Herkunft und Namen
Beleg gehörte zu den Sindar, jenen Elben, die einst am Erwachen im Osten teilhatten, den Zug in den Westen aber nicht zu Ende gingen und in Beleriand unter dem Sternenhimmel blieben. Das Licht der Zwei Bäume hat er nie gesehen; sein Volk war das Elwe Singollos, den man in Beleriand Thingol nannte, und sein Land war Doriath, das der Gürtel Melians vor den Mächten des Nordens abschirmte. Wie viele seines Volkes lässt sich sein Alter nicht bestimmen; die Überlieferung nennt weder Geburt noch Elternhaus, sondern setzt ihn bereits als erfahrenen Mann in Thingols Dienst voraus. Dort stand er unter den Anführern jener Grenzwächter, die die nördlichen Marken des Königreichs beobachteten — ein Amt, das ihn weit über die geschützten Wälder hinausführte, in Dimbar und in das offene Land vor den Grenzen.
Sein Name ist sindarinisch und trägt eine schlichte, klare Bedeutung: „beleg“ heißt „mächtig, groß“ und begegnet in derselben Form in Ortsnamen wie Belegost, der Großen Feste der Zwerge, und in Belegaer, dem Namen des Großen Meeres. Der Beiname Cúthalion setzt sich aus „cú“, dem Wort für Bogen, und „thalion“ zusammen, das „stark“ und zugleich „unverzagt“ bedeutet; dasselbe Element trägt Húrin in seinem Beinamen Thalion. Englisch wird Cúthalion mit „Strongbow“ wiedergegeben, was sich sinngemäß als „Starkbogen“ fassen lässt; eine gesicherte deutsche Übersetzungstradition für dieses Epitheton besteht allerdings nicht, weshalb die Sindarin-Form vorzuziehen ist. Für die Aussprache gilt die in den Anhängen niedergelegte Regel, dass jedes e kurz und deutlich gesprochen wird, wie im deutschen „Bett“, und niemals stumm bleibt.
Der Beiname beschreibt genau das, wofür Beleg unter seinem Volk galt: Niemand unter den Sindar führte den Bogen so sicher wie er. Seine Waffe war Belthronding, aus schwarzem Eibenholz gefertigt und ihm allein gehorsam. Ebenso gerühmt wurde seine Waldkunst — die Fähigkeit, Spuren über weite Strecken zu lesen, sich ungesehen durch dichtes Land zu bewegen und in der Wildnis ohne Vorräte auszukommen. Die steinernen Hallen von Menegroth suchte er selten auf; sein eigentlicher Aufenthalt war das offene Waldland, und in Thingols Rat trat er nur ein, wenn seine Kundschaft es verlangte. Unter den Hauptleuten des Königs stand er neben Mablung, und das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wurde, gründete weniger auf Rang als auf Zuverlässigkeit: Was Beleg über die Lage im Norden berichtete, wurde in Doriath als verlässlich genommen.
Geschichte
Die erste Tat, die von Beleg mit Sicherheit überliefert ist, gehört in die Zeit vor seiner Freundschaft mit Túrin. Als die Elbenfürsten des Nordens zur Nirnaeth Arnoediad rüsteten, der Fünften Schlacht, verweigerte Thingol dem Bund der Noldor die Heerfolge, denn der Fluch, der auf den Söhnen Feanors lag, und die alte Feindschaft um die Silmaril standen zwischen Doriath und den Häusern der Verbannten. Nur zwei seiner Hauptleute ließ der König ziehen, Beleg und Mablung, und diese nicht als Anführer eines Heeres, sondern in eigenem Entschluss; sie schlossen sich der Streitmacht Fingons an und trugen kein Zeichen Doriaths. Beide überlebten die Niederlage und kehrten zurück, und was sie berichteten, war die erste sichere Kunde, die Menegroth vom Ausgang der Schlacht und vom Untergang der nördlichen Reiche erreichte.
