Name und Benennung
Der Name Umbar ist in allen Überlieferungsschichten derselbe. Die Chronisten Númenors, die Annalen Gondors und die späteren Berichte aus der Zeit des Ringkriegs verwenden ihn, ohne ihn zu übersetzen oder durch eine neue Bezeichnung zu ersetzen. Schon die Erzählung vom Untergang Númenors führt ihn als gegebenen Namen ein: Die Flotte des Meereskönigs erreicht einen Ort, der Umbar genannt wurde. Die Wendung zeigt, dass der Name dem Ort bereits anhaftete, als die Númenórer ihn als Hafen nutzten. Wer ihn zuerst so nannte, sagen die veröffentlichten Werke nicht. Der Bericht hebt eher die Natur des Ortes hervor: Er beschreibt eine gewaltige Bucht, die keine Menschenhand geschaffen hatte, also einen natürlichen Hafen und keine Anlage aus Menschenhand.1
Für die Deutung des Namens liegt ein Anklang im Hochelbischen nahe. Das Quenya kennt ein Wort umbar mit der Bedeutung „Schicksal“ oder „Verhängnis“; es steckt etwa im Beinamen Turambar, den sich Turin gab. Die Namenserläuterungen im Anhang des Silmarillion führen dieses Element auf, beziehen es aber nicht auf den Hafen. Die Werke stellen zwischen der Stadt und dem Quenya-Wort keine Verbindung her. Die Gleichheit der Lautgestalt ist daher zunächst nur eine Beobachtung. Eine Übersetzung des Ortsnamens als „Schicksalshafen“ oder ähnlich wäre eine Deutung der Leser, keine der Quellen.2
In den Anhängen des Herrn der Ringe bezeichnet der Name ein ganzes Landstück, nicht nur einen einzelnen Hafenplatz. Er steht für das große Kap, für die fast ganz vom Land umschlossene Förde dahinter und für die Häfen an ihren Ufern. Aus dem Namen des Ortes leiten sich weitere Bezeichnungen ab. Die bekannteste ist die der Korsaren von Umbar: Unter ihr führen die gondorischen Überlieferungen die Seeräuber, die von dort aus die Küsten heimsuchten. Der Ortsname wird damit zum Kennzeichen einer Gruppe, die in den Berichten aus Gondor fast immer als Gegner erscheint. Ein eigener sindarischer Name für Umbar, wie ihn andere Orte im Einflussbereich Gondors tragen, ist in den Werken nicht belegt.3
Lage und Gestalt des Hafens
Umbar liegt an der Küste Mittelerdes weit im Süden, jenseits der Bucht von Belfalas und damit fern der Anduinmündungen, an denen später Gondors Häfen entstanden. Die Erzählung vom Untergang Númenors kennt den Ort als eine Stelle, an der die See selbst den Schiffen einen geschützten Ankergrund bot. Wie bereits beim Namen angemerkt, galt diese Anlage als Werk der Natur und nicht als Bau von Menschen. Als der Meereskönig mit seiner Flotte dort vor Anker ging, fand er das Land ringsum leer; die Bewohner der Küsten waren geflohen. Von diesem Hafen aus führte der Weg landeinwärts nach Osten, auf die Gebiete zu, über die Sauron gebot.1
Die Anhänge des Herrn der Ringe zeigen den Ort genauer in seiner Umgebung. Umbar grenzt an die Länder der Haradrim und gehört zu jener südlichen Küstenzone, um die Gondor und die Völker des Harad immer wieder stritten. Die weit ins Landesinnere reichende, fast geschlossene Wasserfläche machte den Platz zu einem natürlichen Stützpunkt für Flotten. Wer ihn besaß, konnte die Küsten Gondors und die Mündungen des Anduin bedrohen. Aus dieser Lage erklärt sich, warum der Hafen in den Chroniken des Südreichs so oft als Ausgangspunkt feindlicher Schiffe erscheint.2
