Name und Bedeutung
Der Name Anduin ist sindarinisch und lässt sich in zwei Bestandteile zerlegen: Das Element „an(d)“ bedeutet „lang“, „duin“ bezeichnet einen großen, breit dahinströmenden Fluss. Zusammengesetzt ergibt sich die schlichte Bedeutung „Langer Strom“. Das Namenselement „duin“ kehrt in weiteren Flussnamen der Elbensprache wieder, etwa im Esgalduin in Doriath oder im Baranduin, dem Fluss, den die Hobbits später als Brandywein kannten. Anders als manche Ortsnamen, die an eine Begebenheit oder eine Person erinnern, beschreibt die Benennung den Fluss nur nach seiner auffälligsten Eigenschaft: seiner Länge von den Quellen im Norden bis zur Mündung im Süden.1
Neben dem elbischen Namen steht die Bezeichnung „Großer Strom“, die in der Gemeinsprache geläufig war und in den Erzählungen ebenso oft gebraucht wird wie der Eigenname selbst. Schon im „Hobbit“ erscheint der Fluss unter dieser beschreibenden Bezeichnung, noch bevor sein sindarinischer Name eine Rolle spielt. Im „Herrn der Ringe“ trägt ein ganzes Kapitel des zweiten Buches diesen Titel, und die Gefährten sprechen häufig einfach vom „Strom“, als bedürfe es keiner näheren Bestimmung. Die Wendung „Anduin der Große“ verbindet beide Traditionen und hebt den Rang des Flusses unter den Gewässern Mittelerdes hervor.2
Bemerkenswert ist, wie stark der Name als Bezugspunkt für die Benennung angrenzender Landschaften diente. Die Anduin-Täler zwischen dem Nebelgebirge und dem Großen Grünwald tragen ihn ebenso wie die Mündungen des Anduin an der Küste von Belfalas, im Sindarin Ethir Anduin genannt. In der Überlieferung der Hobbits taucht der Fluss als Merkmal jener fernen Gegend auf, in der ihre Vorfahren einst wohnten. Der Name bezeichnet damit nicht nur ein Gewässer, sondern ordnet ganze Landstriche, die man nach ihrer Lage am oberen oder unteren Lauf des Stromes benannte.3
Lauf und Landschaft
Der Anduin ist ein Strom, der Mittelerde von Norden nach Süden durchzieht und dabei weite Landstriche voneinander scheidet. Seine Quellen liegen im hohen Norden, in der Gegend zwischen den nördlichen Ausläufern des Nebelgebirges und dem Rand des Düsterwaldes, wo die Éothéod vor ihrer Wanderung nach Süden siedelten. Von dort fließt er durch ein langes Tal, das im Westen vom Nebelgebirge und im Osten vom großen Wald begrenzt wird. Im oberen Lauf ragt der Carrock aus dem Wasser, ein einzelner Felsen, der Beorn als Rastplatz diente und an dem eine Furt über den Fluss führte. Weiter südlich liegen die Schwertelfelder, ein Sumpfland, in dem der Schwertelfluss aus dem Gebirge einmündet und Isildur einst den Einen Ring verlor.1
Im mittleren Lauf berührt der Strom das Waldland Lórien, das an seinem westlichen Ufer liegt; dort nimmt er die Silberlode auf, die aus dem Gebirge herabkommt. Südlich davon wird die Landschaft karger: Auf der östlichen Seite erstrecken sich die Braunen Lande, ein ödes, fast unbewohntes Gebiet. Danach tritt der Fluss in das felsige Hügelland des Emyn Muil ein, wo ihn steile Ufer einengen und die Strömung schneller wird. An den Pforten der Könige, den beiden steinernen Standbildern der Argonath, öffnet sich das Tal zum See Nen Hithoel, aus dessen Mitte die Insel Tol Brandir aufragt. An dessen südlichem Ende stürzt der Strom über die Fälle des Rauros in die Tiefe, sodass eine Fahrt auf dem Wasser hier endet.2
Unterhalb der Fälle wendet sich der Anduin in die Länder Gondors, deren Gestalt er maßgeblich bestimmt. Die Insel Cair Andros liegt in seinem Bett und diente als Vorposten zur Verteidigung Anóriens. Osgiliath, die alte Hauptstadt, war zu beiden Seiten des Stromes erbaut, und westlich davon, am Fuß des Mindolluin, liegt Minas Tirith mit dem Hafen Harlond am Ufer. Östlich des Flusses erstreckt sich Ithilien bis zum Schattengebirge, sodass der Anduin in Zeiten des Krieges zur Grenzlinie gegen Mordor wurde. Im unteren Lauf lag Pelargir, eine Hafenstadt, die von Schiffen aus dem Süden angesteuert werden konnte, ehe sich der Fluss in seinem Delta ins Meer ergießt.3
- 1Der Herr der Ringe, Anhang A; Der Hobbit, Kapitel 7, Queer Lodgings; Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 2
- 2Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 8; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 9; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 10
- 3Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 1; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9; Der Herr der Ringe, Anhang A
