Herkunft und Namen

Aragorn war ein Mensch, ein Dúnadan des Nordens und damit Angehöriger jenes Volkes, das von den Überlebenden Númenors abstammt und dessen Lebensspanne, Wuchs und Gedächtnis die der übrigen Menschen des Nordwestens übertrafen. Seine Linie führt über Valandil, Isildurs jüngsten Sohn, auf Elendil und die Herren von Andúnië zurück. Nach dem Untergang Arthedains im Jahr 1975 des Dritten Zeitalters trugen die Erben Isildurs im Norden keinen Königstitel mehr; sie lebten unerkannt in der Wildnis und hießen fortan Stammesführer der Dúnedain. Von Aranarth, dem Sohn des letzten Königs Arvedui, an gerechnet, war Aragorn der fünfzehnte dieser Reihe — und der letzte, der als bloßer Führer eines geschrumpften Volkes aufwuchs, obwohl das Anrecht auf zwei Reiche an ihm hing.

Der Name Aragorn selbst ist sindarinisch und steht in einer alten Tradition des Hauses: Seit Argeleb I. hatten die Könige von Arthedain Namen mit dem Anlaut Ar(a)- geführt, seit sie die Herrschaft über ganz Arnor beanspruchten, weil in den anderen Teilreichen kein Erbe Isildurs mehr lebte. Die Stammesführer behielten den Brauch bei, so dass die Ahnenreihe von Arahael bis Arathorn II. wie eine einzige fortgesetzte Anmeldung dieses Anspruchs klingt. Nach den Aussprachehinweisen der Anhänge ist das g dabei stets hart zu sprechen und die Betonung liegt auf der ersten Silbe. Gerade darin lag auch der Sinn des Kindheitsnamens, unter dem er in Bruchtal aufwuchs: Er verriet nichts von dieser Reihe und ordnete den Knaben keinem Geschlecht zu.

Neben den Decknamen seiner Wanderjahre trug Aragorn zwei Bezeichnungen, die auf sein Volk und seine Bestimmung weisen. Dúnadan, „Mann des Westens“, ist die sindarinische Sammelbezeichnung für die Númenórer-Nachfahren; Bilbo gebrauchte sie in Bruchtal beinahe wie einen Eigennamen, und in dieser Form lernten die Hobbits die Herkunft ihres Führers überhaupt erst kennen. Elessar dagegen war ein vorhergesagter Name, den er in Lothlórien annahm, als Galadriel ihm ein grünes Kleinod überreichte, das über Celebrían an Arwen gekommen war; in der Gemeinen Sprache wurde er als Elbenstein wiedergegeben, und unter diesem Namen sprachen später auch die Menschen des Südens von ihm. So verteilen sich seine Namen genau auf die beiden Hälften seines Lebens: die spöttischen und geliehenen auf den Wanderer ohne Herkunft, die elbischen auf den Erben, der sie zu gegebener Zeit einlösen sollte.

Geschichte

Aragorn wurde am 1. März des Jahres 2931 des Dritten Zeitalters als Sohn Arathorns II., des Stammesführers der Dúnedain des Nordens, und Gilraens geboren. Als Arathorn 2933 durch einen Orkpfeil fiel, brachte Gilraen den zweijährigen Knaben nach Bruchtal, wo Elrond ihn an Sohnes statt annahm. Um ihn vor den Nachstellungen des Feindes zu schützen, verschwieg man ihm seine Abkunft und nannte ihn Estel, „Hoffnung“. Erst 2951, als Aragorn zwanzig Jahre zählte, offenbarte ihm Elrond seinen wahren Namen und sein Erbe und übergab ihm den Ring Barahirs und die Bruchstücke von Narsil, dem zerbrochenen Schwert Elendils. Kurz darauf begegnete er in den Wäldern Bruchtals zum ersten Mal Arwen, Elronds Tochter, und gewann sie lieb.