Über dem Hafen erhebt sich eine Landzunge mit einer höchsten Anhöhe, die dem Ort ein eigenes Kennzeichen gab. Dort ließen die Númenórer zur Erinnerung an Saurons Unterwerfung unter Ar-Pharazôn eine hohe weiße Säule errichten. Eine Kugel aus Kristall auf ihrer Spitze fing das Licht von Sonne und Mond ein und war bei klarem Wetter weithin zu sehen, bis zu den Küsten Gondors und weit über die westliche See hinaus. Das Denkmal überdauerte die Zeit nicht: Als Sauron sich erneut erhob und Umbar in die Gewalt seiner Diener fiel, wurde die Säule gestürzt. Mit ihr verlor der Ort das weithin sichtbare Zeichen seiner númenórischen Herkunft.3
Geschichte
Die Anfänge Umbars als númenórischer Stützpunkt liegen im Zweiten Zeitalter, als die Seefahrer aus dem Westen an den Küsten Mittelerdes dauerhafte Niederlassungen gründeten. Nach der Zeittafel der Anhänge wurde der Ort um das Jahr 2280 zu einer großen Festung Númenors ausgebaut. Damit war er nicht mehr bloß ein Ankerplatz für durchziehende Schiffe. Er wurde zu einem befestigten Posten, von dem aus die Macht der Inselkönige in die südlichen Länder reichte. Über die Jahrhunderte zwischen diesem Ausbau und den letzten Tagen Númenors berichten die Chroniken kaum Einzelheiten. Umbar erscheint erst wieder, als sich an ihm das Verhältnis zwischen Númenor und Sauron entscheidet.1
Im Jahr 3261 segelte Ar-Pharazôn, der letzte König von Númenor, mit seiner Flotte nach Osten und ging in Umbar an Land. Sein Ziel war, Sauron die Herrschaft über Mittelerde streitig zu machen, die dieser für sich beanspruchte. Vom Hafen aus zog das Heer landeinwärts, ließ sein Lager auf einer Höhe errichten und forderte Sauron auf, sich zu stellen und Treue zu schwören. Sauron hielt einer offenen Auseinandersetzung mit dieser Macht nicht stand und unterwarf sich. Im folgenden Jahr wurde er als Gefangener nach Númenor gebracht, wo er den König für sich gewann und die Insel ins Verderben führte. So ging der Weg zum Untergang Númenors von einem Sieg aus, der in Umbar begonnen hatte.2
Der Untergang der Insel ließ Umbar bestehen, doch der Hafen blieb in den Händen derer, die sich von den Getreuen abgewandt hatten. Die Anhänge zählen die Nachfahren jener Königsleute, die sich zu Sauron hielten, zu den ärgsten Feinden der Reiche, die Elendil und seine Söhne gegründet hatten. Erst im Dritten Zeitalter griff Gondor nach dem Platz. König Earnil I. nahm Umbar im Jahr 933 ein und machte es zu einer Festung des Südreichs. Der Besitz blieb umkämpft: Die Völker des Harad belagerten die Stadt, und im Jahr 1015 fiel König Ciryandil bei diesen Kämpfen. Erst unter seinem Sohn Hyarmendacil I. wurden die Haradrim zurückgedrängt und Gondors Herrschaft im Süden gefestigt.3
Mit dem Sippenstreit in Gondor wechselte Umbar erneut die Seite. Nachdem der Thronräuber Castamir im Jahr 1447 gefallen war, entkamen seine Anhänger und Söhne und bemächtigten sich im folgenden Jahr des Hafens. Von hier aus begann die lange Reihe der Überfälle, mit denen die Korsaren die Küsten des Südreichs bedrängten. Im Jahr 1540 fiel König Aldamir im Krieg gegen Harad und Umbar, und 1634 verwüsteten die Korsaren Pelargir und töteten König Minardil. Im Jahr 1810 eroberte König Telumehtar den Hafen zurück, vertrieb die Korsaren und erhielt dafür den Beinamen Umbardacil. Der Erfolg hielt nicht lange vor: In den Wirren, die Gondor in den folgenden Jahrhunderten trafen, ging Umbar wieder verloren und geriet unter die Herrschaft der Menschen aus dem Harad.4