Im Jahr nach der Schlacht kam der Sohn Húrins nach Doriath, den Morwen aus Dor-lómin fortgeschickt hatte, und Thingol nahm ihn als Pflegesohn an. Als Túrin herangewachsen war, begehrte er Waffen und ein Amt an den Grenzen, und der König gab ihn Beleg zum Gefährten. Drei Jahre lang zogen die beiden gemeinsam durch Dimbar und die nördlichen Marken, und in dieser Zeit lernte Túrin von ihm, was er später als Waldläufer ausmachte: das Lesen von Spuren, das Überleben ohne Vorräte, das ungesehene Erkunden feindlichen Landes. Als Túrin nach dem Streit mit Saeros und dessen tödlichem Sturz aus Doriath floh, ohne das Urteil des Königs abzuwarten, war es Beleg, der die Zeugin Nellas vor Thingol brachte; ihr Bericht wies nach, dass Túrin den Elben weder erschlagen noch in den Tod getrieben hatte, und der König sprach ihn frei. Beleg erbat sich daraufhin die Erlaubnis, den Verbannten zu suchen und ihm die Verzeihung zu überbringen.
Die Suche führte ihn weit nach Süden und Westen in das herrenlose Land jenseits des Gürtels. Er fand die Räuberschar, der Túrin sich angeschlossen hatte, doch der Anführer war fern, und die Männer nahmen ihn gefangen, banden ihn und misshandelten ihn zwei Tage lang, ehe Túrin zurückkehrte und ihn befreite. Beleg trug ihm Thingols Begnadigung an; Túrin lehnte die Rückkehr aus Stolz ab, bat ihn aber zu bleiben. Beleg blieb eine Weile bei der Schar, kehrte dann jedoch nach Menegroth zurück, um Bericht zu erstatten. Dort erhielt er von Melian einen Vorrat des Wegbrots, das sonst niemandem außerhalb des Reiches gegeben wurde, und vom König die Wahl einer Waffe. Er wählte Anglachel, das schwarze Schwert aus Meteoreisen, das Eol geschmiedet und Thingol als Wegzoll überlassen hatte. Melian warnte ihn, dass in der Klinge die Bosheit ihres Schmieds fortlebe und sie dem, der sie führe, nicht treu bleiben werde; Beleg nahm sie dennoch.
Er fand Túrin wieder auf Amon Rûdh, dem einzeln stehenden Berg über dem Talath Dirnen, wo die Schar bei dem Kleinzwerg Mîm Unterschlupf gefunden hatte, und brachte ihm den Drachenhelm aus dem Erbe Hadors. Aus der Räuberbande wurde nun eine Streitmacht: Túrin nahm den Namen Gorthol an, Beleg führte den Bogen, und das Land zwischen Teiglin und den Westmarken Doriaths hieß fortan Dor-Cúarthol — Land des Bogens und des Helms. Die Orks wurden aus weiten Strecken zurückgedrängt, Flüchtlinge sammelten sich, und der Ruf, dass Húrins Sohn wieder aufgestanden sei, drang bis nach Angband. Mîm aber, der Beleg von Anfang an hasste, fiel den Feinden in die Hände und verriet ihnen den Zugang zu seiner Wohnstätte. Die Schar wurde überrannt, Beleg schwer verwundet unter den Erschlagenen zurückgelassen; Túrin allein nahm man lebend gefangen, um ihn nach Norden zu schleppen.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Beleg kam wieder zu sich, versorgte seine Wunden notdürftig und nahm die Spur der Orks auf — allein, quer durch feindliches Gebiet und bis an den Rand von Taur-nu-Fuin, dem Wald unter der Nacht. Dort traf er auf Gwindor, den Sohn Guilins, der aus der Knechtschaft in Angband entkommen war und sich in den Schatten verbarg, und überredete ihn, mit ihm zu gehen. In einer Sturmnacht schlichen sich die beiden in das Lager der Orks, während die Wachen schliefen, trugen den gefesselten Túrin aus dem Ring der Feuer und legten ihn in einer Senke nieder. Beleg begann, die Fesseln mit Anglachel zu durchschneiden; die Klinge glitt ab und ritzte Túrins Fuß. Der Erwachende hielt den Gebeugten für einen Peiniger, riss ihm das Schwert aus der Hand und erschlug ihn, ehe ein Blitz das Gesicht des Freundes erkennen ließ. Túrin bestattete ihn dort mit seinem großen Bogen; Gwindor nahm Anglachel an sich, das später für Túrin neu geschmiedet und Gurthang genannt wurde. Der Tod Belegs blieb der Wendepunkt in Túrins Leben: Er verstummte, verfiel in Starre und Wahn, und keine spätere Tat hat den Verlust je aufgewogen.
