Herkunft und Namen

Derufin zählt zu den Menschen Gondors und trägt, wie die Geschlechter dieses Reiches insgesamt, einen Namen von sindarischer Prägung; der Anhang über die Sprachen und Völker hält ausdrücklich fest, dass die Männer Gondors ihre Namen nach elbischer Art bildeten, auch dort, wo im Alltag längst die Gemeinsame Sprache herrschte. Eine Deutung dieses Namens hat Tolkien im veröffentlichten Werk nirgends gegeben; er bleibt ohne Glosse, und jede Zerlegung in Wortteile wäre Vermutung. Auffällig ist allein, dass die drei Namen der Familie – Duinhir, Duilin, Derufin – denselben Anlaut teilen und die beiden Söhne überdies auf dieselbe Silbe enden, was auf eine bewusste Namensbindung innerhalb des Hauses hindeutet. Ein Beiname ist ihm nicht beigegeben; das schmückende Wort vom Wuchs, das der Text bereithält, gilt dem Vater.

Seine Heimat ist das Hochland am oberen Morthond, das im Westteil der Weißen Berge liegt und im Westron Schwarzwurzeltal heißt. Den Namen verdankt der Fluss seinem Ursprung: Er entspringt in dunklen Quellen tief unter dem Gebirge, nahe jenem Ausgang, durch den die Pfade der Toten ins Freie münden, und führt von dort in weitem Bogen nach Süden. In derselben Talschaft erhebt sich der Hügel von Erech mit dem alten Stein, sodass die Landschaft im Buch weniger als Siedlungsraum denn als abgelegener, sagenumwitterter Winkel Gondors erscheint. Das Tal gehört zu den äußeren Lehen des Reiches, die dem Truchsess Gefolgschaft schuldeten, aber weit von der Stadt entfernt unter eigenen Herren lebten.

Über seine Stellung sagt der Text nur, was die Familie hergibt: Er ist ein Sohn Duinhirs und der Bruder Duilins, und die beiden Brüder werden stets im selben Atemzug genannt, nie getrennt und nie einzeln handelnd. Die Mannschaft, die aus jenem Tal kam, bestand aus Bogenschützen – eine Waffengattung, die zum bergigen, jagdgeprägten Hochland passt und die Männer des Morthond von den Speer- und Axtscharen anderer Lehen unterscheidet. Eine Ahnenreihe, ein Geburtsjahr oder eine Zugehörigkeit zum númenórischen Geblüt wird nirgends überliefert; auch die Stammtafeln der Anhänge führen ihn nicht. Damit bleibt Derufin eine Randgestalt von genau umrissener Herkunft und ohne eigene Vorgeschichte.

Geschichte

Alles, was von Derufin berichtet wird, fällt in eine einzige Woche des Jahres 3019 des Dritten Zeitalters. Als der Truchsess Denethor die Lehen des Reiches zu den Waffen rief, folgte auch das Haus am oberen Morthond dem Aufgebot, und die Schar zog den weiten Weg von den Westtälern der Weißen Berge nach Osten in die Ebene vor Minas Tirith. Am 9. März – demselben Tag, an dem Gandalf und Peregrin Tuk in der Stadt eintrafen – rückten die Truppen der Außenlande durch das große Tor ein. Ein Herold rief die Namen der Hauptleute aus, während die Menge in den Straßen stand und jede Schar begrüßte; Duinhir wurde mit beiden Söhnen zugleich genannt, und der Jubel galt der Familie als Ganzem. Es ist die erste und einzige Szene, in der Derufin lebend vor dem Leser erscheint.

Die Begrüßung schlug rasch in Ernüchterung um. Zusammengezählt brachten sämtliche Lehen weniger als dreitausend Mann herbei, und weitere waren nicht mehr zu erwarten, weil jedes Land Kräfte für die eigene Küste und die eigenen Pässe zurückbehalten musste. Die fünfhundert aus dem Schwarzwurzeltal gehörten damit zu den stärkeren Beiträgen, blieben aber ein Bruchteil dessen, was die Lage verlangte. Für die Erzählung erfüllen die Brüder an dieser Stelle vor allem eine Funktion des Maßstabs: Sie zeigen, wie schmal die Hilfe war, die aus dem Reich noch aufzubringen war, ehe der Angriff begann.