Es folgten fast drei Jahrzehnte der Fahrten und Mühen in der Wildnis. Aragorn übernahm die Führerschaft über die Dúnedain, und 2956 begann seine Freundschaft mit Gandalf, mit dem er fortan viele Wege teilte. Unter dem Decknamen Thorongil, „Adler des Sterns“, diente er zunächst König Thengel von Rohan und danach Ecthelion II., dem Truchsess von Gondor, ohne seine Herkunft preiszugeben. Im Jahr 2980 führte er einen Überfall auf den Hafen von Umbar, bei dem ein großer Teil der Korsarenflotte verbrannt wurde; danach verließ er Gondor und kehrte nicht an Ecthelions Hof zurück. Im selben Jahr traf er Arwen in Lothlórien wieder, und auf dem Hügel Cerin Amroth verlobten sich beide. Elrond aber bestimmte, dass seine Tochter keinen Geringeren heiraten solle als den König von Gondor und Arnor zugleich — eine Bedingung, die Aragorns weiteres Leben prägte.

In den folgenden Jahrzehnten wachte Aragorn mit den Waldläufern über Eriador und half Gandalf bei der langen, mühseligen Suche nach dem Geschöpf Gollum, das er 3017 in den Totensümpfen aufgriff und zu Thranduils Elben in den Düsterwald brachte. Als Frodo Beutlin 3018 das Auenland verließ, kreuzten sich die Wege: Am 29. September lernten die Hobbits im Gasthaus zu Bree den verwitterten Waldläufer kennen, den man dort Streicher nannte. Aragorn führte sie durch die Wildnis zur Wetterspitze, wo Frodo in der Nacht zum 6. Oktober von der Klinge des Hexenkönigs verwundet wurde, und weiter bis nach Bruchtal. Bei Elronds Rat trat er offen als Isildurs Erbe hervor; Narsil wurde neu geschmiedet und erhielt den Namen Andúril. Am 25. Dezember brach er als einer der neun Gefährten mit dem Ringträger nach Süden auf.

Nach Gandalfs Sturz in Moria im Januar 3019 fiel Aragorn die Führung der Gemeinschaft zu; er brachte sie nach Lothlórien und den Anduin hinab bis zum Rauros. Als die Gemeinschaft dort zerbrach und Boromir fiel, entschied sich Aragorn, nicht dem Ringträger zu folgen, sondern mit Legolas und Gimli die entführten Hobbits Merry und Pippin zu verfolgen — ein Dauerlauf über die Ebenen Rohans, der ihm von Éomer den Namen Schwingfuß eintrug. In Fangorn fanden die drei den wiedergekehrten Gandalf; an dessen Seite stand Aragorn in der Schlacht um Helms Klamm. Danach wagte er es, in den Palantír von Orthanc zu blicken, rang mit Saurons Willen und zeigte sich ihm als Erbe Elendils — ein Schritt, der den Feind zu übereiltem Handeln verleitete. Mit der Grauen Schar seiner nördlichen Verwandten ritt er die Pfade der Toten, bot am Stein von Erech die Eidbrüchigen auf und nahm mit ihrer Hilfe bei Pelargir die Flotte der Korsaren.

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Schicksal

Am 15. März 3019 traf Aragorn mit den erbeuteten Schiffen auf den Pelennor-Feldern ein, unter dem entfalteten Banner Elendils, und wendete die Schlacht um Minas Tirith. In den Häusern der Heilung rief er Éowyn, Faramir und Merry ins Leben zurück, worin viele das alte Zeichen erkannten, dass die Hände des rechtmäßigen Königs Heilung bringen. Um Frodo Zeit zu verschaffen, führte er das Heer des Westens vor das Schwarze Tor, wo am 25. März der Ring vernichtet wurde und Saurons Herrschaft endete. Am 1. Mai 3019 wurde Aragorn vor den Toren von Minas Tirith als König Elessar gekrönt; mit Gandalf fand er am Mindolluin einen Schössling des Weißen Baumes, und zur Mittsommerzeit vermählte er sich mit Arwen, die um seinetwillen das Los der Sterblichen wählte. Als Herrscher des Wiedervereinigten Königreichs erneuerte er Gondor und Arnor und nahm das Auenland unter seinen besonderen Schutz, indem er den Menschen das Betreten des Landes untersagte. Nach hundertzwanzig Jahren der Herrschaft legte er im Jahr 120 des Vierten Zeitalters sein Leben aus freiem Willen nieder, wie es den alten Königen von Númenor gewährt war; sein Sohn Eldarion folgte ihm auf den Thron, und Arwen ging im Jahr darauf nach Lórien, wo sie starb.

