Herkunft, Wesen und Namen

„Beorn“ ist der einzige Name, den die Quellen der Gestalt geben. Ein Vatername, ein Beiname aus eigenem Munde oder eine Entsprechung in einer anderen Sprache Mittelerdes wird nirgends genannt, und die Erzählung erklärt den Namen auch nicht. Als Gattungswort tritt neben ihn allein die Bezeichnung für seine Art: Gandalf führt ihn den Gefährten als Gestaltwandler ein, als einen, der die Haut wechselt, und dieses Wort bleibt die einzige Beschreibung, die vor der Begegnung fällt. Alles Weitere an Titeln wächst ihm erst später zu, und zwar über sein Volk, das nach ihm benannt wird — die Beorninger tragen den Namen ihres Anführers, nicht umgekehrt. Sprachlich gehört der Name in das Anduin-Tal: Die Menschen dieser Gegend sprachen nach dem Anhang zum Ringkrieg eine Mundart, die mit der Sprache Rohans verwandt war, und weil deren Namen in der Wiedergabe durchweg altenglische Form erhalten, steht auch „Beorn“ in altenglischem Gewand — ein Wort, das dort „Mann, Krieger“ bedeutet und in älterer Dichtersprache mit dem Bären zusammenhängt. Die beiden Vokale werden getrennt gesprochen.

Über Art und Herkunft gibt der Text zwei einander ausschließende Auskünfte und entscheidet nicht zwischen ihnen. Nach der einen sei Beorn ein Bär aus dem Geschlecht der großen alten Bären des Gebirges, die dort lebten, ehe die Riesen kamen; nach der anderen ein Mensch aus dem Geschlecht der ersten Menschen jener Gegend, die dort saßen, bevor Smaug und die übrigen Drachen erschienen und bevor die Orks aus dem Norden in die Berge zogen. Gandalf gibt zu, es nicht zu wissen, und hält die zweite Überlieferung für die wahrscheinlichere; damit steht Beorn in den Quellen unter den Menschen, ohne dass die Frage je geschlossen würde. Ausdrücklich festgehalten wird nur, dass sein Gestaltwechsel kein von außen auferlegter Bann ist, sondern von ihm selbst ausgeht. Er verdankt ihn also weder einem Fluch noch einer Gabe fremder Macht, und er selbst spricht über seine Abkunft nicht.

Was an die Stelle einer Herkunftsgeschichte tritt, ist die Beschreibung einer Lebensweise. Beorn hält Rinder, Pferde, Schafe und Hunde, doch nutzt er sie nicht als Vieh im gewöhnlichen Sinn: Er tötet kein Tier, jagt nicht und isst kein Fleisch, sondern lebt von Milch, Rahm und Honig aus den eigenen Stöcken. Die Tiere seines Hofes gelten ihm nicht als Besitz, und er verständigt sich mit ihnen in ihrer eigenen Weise. In Menschengestalt erscheint er als sehr großer, schwarzhaariger und schwarzbärtiger Mann von auffallender Körperkraft, in der anderen als gewaltiger Bär. Von Verwandten, einer Frau oder Vorfahren mit Namen ist zu diesem Zeitpunkt nirgends die Rede, ebenso wenig von seinem Alter; er lebt allein in einer menschenarmen Gegend, und ein zweiter Gestaltwandler seiner Art kommt in den Quellen nicht vor. Die Lücke ist erkennbar gewollt: Gandalf warnt die Gefährten davor, nach Beorns Ursprung zu fragen, und der Erzähler behält das Ungewisse bei.

Geschichte

In das überlieferte Geschehen tritt Beorn im Sommer des Jahres 2941 des Dritten Zeitalters, als Gandalf, Bilbo Beutlin und die zwölf Zwerge Thorins nach ihrer Flucht aus den Orkstollen des Nebelgebirges von den Adlern auf einem einzeln stehenden Felsen im Anduin abgesetzt werden. Gandalf weiß, wem dieser Felsen gehört: Beorn habe die Stufen in den Stein geschlagen und nenne ihn den Carrock, und er benutze die Furt daneben, wenn er zu seinem Vieh hinausgeht. Der Zauberer führt die Gesellschaft von dort zu einer Holzhalle inmitten von Blumenwiesen und Bienenstöcken, weil ihr nach dem Verlust fast aller Ausrüstung nichts anderes übrig bleibt. Weil er den Hausherrn für unberechenbar hält, geht er das Gespräch mit einer List an: Er stellt sich zunächst allein vor und lässt die Zwerge paarweise nachrücken, während er die Geschichte des Bergübergangs so erzählt, dass Beorn vor Neugier den Faden nicht abreißen lässt und über der Erzählung die wachsende Zahl seiner Gäste hinnimmt.