Über die folgenden Tage der Belagerung schweigt der Bericht, was Derufin betrifft. Die Finsternis, die aus Mordor über das Land zog, das Zurückweichen der Vorposten am Anduin, der Bruch des Rammas Echor und der Rückzug hinter die Mauern werden erzählt, ohne dass die Schar vom Morthond eigens erwähnt würde; sie verschwindet in der Gesamtheit der Verteidiger. Man erfährt weder, wo die Bogenschützen auf den Mauern oder im Feld standen, noch ob sie an den Ausfällen teilnahmen. Erst der Tag der großen Schlacht bringt die Brüder erneut in den Text – und zugleich zum letzten Mal.

Am 15. März, in der Schlacht auf dem Pelennor, fielen Duilin und Derufin gemeinsam. Nach der Ankunft der Rohirrim und dem Anrücken der Heerscharen aus dem Süden führten die beiden ihre Männer nahe an die Mûmakil heran, jene gewaltigen Tiere, die die Haradrim ins Feld gebracht hatten. Pfeile richteten gegen die Häute der Tiere nichts aus, weshalb die Schützen so dicht herangehen mussten, dass sie auf die Augen zielen konnten; bei diesem Angriff wurden die Brüder niedergetreten. Der Text schildert das nicht als Szene, sondern reiht es in eine knappe Aufzählung der Gefallenen ein, in der auch Forlong von Lossarnach und Hirluin der Schöne von den Grünen Hügeln genannt werden. So ist der einzige überlieferte Kampfeinsatz Derufins zugleich sein Tod, und er teilt ihn mit dem Bruder ebenso, wie er zuvor jede Nennung mit ihm geteilt hatte.

Was den Gefallenen jenes Tages blieb, war die Bestattung in den Grabhügeln vor den Mauern der Stadt, die man nach dem Namen der Rohirrim für Minas Tirith die Hügel von Mundburg nannte. Lange danach dichtete ein Sänger in Rohan ein Lied auf diese Schlacht, das die Toten mit Namen aufzählt, und darin stehen die beiden Brüder nebeneinander: Sie kehrten nicht heim zu den dunklen Wassern ihres Tales unter dem Schatten der Berge. Dieses Lied ist zugleich die letzte Erwähnung Derufins im Werk; ein späteres Nachwort über Haus oder Erbe des Morthond fehlt, und auch das Schicksal des Vaters, der die Söhne zum Tor geführt hatte, wird nicht berichtet. Von den fünfhundert Bogenschützen des Schwarzwurzeltals heißt es später nichts mehr – weder wer sie nach dem Fall der Hauptleute führte noch wie viele in das Hochland zurückkamen.

Rolle und Vermögen

Im Gefüge des Reiches ist Derufins Stellung die eines nachgeordneten Anführers ohne eigenes Amt. Die Herrschaft über das Tal liegt beim Vater, der die Schar heranführt und beim Ausruf am Tor zuerst genannt wird; die Söhne treten neben ihn, ohne dass ihnen ein eigener Befehlsbereich, ein Lehen oder ein Rang zugeschrieben würde. Derufin spricht im ganzen Werk kein Wort und handelt an keiner Stelle für sich allein. In den Beratungen, die über den Krieg entscheiden – erst unter dem Truchsess in der Stadt, später im Rat der Hauptleute vor dem Zug zum Schwarzen Tor –, hat er keinen Sitz; dort führen Gandalf, Imrahil, Éomer und Aragorn das Wort. Was ihm zufällt, ist, eine Mannschaft an den Ort zu bringen, an dem andere über sie verfügen.

