Herkunft und Namen

Baranor gehört zu jenen Gestalten des Roten Buches, die einzig in der Namensformel eines anderen erscheinen. Bezeugt ist er als Vater Beregonds, und zwar an der Stelle, an der sich dieser dem aus dem Auenland gekommenen Gast in Minas Tirith vorstellt und dabei nach gondorischer Gewohnheit seinen Vaternamen mitnennt. Damit ist Baranor ein Mensch aus Gondor der ausgehenden Dritten Zeitalters, und mehr geben die vorliegenden Stellen nicht her: weder ein Amt noch ein Wohnsitz, weder Lebenszeit noch irgendein Ereignis, an dem er selbst beteiligt gewesen wäre. Was von ihm bleibt, ist die bloße Tatsache seiner Vaterschaft, festgehalten in der Höflichkeitsform einer Begrüßung.

Der Name selbst ist sindarinisch geformt, wie es bei den Männern Gondors die Regel war. Die Anhänge halten ausdrücklich fest, dass die Nachkommen der Númenórer in Gondor ihre Namen in der Grauelbensprache gaben, während das Westron ihre Alltagssprache blieb; Baranor fügt sich diesem Muster ebenso ein wie der Name seines Sohnes. Eine Deutung des Namens bieten die zu Lebzeiten veröffentlichten Texte nicht an: weder wird er übersetzt noch erläutert, und die Erzählung nimmt keinen Anlass, seine Bestandteile zu zergliedern. Sicher lässt sich daher nur sagen, in welcher Sprachtradition er steht, nicht was er bedeutet.

Als Volk sind die Seinen Menschen der Stadt, keine Fürsten und keine Angehörigen des Truchsessenhauses; die Erzählung führt Baranor in keiner der Ahnenreihen auf, die für die Herrscher Gondors verzeichnet sind. Über seinen Sohn steht er am Beginn einer kleinen, dreigliedrigen Familienlinie, denn auch Beregonds Sohn Bergil tritt in Minas Tirith auf, sodass Baranor als Großvater eines Knaben der Stadt erscheint, ohne selbst je in Erscheinung zu treten. Diese Anordnung ist typisch für die vielen Nebennamen des Werkes: Sie geben den handelnden Figuren Tiefe und Herkunft, bleiben aber selbst nur ein Anker im Hintergrund.

Geschichte

Eine eigene Chronologie besitzt Baranor nicht. Der einzige Punkt, an dem sein Name in den Lauf der erzählten Zeit eintritt, ist ein einzelner Tag des Jahres 3019 der Dritten Zeitalters: jener Morgen, an dem Mithrandir mit dem Halbling aus dem Auenland in Minas Tirith einritt und dieser noch am selben Tag dem Truchsess in die Dienstpflicht genommen wurde. Unmittelbar darauf wurde der Gast einem Mann der Wache übergeben, der ihn in die Gepflogenheiten der Stadt einführen sollte, und in der Höflichkeitsformel dieser Übergabe fällt der Name des Vaters. Damit ist Baranors gesamte Bezeugung an ein Datum geknüpft, das die Zeittafel des Anhangs für die Ankunft der Reisenden aus Rohan festhält — an ein Ereignis also, an dem er selbst nicht beteiligt war.

Was diesem Tag vorausging, lässt sich nur mittelbar erschließen, und die Erzählung selbst unternimmt diesen Schluss an keiner Stelle. Aus der bloßen Tatsache, dass sein Sohn zur Zeit des Ringkrieges ein gestandener Mann im Dienst der Feste war und seinerseits bereits einen Knaben in der Stadt hatte, folgt lediglich, dass Baranors Lebenszeit in die Jahrzehnte vor dem Krieg zurückreicht — in ein Gondor, das die Wacht am Anduin hielt und unter der Herrschaft der Truchsesse stand. Ein Geburtsjahr wird ebenso wenig genannt wie ein Todesjahr, und selbst die Frage, ob er im Frühjahr 3019 noch lebte, bleibt offen: Der Vatername im Munde des Sohnes sagt darüber nichts aus, denn er wurde in Gondor unabhängig davon geführt, ob der Genannte noch am Leben war.

