Herkunft und Namen

Der Name Castamir gehört seiner Gestalt nach zum Quenya, in dem die Könige aus dem Hause Anárions ihre Namen zu führen pflegten; eine Deutung seiner Bestandteile hat Tolkien nirgends gegeben, und die Erzählung selbst schweigt dazu. Anders steht es mit dem Beinamen: „der Usurpator“ ist keine Bezeichnung, die er sich selbst beigelegt hätte, sondern das Urteil derer, die die Annalen Gondors weiterführten, als seine Zeit vorüber war. In der Königsfolge der Südlinie erscheint er darum mit diesem Zusatz anstelle eines Ehrennamens, wie ihn manche seiner Vorgänger trugen. Gezählt wird er als der einundzwanzigste Herrscher der Reihe, und schon diese Zählung ist ein Befund der Chronisten und keine Selbstverständlichkeit.

Castamir zählte zu den Dúnedain Gondors und entstammte dem königlichen Geschlecht, doch nicht dessen Hauptzweig. Er war ein Enkel Calimehtars, des jüngeren Bruders jenes Königs, der später den Namen Rómendacil trug. Sein Anspruch gründete sich also auf die Abstammung von einem Bruder des Königs, nicht auf die gerade Erbfolge — ein Umstand, der in einem Reich, das die Reinheit der númenórischen Herkunft hoch veranschlagte, Gewicht hatte und den seine Anhänger entsprechend hervorhoben. Die Seitenlinie, aus der er kam, war damit lange genug vom Thron entfernt, um als eigene Größe innerhalb des Hochadels zu gelten.

Vor allem aber war Castamir kein Mann des Binnenlandes, sondern der Küsten. Ihm oblag das Amt des Schiffshauptmanns, dem der Befehl über die Flotten Gondors zufiel — eine der einflussreichsten Stellungen des Reiches, seit die Seemacht das Rückgrat seiner Stärke bildete. Sein Rückhalt lag dementsprechend bei den Küstenvölkern und in den großen Häfen des Südens, in Pelargir und in Umbar, deren Leute ihm näher standen als die Landschaften um Osgiliath. Die Überlieferung zeichnet ihn als hart und unnachgiebig, wenig geneigt zu Milde, und sie merkt an, dass sein Sinn den Schiffen und den Küstenlanden mehr galt als dem Reich in seiner Weite. Dieser Zug wird in den Annalen weniger als persönliche Laune denn als Ausdruck der Kräfte gedeutet, die ihn trugen.

Der Sippenstreit und die Usurpation

Der Zwist, aus dem Castamirs Erhebung erwuchs, war älter als sein Anspruch. König Valacar hatte, als er noch als Gesandter seines Vaters unter den Nordmenschen weilte, Vidumavi zur Frau genommen, die Tochter Vidugavias, den man den König von Rhovanion nannte; ihr Sohn Eldacar wuchs in der Ferne auf und führte zunächst einen Namen aus der Zunge seiner Mutter. In Gondor sah man in dieser Ehe eine Minderung des königlichen Blutes, und der Unwille war dort am stärksten, wo man sich der reinen númenórischen Abkunft am gewissesten glaubte, also in den südlichen Landschaften und in den Hafenstädten. Als Valacar im Jahr 1432 des Dritten Zeitalters starb und Eldacar die Krone empfing, brach der Aufruhr offen aus; die Annalen nennen ihn den Sippenstreit. An die Spitze der Empörer trat Castamir, und mit ihm stand die Flotte.

Der Krieg zog sich mehrere Jahre hin, ehe er sich 1437 entschied. In jenem Jahr wurde Osgiliath belagert und in Brand gesteckt; die Stadt, die bis dahin die eigentliche Hauptstadt des Reiches gewesen war, verfiel und erholte sich nie wieder, und der Palantír, der dort verwahrt wurde, ging in den Fluten des Anduin verloren. Eldacar entkam der Umklammerung und floh nach Norden zu den Verwandten seiner Mutter in Rhovanion, wo ihm nicht wenige seines Hauses und seiner Anhänger folgten. Sein Sohn Ornendil aber, der in Gefangenschaft geriet, wurde auf Castamirs Geheiß getötet — eine Tat, die die Chronisten eigens vermerken, weil sie nicht der Notwendigkeit des Krieges, sondern der Grausamkeit zugerechnet wurde. Damit lag der Weg zum Thron frei, und Castamir nahm die Krone.

