Name und Bedeutung

Der Name Pelargir ist sindarisch, also in der Sprache der Grauelben gebildet, und nicht in der Hochsprache Quenya. Das Namensverzeichnis des „Silmarillion“ übersetzt ihn sinngemäß als umhegten Platz oder Einfriedung der königlichen Schiffe. Gemeint ist damit weniger eine Stadt im heutigen Verständnis als ein geschützter Liegeplatz. Der Name bezeichnet einen umgrenzten Bezirk am Wasser, in dem die Schiffe der Könige sicher vor Anker gingen. Er beschreibt also zuerst eine Funktion und erst in zweiter Linie eine Siedlung.1

Zerlegt man das Wort, treten drei Bausteine hervor, die auch in anderen Namen wiederkehren. Am Anfang steht der Stamm pel-, der ein Umkreisen oder Umschließen ausdrückt. Derselbe Stamm liegt dem Gebirgswall der Pelóri in Aman zugrunde und ebenso dem Pelennor, dem eingefassten Land vor Minas Tirith. In der Mitte erscheint das Element ar-, das Edles und Königliches kennzeichnet und in zahlreichen Personennamen des Hauses Elendils begegnet. Den Schluss bildet ein Wort für Schiff, verwandt mit dem ersten Bestandteil von Cair Andros. Die Zusammensetzung ist damit durchsichtig gebaut, wie es für sindarische Ortsnamen der Menschen des Westens typisch ist.2

Dass ein Hafen der Númenorer einen elbischen Namen trägt, fügt sich zu seinen Gründern. Die Akallabeth schildert die Elbenfreunde als jene Partei, die an der Sprache und der Freundschaft der Eldar festhielt. Ein sindarischer Name für ihren nördlichen Ankerplatz liegt daher in der Linie dieser Haltung, auch wenn die Quellen keinen ausdrücklichen Namensgebungsakt überliefern. Bemerkenswert ist die Beständigkeit des Namens. Er überdauerte die Zeitalter unverändert und erscheint noch im „Herrn der Ringe“ als geläufige Bezeichnung einer Stadt am unteren Anduin. Dort wird er ohne jede Erklärung gebraucht, als selbstverständlicher Teil der Landkarte Gondors.3

  1. 1Das Silmarillion, Index of Names
  2. 2Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names
  3. 3Das Silmarillion, Akallabeth; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9

Lage am unteren Anduin

Pelargir ist zuerst ein Hafen und erst danach eine Stadt, und seine Lage ergibt sich aus dieser Aufgabe. Die Akallabeth verortet ihn am Anduin, flussaufwärts der Stelle, an der sich der Große Strom in mehrere Arme teilt und ins Meer ergießt. Der Platz liegt also nicht an der offenen Küste, sondern landeinwärts am Fluss, dort, wo Seeschiffe noch fahren können, aber schon im Schutz des Festlands liegen. Diese Stellung zwischen Meer und Binnenland erklärt seinen Wert für Seefahrer aus dem Westen. Die Akallabeth ordnet ihn zudem in eine größere Himmelsrichtung ein: Pelargir war der Ankerplatz im Norden, während die Schiffe der Gegenpartei weit südlichere Küsten ansteuerten.1

Die Zeittafel der Anhänge nennt den Bau Pelargirs für das Zweite Zeitalter und hält fest, dass er zum wichtigsten Hafen der Getreuen wurde. Als Mittelerde nach dem Untergang Númenors unter den Nachkommen Elendils neu geordnet wurde, lag der Ort im Süden des Reiches Gondor. Er blieb dessen maßgeblicher Seehafen, und seine Lage machte ihn zum Schlüssel für jede Flotte, die das Reich ausrüstete. Die Anhänge berichten, dass König Earnil I. den alten Hafen wiederherstellen ließ und dort eine große Flotte aufbaute. Damit ist zugleich gesagt, dass die Anlage zu diesem Zeitpunkt bereits alt und ausbesserungsbedürftig war.2

Im Ringkrieg zeigt sich, wie eng Pelargir mit dem Stromlauf verflochten ist. Legolas und Gimli schildern den Zug der Grauen Schar durch Lebennin bis an den Anduin, wo bei Pelargir die Schiffe der Korsaren von Umbar lagen. Umbar liegt fern im Süden, und der Fluss war für dessen Flotten der Weg ins Herz Gondors. Von Pelargir aus führte der Strom weiter hinauf bis zum Harlond, dem Anlegeplatz vor Minas Tirith. Auf diesem Weg erreichten die erbeuteten Schiffe schließlich das Schlachtfeld auf dem Pelennor. So erscheint Pelargir als Scharnier zwischen Meer, südlichem Küstenland und der Hauptstadt stromauf.3