Alles, was von diesem Tag an geschieht, fällt dem Sohn zu und nicht dem Vater. Beregond vermittelt dem Gast die Losungsworte, zeigt ihm die Ringmauern und deutet ihm, was auf den Feldern vor der Stadt zu sehen ist; wenige Tage später, am Rande der Belagerung, verlässt er seinen Posten, um den verwundeten Faramir vor dem Feuer in den Häusern der Toten zu retten, und vergießt dabei an der Verschlossenen Tür Blut. Über diesen Bruch der Dienstordnung urteilt nach dem Krieg der wiedergekehrte König: Beregond scheidet aus der Wache der Feste, wird aber zum Hauptmann der Weißen Schar bestellt und zieht mit dem Fürsten von Ithilien nach Emyn Arnen. An keiner dieser Wendungen tritt der Vatername noch einmal hervor; er hat seine Aufgabe mit der Vorstellung erfüllt.

In den Annalen fehlt Baranor vollständig. Die Zeittafel verzeichnet die Züge der Heere, die Tage der Schlachten und die Wechsel der Herrschaft, und die genealogischen Übersichten des Anhangs führen die Könige und die Truchsesse Gondors, nicht aber die Geschlechter der Bürgerschaft. Ein Mann der Stadt, der kein Amt im Hause des Herrschers innehatte, hinterlässt in diesem Überlieferungsrahmen keine Spur, sofern ihn nicht ein Zufall der Erzählung erfasst — und dieser Zufall bestand hier in nichts weiter als der Anrede eines Fremden. Baranor gehört damit zu jener Schicht von Namen, deren gesamte Existenz im Werk aus einem einzigen Nebensatz besteht, und jede Aussage über sein Wirken müsste diesen Rahmen verlassen.

Eine Nachgeschichte hat er dennoch, wenn auch nur eine geliehene. Da sein Sohn den Krieg überlebt und im Vierten Zeitalter in Ithilien ein Amt bekleidet, wandert der Name des Vaters als Bestandteil der Vorstellungsformel mit in die neue Ordnung Gondors hinüber; er bleibt so lange in Gebrauch, wie Beregond ihn führt. Mehr an Fortdauer geben die vorliegenden Stellen nicht her: kein Grab, kein Andenken, kein Erbe, das an ihn geknüpft wäre. Die Geschichte Baranors ist deshalb streng genommen die Geschichte einer einzigen Nennung — eines Ankers, der einer handelnden Figur Herkunft verleiht und im selben Augenblick wieder aus dem Blick gerät.

Rolle und Wirkungskreis

Die Rolle Baranors im Werk ist eine ausschließlich bezeichnende: Er handelt nicht, er verbürgt. In der Vorstellungsformel seines Sohnes leistet der Vatername genau das, wozu ein Patronymikon in Gondor dient — er ordnet den Sprechenden einer Herkunft zu und gibt dem Fremden zu verstehen, dass ihm kein beliebiger Bewaffneter zugeteilt wurde, sondern ein Mann mit Namen und Haus in der Stadt. Erzähltechnisch steht Baranor damit auf der Schwelle zwischen Gestalt und Auskunft. Er markiert die Stelle, an der das Buch andeutet, dass auch die Männer der Wache eine Vorgeschichte besitzen, ohne diese Vorgeschichte je aufzuschlagen; seine Funktion erschöpft sich in dem Beglaubigungswert, den ein Vatername im Umgang der Gondorer trägt.