Geschichte
Die Überlieferung kennt den Strom lange vor jeder Reichsgründung an seinen Ufern. Als die Eldar in den Ältesten Tagen auf ihrer großen Wanderung nach Westen zogen, überschritten sie den Anduin und standen danach vor den Höhen des Nebelgebirges. Ein Teil der Teleri scheute diesen Weg: Unter ihrem Anführer Lenwe trennten sich die Nandor vom Zug und wandten sich stattdessen südwärts am Lauf des Stromes entlang. So wurde das Stromtal schon in frühester Zeit zu einem Raum, in dem Völker verweilten, statt nur hindurchzuziehen.1
Im Zweiten Zeitalter drangen die Númenórer von der Küste her in den unteren Lauf vor. Im Jahr 2350 gründeten sie Pelargir, das zum wichtigsten Hafen der Getreuen wurde. Nach dem Untergang Númenors errichteten Elendil und seine Söhne im Jahr 3320 die Reiche im Exil; im Süden entstand Gondor, dessen Hauptstadt Osgiliath den Strom überspannte und dessen Herrschaft von Isildur und Anárion gemeinsam ausging. Damit war der Anduin nicht mehr bloß Wasserlauf, sondern die Achse eines Königreiches, dessen beide Hälften er verband.2
Das Dritte Zeitalter begann am Oberlauf mit einem Unglück: Im Jahr 2 fiel Isildur bei den Schwertelfeldern einem Überfall von Orks zum Opfer, und der Ring verschwand für lange Zeit im Fluss. In den oberen Anduin-Tälern lebten damals die Vorfahren der Hobbits, deren Erinnerung an diese Heimat im Auenland nur noch schwach fortbestand. Um das Jahr 1050 begannen die Harfüße, über das Gebirge nach Eriador abzuwandern, etwa ein Jahrhundert später folgten Falbhäute und Starren. Weiter südlich erschütterte der Sippenstreit Gondor; im Jahr 1437 wurde Osgiliath in diesen Kämpfen verbrannt, und nach dem Scheitern der Aufständischen wichen deren Reste von Pelargir aus nach Umbar. Die Große Seuche des Jahres 1636 entvölkerte die Hauptstadt am Strom schließlich so sehr, dass der Königshof wenig später, im Jahr 1640, nach Minas Anor verlegt wurde.3
In den folgenden Jahrhunderten wurde der Strom zunehmend zur umkämpften Grenze. Um 2463 fand der Starr Déagol beim Fischen im Fluss den verlorenen Ring und wurde darüber von Sméagol ermordet, womit das Schicksal des Ringes eine neue Wendung nahm. Im Jahr 2475 griffen Uruks aus Mordor an, Osgiliath wurde endgültig zur Ruine, und seine steinerne Brücke brach. Als im Jahr 2510 die Balchoth Calenardhon überrannten, ritten die Éothéod unter Eorl aus dem Norden das Stromtal hinab und entschieden die Schlacht auf dem Feld von Celebrant zugunsten Gondors. Zum Dank erhielten sie das Land, aus dem später Rohan wurde.4
Im Ringkrieg rückte der Anduin in den Mittelpunkt der Ereignisse. Im Juni 3018 griff Sauron Osgiliath an; die Verteidiger hielten das westliche Ufer nur, indem sie die letzte Brücke zerstörten. Im Februar 3019 fuhr die Gemeinschaft in Booten aus Lórien stromabwärts bis zum Nordende der Fälle, wo sie am Amon Hen zerbrach; den gefallenen Boromir übergaben seine Gefährten in einem Boot dem Wasser, das ihn über den Rauros trug. Im März nahm Aragorn nach dem Zug über die Pfade der Toten die Flotte der Korsaren bei Pelargir und segelte mit ihr den Strom hinauf. Seine Ankunft am Harlond wendete die Schlacht auf den Pelennorfeldern.5
Mit dem Vierten Zeitalter verlor der Strom seine Rolle als Frontlinie. Unter König Elessar wurden die Länder beiderseits des Flusses wieder zu einem befriedeten Reich zusammengeführt, und Legolas siedelte mit Elben seines Volkes in Ithilien am östlichen Ufer. Die Überlieferung schließt mit einer letzten Fahrt auf seinem Wasser: Nach Elessars Tod ließ Legolas in Ithilien ein Schiff zimmern, grau wie die Schiffe der Elben, und segelte damit den Fluss hinunter und hinaus aufs Meer; Gimli, so heißt es, war an Bord. Der Strom, an dem die Geschichte der Elben in Mittelerde einst mit einer Abkehr vom Westweg begonnen hatte, wurde so zum Weg ihres endgültigen Aufbruchs.6
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion
- 3Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Prolog, Concerning Hobbits
- 4Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Anhang A, II The House of Eorl
- 5Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 9; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9
- 6Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Anhang A, III Durin's Folk
Völker und Herrschaft am Strom
