Herkunft, Wesen und Namen

Denethor II. entstammte dem Haus Húrins, jenem Geschlecht, das das Truchsessenamt Gondors seit Mardil in unbestrittener Erbfolge innehatte und selbst von hoher númenórischer Abkunft war, ohne doch dem Königshaus Anárions anzugehören. Er wurde im Jahr 2930 des Dritten Zeitalters als Sohn Ecthelions II. geboren und wuchs in einer Zeit auf, in der die Herrschaft der Truchsesse längst als Regentschaft für einen König galt, der nicht wiederkehrte; ihr voller Titel lautete daher weiterhin Truchsess des Hohen Königs. Im Jahr 2976 vermählte er sich mit Finduilas, der Tochter Adrahils von Dol Amroth und Schwester Imrahils, und verband so das Haus der Truchsesse mit dem Fürstenhaus jener Küstenlande; sie starb früh, im Jahr 2988. Aus dieser Ehe stammten die beiden Söhne Boromir und Faramir.

Die Anhänge zeichnen sein Wesen in knappen, aber deutlichen Strichen: hochgewachsen, stolz und tapfer, in Haltung und Auftreten königlicher als irgendein Mann, der seit vielen Menschenaltern in Gondor aufgetreten war, dazu weitblickend und in der alten Überlieferung tief belesen. Ihm wird zugeschrieben, dass er in den Gedanken derer zu lesen vermochte, die vor ihm standen, und dass er aus fernen Nachrichten schloss, was anderen verborgen blieb. Diese Mischung aus Gelehrsamkeit, Menschenkenntnis und einem harten, unbeugsamen Willen prägte den Blick, mit dem Gondors Nachbarn ihn wahrnahmen, lange bevor der Ringkrieg begann.

Die Ordnungszahl unterscheidet ihn von Denethor I., der im fünfundzwanzigsten Jahrhundert des Dritten Zeitalters als Truchsess regierte und dessen Sohn und Nachfolger den Namen Boromir trug — dieselbe Namenfolge also, die sich Jahrhunderte später wiederholte. Darin zeigt sich eine Gepflogenheit des Hauses: Die Truchsesse griffen mit Vorliebe auf Namen der Älteren Tage zurück, wie Húrin, Túrin, Hador, Barahir, Ecthelion oder Turgon, und stellten sich so in eine Linie mit den Helden der alten Erzählungen. Auch Denethor gehört zu diesen Entlehnungen: In der posthum herausgegebenen Überlieferung des Ersten Zeitalters führt ihn der Anführer der Grünelben, ein Sohn Lenwes. Eine gesicherte Deutung des Namens geben die zu Tolkiens Lebzeiten veröffentlichten Schriften nicht; festgelegt ist dort nur die Aussprache, denn das th ist stets ein stimmloser Reibelaut wie im englischen „thin“ und niemals als t mit nachfolgendem Hauch zu lesen.

Geschichte

Noch unter der Herrschaft Ecthelions II. fiel ein Schatten auf die Stellung des Erben: Ein Hauptmann, der sich Thorongil nannte, trat in Gondors Dienst, gewann rasch das Vertrauen des alten Truchsessen und galt vielen im Reich als dessen bester Ratgeber. Denethor sah in ihm einen Nebenbuhler; die Anhänge berichten, dass er in dem Fremden Aragorn, den Sohn Arathorns, erkannte und argwöhnte, Mithrandir wolle ihn mit dessen Hilfe verdrängen. Im Jahr 2980 führte Thorongil einen Angriff auf die Häfen von Umbar, verbrannte einen großen Teil der Korsarenflotte, erschlug deren Herrn und kehrte danach nicht wieder nach Minas Tirith zurück. Vier Jahre darauf, im Jahr 2984, starb Ecthelion, und Denethor trat als sechsundzwanzigster Regierender Truchsess die Herrschaft an; seine Söhne waren da bereits geboren, Boromir im Jahr 2978, Faramir im Jahr 2983.

Der neuen Bedrohung aus dem Osten begegnete Denethor mit einem Mittel, das seit den Tagen der Könige niemand mehr gewagt hatte: Er benutzte den Palantír, der im Weißen Turm verwahrt wurde, um die Bewegungen des Feindes mit eigenen Augen zu verfolgen. Daher rührte ein Teil jenes Wissens, das seine Umgebung für Sehergabe hielt; daher rührte aber auch, dass er vor der Zeit alterte und immer verschlossener wurde. Gandalf urteilte später, Denethors Wille sei stark genug gewesen, dass Sauron ihn nicht unmittelbar habe unterwerfen können — beherrscht habe der Feind gleichwohl, was der Stein ihm zeigte, und er habe ihn stets die volle Macht Mordors und niemals die Kräfte schauen lassen, die sich ihr entgegenstellten. So wurde aus einem Werkzeug der Aufklärung ein langsames Zermürben, dessen Wirkung erst am Ende offen zutage trat.

