Herkunft und Namen
Vidumavi war eine Tochter der Nordmenschen, jener Völker, die im Dritten Zeitalter östlich des Nebelgebirges in den weiten Landen zwischen dem Großen Grünwald und dem Fluss Celduin lebten. Ihr Vater Vidugavia stand unter den Fürsten dieser Völker an der Spitze; er nannte sich selbst König von Rhovanion, wiewohl sein Herrschaftsgebiet nur einen Teil des Landes umfasste, das dieser Name bezeichnete. Gondor hielt in jenen Jahrhunderten enge Verbindung zu den Nordmenschen, denn deren Reiterei bildete einen Schutzwall gegen die Osterlinge; aus dieser Nachbarschaft ergab sich auch die Verbindung zwischen Vidumavis Haus und dem Königshaus der Anárioner. Über ihre Mutter und etwaige Geschwister schweigen die Quellen.
Ihr Name ist keine Bildung der elbischen Zungen, sondern gehört der Sprache ihres eigenen Volkes an. In der Erzählung erscheint er in latinisierter Gestalt: Vidumavi steht für ein gotisches Widumawi, das sich als „Waldmaid“ auflösen lässt. Der Name ihres Vaters ist nach demselben Muster gebildet, Vidugavia für Widugauja, „Waldbewohner“ — beide verweisen auf die bewaldeten Wohnsitze der Nordmenschen. Dahinter steht das Übersetzungsverfahren des Werkes: So wie die Sprache der Rohirrim durch das Altenglische wiedergegeben wird, erscheint die ältere, verwandte Zunge der Nordmenschen des Nordostens im Gotischen, um den sprachlichen Abstand zwischen beiden Völkern kenntlich zu machen. Ein Name in der Sprache Gondors ist für sie im veröffentlichten Text nicht überliefert.
Die Nordmenschen waren keine Fremden im Sinne der Wilden Völker: Sie galten den Gelehrten Gondors als entfernte Verwandte jener Häuser der Edain, aus denen die Númenórer hervorgegangen waren, und ihre Sprache wie ihre Sitten zeigten diese alte Nähe. Gleichwohl trennte sie ein Wesentliches von den Dúnedain — sie hatten weder die verlängerte Lebensspanne noch das Ansehen jener, die sich auf Elendil zurückführten. Vidumavi war eine sterbliche Frau von der gewöhnlichen Lebensdauer ihres Volkes, und eben darin sah ein Teil der Hochgeborenen Gondors später den Anstoß, eine Ehe mit ihr als Minderung des Königshauses zu betrachten. Für ihre eigene Zeit jedoch bezeugt die Überlieferung vor allem die Freundschaft zwischen Gondor und den Völkern Rhovanions, in deren Rahmen ihre Herkunft zu lesen ist.
Lebensweg und Nachwirken
Der Rahmen, in dem Vidumavis Ehe zustande kam, war ein politischer. Minalcar, der als Regent für seinen Vater die Geschicke Gondors lenkte, zog im Jahre 1248 gegen die Osterlinge, zerstörte ihre Lager östlich des Meeres von Rhûn und nahm danach den Namen Rómendacil an. In diesen Kämpfen hatte er sich der Nordmenschen bedient, die ihm als Reiterei dienten, und er ehrte nach dem Sieg besonders Vidumavis Vater, dessen Land zwischen dem Grünwald und dem Celduin unmittelbar an die bedrohte Grenze stieß. Um das Bündnis zu festigen, sandte er seinen Sohn Valacar als Gesandten nach Rhovanion, damit dieser eine Zeit lang dort lebe und Sprache, Sitten und Absichten des Volkes kennenlerne.
Valacar erfüllte den Auftrag seines Vaters weit über dessen Absicht hinaus. Er gewann die nördlichen Lande und ihre Bewohner lieb, und aus dem Aufenthalt am Hof Vidugavias erwuchs die Ehe mit dessen Tochter. Ein Jahr für diese Verbindung nennt die Überlieferung nicht; sie fällt in die Regierungszeit Rómendacils II. und liegt vor dem Jahr 1255. Dass der Gesandte erst nach langer Frist heimkehrte, vermerkt der Bericht ausdrücklich — die diplomatische Reise war zu einem Lebensabschnitt geworden.
Im Jahre 1255 wurde der Sohn der beiden in Rhovanion geboren. Unter dem Volk seiner Mutter trug er den Namen Vinitharya; in Gondor führte er später den Königsnamen Eldacar. Mit dieser Geburt endet, was die Quellen über Vidumavi selbst berichten: Sie wird bei der Heirat und als Mutter des Thronerben genannt, dann schweigt der Text über ihr weiteres Leben, über den Ort, an dem sie es verbrachte, und über ihren Tod. Alles Weitere, was ihr Name in der Geschichte Gondors bewirkte, geschah an ihrem Mann, ihrem Sohn und dessen Nachkommen.
