Herkunft und Namen
Der Name Thranduil ist sindarischer Prägung; eine Übersetzung oder Aufschlüsselung seiner Bestandteile hat Tolkien in den zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Büchern nicht gegeben, weshalb jede Deutung Vermutung bleibt. Bemerkenswert ist, dass der Name im Hobbit überhaupt nicht fällt: Dort trägt die Gestalt ausschließlich Titel — der Elbenkönig, der König der Elben des Düsterwalds —, und erst der Herr der Ringe nennt ihn beim Namen, als sich sein Sohn Legolas in Bruchtal als Abgesandter des Waldlandreichs vorstellt. Diese Reihenfolge der Nennung spiegelt die Entstehungsgeschichte der Bücher wider und erklärt, warum die Figur in älteren Lesarten oft nur als „der Elbenkönig“ geführt wird. Neben dem Namen stehen die Herrschaftstitel König des Waldlandreichs und König der Elben des nördlichen Düsterwalds, die beide sein Amt und nicht seine Person bezeichnen.
Über sein Volk gibt der Hobbit die knappste, aber deutlichste Auskunft: Die Waldelben gehören nicht zu jenen Geschlechtern, die einst in den Westen zogen und im Licht jenseits des Meeres lebten. Ihre Vorfahren blieben in den Dämmerlanden zurück, bevor Sonne und Mond aufgingen, und wanderten in Wäldern und auf Hügeln. Tolkien beschreibt sie deshalb als gefährlicher und weniger weise als die Hochelben, zugleich aber ausdrücklich nicht als böses Volk. Dieser Unterschied prägt das Bild des Königs selbst: Sein Argwohn gegenüber Fremden und sein Sinn für Schätze, besonders für Silber und weiße Edelsteine, werden aus der Art seines Volkes heraus erklärt und nicht als persönliche Verirrung.
Die posthum veröffentlichten Nachrichten aus Mittelerde ergänzen die Abstammung. Danach ist Thranduil selbst kein Waldelb, sondern ein Sinda: Sein Vater Oropher stammte aus Doriath und zog nach dessen Untergang mit einer kleinen Zahl von Gefährten nach Osten, wo sie unter den zahlreicheren Waldelben des Grünwalds als Fürsten angenommen wurden. Vater und Sohn übernahmen dabei weitgehend die Sprache und Lebensweise der Beherrschten, statt ihnen die eigene aufzuzwingen — eine Angleichung, die nach dieser Darstellung bewusst geschah. Thranduil folgte seinem Vater in der Herrschaft nach und führte damit eine sindarische Fürstenlinie über ein silvanisches Volk fort, was die eigentümliche Doppelnatur seines Reiches erklärt.
Geschichte
Noch vor Thranduils eigener Herrschaft verlegte sein Vater den Sitz des Reiches zweimal weiter nach Norden — zunächst über die Schwertelfelder hinaus, dann bis in die Nähe der Berge, die sich im Wald erheben —, um Abstand zu den Zwergen von Khazad-dûm und zum wachsenden Einfluss der Herren von Lórien zu gewinnen. Am Ende des Zweiten Zeitalters führte Oropher ein großes Heer silvanischer Krieger in den Letzten Bund gegen Sauron; nach der überlieferten Darstellung waren seine Leute nur leicht gerüstet, fügten sich dem Oberbefehl Gil-galads nicht und griffen vorzeitig an. In der Schlacht auf der Dagorlad, die die Zeittafel auf das Jahr 3434 des Zweiten Zeitalters setzt, fiel Oropher mit dem größten Teil dieser Streitmacht. Thranduil übernahm die Führung der Überlebenden, hielt bei der langen Belagerung von Barad-dûr aus und brachte nach dem Ende des Krieges im Jahr 3441 kaum ein Drittel des ausgezogenen Heeres in den Wald zurück. Diese Verluste erklären die Zurückhaltung, mit der sein Reich in späteren Zeitaltern in fremde Kriege eintrat.