Am 20. Juni des Jahres 3018 brach eine Streitmacht aus Mordor über Osgiliath herein; die östlichen Ruinen gingen verloren, die Brücke wurde zerstört, und nur ein kleiner Teil der Verteidiger unter Boromir und Faramir entkam über den Anduin. In dieselben Tage fiel ein Traum, der Faramir mehrfach und Boromir einmal heimsuchte und in dunklen Worten nach Bruchtal und einem zerbrochenen Schwert fragte. Denethor, der die alte Überlieferung kannte, ließ die Deutung zu, gab den Weg aber nicht dem jüngeren, sondern dem älteren Sohn frei, den er vorzog; Boromir selbst beanspruchte die weite und gefährliche Reise. Am 4. Juli 3018 verließ er Minas Tirith und erreichte Bruchtal erst am 24. Oktober, gerade zur Ratsversammlung Elronds. Für Denethor begannen damit Monate des Wartens auf eine Nachricht, die nicht kam.

Statt einer Botschaft erreichten ihn im Frühjahr 3019 die beiden Hälften von Boromirs gespaltenem Horn, die der Fluss ans Ufer getragen hatte; Faramir hatte überdies das Boot mit dem toten Bruder gesehen. Am 9. März trafen Gandalf und Peregrin Tuk in der Stadt ein, und der Truchsess nahm den Hobbit, der ihm aus eigenem Antrieb seine Dienste anbot, in den Eid und unter die Wachen der Feste. Als Faramir von der Bewachung des Feindes zurückkehrte und berichtete, er habe den Ringträger südwärts zu Cirith Ungol ziehen lassen, warf ihm der Vater vor, das einzige Unterpfand der Rettung aus der Hand gegeben zu haben. Faramir ritt darauf nach Osgiliath zurück, um die Übergänge zu halten; von dort wurde er wenige Tage später schwer verwundet und ohne Bewusstsein in die Stadt getragen, während das Heer Mordors den Pelennor überflutete und die Belagerung begann.

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Schicksal

Über dem verwundeten Sohn gab Denethor die Hoffnung auf. Im Stein hatte er, so seine eigenen Worte an Gandalf, eine Flotte mit schwarzen Segeln den Anduin heraufkommen sehen und daraus geschlossen, dass jeder weitere Widerstand nur Leid verlängere. Er legte die Führung nieder, ließ Faramir in das Haus der Truchsesse in der Rath Dínen bringen und dort einen Scheiterhaufen errichten, auf dem beide zugleich verbrennen sollten. Peregrin holte Gandalf herbei, und der Wachmann Beregond hielt die Diener auf, sodass der Bewusstlose in letzter Not vom Holzstoß gehoben werden konnte; Denethor jedoch entzündete das Feuer selbst, legte sich darauf und starb, den Palantír in den Händen, am 15. März 3019, in der Stunde, in der die Hörner der Rohirrim vor der Stadt erklangen. Faramir überlebte, wurde vom wiedergekehrten König geheilt und übernahm nach ihm das Amt des Truchsessen, das seither ohne Herrschaftsgewalt geführt wurde.

Amt, Machtmittel und deren Grenzen

Das Amt, das Denethor führte, war eine Regentschaft eigener Art: Die Regierenden Truchsesse übten seit Mardil die volle Herrschaftsgewalt über Gondor aus, nahmen aber weder Titel noch Zeichen des Königtums an. Der Amtseid verpflichtete sie, Stab und Herrschaft im Namen des Königs zu wahren, bis dieser wiederkehre — eine Formel, die mit den Jahrhunderten zur unbefristeten Vollmacht wuchs, ohne je förmlich in Königsrecht überzugehen. Sichtbar blieb der Unterschied in den Zeichen: kein Diadem, sondern ein weißer Stab; kein Banner mit Baum und Sternen, sondern ein Tuch ohne jedes Bild; und im Saal des Weißen Turms ein schwarzer Sitz zu Füßen der Stufen, über denen der Hochsitz leer stand. Denethor hielt an dieser Selbstbeschränkung fest und bestand zugleich darauf, dass die Herrschaft bis zu einer erwiesenen Wiederkehr des Königshauses ihm allein zustehe.