  1. 1Das Silmarillion, Akallabeth
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 6

Geschichte

Die Anfänge Pelargirs liegen in der Mitte des Zweiten Zeitalters. Die Zeittafel der Anhänge datiert die Anlage des Hafens auf das Jahr 2350 und rückt ihn damit in eine Phase, in der Númenor bereits innerlich gespalten war. Gut ein Jahrhundert zuvor, mit dem Herrschaftsantritt Tar-Atanamirs um 2251, verzeichnet dieselbe Tafel den Beginn der Auflehnung und der Teilung des Inselvolkes. Die Gründung fällt also nicht in die frühe Zeit ungetrübter Freundschaft mit den Eldar, sondern in eine Epoche, in der sich zwei Lager herausbildeten. Dass der neue Hafen sogleich zum wichtigsten Stützpunkt der Getreuen wurde, ist vor diesem Hintergrund zu lesen: Er entstand als Ort einer Minderheit, die ihre Verbindung nach Mittelerde auf eigenem Weg aufrechterhielt.1

Nach dem Untergang Númenors und der Gründung der Reiche im Exil gewann Pelargir unter den Königen Gondors neues Gewicht. Mit Tarannon, der als Falastur den Beinamen eines Herrn der Küsten annahm, begann die Reihe der sogenannten Schiffskönige, deren Macht auf der See und an den südlichen Ufern ruhte. Einer seiner Nachfolger, Earnil I., machte den alten Hafen, wie bereits angedeutet, wieder zum Ausgangspunkt einer Flotte. Mit ihr griff er Umbar zu Land und zu Wasser an und nahm es nach der Zeittafel im Jahr 933 ein. Pelargir war damit der Ausgangshafen jener Seemacht, mit der Gondor seinen Einfluss weit nach Süden trug.2

Die schwerste innere Erschütterung erlebte die Stadt im Sippenstreit des Fünfzehnten Jahrhunderts des Dritten Zeitalters. Der Thronräuber Castamir, zuvor Befehlshaber der Flotte, stützte sich vor allem auf die Küstenbevölkerung und die großen Häfen, unter ihnen Pelargir und Umbar. Als Eldacar 1447 zurückkehrte und Castamir an den Übergängen des Erui fiel, zogen sich dessen Söhne mit ihren Anhängern nach Pelargir zurück und hielten sich dort längere Zeit. Schließlich gaben sie die Stadt auf und segelten mit der Flotte nach Süden, wo sie sich 1448 in Umbar festsetzten. Aus dem sicheren Hafen der Könige war so der Ausgangspunkt einer Abspaltung geworden, deren Erben Gondor über Jahrhunderte vom Meer her bedrohen sollten.3

Diese Bedrohung traf Pelargir selbst im Jahr 1634. Die Korsaren aus Umbar, angeführt von Angamaite und Sangahyando, Urenkeln Castamirs, fielen über die Stadt her, verwüsteten sie und töteten König Minardil. Der Überfall zeigt, wie verwundbar der Hafen geworden war, seit die abtrünnige Flotte über den Seeweg den Anduin hinauf gebot. Die Lage am Strom, die Pelargir einst Schutz gewährt hatte, öffnete ihn nun den Angreifern aus dem Süden. Von diesem Zeitpunkt an erscheint die Stadt in den Anhängen weniger als Sitz gondorischer Seemacht denn als vorgeschobener Posten gegen Umbar.4

Ihren letzten großen Auftritt hat die Stadt im Ringkrieg des Jahres 3019, als Aragorn mit der Grauen Schar und dem Heer der Toten die dort ankernde Korsarenflotte überwältigte. In Pelargir erklärte er den Eid der Toten für erfüllt und entließ sie, worauf sie verschwanden. Unter den Ruderern der eroberten Schiffe befanden sich zahlreiche Gefangene aus Gondor, die freikamen, und mit Kriegern aus Lebennin und dem Süden, darunter Angbor von Lamedon, wurden die Schiffe für die Fahrt stromauf bemannt. Über das Schicksal Pelargirs im Vierten Zeitalter schweigen die Quellen. Dass Umbar als Gegner mit dem Sieg Gondors an Bedeutung verlor, legt nahe, dass der Hafen fortbestand, doch ein eigenes Zeugnis dafür fehlt.5

  1. 1Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  4. 4Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  5. 5Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9