Um das Jahr 1050 des Dritten Zeitalters legte sich ein Schatten über den Grünwald, und die Menschen begannen, ihn Düsterwald zu nennen; im Süden erhob sich auf dem Hügel Dol Guldur eine Macht, deren Name lange unbekannt blieb. Thranduil zog sein Volk daraufhin in den Nordosten des Waldes zurück, wo er seine Hallen in einer Höhle jenseits eines dunklen Waldflusses anlegte, hinter steinernen Toren, die sich auf sein Wort öffneten. Von dort aus behauptete er über viele Jahrhunderte einen schmalen Streifen Wald gegen Orks, Wölfe und die Spinnen, die aus dem Süden heranwuchsen. Der Weiße Rat vertrieb den Feind zweimal aus Dol Guldur — Gandalf spürte ihn 2850 dort auf, und 2941 wich er nach Mordor aus —, doch zehn Jahre später besetzten Diener Saurons die Feste erneut. Thranduils Herrschaft war damit über den größten Teil des Zeitalters eine Verteidigungsherrschaft, die von Rückzug, Bewachung und Abschottung bestimmt wurde.
Im Jahr 2941 kreuzte die Zwergengesellschaft Thorin Eichenschilds seinen Weg. Vom Hunger getrieben, verließen die Zwerge den Pfad und störten dreimal die Festfeuer der Waldelben; Thorin wurde dabei ergriffen und in die Königshallen gebracht, während die übrigen erst den Spinnen und danach einer Streifschar des Königs in die Hände fielen. Thranduil verhörte die Gefangenen, erhielt jedoch keine Auskunft über ihr Ziel, da Thorin nicht preisgeben wollte, dass er zum Einsamen Berg zog; ein alter Streit über die Bezahlung von Schmiedearbeit an Silber und weißen Edelsteinen ließ das Misstrauen zwischen beiden Seiten zusätzlich wachsen. So blieben die Zwerge in getrennten Zellen, ohne Anklage und ohne Aussicht auf Freilassung, bis Bilbo Beutlin ungesehen im Palast lebte, die Schlüssel entwendete und die Gefangenen in leeren Weinfässern den Fluss hinab bis nach Esgaroth schaffte. Dass die Flucht überhaupt gelang, lag an einem Kellermeister und einem Wachhauptmann, die den Wein des Königs allzu gründlich geprüft hatten.
Kurz darauf erreichte die Nachricht vom Tod Smaugs den Wald. Thranduil brach mit einem Speerheer nach Osten auf, wandte sich aber zuerst der zerstörten Seestadt zu und brachte den überlebenden Menschen Hilfe, ehe er gemeinsam mit Bard nach Thal weiterzog und den Berg einschloss. Vor den Toren des Erebor trat er als der Zurückhaltendere der beiden Anführer auf: Er wollte um Gold keinen Krieg führen und war bereit zu warten, bis der Hunger die Belagerten mürbe machte. Als Gandalf die Ankunft der Heere aus dem Norden meldete, kämpfte er in der Schlacht der Fünf Heere an der Seite von Menschen und Zwergen; sein Volk hielt einen der Bergsporne, und viele seiner Leute fielen. Nach der Schlacht und nach Thorins Tod erhielt er einen Anteil des Hortes, darunter die weißen Edelsteine, um die der alte Streit gegangen war. Bilbo überreichte ihm zum Abschied eine Halskette aus Silber und Perlen als Ersatz für Speise und Trank, die er sich in den Hallen ohne Erlaubnis genommen hatte, und der König nannte ihn dafür einen Elbenfreund.
Fast achtzig Jahre später wurde Thranduil ein zweites Mal zum Kerkermeister. Im Jahr 3017 ergriff Aragorn den Gollum in den Totensümpfen und brachte ihn in den Düsterwald, wo der König ihn auf Gandalfs Bitte hin bewachen ließ. Die Waldelben behandelten den Gefangenen nachsichtiger, als es klug war: Sie ließen ihn auf einen Baum klettern, und bei einem Angriff aus Dol Guldur entkam er im Sommer 3018. Legolas wurde daraufhin als Bote seines Vaters nach Bruchtal gesandt und meldete den Verlust vor dem Rat Elronds — die Botschaft, die ihn in die Gemeinschaft des Ringes führte. Im März 3019 wurde das Waldlandreich selbst angegriffen; unter den Bäumen wurde lange gekämpft und viel gebrannt, doch Thranduil schlug die Heerscharen aus Dol Guldur zurück. Nach Saurons Sturz und der Zerstörung der Feste trafen er und Celeborn einander in der Mitte des Waldes: Sie gaben ihm den Namen Eryn Lasgalen, den Wald der Grünen Blätter, und teilten ihn neu auf, wobei Thranduil den ganzen nördlichen Teil bis zu den Bergen im Wald nahm, Celeborn den südlichen und das Volk der Beorninger und der Waldmenschen die weite Mitte.