Innerhalb dieser Ordnung war seine Macht wirklich und weitreichend. Ihm unterstanden der Oberbefehl über die Heere, die Verwaltung der Feste und das Aufgebot der Lehen, aus denen vor der Belagerung die Scharen aus Lossarnach, Lamedon, Anfalas, dem Morthond-Tal und von Dol Amroth unter Fürst Imrahil einzogen. Er ließ den Rammas Echor, den Mauerring um den Pelennor, ausbessern, Vorräte einlagern und Frauen und Kinder aus der Stadt fortschaffen, ehe der Angriff kam. Nach altem Brauch sandte er überdies den Roten Pfeil nach Rohan, das Zeichen äußerster Not, das die Reiter an den Eid ihres Bündnisses band. Eben dort lag auch eine Grenze: Rohan war Verbündeter, nicht Untertan, und die Aufgebote der Küstenlande fielen kleiner aus als erhofft, weil jeder Fürst zugleich sein eigenes Land zu decken hatte.

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Schicksal

Von übernatürlichen Kräften berichten die Quellen nichts. Was seiner Umgebung als Sehergabe erschien, ließ sich auf nachprüfbare Mittel zurückführen: auf die alten Aufzeichnungen, die der Weiße Turm verwahrte, auf die Meldungen seiner Kundschafter, auf die längere Lebenskraft und Schärfe númenórischer Abkunft — und auf den Stein, der ihm zeigte, was wirklich geschah, doch stets nur in dem Ausschnitt, den ein stärkerer Wille zuließ. Seine Grenze lag daher nicht in der Festigkeit seines Willens, der ungebrochen blieb, sondern darin, dass Wissen ohne Zuversicht keine Handlungsfähigkeit schafft. Auch die Vollmacht des Amtes hatte ein Maß: Mithrandir hielt ihm zuletzt entgegen, dem Truchsessen sei die Verteidigung der Stadt aufgetragen, nicht aber die Verfügung über das Ende seines Hauses.

Verwandtschaft, Gefolgschaft und Widersacher

Die Ehe mit Finduilas blieb kurz, und die Anhänge deuten an, dass die Fürstentochter im Angesicht des nahen Schattens dahinwelkte; nach ihrem Tod wurde Denethor finsterer und schweigsamer, als er zuvor gewesen war. Das Verhältnis zu den beiden Söhnen war von einer offenen Ungleichheit geprägt: Boromir, der Ältere, glich dem Vater in Stolz und kriegerischem Selbstvertrauen und galt ihm als der eigentliche Erbe seines Wesens; Faramir, der nach Überlieferung und Rat fragte, erschien ihm geringer, obwohl er ihm im Äußeren ähnlicher war. Faramir selbst stellte gegenüber Frodo klar, dass zwischen den Brüdern kein Neid bestand und er den Älteren aufrichtig liebte. Der Vater dagegen sprach während der Belagerung aus, er hätte den Tausch der Söhne vorgezogen — ein Satz, der weniger über Faramirs Wert als über Denethors Unfähigkeit aussagt, Zuneigung anders als in Rangordnungen zu fassen.

Ähnlich zwiespältig fiel das Verhältnis zu Mithrandir aus. Der Graue Pilger kam über Jahre nach Minas Tirith, um in den Schriftrollen des Turms zu lesen, und Faramir wurde dabei sein aufmerksamer Schüler; der Truchsess sah in dieser Nähe Einflussnahme und begegnete dem Zauberer zuletzt mit dem Vorwurf, er bringe stets nur Unheilsnachricht. Verlässlicher blieben die Bindungen an das eigene Blut und Land: Imrahil von Dol Amroth, der Bruder seiner Frau, führte die Küstenreiter heran und übernahm später die Verteidigung, ohne die Ordnung des Hauses je in Frage zu stellen. Auch Peregrin Tuk, den er in seinen Dienst nahm, behandelte er nicht bloß als Kuriosum, sondern befragte ihn eindringlich nach Boromirs letzten Tagen und zeigte dabei eine Wärme, die ihm sonst selten nachgesagt wurde.

Der Gegner im engeren Sinne war Sauron, doch trat dieses Verhältnis niemals als offener Zweikampf hervor, sondern als jahrelanges, unausgesprochenes Messen zweier Willen. Daneben stand ein zweiter Widerspruch, der ihn ebenso beschäftigte: der Anspruch des nördlichen Erben, in dem er den einstigen Nebenbuhler wiedererkannte. Denethor erklärte, er wolle nicht als greiser Verwalter für einen Emporkömmling zurückbleiben, und stellte damit Amt und Person in einen Gegensatz, den die Verfassung Gondors gar nicht vorsah. In der Summe zeigen seine Bindungen ein durchgehendes Muster: Er maß Menschen daran, was sie dem Reich einbrachten, und wo dieser Maßstab versagte, versagte auch die Beziehung.

