Herkunft und Namen
Duinhir ist ein Mensch aus Gondor und zählt zu jenen Herren der äußeren Lehen, die fern der Ringmauern von Minas Tirith über eigenes Land und eigene Mannschaft geboten. Sein Gebiet ist das Hochland am Oberlauf des Morthond, das im Erzählwerk als weites Tal beschrieben wird. Über seine Person selbst gibt der Text kaum mehr preis als ein einziges Beiwort: Er sei hochgewachsen. Einen Titel trägt er nicht; seine Stellung ergibt sich daraus, dass er die Streitmacht seines Tales anführt und dass seine beiden Söhne Duilin und Derufin bei ihm genannt werden. Dass die Männer seiner Heimat als Bogenschützen auftreten, ist der einzige Hinweis auf die Art der Kriegführung dieses Berglandes.
Das Land, aus dem er stammt, ist im Werk deutlicher gezeichnet als sein Herr. Der Morthond entspringt hoch im Gebirge, unterhalb der Schwarzen Pforte am Fuß des Dwimorberg, und das obere Tal liegt im Schatten einer steilen Bergwand, was dem Fluss wie dem Tal den Namen eingetragen hat. Die Talbewohner leben in Nachbarschaft zu jenem Ort, den man im Süden mied und über den alte Furcht lag; die Straße des Morthond-Tals führt von dort hinab in die tiefer gelegenen Lehen und weiter zur Küste. Für das Verständnis der Figur ist das insofern wesentlich, als Duinhirs Herrschaftsbereich am Rand des besiedelten Gondor liegt, abgelegen und dünn bevölkert.
Die Namen des Hauses sind sindarinisch gebildet, wie es bei den Adelsgeschlechtern Gondors seit alters üblich war; die Anhänge halten ausdrücklich fest, dass die Vornehmen des Reiches ihre Namen in der Elbensprache wählten. Tolkien hat „Duinhir“ nirgends erläutert, doch lassen sich die Bestandteile aus den anderweitig belegten Wortelementen ablesen: „duin“ bezeichnet den (großen) Fluss, „hîr“ den Herrn — der Name liest sich mithin als „Herr des Stromes“ und passt zu einem Gebieter, dessen Tal von seinem Wasserlauf her benannt und begrenzt ist. Für den Talnamen selbst ist die Deutung gesichert: „mor“ steht für dunkel oder schwarz, „thond“ für Wurzel, woraus die deutsche Wiedergabe Schwarzwurztal folgt. Die Namen der Söhne bleiben demgegenüber ungedeutet; sichere Erklärungen dazu liegen nicht vor, und Vermutungen führen hier über den Befund hinaus.
Geschichte
Alles, was von Duinhir erzählt wird, fällt in wenige Wochen des Jahres 3019 des Dritten Zeitalters, in die Endphase des Ringkriegs. Als die Bedrohung aus dem Osten offen zutage lag, ließ der Truchsess Denethor die Lehen des Reiches zum Beistand rufen, und aus den südlichen und westlichen Landstrichen setzten sich die Aufgebote in Bewegung, die man in der Stadt seit Tagen erwartete. Für das Hochland am oberen Morthond bedeutete das einen Marsch über die Straße talabwärts und durch die tiefer gelegenen Lehen bis vor die Mauern von Minas Tirith. Duinhir führte dieses Aufgebot selbst an, und er nahm seine beiden Söhne mit. Vor diesem Zeitpunkt ist über ihn nichts überliefert; das Erzählwerk kennt weder seine Jugend noch die Dauer seiner Herrschaft noch irgendein früheres Ereignis seines Lebens.
Der einzige Tag, an dem die Erzählung ihn unmittelbar zeigt, ist der neunte März jenes Jahres. Am Nachmittag zogen die Scharen der Außenlande nacheinander durch das Tor ein, und die Menge längs der Straße begrüßte jede von ihnen mit Zurufen und rief die Namen der Anführer aus: Forlong aus Lossarnach kam als erster, später Hirluin von den Pinnath Gelin, zuletzt und am stattlichsten Fürst Imrahil von Dol Amroth mit seinen Rittern. Zwischen ihnen schritt Duinhir mit Duilin und Derufin und fünfhundert Bogenschützen aus dem Schwarzwurztal. Der Jubel schlug indes rasch in Ernüchterung um, denn je länger man zählte, desto klarer wurde, dass die Gesamtzahl der Angekommenen unter dreitausend Mann blieb — weniger, als der Truchsess erbeten hatte, und weit weniger, als die Lage verlangte. Der Grund lag nicht in Unwillen: Jedes Lehen musste zugleich seine eigenen Küsten und Grenzen halten.