Bewohner und Herrschaft

Die ersten Menschen, die Pelargir als ihren Ort betrachteten, waren Númenorer aus der Partei der Elbenfreunde. Die Akallabeth bestimmt den Hafen ausdrücklich als ihren Anlaufpunkt. Sie beschreibt diese Getreuen als die einzigen Seefahrer der Insel, die noch nach Norden in das Reich Gil-galads fuhren, die Gemeinschaft mit den Elben pflegten und ihnen im Kampf gegen Sauron beistanden. Pelargir lag damit an einer Verbindungslinie, die von Númenor über den Anduin bis nach Lindon reichte. Das Verhältnis zu den Eldar war also kein bloßes Erbe, sondern eine gelebte Bündnisbeziehung. Einen eigenen Herrn des Hafens, eine Statthalterlinie oder eine Ordnung der Siedlung nennt die Quelle hingegen nicht.1

Den Gegenpol zu dieser Gemeinschaft bildeten die Königsmänner. Nach der Akallabeth mieden sie den Norden und richteten ihre Fahrten auf die fernen Küsten im Süden, wo sie Herrschaften über die dort lebenden Menschen errichteten. Aus diesem Gegensatz erwuchs die Nachbarschaft, die Pelargir über die Zeitalter hinweg prägen sollte. Nach der Zeittafel der Anhänge ließ Ar-Pharazon seine Macht in Umbar landen, und die Anhänge zu Gondor schildern die Stadt im Dritten Zeitalter als Sitz von Nachfahren der Königsmänner, die sich Sauron zugewandt hatten. Die beiden Häfen standen somit von Anfang an für zwei gegensätzliche Haltungen innerhalb desselben Volkes, und dieser Gegensatz überdauerte den Untergang der Insel.2

Im Dritten Zeitalter unterstand Pelargir keiner eigenen Dynastie. Die Stadt war Teil Gondors und wurde von dessen Königen regiert, später von den Truchsessen, die in deren Namen herrschten. Ihre Bewohner erscheinen in den Anhängen vor allem als Küstenvolk, dessen Bindung an die See ihnen im Reich besonderes Gewicht gab. Die Landschaft um den Hafen gehörte zu Lebennin, dessen Menschen in der Erzählung vom Ringkrieg als Nachbarn und Mitstreiter der Stadt auftreten. Das Verhältnis zum Süden blieb dagegen feindlich, seit die Nachfolger der Abtrünnigen Umbar hielten und mit den Haradrim gemeinsame Sache machten. Für Pelargir bedeutete das, dass seine gefährlichsten Nachbarn Menschen númenorischer Herkunft waren.3

  1. 1Das Silmarillion, Akallabeth
  2. 2Das Silmarillion, Akallabeth; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9

Pelargir in der Erzählung

Im „Herrn der Ringe“ betritt der Leser Pelargir nie selbst. Der Ort wirkt zunächst als ferne Drohung, die die Handlung um Minas Tirith mitbestimmt. Als Pippin den Einzug der Hilfstruppen aus den südlichen Lehen beobachtet, erfährt er, dass sie weit schwächer ausfallen als erhofft. Die Gefahr von der Küste her hält viele Männer in ihrer Heimat fest. Aragorn wiederum begründet seinen Entschluss, die Pfade der Toten zu nehmen, mit einer Bedrohung aus dem Süden, die er im Stein von Orthanc erkannt hat und die Gondor die nötigen Kräfte zu entziehen droht.1

Was am Strom tatsächlich geschieht, erzählt Tolkien nicht unmittelbar, sondern im Rückblick. Erst nach der Schlacht berichten Legolas und Gimli den Freunden in Minas Tirith, und der Bericht ist deutlich von ihren beiden Stimmen gefärbt. Gimli spricht vor allem vom Grauen des Weges und von der Willenskraft Aragorns, die er bewundert. Legolas dagegen verbindet die Fahrt in den Süden mit dem Ruf der Seevögel. In ihm ist die Sehnsucht nach dem Meer erwacht, vor der Galadriel ihn gewarnt hatte. So wird der Hafen zum Ort, an dem eine persönliche Wendung eines Gefährten beginnt, die über das Kriegsgeschehen hinausweist.2

Seine stärkste Wirkung entfaltet Pelargir in einer Umkehrung der Erwartung. Als die Flotte mit schwarzen Segeln den Anduin heraufkommt, halten Verteidiger wie Belagerer sie für die Verstärkung des Feindes, und die Hoffnung der Stadt scheint zu erlöschen. Erst als am vordersten Schiff das Banner des Königs entrollt wird, schlägt die Lage um. Dass diese Wende gerade von jenem Hafen ausgeht, den nach der Zeittafel einst die Getreuen als ihren wichtigsten Stützpunkt nutzten, verleiht der Episode eine leise Folgerichtigkeit. Der Erbe Elendils gewinnt die Schiffe der Abtrünnigen dort zurück, wo die Treue zu den Eldar einst ihren Anker hatte.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 1; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 6; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years