Rolle und Fähigkeiten

Im Gefüge des Legendariums verkörpert Aragorn das Motiv der Wiederkehr des Königs: In ihm setzt sich die Linie Elendils, durch die Stammesführer der nördlichen Dúnedain im Verborgenen bewahrt, bis ans Ende des Dritten Zeitalters fort, und mit ihm kehrt das Königtum in beide Reiche im Exil zurück. Sein Kindheitsname Estel deutet diese Rolle bereits an; als König gab er ihr selbst Ausdruck, indem er sich Envinyatar, den Erneuerer, nannte und für sein Haus den Namen Telcontar wählte — die hochelbische Form des Namens Streicher, den man ihm einst in Bree spöttisch gegeben hatte. Er steht damit zugleich für den Übergang von den Zeitaltern der Elben zur Herrschaft der Menschen, den seine Vermählung mit Arwen besiegelt.

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Schicksal

Seine Fähigkeiten erklären sich aus Abkunft, Erziehung und Erfahrung, nicht aus Zauberkraft. Als Dúnadan reinen Geblüts besaß er die Gnade eines weit gedehnten Lebens — insgesamt zweihundertzehn Jahre — und eine Zähigkeit, die ihn zu einem der härtesten und weitgereistesten Menschen seiner Zeit machte, kundig im Spurenlesen, in den Sprachen und in der Überlieferung des Westens. Von Elrond hatte er die Heilkunst der Dúnedain gelernt, zu der das Wissen um das Kraut Athelas gehört; die besondere Kraft seiner Hände galt darüber hinaus als Erbteil des königlichen Hauses. Auch seine Willensstärke gründete im Erbrecht: Den Sehenden Stein von Orthanc konnte er sich unterwerfen, weil er als Elendils Erbe dessen rechtmäßiger Herr war — und selbst so kostete ihn dieses Ringen, wie er später vor den Heerführern des Westens berichtete, beinahe seine ganze Kraft.

Ebenso deutlich zeichnet die Erzählung die Grenzen dieser Gaben. Gegen die Morgul-Klinge vermochte Aragorns Kunst nur den Verfall zu verzögern, nicht die Wunde zu schließen; erst Elronds Macht in Bruchtal rettete Frodo. Sein Vorauswissen blieb Ahnung, kein sicherer Blick, und sein Urteil war fehlbar — nach dem Zerfall der Gemeinschaft haderte er offen damit, dass seine Entscheidungen sich zum Schlechten zu wenden schienen. Er blieb ein sterblicher Mensch unter Menschen: Was ihn heraushob, waren Autorität, Wissen und Ausdauer, nicht Macht von der Art der Zauberer oder der Elbenfürsten.

Beziehungen

Aragorns engste Bindungen liefen in Elronds Haus zusammen, und sie waren durchweg von einem Preis gezeichnet. Sein Ziehvater war zugleich ein ferner Verwandter — Bruder jenes Elros, von dem Aragorns Geschlecht abstammt — und am Ende der, den die Verbindung mit Arwen am schwersten traf: Ihre Wahl bedeutete die endgültige Trennung von ihrem Vater. Gilraen wiederum, die ihren Sohn ins Verborgene gerettet hatte, bekannte ihm bei ihrer letzten Begegnung, sie habe den Dúnedain Hoffnung gegeben, für sich selbst aber keine behalten. Die Liebe zwischen Aragorn und Arwen schließlich begriffen beide selbst als Wiederkehr der alten Geschichte von Beren und Lúthien — als Bund über die Grenze zwischen den Geschlechtern hinweg, der Glück und Verlust untrennbar verband.

Unter seinen Weggefährten fällt auf, wie bereitwillig sich der geborene König unterordnete: Solange Gandalf bei der Gemeinschaft war, folgte Aragorn dessen Urteil und trat erst nach Moria an die Spitze. Mit Legolas und Gimli verband ihn eine Kameradschaft, die das alte Misstrauen zwischen Elben und Zwergen überbrückte, und den Hobbits gegenüber musste er sich Vertrauen erst verdienen — in Bree entschied sich Frodo für den finster wirkenden Fremden gegen den Augenschein. Kaum minder wichtig waren die eigenen Leute: Sein Verwandter Halbarad trug ihm das von Arwen gewirkte Banner voran und fiel damit auf den Pelennor-Feldern.