Zehn Jahre lang hielt er die Herrschaft, und die Überlieferung urteilt hart über diese Zeit. Der Blutzoll, den er in Osgiliath eingetrieben hatte, blieb unvergessen, und die Strenge seines Regiments verschaffte ihm Furcht, aber keine Anhänglichkeit. Hinzu kam, dass er das Reich als Ganzes wenig beachtete: Sein Sinn stand nach den Schiffen und den Küstenlanden, und er trug sich mit der Absicht, den Sitz des Königs von Osgiliath nach Pelargir zu verlegen, mithin das Schwergewicht Gondors vom Strom in die Mündungslande zu verschieben. Die Binnenlandschaften und die nördlichen Provinzen sahen sich darin übergangen. So schwand ihm mit den Jahren selbst dort der Rückhalt, wo man ihn zuvor erhoben hatte, und die Zahl derer wuchs, die den vertriebenen König zurückwünschten.

Im Jahr 1447 kehrte Eldacar mit einem Heer aus dem Norden zurück, in dem viele Nordmenschen mitzogen, und auf seinem Marsch schlossen sich ihm die Leute der nördlichen Landschaften Gondors in solcher Zahl an, dass Castamir zur Feldschlacht gezwungen war. Beide Heere trafen an den Übergängen des Erui in Lebennin aufeinander, und dort fiel ein großer Teil des besten Blutes Gondors, denn es standen Dúnedain gegen Dúnedain. Castamir wurde in dieser Schlacht erschlagen, und die Überlieferung nennt ausdrücklich Eldacar selbst als seinen Töter, der so den Tod seines Sohnes vergalt. Damit endete nach zehn Jahren die Herrschaft des Usurpators, und die Krone kehrte an die gerade Linie zurück.

Mit seinem Tod war die Sache seines Hauses jedoch nicht erledigt. Seine Söhne entkamen dem Feld und warfen sich mit ihren Verwandten und einem Teil der Flotte nach Pelargir, wo Eldacar sie einschloss; sie hielten die Stadt, bis ihnen die Vorräte ausgingen, und entkamen dann 1448 zur See. In Umbar setzten sie sich fest und machten den alten Hafen zu einer Herrschaft, die Gondor über Menschenalter hinweg feindlich blieb; aus ihren Nachkommen und deren Gefolge gingen die Korsaren hervor, die die Küsten des Reiches heimsuchten. So kostete der Sippenstreit Gondor nicht nur unersetzliche Mannschaft, sondern auch einen großen Teil seiner Seemacht und den festen Besitz des Südhafens. In den Königslisten aber blieb Castamir stehen — gezählt in der Reihe und zugleich durch den Beinamen aus ihr herausgehoben, den ihm die Sieger gaben.

Rolle und Machtmittel

Was Castamir im Legendarium bedeutet, hat mit übernatürlicher Begabung nichts zu tun. Die Könige aus dem Hause Anárions verfügten über keine Zauberkunst; ihre Macht ruhte auf der Abkunft, auf der Treue der Provinzen und auf den Waffen, die ihnen zu Gebote standen, und was die Überlieferung Castamir an Fähigkeiten zuschreibt, geht über das hinaus nicht hinaus, was ein Dúnadan seines Ranges besaß: langes Leben, Kriegserfahrung und die Kenntnis der See. Sein Aufstieg ist darum vor allem ein Befund über die Machtverhältnisse Gondors in jener Zeit. Seit die Schiffskönige das Reich zur Seemacht gemacht hatten, lag das schärfste Werkzeug des Staates in den Flotten, und wer über sie verfügte, konnte einen rechtmäßig gekrönten König aus seiner Hauptstadt vertreiben. Castamir ist der Beleg dafür, dass das Amt in Gondor gegen das Erbrecht aufkommen konnte — aber auch dafür, wie weit es damit kam.