Fähigkeiten im engeren Sinn schreibt ihm der Text nicht zu. Er ist ein sterblicher Mann des ausgehenden Dritten Zeitalters, ohne Gabe, Erbstück oder Kunst, die ihn über seinesgleichen erhöbe; keine Weissagung, keine Heilkraft, keine Waffe mit Namen wird mit ihm verbunden, und auch von einer Verbindung zu den Kräften, die den Krieg im Hintergrund lenken, ist nichts überliefert. Sein Vermögen ist das seiner Leute: Bogenschützen aus dem Bergland, geschlossen genug, um in offener Feldschlacht als Einheit zu handeln. Die Grenze dieses Vermögens tritt genau dort hervor, wo es geprüft wird – gegen die Tiere aus dem Süden nützte die Reichweite des Bogens nichts, und die Schützen mussten eben jenen Abstand aufgeben, der ihre einzige Sicherheit war.

Auf den Gang der Handlung wirkt Derufin nicht ein. Kein Entschluss fällt durch ihn anders aus, kein Wendepunkt der Belagerung hängt an seiner Schar, und sein Ausfall verändert den Ausgang des Tages nicht. Der Wert der Figur liegt auf einer anderen Ebene: Indem der Bericht die Hauptleute mit Namen, Herkunftstal und Mannschaftszahl aufführt, gewinnt Gondor eine Ausdehnung und Vielfalt, die ein bloßer Sammelbegriff nicht hergäbe, und der spätere Verlust wird zählbar statt allgemein. In den Zeittafeln der Anhänge erscheint sein Name nicht; er bleibt an die wenigen Zeilen gebunden, die ihn nennen. Wer nach Macht fragt, findet bei ihm allein die eines Hauptmanns über eine kleine Zahl guter Schützen – und den Nachweis, wie wenig solche Macht in jener Schlacht auszurichten vermochte.

Beziehungen

Die tragende Bindung dieser Gestalt ist die zum Bruder. Der Bericht unterscheidet die beiden durch nichts: Es gibt keinen Älteren und keinen Jüngeren, keinen abweichenden Zug, keine getrennte Aufgabe und keine Stelle, an der einer ohne den anderen erscheint. Selbst dort, wo der Text sie zum letzten Mal aufruft, hält er die Reihenfolge der ersten Nennung bei. Über den Vater hinaus wird ihm keine weitere Verwandtschaft zugeschrieben – keine Gattin, kein Kind, kein Erbe, der nach ihm über das Hochland verfügt hätte –, und auch eine Mutter bleibt ungenannt. Derufin ist damit weniger eine Person mit Umfeld als die eine Hälfte eines Paares, das seinerseits am Vater hängt.

Nach oben hin ist das Verhältnis eines der Gefolgschaft ohne Begegnung. Der Truchsess ruft, das Haus am Morthond gehorcht, doch ein Wort zwischen beiden wird nirgends berichtet; die Herren aus den westlichen Tälern betreten den Weißen Turm im Text nicht. Seine eigentlichen Standesgenossen sind die übrigen Hauptleute der Außenlande, mit denen ihn der Bericht in eine Reihe stellt: Golasgil von der Anfalas, Hirluin von den Grünen Hügeln, Forlong aus dem Blumental und, an Rang und Rüstung allen voran, Imrahil von Dol Amroth mit seiner Ritterschaft. In dieser Reihe fällt das Haus des Morthond durch eine Eigenheit auf: Es ist das einzige, das mit mehreren Männern eines Geschlechts erscheint, während die anderen Lehen jeweils einen Herrn schicken.

Ein Gegenspieler im eigentlichen Sinn fehlt ihm. Die Feinde, denen ihn die Erzählung zuletzt gegenüberstellt, bleiben Scharen und Tiere aus dem Süden ohne Namen und ohne Gesicht; es gibt keinen Zweikampf, keine alte Feindschaft, keinen Widersacher, der ihn wiedererkannt hätte. Bemerkenswert ist stattdessen eine Beziehung, die nicht zustande kam: Während die Brüder mit ihren Leuten schon ostwärts zogen, ritt der Erbe Isildurs mit seiner grauen Schar aus dem Berg heraus in eben ihr Tal hinab und weiter zum Stein von Erech, sodass die Wege sich um wenige Tage verfehlten. Der König, dem ihre Landschaft später zufiel, ist Derufin nie begegnet, und die einzige Stimme, die seinen Namen nach dem Krieg noch aufnahm, kam nicht aus Gondor, sondern aus der Mark.