In derselben Woche entschied sich das Schicksal des Tales an einer zweiten Stelle. Während Duinhirs Schar zur Stadt zog, führte Aragorn die Graue Schar durch die Pfade der Toten und erreichte zur Mitternacht des achten März den Stein von Erech, der am oberen Ende eben jenes Landstrichs liegt; von dort ritt er talabwärts und weiter nach Süden, um die Flotte der Korsaren am Anduin zu stellen. Die beiden Bewegungen kreuzen einander im Zeitgerüst der Anhänge, ohne dass die Erzählung eine Begegnung zwischen Duinhir und Aragorn kennt. Der Herr des Tales war zu diesem Zeitpunkt bereits mit seiner Streitmacht unterwegs, und was die Zurückgebliebenen von dem nächtlichen Zug der Toten durch ihr Land hielten, wird nur aus der Ferne berichtet.
Was die Männer aus dem Morthond in den folgenden Tagen taten, bleibt ungesagt. Der Text verfolgt die Belagerung aus der Sicht Gandalfs, Pippins und der Truchsessenfamilie; die Aufgebote der Lehen erscheinen darin als Teil der Besatzung, ohne dass ihre einzelnen Einsätze geschildert würden. Am fünfzehnten März kam es zur Schlacht auf den Pelennor-Feldern, in der die Reiter Rohans und später die vom Fluss heranrückenden Verbände Aragorns die Entscheidung brachten. Duinhir selbst wird in der Schilderung des Kampfes nicht genannt, weder unter den Kämpfenden noch unter den Gefallenen. Diese Auslassung ist für eine Figur seines Rangs nicht ungewöhnlich: Die Erzählung nennt die Herren der Lehen dort, wo ihr Name die Größe des Verlusts bemisst, und schweigt sonst über sie.
Seine Söhne dagegen kehrten nicht zurück. Das Klagelied, das nach der Schlacht auf die Gräberhügel vor Mundburg gedichtet wurde, zählt die Herren und Hauptleute auf, die dort blieben, und nennt neben Forlong und Hirluin auch Duilin und Derufin, die die dunklen Wasser ihrer Heimat nie wiedersahen. Eine Beschreibung ihres Todes gibt es nicht; das Lied ist der einzige Ort, an dem ihr Ende festgehalten wird, und es nennt weder Stunde noch Gegner. Damit endet zugleich die überlieferte Geschichte des Hauses: Ob Duinhir die Schlacht überlebte, ob er mit dem Heer zog, das am fünfundzwanzigsten März vor dem Schwarzen Tor stand, und ob er bei der Krönung Elessars am ersten Mai zugegen war, sagt keine Quelle. Übrig bleibt das Bild eines Vaters, der mit zwei Söhnen und fünfhundert Bogenschützen aus einem abgelegenen Bergtal kam und dessen Name mit dem Verlust dieser beiden Söhne aus dem Bericht verschwindet.
Stellung und Machtmittel
Duinhirs Rolle im Erzählwerk ist die eines Lehnsherrn mittleren Ranges innerhalb der Ordnung Gondors, wie sie die Anhänge in Umrissen beschreiben: Das Reich zerfällt in Landschaften, deren Herren unter dem Truchsess von Minas Tirith stehen, ihr Gebiet verwalten und im Kriegsfall die Mannschaft ihrer Heimat selbst ins Feld führen. Ein Amt am Hof, ein Sitz im Rat oder eine Befehlsgewalt über andere Lande gehört nicht dazu; die Vollmacht des Lehnsherrn endet an den Grenzen seines Tales und an dem, was er an Männern aufbringen kann. Duinhir erscheint genau in dieser Funktion und in keiner anderen — als derjenige, der dem Ruf folgt und die Seinen bringt. Über die Art seiner Herrschaft daheim, über Abgaben, Recht oder Gefolgschaft schweigt der Text vollständig.