Denn eben hier zeigen sich die Grenzen. Seine Streitmacht reichte, um Gondor zu erobern, nicht aber, um es zu behalten: Ein rivalisierender König blieb am Leben und in Reichweite, die nördlichen Landschaften wurden nie gewonnen, und die Krone verschaffte ihm zwar den Titel, aber nicht jene Zustimmung, aus der in Gondor Herrschaft erst Dauer bezog. Auch der Rechtsgrund, auf den sich seine Partei berufen hatte, hielt der Zeit nicht stand. Man hatte gegen Eldacar geltend gemacht, gemischtes Blut mindere die Gaben der Númenórer und verkürze die Lebensspanne; Eldacar aber erreichte ein Alter von zweihundertfünfunddreißig Jahren und herrschte, die zehn Jahre der Verbannung eingerechnet, achtundfünfzig Jahre lang. Die Chronisten vermerken das ausdrücklich, und damit wird die Sache, für die Castamir focht, in den Annalen selbst widerlegt.

In der Anlage der Erzählung steht Castamir an der Stelle, an der Gondors Verfall nicht mehr von außen, sondern aus dem Reich selbst kommt. Was ihm an Macht zufiel, blieb seinem Haus länger als ihm: Seine Nachkommen behaupteten sich im Süden als eigene Herrschaft númenórischer Abkunft und verfügten über Schiffe, mit denen sie Gondor über Jahrhunderte hinweg zusetzten. Auch diese Macht war endlich. Im Jahr 1810 des Dritten Zeitalters nahm König Telumehtar den Hafen zurück und vertrieb die Seeräuber; dabei kamen die letzten Nachfahren Castamirs um, und der König führte fortan den Beinamen Umbardacil. Von der Erhebung des Schiffshauptmanns blieb dem Reich am Ende nichts als der Verlust, den sie gekostet hatte.

Sippe, Partei und Feindschaft

Die Beziehung, die Castamirs Gestalt bestimmt, ist die zu seinem Gegner, und sie war eine der Verwandtschaft. Eldacar und er standen in gleichem Abstand zu einem gemeinsamen Ahnen: Beide waren Urenkel Calmacils, der eine über Rómendacil, der andere über dessen jüngeren Bruder. Was in den Annalen als Empörung eines Untertanen gegen seinen König erscheint, war der Sache nach ein Streit zweier Männer desselben Blutes um dieselbe Erbschaft, und eben darum trägt der Krieg in der Überlieferung den Namen, den er trägt. Der Vorwurf, den Castamirs Partei erhob, richtete sich denn auch nicht gegen Eldacars Anteil am Hause Anárions, sondern gegen die Hälfte seiner Abkunft, die von auswärts kam. Mit der Tötung des Königssohnes aber wurde aus dem Erbstreit eine Blutschuld, und damit fiel jede Möglichkeit fort, die Sache nach Art einer Sippe beizulegen.

Castamir hat die Partei, an deren Spitze er trat, nicht geschaffen; er wurde ihr Haupt, weil er über das verfügte, was ihr fehlte. Die Herren der Küstenlande und die Seeleute der großen Häfen banden sich an ihn aus geteiltem Interesse und geteilter Überzeugung, nicht aus Treue zu seiner Person — ein Verhältnis, das trägt, solange es beiden Seiten nützt. Sein Gegner dagegen besaß, was in Gondor niemand besaß: Anverwandte jenseits der Grenzen. Die Ehe Valacars, die den Zwist überhaupt erst entzündet hatte, verschaffte Eldacar in der Not eine Zuflucht bei den Nordmenschen und schließlich das Heer, mit dem er wiederkam. So stand am Ende ein Mann mit einer Partei gegen einen Mann mit einer Sippe, und was der einen Seite als Makel gegolten hatte, entschied den Krieg zu ihren Gunsten.

Bezeichnend ist, was die Quelle über Castamirs eigene Nächste verschweigt. Weder eine Gemahlin noch eine Mutter wird genannt, und seine Söhne erscheinen nur im Plural und nur als jene, die nach seinem Fall den Kampf fortsetzten. Die Chronisten Gondors haben ihn allein als Gegenfigur festgehalten, und alle Bande, die sie ihm zugestehen, sind entweder die des Streits oder die der Fortdauer dieses Streits in der nächsten Generation. Erhalten blieb ihm auf diese Weise eine Feindschaft, die seine Nachkommen von Umbar aus über Jahrhunderte weiterführten — die einzige Beziehung, die ihn überlebte.