Herkunft und Namen
Bard zählte zu den Menschen des Nordens, jenem Zweig der Sterblichen, der zwischen dem Einsamen Berg und dem Langen See siedelte. Zur Zeit von Thorins Fahrt lebte er in Esgaroth, der auf Pfählen über dem Wasser errichteten Seestadt, wo er die Bogenschützen der Stadtwache befehligte. Er stand nicht in der Gunst des Bürgermeisters und galt unter seinen Nachbarn als schwerblütig: ein Mann, der ungebeten vor Hochwasser und verdorbenen Fischen warnte und dessen Ernst als Trübsinn ausgelegt wurde. Zugleich schrieb ihm die Stadt eine Abkunft zu, die ihn von den übrigen Seestädtern abhob, denn er führte sich auf Girion zurück, den letzten Herrn des alten Thal, dessen Frau und Kind der Verwüstung durch den Drachen den Fluss hinab entkommen waren.
Sein Name ist von schlichter, nordisch anmutender Form und wird in den Erzählungen ohne Deutung gegeben; anders als die meisten bedeutenden Namen des Legendariums besitzt er weder eine elbische Gestalt noch eine überlieferte Bedeutung und wird schlicht wie das gleichlautende englische Wort gesprochen. Was ihn kenntlich macht, sind darum die Beinamen. „Der Bogenschütze“ verweist auf sein Handwerk und seine Stellung in der Stadtwache; „von Seestadt“ nennt seine Heimat; „der Drachentöter“ und die späteren Titel als Herr und König von Thal knüpfen an das, was die Sektion zur Geschichte berichtet. Das Nebeneinander dieser Bezeichnungen zeichnet in knapper Form den Weg vom Hauptmann einer Handelsstadt zum Erben eines untergegangenen Königshauses nach.
Aus seiner Herkunft erwuchsen ihm zwei Dinge, die ihn von den übrigen Bewohnern Esgaroths unterschieden. Zum einen besaß er einen schwarzen Pfeil, den er als Erbstück seiner Vorväter betrachtete und dessen Ursprung er in den Schmieden unter dem Berg vermutete; nach seiner Überzeugung war dieser Pfeil ihm stets wieder zugefallen und niemals endgültig verloren gegangen. Zum anderen verstand er die Sprache der Vögel, wie es einst unter den Leuten des alten Thal üblich gewesen war, sodass er die Rede einer alten Drossel begreifen konnte, während sie den Umstehenden nur als Gezwitscher erschien. Beides sind Spuren einer älteren Ordnung, die mit Girions Stadt untergegangen war und in ihm fortlebte, ehe die Ereignisse um den Erebor sie wieder zur Geltung brachten.
Geschichte
Als der Drache im Jahr 2941 des Dritten Zeitalters aus dem Berg fuhr und sich auf Esgaroth stürzte, war Bard der Einzige, der die Verteidigung in eine Ordnung brachte. Der Bürgermeister hatte sich in sein Boot zurückgezogen und suchte das Weite, während Bard die Brücke zum Ufer niederreißen und die Wasserkübel bereitstellen ließ, um die Feuer zu löschen, die von den Pfeilen der Bogenschützen nicht aufgehalten wurden. Als die Stadt schon in Flammen stand, hielt er mit einer letzten Schar auf einem noch unversehrten Teil der Pfahlbauten stand und schoss, bis ihm nur noch ein einziger Pfeil blieb. In diesem Augenblick brachte ihm eine Drossel die Kunde von der schadhaften Stelle an der linken Brust des Ungeheuers, die dessen Panzer aus Edelsteinen nicht deckte. Bard traf, und Smaug stürzte über die Stadt, zerschlug sie im Fallen vollends und blieb tot im tiefen Wasser des Sees liegen; Bard selbst rettete sich schwimmend ans Ufer.
Die Überlebenden, die sich in den Untiefen und am Ufer sammelten, hielten ihn zunächst für umgekommen und beklagten ihn. Als er aus dem Wasser trat, riefen viele ihn zum König aus, doch der Bürgermeister erinnerte an das Recht der gewählten Obrigkeit und lenkte den Unmut der Menge auf die Zwerge, deren Rückkehr den Drachen geweckt habe. Bard trieb den Anspruch nicht voran, sondern kümmerte sich um Obdach und Nahrung für die Obdachlosen, denn der Winter stand bevor und die Vorräte waren mit der Stadt verbrannt. Botschaft ging nach Süden und Westen; der Elbenkönig des Düsterwaldes, der bereits mit einem Heer unterwegs zum Berg war, wandte sich nach Esgaroth und brachte Hilfe. Nachdem die Not gelindert war, zogen die Seestädter unter Bards Führung mit den Elben zum Erebor.
