Name und Benennung
Der Name Ithilien ist sindarisch und bedeutet sinngemäß „Mondland“. Er setzt sich aus dem Wort ithil für den Mond und einer Endung zusammen, die im Sindarin Länder und Landschaften bezeichnet. Dem sindarischen ithil entspricht im Quenya Isil, ein eher dichterischer Name des Mondes, der ursprünglich auf dessen Schimmer zielt. Dasselbe Element steckt in Minas Ithil, dem Namen der Festung am Ostrand des Landes. Die Benennung gehört damit zu den durchsichtigen Ortsnamen Gondors, deren Sinn sich aus dem elbischen Wortschatz der Dúnedain unmittelbar erschließt.1
Der Mondbezug ist kein Zufall, sondern Teil eines bewussten Namenspaares. Nach der Gründung der Reiche im Exil nahm Isildur, dessen eigener Name ebenfalls auf den Mond verweist, seinen Sitz in Minas Ithil östlich des Stromes, während sein Bruder Anárion in Minas Anor im Westen wohnte. Dem Mondland Ithilien steht deshalb Anórien gegenüber, das „Sonnenland“, benannt nach dem Element anor. Die beiden Landschaftsnamen spiegeln also die beiden Brüder und ihre Türme; wer die Namen gab, ordnete das Land nach den Gestirnen, auf die sich die Söhne Elendils in ihren eigenen Namen beriefen.2
Im Herrn der Ringe erscheint der Name mit einem hörbaren Abstand. Der Erzähler spricht vom Nordteil jenes Landes, das die Menschen einst Ithilien nannten, und kennzeichnet die Bezeichnung so als Erbe einer Zeit, in der das Land noch bewohnt war. Daneben steht eine beschreibende Umschreibung: Ithilien gilt als Garten Gondors, ein Name, der eher den Charakter der Landschaft trifft als ihre Herkunft. Für die Männer Gondors, die dort als Waldläufer von Ithilien unterwegs sind, bleibt es dagegen ihr eigenes, schönes Gebiet jenseits des Flusses; in ihrem Sprachgebrauch lebt der alte Name als Anspruch fort, auch wenn das Land selbst verlassen ist.3
Land und Lage
Ithilien ist ein schmaler Landstrich zwischen zwei festen Grenzen. Im Westen begrenzt ihn der Anduin, im Osten erheben sich die Ephel Dúath, das Schattengebirge, hinter dem Mordor liegt. Das Land zieht sich also als langer Streifen zwischen Strom und Gebirge nach Süden. Im Norden schließt es an die öden Gegenden vor dem Morannon an, und dort, wo die Wanderer aus dem Norden die Wüste hinter sich lassen, beginnt es. Den Strom säumen Stätten, die das Land mit dem übrigen Gondor verbinden, allen voran Osgiliath, die alte Stadt beiderseits des Anduin. Südlich davon erheben sich am Westrand die Hügel des Emyn Arnen.1
Eine innere Gliederung ergibt sich aus dem Gelände selbst. Etwa auf halber Länge öffnet sich aus dem Gebirge das Tal von Minas Morgul, und in seiner Nähe kreuzt die alte Straße von Osgiliath zum Gebirge die lange Nord-Süd-Straße, die nach Harad führt. An diesem Kreuzweg stand das verwitterte Standbild eines Königs aus alter Zeit. Nördlich und südlich dieser Achse erstrecken sich die beiden Hälften des Landes. Im Süden reicht Ithilien bis an den Fluss Poros, jenseits dessen die umkämpften Grenzgebiete gegen Harad beginnen; an den Übergängen über den Poros wurde schon im Dritten Zeitalter gegen die Haradrim gefochten.2
Was das Land auszeichnet, ist seine Fruchtbarkeit im Schatten des Feindes. Von den Hängen des Gebirges fällt es in Stufen und Schluchten gegen den Strom ab, durchzogen von Wasserläufen, die sich hier und da in Becken und kleinen Seen sammeln. Neben den Bäumen des Nordens wachsen Tamarisken, Terebinthen, Oliven und Lorbeer, dazu Wacholder, Myrte und ein Teppich würziger Kräuter. Die Spuren früherer Besiedlung sind überall sichtbar, doch sie verfallen und wachsen zu. Ein Ort des Landes wird im Roman genauer geschildert: Henneth Annûn, ein Versteck der Waldläufer hinter einem Wasserfall, dessen Vorhang aus Wasser nach Westen blickt. Gerade dieser Gegensatz macht Ithilien aus: ein mildes, reich bewachsenes Grenzland, das unmittelbar an die Mauer Mordors stößt.3