Unter den Bewohnern des oberen Stromtals, an die sich die Hobbits erinnerten, hielten sich nicht alle drei Stämme gleich nah ans Wasser. Die Harfüße bevorzugten das Hügelland am Fuß des Gebirges, während die Starren das flache Land und die Flussufer aufsuchten. Von einer solchen Sippe berichtet Gandalf, als er Frodo die Herkunft Gollums erklärt. Sie war ein verschwiegenes, geschicktes Flussvolk in der Nähe der Schwertelfelder, dessen Familie von einer strengen, in alten Überlieferungen bewanderten Großmutter geleitet wurde. Von einer Herrschaft über die Sippe hinaus ist für diese Siedler nichts überliefert.1
Auch die Éothéod hatten ihre Sitze zunächst im Stromtal zwischen dem Carrock und den Schwertelfeldern, ehe sie nordwärts zogen. Sie gehörten zu den Nordmenschen, die man in Gondor als entfernte Verwandte betrachtete. Zur Zeit des Ringkriegs hielten die Beorninger das Land zwischen Gebirge und Wald. Nach Glóins Bericht in Bruchtal stand ihnen Grimbeorn der Alte vor, ein Sohn Beorns. Seine Leute hielten den Weg vom Hohen Pass bis zur Furt am Carrock offen und verlangten dafür von Reisenden einen hohen Zoll. Am mittleren Lauf herrschten Celeborn und Galadriel über die Elben von Lórien, deren Wächter die Grenzen ihres Waldes streng überwachten.2
Im Süden unterstanden die Uferlande nach dem Erlöschen der Königslinie den Herrschenden Truchsessen, die von Minas Tirith aus regierten. Das östliche Ufer war zur Zeit des Ringkriegs längst preisgegeben. Nur die Waldläufer Ithiliens unter Faramir setzten heimlich über den Strom, um dem Feind in den verlassenen Landen zuzusetzen. Viele von ihnen stammten von Familien ab, die einst selbst in Ithilien gelebt hatten. Am Oberlauf ordnete das Kriegsende die Herrschaft neu: Celeborn führte die Streitmacht Lóriens über den Anduin und nahm Dol Guldur ein. Danach teilte er mit Thranduil den Wald auf, der fortan Eryn Lasgalen hieß. Der Süden wurde als Ost-Lórien Celeborns Gebiet, der Norden fiel an Thranduil, und das Land dazwischen erhielten die Beorninger und die Waldmenschen.3
- 1Der Herr der Ringe, Prolog, Concerning Hobbits; Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 2
- 2Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 1; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 7
- 3Der Herr der Ringe, Anhang A, I, iv, Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
Der Strom in der Erzählung
Im „Herrn der Ringe“ ist der Anduin für einige Kapitel kein Hintergrund, sondern der Weg selbst. Die Fahrt in den Elbenbooten nimmt der Gemeinschaft das eigene Gehen ab, und damit gerät die Handlung in einen eigentümlichen Schwebezustand. Die Gefährten werden getragen, während die Entscheidung über den weiteren Weg Tag für Tag aufgeschoben wird. Sam, der Boote von Anfang an mit Misstrauen betrachtet, empfindet das Wasser als fremdes Element. Zugleich bleibt der Fluss kein sicherer Raum. Nachts treibt Gollum auf einem Baumstamm hinter den Booten her, und an den Stromschnellen von Sarn Gebir schießen Orks vom östlichen Ufer auf die Reisenden, bis Legolas mit dem Bogen aus Lórien ein geflügeltes Wesen am Himmel trifft.1
An den Argonath verdichtet sich die Fahrt zu einem Bild der Herkunft. Beim Anblick der beiden steinernen Könige richtet sich Aragorn auf und tritt für einen Augenblick als Erbe jener Herrscher hervor, die das Tor einst errichten ließen. Frodo dagegen erlebt die Durchfahrt mit Furcht und duckt sich im Boot. Unterhalb davon wird der Strom zum Ort der Wahl: Welches Ufer die Gefährten betreten, bestimmt, ob sie nach Minas Tirith oder nach Mordor ziehen. Diese Frage ist es, an der die Gemeinschaft am Ende zerbricht.2
Auch später verbindet der Fluss Handlungsstränge, die sonst getrennt voneinander verlaufen. In Ithilien berichtet Faramir Frodo, er habe bei Nacht ein graues Boot mit seinem toten Bruder auf dem Wasser vorübertreiben sehen, und die zerbrochenen Hälften von Boromirs Horn seien später am Ufer gefunden worden. So erreicht die Nachricht vom Ende der Gemeinschaft Gondor auf dem Wasserweg, noch bevor ein Bote sie überbringt. Im fünften Buch erzählt Legolas, wie er bei Pelargir zum ersten Mal die Schreie der Möwen gehört habe und seither die Sehnsucht nach dem Meer nicht mehr loswerde. Der Strom, der für die Menschen Grenze und Verteidigungslinie ist, führt für die Elben in eine andere Richtung: hinunter zur See und über sie hinaus.3