Vor dem Tor des Berges trug Bard seine Forderung in drei Punkten vor: Ihm gebühre ein Anteil, weil er den Drachen erschlagen habe, weil er als Erbe Girions den Teil des Hortes beanspruchen könne, den Smaug einst aus Thal geraubt hatte, und weil Esgaroth um der Zwerge willen zerstört worden sei und der Wiederaufbau bezahlt werden müsse. Thorin, dessen Sinn sich bereits am Gold verfangen hatte, wies jede Verhandlung zurück, solange ein bewaffnetes Heer vor seinem Tor lag, und verwies auf die Gegenwart der Elben, denen er nichts schuldete. Bard antwortete nicht mit einem Angriff, sondern mit einer Blockade: Das Tor wurde eingeschlossen, kein Gut durfte hinein oder hinaus, und die Belagerung sollte den Berg aushungern, dessen Bewohner Wasser und Schätze, aber wenig Nahrung besaßen. Unterdessen sandte Thorin heimlich Botschaft an seinen Verwandten Dáin in den Eisenbergen.
In der Nacht kam der Hobbit aus dem Berg ins Lager herab und legte Bard und dem Elbenkönig den Arkenstein in die Hand, jenes Kleinod, das Thorin über alles begehrte, damit sie ein Pfand für die Verhandlung hätten. Am folgenden Morgen hielt Bard es Thorin vor Augen; der Zwerg erkannte den Stein, ergrimmte über den Verrat und ließ sich doch dazu bewegen, ein Vierzehntel des Hortes für die Auslösung zuzusagen, wollte die Zahlung aber bis zur Ankunft seiner Verwandten aufschieben. Als Dáin mit fünfhundert Zwergen aus dem Osten heranrückte, verweigerte Bard ihm den Zugang zum Tal, und es fehlte wenig, bis Menschen, Elben und Zwerge einander in offener Feldschlacht gegenübergestanden hätten. Dazu kam es nicht, denn Gandalf trat zwischen die Heere und meldete, dass ein Heer von Orks und Wargen aus dem Norden im Anmarsch sei.
In der Schlacht der Fünf Heere führte Bard die Menschen von Esgaroth an, die gemeinsam mit den Elben den einen Bergsporn hielten, während die Zwerge den anderen verteidigten. Der Kampf stand lange schlecht, bis die Adler und Beorn eingriffen und die Entscheidung brachten. Nach dem Sieg fand Bard sich am Sterbelager Thorins ein, der noch vor seinem Tod Frieden mit dem Hobbit schloss; Bard legte ihm den Arkenstein auf die Brust, ehe der Zwerg unter dem Berg bestattet wurde. Dáin, der die Herrschaft antrat, erfüllte die Zusage seines Vorgängers und übergab Bard den vierzehnten Teil des Hortes an Gold und Silber. Bard gab dem Elbenkönig die Smaragde Girions, die aus dem alten Thal stammten, und schickte dem Bürgermeister von Esgaroth reichlich Gold für die Menschen der Stadt; jener freilich verfiel der Gier, floh mit dem Schatz in die Einöde und kam dort um.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Mit seinem Anteil ging Bard daran, Thal wieder aufzubauen, das seit Smaugs Überfall wüst gelegen hatte; im Jahr 2944 galt die Stadt als neu gegründet und Bard als ihr König, der erste seines Hauses seit Girion. Menschen aus der Umgebung des Sees und aus dem Süden und Westen zogen zu ihm, das Tal des Eilend wurde wieder bestellt, und die Öde zwischen Berg und See verwandelte sich binnen weniger Jahre in fruchtbares Land. Auch Esgaroth wurde weiter oben am See neu errichtet und gedieh im Handel mit Thal und dem Erebor, wo die Zwerge unter Dáin herrschten; zwischen Menschen, Zwergen und den Elben des Waldes bestand fortan ein gutes Einvernehmen. Bard starb im Jahr 2977, und ihm folgte sein Sohn Bain auf den Thron; dessen Sohn Brand regierte zur Zeit des Ringkrieges. Die Chroniken der Zwerge nennen Bards Tat und die Neugründung Thals als Wendepunkt für den ganzen Norden, weil sie dem wiedererrichteten Königreich unter dem Berg erst Bestand gaben.