Geschichte
Die Geschichte Ithiliens beginnt mit der Gründung der Reiche im Exil gegen Ende des Zweiten Zeitalters, die die Zeittafel auf das Jahr 3320 setzt. Das Land östlich des Stromes fiel Isildur zu, der es von Minas Ithil aus regierte. Damit lag Ithilien von Anfang an unmittelbar vor den Bergen, hinter denen Sauron seine Macht wieder sammelte, und diese Nähe wurde ihm früh zum Verhängnis. Im Jahr 3429 brach Sauron aus Mordor hervor, nahm Minas Ithil ein und verbrannte den Weißen Baum, den Isildur dort gepflanzt hatte. Isildur selbst entkam mit einem Schössling des Baumes den Anduin hinab und ging zu Elendil in den Norden. Ithilien war damit das erste Land Gondors, das der Feind in Besitz nahm; zurückgewonnen wurde es erst durch das Letzte Bündnis, das Sauron 3441 stürzte.1
Im Dritten Zeitalter blieb Ithilien lange ein bewohnter Teil des Südreiches, doch sein Schicksal hing an der Wache über Mordor. Die Große Pest des Jahres 1636 verheerte Gondor so schwer, dass diese Wache danach aufgegeben wurde und die Festungen an den Pässen verwaisten. Das Land lag nun ungeschützt vor einem Gebirge, in dessen Schatten sich das Böse unbemerkt wieder einnisten konnte. Um das Jahr 2000 kamen die Nazgûl aus Mordor und schlossen Minas Ithil ein; 2002 fiel die Stadt, und mit ihr ging auch ihr Palantír verloren. Aus dem Turm des Mondes wurde Minas Morgul, ein Ort des Grauens, der fortan wie ein Stachel im Leib des Landes saß.2
In den folgenden Jahrhunderten wurde Ithilien schrittweise zum Grenzland. Im Jahr 2475 griffen Uruks aus Mordor erneut an; Osgiliath wurde endgültig zur Ruine und seine steinerne Brücke zerstört, auch wenn der ältere Boromir, Sohn des Truchsessen Denethor I., die Angreifer vertreiben und Ithilien für eine Weile zurückgewinnen konnte. Im Süden überschritten 2885 die Haradrim, von Saurons Boten aufgewiegelt, den Poros. Um 2901 verließ der größte Teil der noch verbliebenen Bevölkerung das Land, weil die Überfälle der Uruks nicht mehr abrissen. In dieser Zeit ließ der Truchsess Túrin II. geheime Zufluchten anlegen, darunter Henneth Annûn, das am längsten gehalten wurde. Aus den Nachfahren der Abgewanderten gingen später die Waldläufer hervor, die das verlassene Land für Gondor weiter bestritten.3
Im Ringkrieg des Jahres 3019 wurde Ithilien zum Durchgangs- und Kampfgebiet. Frodo und Sam gelangten auf ihrem Weg nach Süden in das Land und wurden am 7. März von Faramir aufgegriffen und nach Henneth Annûn gebracht, nachdem seine Männer zuvor eine nach Norden ziehende Schar von Südländern überfallen hatten. Am 10. März, dem Tag ohne Morgen, zog das große Heer aus Minas Morgul aus, überquerte den Anduin und drängte die Verteidiger aus Osgiliath zurück. Nach der Schlacht auf den Pelennor-Feldern marschierte das Heer des Westens seinerseits durch Ithilien nach Norden zum Morannon. Nach dem Sturz Saurons wurden die Ringträger im April auf dem Feld von Cormallen geehrt, das in Ithilien unweit von Henneth Annûn lag.4
Mit dem Vierten Zeitalter begann für Ithilien eine neue Besiedlung. König Elessar übertrug das Land Faramir als Fürsten von Ithilien, der mit Éowyn im Emyn Arnen seinen Sitz nahm. Beregond wurde Hauptmann seiner Leibwache und diente ihm dort. Für das Morgultal bestimmte der König, dass die Stadt darin gänzlich zerstört werde und auf lange Zeit niemand dort wohnen dürfe, selbst wenn das Tal eines Tages gereinigt sein sollte. Aus dem Grünwald führte Legolas Elben nach Ithilien, die sich dort niederließen, und unter ihrer Pflege wurde das Land wieder zu einer der schönsten Gegenden des Westens. So endet die Geschichte des Landes, das so lange verlassen gelegen hatte, nicht mit seinem Untergang, sondern mit seiner Wiederkehr.5