Gegen Ende des Dritten Zeitalters war Umbar ein Werkzeug Saurons und bedrohte Gondor von der Seeseite. In den Tagen des Truchsessen Ecthelion II. führte ein Hauptmann, der sich Thorongil nannte und in Wahrheit Aragorn war, einen kleinen Flottenverband in einem nächtlichen Handstreich gegen den Hafen. Er verbrannte einen großen Teil der Korsarenschiffe und besiegte den Hauptmann des Hafens im Kampf an den Kais. Im Ringkrieg des Jahres 3019 stach dennoch eine große Flotte aus Umbar in See, um Minas Tirith vom Anduin her anzugreifen. Aragorn nahm ihr bei Pelargir die Schiffe ab und kam auf ihnen der belagerten Stadt zu Hilfe, sodass die Waffe des Feindes Gondor rettete. Was aus Umbar nach dem Sturz Saurons wurde, berichten die Werke nicht im Einzelnen.5
- 1Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 2Das Silmarillion, Akallabêth; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 3Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 4Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 5Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) The Stewards; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9
Bewohner und Herrschaft
Für die Zeit vor dem Untergang ordnet die Erzählung von Númenor die Seefahrer an Mittelerdes Küsten nach zwei Lagern. Die Getreuen hielten sich an den Norden, ihr wichtigster Hafen war Pelargir am Anduin. Die Königsleute dagegen gründeten ihre Herrschaften weiter im Süden, und in diesen Raum gehört Umbar. Namen von Statthaltern oder Herren des Hafens aus jener Zeit überliefert der Bericht nicht, ebenso wenig Angaben über die Menschen, die vor der Ankunft der Númenórer an diesen Küsten lebten. Die Schlusserzählung des Silmarillion hält fest, dass nach dem Untergang manche Númenórer im Süden Sauron dienten. Zwei von ihnen, Herumor und Fuinur, gelangten unter den Haradrim zu Macht; wo genau sie geboten, lässt der Text offen.1
Die Anhänge des Herrn der Ringe geben den Herren Umbars nach dem Untergang einen eigenen Namen. Die Königsleute, die den Hafen hielten, heißen dort später die Schwarzen Númenórer; Sauron hatte sie verdorben, und ihr Hass galt vor allem den Nachfolgern Elendils. Damit stand Umbar schon vor den Kriegen des Dritten Zeitalters Gondor feindlich gegenüber. Als Gondors Könige den Hafen hielten, war er ein Vorposten ihrer Macht im Süden. Seine Nachbarschaft zum Harad machte ihn zugleich zum Streitpunkt zwischen dem Südreich und den Haradrim. Wer Umbar beherrschte, bestimmte damit auch das Verhältnis zu diesen Völkern.2
Nach dem Sippenstreit wurde Umbar zum Sitz einer eigenen Herrschaft. Castamirs Söhne machten den Hafen zu einem Zufluchtsort für alle, die dem König von Gondor feind waren, und zu einer Herrschaft, die seine Krone nicht anerkannte. Ihre Nachkommen behaupteten diese Stellung über mehrere Generationen und verbündeten sich wiederholt mit dem Harad gegen Gondor. Die Anhänge nennen zwei Urenkel Castamirs, Angamaite und Sangahyando, als Anführer des Seezugs gegen Pelargir. Das Geschlecht erlosch im Krieg unter Telumehtar, als Gondor den Hafen zurückgewann. Danach hatten in Umbar Herren aus dem Harad das Sagen, und die Korsaren dienten zuletzt Sauron.3
Rolle in der Erzählung