Am meisten über Aragorn verraten die Beziehungen, die mit Spannung begannen. Boromir begegnete dem Anspruch des Waldläufers auf Elendils Erbe zunächst mit Vorbehalt, und zwischen beiden stand unausgesprochen die Frage, wem Gondor folgen würde; Aragorn nahm dem Sterbenden das Eingeständnis seines Versagens ab, sprach ihn frei und ehrte ihn im Totengedenken. Dessen Bruder Faramir legte ihm das Amt des Truchsessen zu Füßen — und Elessar gab es ihm zurück und machte ihn zum Fürsten von Ithilien. Ähnlich die Freundschaft mit Éomer, auf den Ebenen Rohans gegen den Buchstaben des Gesetzes geschlossen: Aragorn gewann Menschen nicht durch seinen Anspruch, sondern dadurch, dass er ihnen zuvor diente.

Entwürfe und Varianten

In den frühesten Entwürfen zum Herrn der Ringe war die geheimnisvolle Gestalt, der die Hobbits im Gasthaus von Bree begegnen, kein Mensch, sondern selbst ein Hobbit: ein wettergegerbter, seltsam wirkender Wanderer namens Trotter, kenntlich an seinen hölzernen Schuhen. Tolkien rätselte in Notizen lange über dessen Identität und erwog zeitweise, in ihm Peregrin Boffin zu enthüllen — einen Verwandten Bilbos, der einst mit Gandalf aus dem Auenland verschwunden sein sollte. Auch die Holzschuhe suchte er zu begründen und spielte mit dem düsteren Gedanken, Trotter sei einst in Mordor gefangen gewesen und dort an den Füßen gemartert worden. Von der späteren königlichen Abkunft der Figur findet sich in dieser Schicht noch keine Spur.

Erst im Zuge der Arbeit an den Kapiteln um Bruchtal wurde aus dem Hobbit ein Mensch, ein Waldläufer und Nachkomme der Könige; doch blieb vieles im Fluss. Beim Namen schwankte Tolkien zwischen Aragorn, Ingold und Elfstone, und der Beiname Trotter hielt sich noch tief in die Niederschrift hinein, ehe er endgültig durch Strider — in der deutschen Fassung Streicher — ersetzt wurde. Auch das Ende der Geschichte war lange anders gedacht: Eine Handlungsskizze sah vor, dass Aragorn Éowyn von Rohan heiraten sollte, denn Arwen trat überhaupt erst in einem späten Stadium der Arbeit in die Erzählung ein. Christopher Tolkien hat diese Wandlung vom wandernden Hobbit zum verborgenen Erben als eine der folgenreichsten Umformungen des ganzen Buches beschrieben.

Die Figur in Adaptionen

In Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 lieh John Hurt der Figur seine Stimme; im Fernseh-Zeichentrickfilm der Studios Rankin/Bass über die Rückkehr des Königs (1980) sprach Theodore Bikel den Aragorn, und in der umfangreichen BBC-Hörspielfassung von 1981 übernahm Robert Stephens die Rolle. In Peter Jacksons Realverfilmung (2001–2003) wurde Aragorn von Viggo Mortensen dargestellt, der die Rolle erst nach Drehbeginn übernahm, nachdem der ursprünglich besetzte Stuart Townsend ersetzt worden war. Die Filme nennen ausdrücklich ein Alter von siebenundachtzig Jahren und übernehmen damit die Chronologie der Anhänge.

Jacksons Fassung verändert die Anlage der Figur an mehreren Stellen: Der Film-Aragorn zweifelt lange an seinem Erbe und schreckt vor dem Anspruch auf den Thron zurück, während er im Buch von Beginn an bewusst auf das Königtum zugeht. Narsil bleibt in Bruchtal zurück und wird nicht vor dem Aufbruch der Gemeinschaft neu geschmiedet; stattdessen überbringt Elrond das Schwert Andúril erst im dritten Film vor dem Gang auf die Pfade der Toten, wodurch die Graue Schar der nördlichen Dúnedain samt Halbarad entfällt. Neu hinzuerfunden ist eine Episode im zweiten Film, in der Aragorn nach einem Warg-Angriff einen Abhang hinabstürzt und für tot gehalten wird; die erweiterte Fassung des dritten Films lässt ihn zudem den Mund Saurons vor dem Schwarzen Tor erschlagen. In Jacksons Hobbit-Verfilmung tritt Aragorn nicht auf, wird aber am Ende des dritten Teils erwähnt, als Thranduil seinen Sohn Legolas zu einem jungen Waldläufer namens Streicher schickt — nach der Zeittafel der Anhänge wäre Aragorn zur Handlungszeit allerdings erst zehn Jahre alt.