Rolle und Fähigkeiten
Belegs Stellung im Legendarium ist die eines Grenzers, nicht die eines Fürsten. Doriath ruhte in seiner Sicherheit auf dem Gürtel Melians; was jenseits davon geschah, musste erkundet werden, und diese Aufgabe fiel den Grenzwächtern zu, unter deren Anführern Beleg der bekannteste war. Er besaß kein eigenes Haus, keine Gefolgschaft und keinen Anspruch auf Land; seine Vollmacht war die eines Hauptmanns, der auf Geheiß des Königs handelte und ihm Rechenschaft schuldete. Auch sein Eingreifen zugunsten Túrins geschah nicht aus eigener Machtbefugnis, sondern indem er Thingol Zeugnis vorlegte und um Erlaubnis bat. In der Erzählung erscheint er darum stets als der, der zwischen Orten und Menschen vermittelt: zwischen Menegroth und den Marken, zwischen dem König und dem Verbannten.
Seine Fähigkeiten sind durchweg solche der Kundschaft und des Handwerks, nicht der Zauberkunst. Neben der Treffsicherheit mit dem Bogen wird ihm eine Ausdauer nachgerühmt, die ihn allein und ohne Ausrüstung über weite Strecken feindlichen Landes trug, dazu Kenntnis der Heilkräuter, mit der er Wunden versorgte — seine eigenen ebenso wie die anderer. Eine Ausnahme bildet allein das Wegbrot, das Melian ihm mitgab: Es stärkte und heilte über das Maß gewöhnlicher Nahrung hinaus, doch war es eine Gabe der Königin und nicht eine Kraft, über die Beleg selbst verfügte. Wo Feinde in Zahl auftraten, half ihm seine Kunst wenig; auf Amon Rûdh wurde er niedergerungen wie jeder andere und blieb schwer verwundet liegen.
Die schärfste Grenze seines Vermögens liegt jedoch nicht im Kampf, sondern im Rat. Beleg urteilte in der Regel richtig — er misstraute Mîm von Anfang an, er warnte davor, dass offener Ruhm und offene Kriegführung die Aufmerksamkeit des Nordens auf sich ziehen würden, und er hielt die Rückkehr nach Doriath für den einzigen sicheren Weg. Gehör fand er damit nicht; Túrin entschied jedes Mal anders, und Beleg blieb die Wahl, entweder zu gehen oder das Ergebnis mitzutragen. Vorauswissen besaß er ohnehin nicht: Als Melian ihn vor der Bosheit des schwarzen Schwertes warnte, nahm er es dennoch. Was ihn im Gedächtnis der Überlieferung hält, ist deshalb keine Macht, sondern eine Beständigkeit, die gegen den Lauf der Dinge nichts ausrichtete und ihn dennoch nicht verließ.
Beziehungen
Belegs Bindungen sind fast durchweg dienstliche, und doch ist keine von ihnen bloß amtlich. Zu Thingol stand er im Verhältnis eines Untergebenen, dessen Wort im Rat mehr galt als sein Rang: Der König ließ ihn Entscheidungen treffen, die weit außerhalb seiner Reichweite lagen, und trat ihm zweimal die Freiheit ab, gegen die eigene Politik zu handeln — als er ihn nach Norden ziehen ließ und als er ihn dem Verbannten nachschickte. Zu Melian bestand eine Verbindung anderer Art: Sie beschenkte und warnte ihn, und beides bezeichnet eine Fürsorge, die keine Vertraulichkeit war. Mablung, der zweite Hauptmann, bleibt der einzige Gefährte gleichen Ranges, den die Überlieferung ihm zuordnet; die beiden erscheinen paarweise, ohne dass je von einem Zerwürfnis oder auch nur von einer Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen berichtet würde.