Rolle und Fähigkeiten
Im Gefüge der Erzählung steht Bard als nüchterne Gegenfigur zu zwei Formen der Habsucht: zum Bürgermeister von Esgaroth, der das Gemeinwesen als Geschäft betreibt, und zu Thorin, dessen Urteil sich am Hort verliert. Er selbst verfügt über keine Gaben, die ihn über andere Sterbliche höben — kein Werk der Elben, keine verliehene Macht, kein langes Leben. Was ihn auszeichnet, ist Handwerk und Haltung: die Sicherheit des Schützen, die Gewohnheit des Befehlens und die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, ehe sie sich bestätigen. Auch die beiden Eigenheiten, die er aus dem Erbe des alten Thal mitbringt, sind kein Zauber, sondern Reste einer älteren Nachbarschaft von Menschen, Zwergen und Tieren; sie wirken genau ein einziges Mal und lassen sich nicht willentlich wiederholen.
Die Tat, die seinen Namen trägt, ist entsprechend an Umstände gebunden, über die er nicht gebot. Die Pfeile seiner Leute prallten am Panzer des Drachen ab, die Stadt brannte bereits, und der letzte Schuss gelang nur, weil ihm von außen die Kenntnis der ungedeckten Stelle zuwuchs und weil sein Ziel im Feuerschein tief genug über dem Wasser stand. Sein Mut rettete Esgaroth nicht: Die Stadt ging unter, und der Erfolg bestand allein darin, dass das Ungeheuer sie nicht überlebte. Ebenso wenig verschaffte ihm der Schuss eine Herrschaft — der Zuruf der Überlebenden begründete keinen Anspruch, den er hätte durchsetzen können, und er ließ ihn ruhen, solange die Not vorging.
Als Anführer zeigt sich dieselbe begrenzte Reichweite. Vor dem Berg wählte er die Einschließung statt des Angriffs und war bereit, auf Ansprüche zu verzichten, ehe er um Gold Blut vergießen ließ; brechen konnte er Thorins Sinn damit nicht, und die Sache löste sich erst durch eine Gefahr, die keiner der Beteiligten geplant hatte. Auch die Schlacht selbst entschied nicht seine Schar, sondern der Eingriff von außen. Seine eigentliche Stärke lag danach im Aufbau — im Ordnen von Vorräten, Menschen und Verkehrswegen —, und der Bestand des Reiches, das er begründete, blieb an das Bündnis mit dem Berg und an die Kräfteverhältnisse des Nordens gebunden. Wie wenig dies gesichert war, zeigte sich, als im Ringkrieg Thal überrannt und erst nach schwerem Verlust von seinen Nachkommen zurückgewonnen wurde.
Beziehungen
Bards Verhältnis zu Girion ist kein persönliches, sondern ein überliefertes: Zwischen dem letzten Herrn des alten Thal und ihm liegen Geschlechter, von denen die Erzählungen nichts berichten, und was ihm von jenem geblieben ist, sind ein Anspruch und einige Dinge, aber keine Erinnerung. Ebenso zurückhaltend bleiben die Quellen bei seiner eigenen Familie: Weder eine Gefährtin noch die Mutter seiner Kinder wird irgendwo genannt, und von seinen Nachkommen tritt zu seinen Lebzeiten allein Bain mit Namen hervor. Erst die Anhänge zum Ringkrieg lassen erkennen, dass daraus ein Haus geworden war, das über Bain und Brand bis zu einem Nachfahren reichte, der Bards Namen ein zweites Mal trug. Seine Familienbindungen sind darum durchweg dynastisch gezeichnet und nicht häuslich.