Rolle und Fähigkeiten
Innerhalb seines Waldes ist Thranduils Amt uneingeschränkt. Er entscheidet über Zutritt, Verhör und Gefangenschaft, setzt Wachen ein und spricht Recht ohne höhere Instanz und ohne Rat, dem er Rechenschaft schuldete; dass die Zwerge weder angeklagt noch freigelassen wurden, ist keine Willkür im Rahmen dieser Ordnung, sondern deren gewöhnlicher Vollzug. Ebenso deutlich sind die Grenzen dieser Gewalt: Sie endet an den Rändern des Waldes. Über den alten Weg durch den Düsterwald, über den Fluss unterhalb seiner Tore und über die Menschen von Esgaroth gebietet er nicht. Wein und Vorräte kommen von weither aus dem Süden und müssen den Männern der Seestadt abgehandelt werden, deren leere Fässer den Strom hinabtreiben. Sein Reich ist ein bewachter Bezirk, kein Machtzentrum, das über die eigene Landschaft hinauswirkt.
Auffällig ist, wie wenig Tolkien seinem Elbenkönig an Machtmitteln zuschreibt. Die Zeichen seines Amtes sind Kränze der Jahreszeit — Beeren und rotes Laub im Herbst, Blüten im Frühjahr — und ein geschnitzter Stab aus Eichenholz; ein Ring der Macht, ein Erbstück aus dem Westen oder eine erkennbare Zauberkunst gehören nicht dazu. Anders als Elrond und Galadriel, deren Häuser durch die Drei getragen werden, stützt Thranduil sich allein auf Zahl, Kenntnis des Geländes und Verschluss. Die Künste seines Volkes sind Waldkünste: Jagd, Bogen, Gesang, Feste im Freien, deren Lichter beim Eindringen Fremder erlöschen. Wie wenig das gegen eine unerwartete Art von List ausrichtet, zeigt der Verlauf der Gefangenschaft — ein einzelner Hobbit lebt unbemerkt im Palast, und der Schlüssel wechselt den Besitzer, während die Wache schläft.
Militärisch verfügt er über ein Heer von Speer- und Bogenkämpfern, das schnell aufzubieten ist und im Wald überlegen kämpft, für Belagerung und offene Feldschlacht aber schwer gerüsteter Verbände bedarf. Vor dem Erebor lässt er den Berg einschließen, statt ihn zu stürmen, und zieht das Warten dem Angriff vor — eine Zurückhaltung, die aus der Erfahrung des Zweiten Zeitalters erklärt wird. Nach der Darstellung der posthum veröffentlichten Nachrichten aus Mittelerde erreichte die Streitmacht des Waldlandreichs nie wieder den Umfang, mit dem sie einst ausgezogen war; die sindarischen Fürsten herrschten dort über ein zahlreicheres Volk, dessen Kunstfertigkeit und Wissen jedoch hinter dem der Noldor zurückblieben. Thranduils Macht liegt daher weniger in dem, was er ausrichten, als in dem, was er über Jahrhunderte bewahren kann.
Beziehungen
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Von Thranduils Familie geben die Bücher nur wenig preis: Vor ihm steht sein Vater in der Herrschaft, nach ihm sein Sohn Legolas, und eine Gemahlin oder Mutter Legolas' wird an keiner Stelle erwähnt. Bemerkenswert ist, dass Vater und Sohn im gesamten Werk nie miteinander auftreten; ihr Verhältnis erscheint ausschließlich mittelbar. Legolas stellt sich in Bruchtal als Sohn Thranduils und als Bote seines Volkes vor, spricht mit Anhänglichkeit von den Wäldern seiner Heimat und erfüllt einen Auftrag, den er sich nicht selbst gegeben hat — das Bild eines Königshauses, in dem Herkunft und Amt zusammenfallen. Eine stille Umkehr bringt der weitere Verlauf: Beim Rat Elronds sitzt Glóin, einer der einstigen Gefangenen des Elbenkönigs, und dessen Sohn Gimli wird Legolas' engster Gefährte.