Die Freundschaft mit Túrin ist die Beziehung, an der die Figur gemessen wird, und sie ist von Anfang an ungleich verteilt. Beleg gab: Unterweisung, Fürsprache, Begnadigung, Waffen, zuletzt die Bereitschaft, seinem Volk und seinem Land den Rücken zu kehren. Túrin nahm, und was er zurückgab, kam meist zu spät oder in verzerrter Form. Der Elb war um ein Vielfaches älter, erfahrener und im Urteil sicherer, doch die Führung lag stets beim Menschen — Beleg ordnete sich einem Jüngeren unter, den er für begabt und für gefährdet zugleich hielt. Bemerkenswert ist, dass er diese Bindung nirgends als Pflicht begründet, sondern als Wahl behandelt; er hätte jederzeit nach Doriath zurückkehren können und tat es nicht.
Seine Feindschaften sind knapp gezeichnet. Die Orks bleiben ein unpersönlicher Gegner, Sache des Amtes; einzig Mîm begegnet ihm als erklärter Widersacher, und die Abneigung war gegenseitig und sofort — der Kleinzwerg sah in ihm den Eindringling, Beleg in ihm den unsicheren Wirt. Gwindor dagegen tritt spät und kurz hinzu, ein Entkommener, den Beleg zur Umkehr überredete, und er ist der einzige Zeuge dessen, was zwischen den beiden Freunden zuletzt geschah. So laufen alle Fäden auf Túrin zu: Wer immer Beleg begegnet, begegnet ihm im Zusammenhang mit diesem einen Menschen.
Entwürfe und Varianten
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Beleg gehört zu den ältesten Gestalten des Legendariums und trägt seinen Namen von Anfang an. Schon in der frühesten Prosafassung der Túrin-Erzählung, „Turambar and the Foalókë“ im zweiten Band der Verschollenen Geschichten, heißt der Jäger Beleg, und auch sein Bogen Belthronding ist dort bereits genannt. Die Umgebung ist allerdings eine andere: Der König heißt noch Tinwelint, sein Reich Artanor, die Königin Gwendeling, und Beleg steht ihnen als einer der Anführer der Waldvölker zur Seite. Den sindarinischen Beinamen Cúthalion führt er in dieser Schicht noch nicht; die frühen Texte nennen ihn schlicht den Bogenschützen. Der Kern seines Schicksals aber steht bereits fest — dass er im Dunkeln beim Lösen der Fesseln von der Hand des Geretteten fällt, ist keine spätere Zuspitzung, sondern von der ersten Niederschrift an angelegt.
Die alliterierende, unvollendete Dichtung „The Lay of the Children of Húrin“ arbeitet seinen Anteil breit aus und schreibt den Bogennamen als Balthronding; der entkommene Noldo, der ihn zuletzt begleitet, heißt hier noch Flinding, Sohn des Fuilin, und wurde erst später zu Gwindor, dem Sohn Guilins. Vieles, was heute untrennbar zur Figur gehört, kam erst danach hinzu: das schwarze Schwert aus Eols Schmiede, die Warnung der Königin und die Umschmiedung der Klinge für Túrin — in den Verschollenen Geschichten hat dessen Schwert Gurtholfin einen ganz anderen Ursprung und keinerlei Verbindung zu Beleg. Ebenso erscheint Mîm dort allein als Hüter des Drachenhortes und nicht als Wirt und Verräter; Amon Rûdh und das Land von Bogen und Helm gehören einer späten Ausarbeitungsstufe an. Die annalistische Fassung der Grauen Annalen bietet die durchgearbeitetste Spätform des Stoffes und ist eine der Grundlagen, aus denen der veröffentlichte Text zusammengestellt wurde.