In der Erzählung vom Untergang Númenors dient Umbar als Bühne. Der Bericht legt die Ankunft der Flotte als Schauspiel an: verlassene Küsten, ein Heer, das mit Feldzeichen und Hörnerschall ins Land zieht, ein König, der sich über Mittelerde erhebt und Gehorsam fordert. Gerade diese Machtentfaltung führt die Wende herbei. Sauron weicht dem Kampf aus und unterwirft sich zum Schein. Was am Hafen als Triumph beginnt, trägt so bereits den Keim des Verderbens in sich. Umbar markiert damit die Schwelle, an der der Stolz Númenors in seine Katastrophe umschlägt.1
Im Herrn der Ringe betritt keine der Hauptfiguren den Ort, und doch wirkt er auf die Handlung ein. Er bleibt eine ferne Drohung an der Seeseite, die schon vor der Schlacht Gondors Kräfte bindet. Als in Minas Tirith die Hilfstruppen aus den südlichen Lehen eintreffen, sind es weniger, als die Stadt erhofft hatte, weil man an den Küsten Angriffe der Korsaren fürchtet. Auf dem Pelennor erscheint Umbar dann nur noch als Zeichen: Schwarze Segel auf dem Anduin lassen die Verteidiger glauben, dass der Feind Verstärkung erhält. Erst als auf dem vordersten Schiff ein fremdes Banner entfaltet wird, erkennen sie, wer tatsächlich an Bord ist.2
Wie es zu dieser Wende kam, erfährt der Leser erst im Nachhinein, aus dem Bericht von Legolas und Gimli nach der Schlacht. Die Erzählung verzichtet damit bewusst auf eine eigene Szene und hält den Zug gegen die Flotte aus der Perspektive der Belagerten verborgen. Umbar bleibt so ein Ort, der nur als Gerücht, als Gefahr und als Anblick vom Fluss her gegenwärtig ist. In diesem Sinn steht er im Buch für die südliche Front Gondors, die neben Mordor fortbesteht und selten beachtet wird. Seine erzählerische Bedeutung liegt darin, dass die gefürchtete Bedrohung im entscheidenden Augenblick ins Gegenteil umschlägt.3
Umbar in Verfilmungen und Hörspielen
In Peter Jacksons Filmtrilogie tritt Umbar nicht als Schauplatz auf. Der Ort ist nur durch die Korsaren und ihre Flotte gegenwärtig, die im dritten Teil den Anduin hinauffährt. An der Handlung um diese Schiffe weicht der Film an zwei Punkten deutlich vom Buch ab. Aragorn, gespielt von Viggo Mortensen, zieht dort allein mit Legolas (Orlando Bloom) und Gimli (John Rhys-Davies) auf die Pfade der Toten. Die Graue Schar, im Roman eine Truppe von Dúnedain aus dem Norden samt Elronds Söhnen, fehlt. Die zweite Abweichung wiegt schwerer. Im Buch entlässt Aragorn das Heer der Toten schon bei Pelargir, und auf den erbeuteten Schiffen kommen lebende Kämpfer aus den südlichen Lehen Gondors nach Minas Tirith. Der Film lässt die Toten dagegen mit bis auf das Schlachtfeld vor der Stadt ziehen, wo sie den Kampf entscheiden. Damit verschiebt sich das Gewicht der Wende: Nicht die gewonnenen Verbündeten aus dem Süden entsetzen die Stadt, sondern eine übernatürliche Streitmacht. Die Flotte aus Umbar bleibt so auch im Film bloß das Mittel, das den Umschwung heranträgt.1
Die ältere Zeichentrickfassung von Ralph Bakshi erreicht diesen Teil der Geschichte nicht. Sie bricht nach der Schlacht um Helms Klamm ab, und der geplante zweite Film, in dem der Zug über die Pfade der Toten und die Begegnung mit der Korsarenflotte ihren Platz gehabt hätten, wurde nie gedreht. In dieser Fassung kommt Umbar daher weder als Ort noch als Herkunft der schwarzen Schiffe vor.2