- 1Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion
- 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion
- 3Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion
- 4Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 4; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 5Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 5; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
Bewohner und Herrschaft
Ithilien war ein Land der Dúnedain Gondors. Es war Stammland von Menschen númenorischer Herkunft, die unter den Königen des Südreiches Städte, Straßen und Gärten zwischen Strom und Gebirge unterhielten. Die Wirren des Dritten Zeitalters leerten es nach und nach, und zur Zeit des Ringkrieges wohnte dort niemand mehr fest. Die Männer, denen die Hobbits im Norden des Landes begegnen, verstehen sich dennoch als seine Erben. Mablung und Damrod erklären, sie stammten von jenem Volk ab, das einst in Ithilien heimisch war, und sie bewegen sich dort mit der Ortskenntnis von Leuten, die ihre Herkunft nicht vergessen haben. Elben dagegen, die das Land früher gelegentlich durchstreiften, kamen in jenen Tagen nicht mehr dorthin.1
Politisch gehörte Ithilien stets zu Gondor und hatte nie einen eigenen Herrn neben der Krone. Nach dem Erlöschen der Königslinie ging die Gewalt über das Land auf die Truchsessen über, und in ihrem Namen wurde es auch dann noch beansprucht, als niemand mehr dort siedelte. Die Waldläufer setzten diesen Anspruch durch, indem sie im Auftrag Denethors heimlich über den Anduin gingen; ihr Hauptmann war Faramir, der Sohn des Truchsessen. Wer das Land ohne Erlaubnis des Herrn von Gondor betrat, verfiel nach geltendem Recht dem Tod. Faramir handelte in diesem Rahmen, als er Frodo und Sam nach eigenem Urteil freiließ und ihnen und ihrem Begleiter Schutz innerhalb der Grenzen Gondors zusicherte.2
Das Verhältnis zu den Nachbarn war über Jahrhunderte eines der Feindschaft. Aus Mordor jenseits des Gebirges drangen Orks ins Land, und von Süden zogen Scharen aus Harad auf den alten Straßen nach Norden, um sich Sauron anzuschließen. Gegen beide richteten die Waldläufer ihre Überfälle, nicht als Siedler, sondern als Grenzwacht in einem Land ohne Bewohner. Nach dem Krieg erhielt Ithilien erstmals eine eigene Herrschaft unter der Krone. König Elessar erhob Faramir zum Fürsten von Ithilien und beließ ihn zugleich im Amt des Truchsessen, sodass das Land nun von einem ansässigen Fürsten verwaltet wurde, der dem König verpflichtet war.3
- 1Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4, Of Herbs and Stewed Rabbit
- 2Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 5, The Window on the West; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 6, The Forbidden Pool
- 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4, Of Herbs and Stewed Rabbit; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 5, The Steward and the King
Rolle in der Erzählung
Im Herrn der Ringe ist Ithilien zuerst ein Ort des Aufatmens. Nach den Totensümpfen und der Einöde vor dem Schwarzen Tor betreten Frodo, Sam und Gollum ein Land, das noch lebt, und die Erzählung verweilt auffällig lange bei Duft, Grün und Frühlingsluft. Hier lässt Sam sich von Gollum zwei junge Kaninchen bringen und schmort sie mit Kräutern, ein kleines Stück Auenland mitten im Grenzland, das Gollum mit Widerwillen betrachtet. Während Frodo schläft, wacht Sam über ihn und bemerkt ein stilles Licht in seinem Gesicht. Doch der Rauch des Kochfeuers verrät die Wanderer, und die kurze Ruhe endet mit dem Auftauchen der Waldläufer.1