Sein Machtmittel ist mit einer einzigen Zahl beziffert: der Schar von Bogenschützen, die mit ihm zog. Was das Tal darüber hinaus an Waffenfähigen besaß, wird nirgends gesagt, sodass sich weder die Stärke des Landes noch der Anteil, den er entbehren konnte, bestimmen lässt. Innerhalb des Heeres bleibt seine Befehlsgewalt auf die eigene Schar beschränkt; die Verwendung der Truppen entscheidet die Führung der Stadt, zunächst der Truchsess, nach dessen Ausfall der Fürst von Dol Amroth, dem die Verteidigung zufiel. Bezeichnend ist, was der Text dem Herrn des Morthond nicht zuschreibt: keine Rede, keinen Rat, keinen Waffengang, der ihm namentlich zugerechnet würde. Er gehört zu den Figuren, die als Träger einer Zahl und eines Namens in der Erzählung stehen, nicht als Handelnde.
Übernatürliche Züge fehlen ihm ganz. Er verfügt über kein Erbstück, keine besondere Abkunft und keine der Gaben, die das Werk anderen Geschlechtern des Südens nachsagt; er ist ein sterblicher Mensch Gondors ohne jede Auszeichnung außer seiner Statur. Wo Aufzählungen der Lehen Beinamen oder Herkunftsrühmung mitliefern, bleibt bei ihm allein die Nennung von Vater und Söhnen stehen. Seine Bedeutung liegt daher weniger in dem, was er vermag, als in dem, was seine Anwesenheit sichtbar macht: die Weite des Reiches, das aus entlegenen Tälern zusammenkommt, und das Missverhältnis zwischen dieser Weite und der geringen Zahl, die daraus tatsächlich vor die Mauern gelangt. Jede Deutung, die ihm darüber hinaus Einfluss, Fähigkeiten oder ein Wirken in der Schlacht zuschreibt, geht über den Befund der Quelle hinaus.
Familie, Gefolgschaft und Gegnerschaft
Bezeichnend für Duinhir ist, dass er im Erzählwerk niemals allein genannt wird. Wo sein Name fällt, stehen die beiden Söhne unmittelbar daneben; die Familie tritt als eine Einheit auf, nicht der Vater mit Anhang. Von einer Gemahlin, von Brüdern, Vettern oder einem Haus mit eigenem Namen ist an keiner Stelle die Rede, und auch ein Erbe wird nicht bestimmt. Duilin und Derufin erscheinen dabei nicht als Kinder im Gefolge, sondern als Männer, denen man Führung zutraut: Sie befehligen im Feld eigene Abteilungen der Bogenschützen ihrer Heimat. Die Verwandtschaft ist damit zugleich die militärische Ordnung des Tales — die Streitmacht eines abgelegenen Berglandes wird von einer einzigen Familie gestellt und geführt.
Am dichtesten ist die Bindung zwischen den Brüdern. Der Bericht über die Schlacht auf dem Pelennor führt die beiden gemeinsam vor: Sie gingen an der Spitze ihrer Bogenschützen nahe an die Kriegstiere aus dem Süden heran, um auf deren Augen zu zielen, und wurden dabei niedergetrampelt. Ihr Ende ist mithin kein Zufall des Getümmels, sondern die Folge eines gemeinsam gefassten Entschlusses, mit der einzigen Waffe zu wirken, die ihr Land beisteuern konnte. Auffällig ist die Umkehrung, die sich daraus ergibt: An der Stelle, an der die Familie zum ersten Mal handelnd auftritt, fehlt der Vater, und die Söhne tragen den Namen des Tales in den Kampf.
Nach außen hin ist Duinhirs wichtigstes Verhältnis das zum Truchsess, und es bleibt vollständig abstrakt: Er folgt dem Aufgebot, doch eine Begegnung, ein Gespräch oder eine Weisung an ihn persönlich wird nirgends geschildert. Ähnlich verhält es sich mit seinen Standesgenossen, mit denen er in einer Aufzählung zusammensteht, ohne dass zwischen ihnen ein Wort oder eine Handlung vermittelt würde. Der Vergleich fällt für ihn karg aus: Dem Herrn von Lossarnach gibt der Text Alter und Leibesfülle mit, dem Herrn der Pinnath Gelin ein Beiwort, und der Fürst von Dol Amroth ist dem Haus des Truchsessen durch dessen Gemahlin verschwägert — Duinhir bleibt ohne solche Verknüpfung. Einen benannten Gegenspieler besitzt er überhaupt nicht; was seiner Familie zusetzt, sind namenlose Verbände des Feindes und deren Tiere. Seine Beziehungen laufen alle nach innen, auf die beiden Söhne zu, und mit deren Tod endet, was von ihnen erzählbar war.