgen, Landvermessungen und Chroniken wurden in eigens dafür angelegten Schriftrollen bewahrt, aus denen sich spätere Geschlechter ihres Ursprungs und ihrer Abstammung von den Eldar und Valar versicherten.

Stämme, Häuser und Sippen

Innerhalb des Königshauses, das sich von Elros herleitete, war die Thronfolge ursprünglich Söhnen vorbehalten; eine Tochter durfte die Krone nur erben, wenn ihr Vater keinen Sohn hinterließ. Erst der sechste Herrscher, Tar-Aldarion, änderte dieses Gesetz zugunsten des jeweils ältesten Kindes, gleich welchen Geschlechts, sodass mit seiner Tochter Tar-Ancalime erstmals eine Königin aus eigenem Recht den Thron bestieg; im Lauf der Jahrhunderte folgten ihr weitere regierende Königinnen. Nach altem Brauch trugen die Herrscher Númenors einen Thronnamen in der hohen Sprache der Eldar mit der Vorsilbe Tar-; erst mit Ar-Adûnakhôr, der sich offen von den Eldar abwandte, kam mit der Vorsilbe Ar- die adûnaische Namensform auf, die bis zum letzten König beibehalten wurde und den wachsenden Bruch mit der alten Freundschaft zu Eldar und Valar sichtbar machte.

Neben dem Königshaus stand das Geschlecht der Fürsten von Andúnië, das auf Silmarien zurückging, die älteste Tochter des vierten Königs Tar-Elendil: Da die Thronfolge zu ihrer Zeit noch Söhnen vorbehalten war, fiel die Krone an ihren jüngeren Bruder, doch ihr eigener Sohn Valandil wurde als erster Fürst von Andúnië Herr über die Westküste der Insel. Als sich das Volk späterhin in Königsleute und Getreue schied, waren es gerade die Fürsten von Andúnië, denen die Getreuen sich am ehesten zuwandten, sodass aus diesem Haus mit Amandil und seinem Sohn Elendil zuletzt jene Führung hervorging, die dem alten Bund mit den Eldar und Valar bis zum Ende die Treue hielt.

In der Erzählung

Im eigentlichen Handlungsverlauf des Herrn der Ringe treten die Númenórer selbst nicht mehr auf; sie wirken als Erinnerung, an der die lebenden Figuren ihre eigene Gegenwart messen. Boromir, Faramir und Denethor sprechen von den Vorfahren aus dem Westen mit einer Mischung aus Stolz und Trauer, die den Ton weiter Teile der Bücher III und V prägt – Gondor erscheint seinen eigenen Bewohnern als bloßer Schatten einstiger Größe. In seinem Gespräch mit Frodo und Sam unterscheidet Faramir ausdrücklich zwischen den „Hochmenschen“ númenórischer Abkunft und den übrigen Völkern Mittelerdes und macht daran fest, wie tief sein eigenes Volk gegenüber den Vorfahren gesunken sei. Auch Elrond in Bruchtal erinnert sich an die Zeit vor dem Untergang aus eigenem Erleben und trägt dieses Wissen unmittelbar in die Gegenwart der Ringgemeinschaft.

In der eigenständigen Erzählung der Akallabêth stehen die Númenórer für das Motiv des Sturzes durch Hybris: ein Volk, dem Macht, Reichtum und ein langes Leben geschenkt werden und das daran zerbricht, weil es die eigene Sterblichkeit nicht erträgt und schließlich die Grenze zu überschreiten sucht, die den Sterblichen gesetzt ist. Damit dient ihre Geschichte im Gesamtwerk als Gegenbild zu den Versuchungen, denen auch andere Figuren – etwa im Umgang mit dem Einen Ring – ausgesetzt sind: dem Wunsch, dem eigenen Ende durch Macht zu entgehen, anstatt es anzunehmen.

Für die Gesamterzählung bleibt Númenor so der Maßstab, an dem Verfall und mögliche Erneuerung gemessen werden. Aragorns Rückkehr als König wird von den übrigen Figuren nicht als bloß politischer Sieg verstanden, sondern als teilweise Wiederherstellung dessen, was mit dem Untergang verloren ging. Die Sehnsucht nach den Númenórern, wie sie in Gondor und bei den Dúnedain des Nordens fortlebt, gibt dem Buch seine elegischen Untertöne und macht die Rückkehr des Königs zu einem Ereignis, das über die Gegenwart hinaus auf eine ferne, halb mythische Vergangenheit zurückweist.

Entwürfe und Fassungen

Der erste Ansatz zu einer eigenen Erzählung vom Untergang Númenors entstand in Tolkiens unvollendetem Zeitreiseroman „The Lost Road“ aus der Mitte der 1930er Jahre, in dem sich ein wiederkehrender Traum vom hereinbrechenden Meer – eine Vision, die Tolkien selbst wie auch seinem Sohn Michael eigen war – erstmals mit dem Stoff eines atlantischen Inseluntergangs verband. In diesem frühen Entwurf trug der Sohn Amandils und spätere Gefährte Elendils noch nicht den Namen Isildur, sondern hieß Herendil; die Rahmenhandlung, die über mehrere Generationen von Vater-Sohn-Paaren – etwa Oswin und Edwin, Alboin und Audoin – bis in die Gegenwart reichen sollte, blieb Fragment und wurde nie zu Ende geführt.

Einen zweiten Anlauf unternahm Tolkien gut zehn Jahre später mit den „Notion Club Papers“, einer erneuten Zeitreise-Rahmenerzählung, in deren Verlauf mit „The Drowning of Anadûnê“ eine ausführliche, in weiten Teilen adûnaisch geprägte Fassung der Geschichte entstand. Erzählt aus der Sicht eines Mannes, der den Königsleuten nähersteht als den Getreuen, weicht dieser Entwurf im Ton merklich von der später im Silmarillion veröffentlichten Akallabêth ab; erst mit dieser letzten Fassung erhielt die Geschichte des Untergangs ihre endgültige, den Getreuen zugewandte Erzählperspektive.