Im mittleren Teil wird Ithilien zur Bühne einer Bewährung. Die Hobbits geraten in den Überfall auf eine Schar Südländer, Sam erblickt zum ersten Mal einen Olifanten, und beim Anblick eines gefallenen Feindes fragt er sich, was diesen Mann wohl von daheim fortgeführt hat. In der Begegnung mit Faramir wird das Land zum Prüfstein für Gondor selbst: Der Hauptmann erfährt, was Frodo trägt, und greift dennoch nicht danach. Am verbotenen Weiher fällt zugleich eine Entscheidung über Gollum, dessen Leben Frodo rettet, indem er ihn in die Gefangenschaft lockt, ein Schritt, der das brüchige Vertrauen zwischen beiden weiter beschädigt.2
Den Abschied vom Land bildet das Bild am Scheideweg. Das Standbild des alten Königs ist geschändet, sein Rumpf beschmiert und mit einem roh behauenen Stein als Kopf versehen, doch der echte Kopf liegt am Wegrand, und ein blühendes Gewächs hat ihn wie eine Krone umrankt. Im letzten Abendlicht liest Frodo darin, dass die Macht des Feindes nicht für immer siegen kann. So steht Ithilien im Buch für ein bedrohtes, aber nicht ausgelöschtes Gondor und für eine Schönheit, die im Verfall fortbesteht. Wenn die beiden Hobbits nach ihrer Rettung in Ithilien wieder erwachen, schließt sich der Bogen: Das Land der letzten Rast auf dem Hinweg wird zum Ort ihrer Genesung.3
- 1Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4, Of Herbs and Stewed Rabbit
- 2Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 5, The Window on the West; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 6, The Forbidden Pool
- 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 7, Journey to the Cross-roads; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 4, The Field of Cormallen
Verfilmungen und Hörspiele
Ausführlich erscheint Ithilien in Peter Jacksons Filmtrilogie, vor allem im zweiten Teil, „Die zwei Türme“. Die Stationen des Buches sind dort weitgehend vorhanden: die Rast mit dem geschmorten Kaninchen, der Überfall der Waldläufer auf die Südländer samt Olifant, das Versteck hinter dem Wasserfall und die Szene am verbotenen Weiher. Faramir wird von David Wenham gespielt, Gollum von Andy Serkis, Frodo und Sam von Elijah Wood und Sean Astin. Die deutlichste Abweichung betrifft Faramirs Verhalten. Im Film widersteht er dem Ring nicht sogleich, sondern will ihn für Gondor sichern und führt die Hobbits über den Strom nach Osgiliath, bevor er sie ziehen lässt; im Roman verlassen sie Ithilien, ohne je das westliche Ufer zu betreten. Im dritten Teil kehrt der Scheideweg mit dem Standbild des alten Königs wieder. Das Feld von Cormallen als Ort der Ehrung in Ithilien spielt dagegen keine Rolle, und von Faramirs späterem Fürstentum ist nicht die Rede.1
Die Hörspielfassung der BBC in sechsundzwanzig Teilen folgt dem Roman auch in diesem Abschnitt eng. Sie behält die Begegnung mit Faramir in ihrer ursprünglichen Gestalt bei, einschließlich seines Verzichts auf den Ring. Frodo spricht Ian Holm, Sam Bill Nighy und Gollum Peter Woodthorpe. Die älteren Zeichentrickfilme berühren Ithilien kaum. Ralph Bakshis Film bricht ab, bevor die Wanderung der Hobbits das Land erreicht. Der Fernsehfilm von Rankin/Bass setzt erst im letzten Teil der Geschichte ein und lässt den Weg durch Ithilien aus. Wer das Land in einer Adaption erleben will, ist daher auf Jacksons Filme oder auf das Hörspiel angewiesen, wobei nur Letzteres dem Handlungsgang des Buches treu bleibt.2