Beorn glaubt der Erzählung zunächst nur zur Hälfte. In der Nacht verlässt er das Haus, und am folgenden Tag ist er verwandelt zurück und weiß mehr, als ihm die Gäste gesagt hatten: Er hat die Spur der Orks und Warge aufgenommen und festgestellt, dass sich diese im Gebirge sammeln, um den Tod des Großen Orks zu rächen. Von diesem Ausflug zeugen ein aufgespießter Orkkopf vor dem Tor und ein an einen Baum genagelter Wargbalg. Erst diese eigene Prüfung macht ihn zum Verbündeten: Er versorgt die Gesellschaft mit Vorräten, Wasserschläuchen, Bogen und Pfeilen und leiht ihr Ponys sowie ein Pferd für Gandalf, die er sich jedoch am Waldrand zurückerbittet. Dazu gibt er Anweisungen für den Weg — der südliche alte Waldweg sei am östlichen Ende verfallen und ende in Sümpfen, deshalb sei das Elbentor der Pfad; den schwarzen Bach, der die Straße kreuzt, dürfe man weder trinken noch durchwaten, und unter keinen Umständen dürfe man den Pfad verlassen. Auf dem Ritt zum Wald begleitet die Reisenden ein großer Bär in einiger Entfernung, was Gandalf als Beweis dafür nimmt, dass Beorn ihnen weiter nachgeht.

Der zweite belegte Eingriff fällt in den Spätherbst desselben Jahres, in die Schlacht vor dem Tor des Einsamen Berges, die später die Schlacht der Fünf Heere heißt. Als das Bündnis aus Menschen, Elben und Zwergen bereits auf die Vorberge zurückgedrängt ist und der Ausgang verloren scheint, erscheint Beorn allein auf dem Feld, ohne dass jemand sagen könnte, wie er dorthin gelangt ist. In Bärengestalt bricht er in die Reihen der Orks, trägt den tödlich verwundeten Thorin aus dem Getümmel und kehrt in den Kampf zurück. Er zerschlägt die Leibwache des Orkführers Bolg und tötet diesen; damit bricht der Widerstand des feindlichen Heeres zusammen, die Flüchtenden werden bis in die Wildnis verfolgt. Thorin stirbt kurz darauf an seinen Wunden, doch der Wendepunkt der Schlacht ist Beorn zuzuschreiben.

Auf dem Rückweg reist Beorn ein Stück mit Gandalf und Bilbo, die er in seiner Halle über den Winter aufnimmt, da die Pässe verschneit sind. Um die Wintersonnenwende ist es dort warm, und Menschen aus der Umgegend kommen zu Gast; die Halle, die im Sommer noch abgelegen und einzelgängerisch wirkte, erweist sich als Mittelpunkt einer Gegend, die sich nach den Kämpfen neu ordnet. Erst als der Schnee getaut ist, brechen die beiden Reisenden auf; am ersten Mai des Jahres 2942 erreichen sie Bruchtal, und Bilbo kommt im Frühsommer wieder ins Auenland. Beorn selbst überschreitet den Anduin auf dieser Reise nicht; sein Wirkungskreis bleibt das Tal zwischen Gebirge und Wald.

Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.

Schicksal

Nach der Schlacht wird Beorn zu einem Anführer von Rang und herrscht über ein weites Gebiet zwischen dem Gebirge und dem Wald. Die Überlieferung hält fest, dass die Fähigkeit zur Bärengestalt in seinem Geschlecht über viele Generationen weitergegeben wurde, und dass sein Volk, die Beorninger, den Orks und Wargen ebenso unversöhnlich gegenübersteht wie er selbst. Damit wird aus einem Einzelgänger eine dauerhafte Ordnungsmacht an einer verkehrswichtigen Stelle: Der Hohe Pass und die alte Furt über den Anduin bleiben offen, wenn auch gegen hohe Zölle. Zur Zeit des Ringkriegs führt Beorns Sohn Grimbeorn der Alte diese Herrschaft weiter; nach dem Bericht, den Glóin in Bruchtal gibt, wagt sich weder Ork noch Wolf in sein Land. Wann Beorn selbst gestorben ist, wird nirgends gesagt; die Quellen nennen nur seinen Nachfolger.