Entwürfe und Varianten

Die Vorgeschichte dieser Gestalt in Tolkiens Arbeitspapieren ist zunächst eine Vorgeschichte ihres Umfelds. In den Umrissen, mit denen der Verfasser den Fortgang der Erzählung nach Moria zu ordnen suchte, trägt das südliche Reich noch die Namen Ond beziehungsweise Ondor, und ein Haus von Truchsessen mit jahrhundertelanger Erbfolge ist dort nicht ausgebildet. Ebenso wenig war der jüngere Sohn von Anfang an vorgesehen: Der Hauptmann, der Frodo und Samweis in Ithilien aufhält, trat nach dem Zeugnis der Entwürfe unangekündigt in die Niederschrift ein, ohne dass ein zuvor festgelegter Plan ihn erwarten ließ. Erst mit ihm ergab sich jene Gegenüberstellung zweier ungleicher Söhne, auf der das veröffentlichte Bild des Vaters wesentlich beruht.

Von größerem Gewicht ist der späte Eintritt des Palantír in die Erzählung. Nach der Darstellung des Herausgebers tauchte der Stein, der aus einem Fenster von Orthanc geschleudert wird, während der Niederschrift unvorhergesehen auf; erst danach entfaltete sich die Vorstellung der sieben Steine und ihrer Verteilung über die Reiche der Númenórer im Exil. Dass der Truchsess im Weißen Turm über den Stein von Anor verfügte und daraus sein Wissen wie am Ende seine Verzweiflung bezog, gehört folglich zu einer jüngeren Schicht der Arbeit; die Entwürfe zu Belagerung und Scheiterhaufen entstanden erst, als diese Voraussetzung bereits feststand. Die Papiere bezeugen damit Arbeitsstufen, nicht eine zweite Fassung der Geschichte: Maßgeblich bleibt der veröffentlichte Text, gegen den keine dieser Vorstufen auszuspielen ist.

In Verfilmungen und Hörspielen

In der ältesten der größeren Umsetzungen kommt die Gestalt nicht vor: Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 erzählt nur die erste Hälfte des Romans und bricht nach dem Kampf um Helms Klamm ab, sodass Minas Tirith und sein Truchsess außerhalb des dargestellten Zeitraums bleiben; der geplante zweite Teil kam nie zustande. Anders die Hörspielfassung von BBC Radio 4 aus dem Jahr 1981, die den Stoff auf sechsundzwanzig halbstündige Folgen verteilt und deshalb als die vollständigste der älteren Bearbeitungen gilt. Dort spricht Peter Vaughan den Denethor. Der Umfang der Reihe erlaubt es, den Handlungsstrang um den Truchsessen in seiner Abfolge beizubehalten — von der Ankunft Gandalfs und Peregrins in der Stadt über den Streit mit Faramir bis zum Ende in der Rath Dínen —, während kürzere Fassungen diesen Teil zusammenziehen oder auslassen müssen.

Am bekanntesten ist die Darstellung durch John Noble in Peter Jacksons Filmtrilogie von 2001 bis 2003. Sie weicht in mehreren nachweisbaren Punkten von der Vorlage ab. Der Palantír, im Buch die Ursache von Denethors Wissen wie seiner Verzweiflung, spielt für die Figur keine erkennbare Rolle mehr; sein Zusammenbruch erscheint dadurch als Wirkung des Kummers und einer schon vorher angelegten Schwäche, nicht als Ergebnis eines jahrelangen Ringens mit dem Feind. Die erweiterte Fassung legt ihm überdies den Auftrag an Boromir in den Mund, das Waffenstück aus Bruchtal nach Gondor zu holen, während der Roman die Reise dem Sohn selbst zuschreibt. Auch der Ausfall nach Osgiliath geht im Film auf einen ausdrücklichen väterlichen Befehl zurück. Die Führung der Verteidigung verliert Denethor nicht durch eigenen Verzicht, sondern durch Gandalfs handgreifliches Eingreifen, und er stirbt nicht auf dem Scheiterhaufen im Haus der Truchsesse, sondern brennend im Sturz von der Feste. Faramirs Rettung durch Beregond entfällt entsprechend.