Zu seinem eigenen Volk pflegt Thranduil ein auffallend unzeremonielles Verhältnis. Der Hobbit zeigt keinen Hofstaat mit Rängen und Ämtern, sondern einen Haushalt: einen Kellermeister namens Galion, der mit einem befreundeten Flößerelben den Wein des Königs verkostet, Wachen, die bei Tisch einschlafen, Jäger und Sänger, die im Wald feiern. Die Bindung zwischen Herrscher und Beherrschten wirkt persönlich und gewachsen, nicht durch Einrichtungen vermittelt. Dazu passt der Umgang seiner Leute mit dem Gefangenen Gollum, den sie aus Mitleid ins Freie ließen — eine Nachsicht, die den Ton des Reiches ebenso kennzeichnet wie die Strenge seines Königs.
Nach außen sind seine Verbindungen fast durchweg zweckbestimmt. Mit den Menschen von Esgaroth verbindet ihn ein Handel, der beiden nützt, ohne Freundschaft zu erfordern; mit den Zwergen ein Rechtsstreit über nicht entlohnte Arbeit, der erst durch Teilung des Hortes beigelegt wird. Gandalf ist der einzige Auswärtige, dessen Bitte er nachkommt, ohne einen Gegenwert zu verlangen. Zu Lórien blieb das Verhältnis über Zeitalter hinweg fern, obwohl beide Reiche demselben Waldvolk entstammen — erst nach dem Sturz Saurons treten Thranduil und Celeborn zusammen. Beständig ist allein die Gegnerschaft: Der namenlose Nachbar im Süden seines Waldes bestimmt jahrhundertelang, wo Thranduil siedelt, wen er einlässt und wem er misstraut.
In Verfilmungen und Hörfassungen
In den älteren Adaptionen kommt die Gestalt nur ein einziges Mal vor. Der Zeichentrick-Fernsehfilm der Produktionsfirma Rankin/Bass von 1977 rafft den Hobbit auf rund anderthalb Stunden und behält den Elbenkönig als Herrn des Düsterwalds bei: Gefangennahme der Zwerge und Flucht in den Fässern bleiben erhalten, das Verhör und der spätere Streit um den Hort sind dagegen stark zusammengezogen. Gesprochen wird die Rolle von Otto Preminger; wie im Roman bleibt der König auch hier ohne Namen und wird allein über seinen Titel geführt. Ralph Bakshis Verfilmung von 1978 bricht nach der Schlacht um Helms Klamm ab und berührt das Waldlandreich nicht, und auch der Rankin/Bass-Fernsehfilm von 1980, der den letzten Teil der Handlung aufnimmt, kennt die Figur nicht. In Peter Jacksons Verfilmung des Herrn der Ringe (2001–2003) tritt sie ebenfalls nicht auf.
Erst Jacksons dreiteilige Verfilmung des Hobbits (2012–2014) macht aus der Nebengestalt eine tragende Rolle; gespielt wird sie von Lee Pace. Die Abweichungen sind erheblich und betreffen vor allem die Vorgeschichte: Der König erhält einen Auftritt lange vor der eigentlichen Handlung, zur Zeit des Drachenüberfalls auf den Einsamen Berg, und sein Verhältnis zu den Zwergen wird von dort her als persönliche Schuldgeschichte aufgebaut. Der alte Rechtsstreit um Silber und weiße Edelsteine, den das Buch nur allgemein andeutet, wird auf ein bestimmtes Erbstück seiner Gemahlin zugespitzt — einer Person, die in Tolkiens Texten an keiner Stelle vorkommt. Neu erfunden ist außerdem Tauriel, die Hauptfrau seiner Wache, samt einer Liebeshandlung, die Legolas und den Zwerg Kíli einbezieht. Legolas selbst, der im Roman nicht auftritt, ist durchgehend anwesend, und der Zwist zwischen Vater und Sohn wird offen ausgespielt, während beide in den Büchern niemals gemeinsam in einer Szene stehen. Auch der Schlachtverlauf ist verändert: Der König greift persönlich und sichtbar ein, wo die Vorlage ihn eher als zögernden Heerführer zeichnet, der das Warten dem Angriff vorzieht.