Rolle und Fähigkeiten

Im Gefüge der Erzählung steht Beorn an einer Schwelle: Er gehört keiner der Parteien an, die um Erebor streiten, und wird auch nicht Teil von ihnen, sondern bleibt eine eigene Macht in dem menschenarmen Landstrich zwischen Gebirge und Wald, den sonst niemand hält. Wer diese Strecke durchqueren muss, ist auf sein Wohlwollen angewiesen, und das lässt sich weder kaufen noch einfordern. Bezeichnend ist, wie Gandalf mit ihm umgeht: nicht als mit einem Verbündeten, den man um Beistand ersucht, sondern als mit einem Unberechenbaren, den man behutsam gewinnen muss. Beorn schwört nichts, verspricht nichts und lässt sich in keine Absprache über den Tag hinaus einbinden; was er gibt, bleibt Gabe, und er gibt es erst, nachdem er sich selbst überzeugt hat. An den Beratungen der Weisen hat er keinen Anteil, und in den Berichten über die großen Bündnisse jener Jahre erscheint er nicht.

An außergewöhnlichen Fähigkeiten schreiben die Quellen ihm genau eine zu, den Wechsel der Gestalt. Alles Weitere folgt daraus: In Bärengestalt verfügt er über eine Kraft, der nichts standhält, was ihm in den überlieferten Kämpfen begegnet, und er braucht dazu weder Waffe noch Rüstung. Vor dem Einsamen Berg trägt er einen Schwerverwundeten aus dem Gedränge und zerbricht anschließend im Alleingang die geschlossene Leibwache des feindlichen Anführers — kein Heerführerwerk, sondern die Wirkung eines Einzelnen an der richtigen Stelle. Seine Verständigung mit den Tieren dient dem Haushalt, nicht dem Krieg: Sie bedienen ihn bei Tisch und tragen ihm Nachricht zu, treten aber nirgends als Aufgebot auf. Zauberkünste, Kunstwerke von Macht oder Vorauswissen kennt der Text bei ihm nicht; was er weiß, hat er sich in eigener Person geholt, indem er nachts hinausging und die Spuren las.

Diese Macht hat deutliche Grenzen, und der Erzähler markiert sie sorgfältig. Sie ist an Beorns Gegenwart gebunden und endet dort, wo er selbst nicht hingeht: In den Wald folgt er den Reisenden nicht, sein Rat reicht nur so weit wie seine eigene Kenntnis der Wege, und was jenseits davon geschieht, entzieht sich ihm. Er verfügt über keine Festung, kein stehendes Aufgebot und keine Verwaltung; selbst als ihm später ein weites Gebiet zufällt, bleibt seine Herrschaft die eines Anführers vor Ort, nicht die eines Reiches. Auch persönlich wird ihm nichts Übermenschliches zugesprochen — von langem Leben oder Unverwundbarkeit ist nirgends die Rede, und die Gabe der Gestaltwandlung erweist sich als Erbe des Geschlechts, das an die Nachkommen weitergeht, nicht als Vorrecht seiner Person. Die Offenhaltung von Furt und Pass, die man den Beorningern zugutehält, ist entsprechend das Werk eines Volkes über Generationen und nicht die Tat eines Einzelnen.

Bindungen und Feindschaften

Von allen Verbindungen, die die Quellen Beorn zuschreiben, geht nur die zu Gandalf dem Geschehen voraus. Sie ist einseitig beschrieben: Der Zauberer kennt die Gewohnheiten des Hausherrn, seine Reizbarkeit und die Grenzen, die man bei ihm nicht überschreitet, während nichts darüber gesagt wird, wie umgekehrt Beorn ihn einschätzt. Bezeichnend ist, dass Gandalf die Gefährten ausdrücklich davor warnt, ihn zu erzürnen, und dass er das Wort führt, solange überhaupt geredet wird. Fürsprache allein trägt jedoch nicht: Beorn nimmt den Bericht des Zauberers erst an, nachdem er ihn an eigener Kenntnis geprüft hat. Was zwischen beiden besteht, gleicht eher einem Einvernehmen unter Unabhängigen als einem Bündnis.