Seine Gegenspieler sind weniger Personen als Haltungen. Zum Bürgermeister von Esgaroth steht er in einem Verhältnis, das schon vor dem Drachen bestand: Der eine verkörpert die gewählte, rechnende Obrigkeit einer Handelsstadt, der andere ein Ansehen, das sich aus Dienst und Abkunft speist und kein Amt benötigt; beide misstrauen einander, ohne dass es je zum offenen Bruch kommt. Thorin wiederum ist Gegner nur auf Zeit und allein in einer Sache. Bard bestreitet an keiner Stelle dessen Recht auf den Berg, sondern ausschließlich die Weigerung zu teilen, und als der Zwerg im Sterben lag, erwies er ihm eine Ehre, zu der kein Sieger verpflichtet war. Mit Smaug schließlich verbindet ihn keine Feindschaft eigener Wahl: Sie fiel ihm mit dem Untergang der Stadt seiner Vorväter zu, lange ehe er selbst geboren war.
Auf der Seite der Verbündeten zeigt sich seine Fähigkeit, mit Fremden zu verkehren. Der Elbenkönig des Düsterwaldes kommt als Helfer in der Not und bleibt als Bundesgenosse, doch behält Bard die Führung der Menschen und führt vor dem Tor das Wort. Dass ausgerechnet der Hobbit, ein Auswärtiger ohne jede Bindung an Seestadt, ihm das Pfand in die Hand legte, sagt mehr über seinen Ruf als alles, was die Nachbarn ihm nachsagten: Man traute ihm zu, einen Ausgleich zu suchen statt einer Plünderung. Gandalf begegnet ihm nur in einem einzigen Augenblick, als Bote einer größeren Gefahr; Dáin steht ihm erst als Widersacher gegenüber und danach als Nachbar, mit dem sich ein dauerhaftes Einvernehmen von Berg und Tal begründen ließ. Von keiner dieser Verbindungen wird Freundschaft im engeren Sinne erzählt; es sind Zweckbündnisse, die tragen, weil beide Seiten ihr Wort einlösen.
Adaptionen
In der älteren Zeichentrickfassung des „Hobbit“ für das amerikanische Fernsehen ist Bard auf das Notwendigste zusammengezogen. Die Fassung presst den Roman in etwa neunzig Minuten und räumt der Seestadt entsprechend wenig Zeit ein: Bard tritt erst mit dem Angriff des Drachen auf, ohne dass sein Zerwürfnis mit dem Bürgermeister, seine Abkunft oder sein Amt bei der Stadtwache eigens entwickelt würden. Der Kern der Buchhandlung bleibt dabei erhalten — die Drossel überbringt ihm die Kunde von der ungedeckten Stelle, und der letzte Pfeil entscheidet. Verhandlung vor dem Tor, Belagerung und Schlacht sind hingegen stark gerafft, sodass von seiner Rolle als Anführer und Unterhändler kaum etwas übrig bleibt.
Ungleich breiter angelegt ist die Figur in Peter Jacksons dreiteiliger Verfilmung, wo Luke Evans sie im zweiten und dritten Teil verkörpert. Da der kurze Roman hier über drei Filme gedehnt wird, erhält Bard eine Vorgeschichte, die das Buch nicht kennt: Er ist Kahnführer und Schmuggler statt Hauptmann der Bogenschützen, lebt mit drei Kindern in ärmlichen Verhältnissen und gerät als erklärter Gegner des Stadtoberhauptes zeitweise in Haft. Aus dem einen Sohn, den die Anhänge nennen, werden dabei drei Kinder mit eigenen Namen. Auch der Drachentod ist umgestaltet: Die sprechende Drossel entfällt, das Wissen um die schadhafte Stelle im Panzer wird aus der Überlieferung über Girions vergeblichen Schuss hergeleitet, und der Schwarze Pfeil ist ein schweres Geschoss, das Bard nicht vom Bogen, sondern von einer behelfsmäßig gerichteten Wurfmaschine auf einem Turm der brennenden Stadt abschießt, wobei sein Sohn ihm zur Hand geht. Das Stadtoberhaupt kommt hier bereits beim Angriff um und nicht erst später als Flüchtling mit dem Gold. Die abschließende Wendung des Buches — Wiederaufbau Thals und Königtum — wird nicht mehr ausgeführt; die Fassung belässt Bard in der Rolle des Sprechers und Führers der Überlebenden, was seinen Anteil an den Verhandlungen vor dem Berg deutlich stärker macht als seinen dynastischen Anspruch.