Fähigkeiten, Macht oder Einfluss irgendwelcher Art schreiben ihm die Texte nicht zu. Kein Amt, kein Rang, kein Besitz, keine Waffe und keine Entscheidung sind mit seinem Namen verbunden; er gehört keiner der Gruppen an, denen das Werk besondere Gaben zuerkennt, und ist nach allem, was gesagt wird, ein sterblicher Mensch Gondors unter vielen. Auch der naheliegende Rückschluss, er müsse selbst Soldat gewesen sein, findet keine Stütze: Über die Herkunft derer, die an der Feste Dienst tun, äußert sich die Erzählung nicht in einer Weise, die vom Sohn auf den Vater zu schließen erlaubte. Was an Wirkung von ihm ausgeht, ist durchweg mittelbar und fällt dem Sohn zu — der Vater bleibt die Voraussetzung, nicht der Träger des Geschehens.

Damit ist zugleich die Grenze jeder Aussage über ihn benannt. Wo das Buch Vermögen zeigt, benennt es dieses ausdrücklich, sei es die Kunst eines Heilers, die Vollmacht eines Hauptmanns oder das Ansehen eines Fürsten; bei Baranor fehlt jede solche Angabe, und eine einzelne Begrüßungsformel trägt kein Gewicht, das eine Charakterzeichnung stützen könnte. Aus dem Schweigen der Quelle folgt weder Bedeutungslosigkeit noch das Gegenteil: Sie sagt lediglich, dass die Überlieferung an dieser Stelle nichts festhält. Wer ihm dennoch einen Beruf, einen Dienstgrad oder eine Rolle in den Kämpfen der Zeit zuschreibt, verlässt den Text. Angemessen bleibt allein die Feststellung, dass Baranors Platz im Legendarium der eines Herkunftsnachweises ist — wirksam genau so weit, wie sein Sohn ihn ausspricht.

Familie, Haus und Bindungen

Von den Beziehungen, die ein Leben ausmachen, ist bei Baranor genau eine bezeugt, und auch sie nur von einer Seite her: die zu seinem Sohn. Bezeichnend ist dabei, dass keine Mutter Beregonds erscheint — die Frau, mit der Baranor diesen Sohn hatte, fehlt in der Überlieferung ebenso wie Geschwister, Vettern oder irgendein weiterer Träger seines Namens. Das Werk kennt also keine Familie um ihn herum, sondern allein eine Linie durch ihn hindurch. Und selbst diese Bindung wird nicht von ihm, sondern über ihn hergestellt: Baranor spricht nicht, wird von niemandem angeredet und begegnet keiner anderen Gestalt der Erzählung.

Eine Generation weiter setzt sich dieselbe Form fort. Auch Beregonds Sohn nennt bei seiner Vorstellung in der Stadt den Namen des Vaters, und zwar gegenüber demselben Gast, dem zuvor schon Beregond begegnet war; die Formel, die Baranor überhaupt erst ins Buch getragen hat, wiederholt sich damit im Munde des Enkels, nur dass dort nicht mehr Baranor, sondern Beregond den Herkunftsanker bildet. Die Familie erscheint so als eine Kette gleichgebauter Selbstvorstellungen, in der jede Generation die vorhergehende benennt und über Baranor hinaus keine weitere Stufe mehr genannt wird. Anders als bei den Truchsessen, deren Reihe die Anhänge über viele Glieder hinweg verzeichnen, endet die Rückschau hier nach einem einzigen Schritt.

Verbündete und Gegenspieler im eigentlichen Sinn kennt die Überlieferung bei ihm nicht. Alle Bindungen, die um seinen Namen herum wirksam werden — der Dienst am Truchsess, die Zugehörigkeit zu einer der Scharen der Feste, die Sorge um Faramir, die Bekanntschaft mit dem Gast aus dem Auenland —, gehören dem Sohn, und nichts im Text erlaubt es, sie auf den Vater zurückzurechnen. Ebenso fehlt jeder Widerpart: Kein Feind ist ihm zugeordnet, keine Fehde, kein Zerwürfnis innerhalb der Stadt. In einem Werk, das seine Figuren wesentlich über Zugehörigkeit und Widerstreit zeichnet, bleibt Baranor damit der seltene Fall einer Gestalt, deren ganzes Beziehungsgefüge in einer einzigen, von einem anderen gesprochenen Wendung besteht.