Den Zwergen begegnet er mit offener Zurückhaltung; Gandalf hält es für geraten, ihre Zahl nur nach und nach preiszugeben, weil er die Neigung des Gastgebers zu dieser Art Besuch gering veranschlagt. Bilbo Beutlin dagegen weckt seine Neugier: Der Hobbit ist klein genug, um ihn zu belustigen, und fremd genug, um ihn zu beschäftigen, und er wird zum Gegenstand von Scherzen, die kein anderer Gast erfährt. Umso schwerer wiegt, dass Beorn vor dem Einsamen Berg gerade den verwundeten Zwergenkönig aus dem Getümmel trägt — eine Zuwendung, die aus keiner vorher bestehenden Zuneigung erwächst, sondern aus der Lage selbst. Dass es später wieder der Zauberer und der Hobbit sind, die bei ihm zu Gast bleiben, bestätigt die Ordnung dieser Bindungen.

Schärfer als seine Freundschaften sind Beorns Feindschaften gezeichnet. Orks und Warge gelten ihm nicht als Gegner in einem Krieg, der sich beenden ließe, sondern als etwas, das man beseitigt, wo man darauf trifft; die Zeichen, die er nach seinem nächtlichen Ausgang an Tor und Baum hinterlässt, richten sich an niemanden und dienen keiner Verhandlung. Eben diese Gegnerschaft ist zugleich das Einzige, was über ihn hinaus Bestand hat: Sie prägt die Beorninger als Volk, und sie bestimmt noch das Bild, das Fremde Jahrzehnte später von seinem Sohn Grimbeorn haben, wenn in Bruchtal von dessen Land die Rede ist. Beorns Freundschaften enden mit den Personen, die sie schließen; die Feindschaft wird vererbt.

Adaptionen

Als handelnde Figur erscheint Beorn bislang nur in Peter Jacksons Hobbit-Trilogie, wo ihn der schwedische Schauspieler Mikael Persbrandt verkörpert; sein Auftritt verteilt sich auf den zweiten und den dritten Teil. Die Begegnung im Anduin-Tal ist dabei anders angelegt als in der Vorlage: An die Stelle des behutsam eingefädelten Gesprächs, mit dem Gandalf im Buch die wachsende Zahl seiner Gäste durchsetzt, tritt eine Verfolgung — die Gefährten erreichen die Halle auf der Flucht vor dem Bären selbst, und die Aufnahme ergibt sich aus der Bedrängnis, nicht aus einer geprüften Entscheidung des Hausherrn. Vor allem aber füllt der Film die Leerstelle, die Tolkien ausdrücklich offen lässt: Beorn wird als Letzter seiner Art vorgestellt, dessen Volk von den Orks verfolgt und unterworfen wurde. Damit erhält seine Feindschaft eine persönliche Vorgeschichte und ein Motiv, während sie in der Vorlage ohne Begründung bleibt.

Auch sein Eingreifen in die Schlacht ist umgestaltet. Im Buch erscheint er allein und ungeklärt auf dem Feld, trägt den verwundeten Zwergenkönig fort und tötet den Orkführer; im Film wird er von den Adlern zum Kampfplatz gebracht, gemeinsam mit dem Zauberer Radagast, und die beiden Taten, die ihn in der Vorlage zum Wendepunkt machen, fallen anderen Figuren zu — der Anführer der Orks stirbt dort durch einen Elben. Sein Auftritt bleibt entsprechend eine kurze Episode und keine Entscheidung. In den übrigen Fassungen kommt er nicht vor, was bereits im Stoff begründet liegt: Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978, das Hörspiel des BBC von 1981 und Jacksons frühere Trilogie von 2001 bis 2003 folgen dem Ringkrieg, in dem Beorn selbst nicht mehr handelt, sondern allenfalls sein Sohn und sein Volk erwähnt werden.