Denn in Gondor nahm man die Verbindung übel auf. Dass ein Thronerbe oder überhaupt ein Königssohn eine Frau geringeren und fremden Geschlechts heiratete, galt als unerhört, und die Fürsten der südlichen Provinzen, die sich auf reines númenórisches Blut beriefen, sahen darin einen Bruch mit dem Herkommen. Dazu trat die Sorge, die Nachkommen Valacars würden von kürzerer Lebensdauer sein als die Herrscher vor ihnen und das Königshaus so gemindert werden. Schon in den späten Jahren Valacars, der 1366 den Thron bestiegen hatte, wuchs daraus Aufruhr; er brach nicht offen aus, solange der alte König lebte, doch die Empörung war vorbereitet, als sein Sohn ihm 1432 nachfolgte.
Fünf Jahre später schlug der Streit in offenen Krieg um. Castamir, der Befehlshaber der Flotten, führte die Empörer; Eldacar wurde in Osgiliath belagert, hielt die Stadt lange, musste aber vor Hunger und Feuer weichen — in diesem Brand ging der Palantír der Stadt in den Wassern des Anduin verloren. Der vertriebene König floh nach Norden nach Rhovanion, wo er bei den Verwandten seiner Mutter Aufnahme fand, während sein ältester Sohn Ornendil gefangen und auf Castamirs Befehl getötet wurde. Zehn Jahre danach, 1447, kehrte Eldacar mit einem Heer aus dem Norden zurück, zu dem sich die Männer Calenardhons, Anóriens und Ithiliens schlugen; an den Furten des Erui in Lebennin fiel Castamir von seiner Hand.
So endete der Sippenstreit damit, dass gerade die Linie siegte, deren Herkunft ihn ausgelöst hatte: Alle späteren Könige Gondors stammen über Eldacar von Vidumavi ab, und die Befürchtung der Reinblütigen erwies sich schon an ihm als hinfällig, denn er erreichte ein hohes Alter. Die Erzählung von Cirion und Eorl nennt die Ehe zwischen Valacar und Vidumavi rückblickend als den Ausgangspunkt jenes zerstörerischen Zwists des fünfzehnten Jahrhunderts — zugleich aber steht sie in einer langen Reihe von Bündnissen zwischen Gondor und den Völkern Rhovanions, aus deren nördlichem Zweig später die Éothéod und die Rohirrim hervorgingen. Der Krieg hinterließ Gondor geschwächt, und die Nachkommen Castamirs, die nach Umbar entkamen, blieben dem Reich für Jahrhunderte feind. Vidumavi selbst hat an alledem keinen Anteil gehabt; sie ist in der Überlieferung weniger Handelnde als Anlass — eine Frau, deren Name für eine Grenzüberschreitung steht, die Gondor sich selbst nicht verzeihen wollte.
Stellung im Legendarium und die Grenzen ihrer Wirkung
Vidumavi gehört zu jenen Gestalten, die das Werk nicht als Handelnde, sondern als Glieder einer Geschlechterfolge verzeichnet. Ihr Ort in der Überlieferung ist der Abschnitt über die Erben Anárions, in dem die Geschichte Gondors als Reihe von Königen, Ehen und Nachfolgen erzählt wird; dort steht ihr Name, und dort endet zugleich, was von ihr gesagt ist. Ein Amt, ein Befehl über Männer oder eine eigene Herrschaft wird ihr nirgends zugeschrieben. Auch unter den Nordmenschen trug sie keine Würde: Der Königstitel, den ihr Vater sich selbst beilegte, geht in der Erzählung nicht auf sie über, und von einer Erbfolge in Rhovanion ist im Zusammenhang mit ihr keine Rede.
Fähigkeiten über das gewöhnliche Maß hinaus schreibt ihr keine Quelle zu — keine Vorausschau, keine Heilkunst, keine Kenntnis verborgener Dinge, wie sie etwa von Frauen des númenórischen Hochadels gelegentlich berichtet wird. Sie spricht im Text kein Wort, das überliefert wäre, und keine Entscheidung von Gewicht wird ihr zugerechnet. Ebenso wenig ist ein Titel bezeugt, den sie in Gondor geführt hätte; ob sie den Regierungsantritt ihres Mannes im Jahre 1366 überhaupt erlebte, sagt die Zeittafel nicht, und zwischen der Geburt ihres Sohnes und jenem Jahr liegen mehr als hundert Jahre. Was ihr an Wirkung zugeschrieben wird, geht deshalb nicht von ihrem Tun aus, sondern von ihrer Stellung: Sie war die Falsche am rechten Ort, gemessen an einem Herkommen, das sie selbst nicht gesetzt hatte.
Ihre eigentliche Bedeutung ist mithin eine genealogische, und sie reicht weiter, als die Geschichte Gondors allein sie trüge. Als das Haus Anárions mit Earnur ohne Erben blieb, lief der Anspruch über Fíriel, die Tochter Ondohers, an Arvedui von Arthedain und damit an die Häuptlinge der Dúnedain im Norden — auch Elessar, der das Königtum beider Reiche erneuerte, führt sich somit auf Vidumavi zurück. Daneben steht der zweite, sachlichere Zug: Ihre Ehe ist der erste ausführlich erzählte Fall jener Verbindung zwischen Gondor und den Völkern östlich des Nebelgebirges, auf die sich das Reich in seinen Bedrängnissen wieder und wieder stützte und die in der Abtretung Calenardhons an Eorl ihren dauerhaften Ausdruck fand. Als Person bleibt Vidumavi in dieser Linie beinahe unsichtbar; als Verbindungspunkt zweier Völker ist sie im Aufbau der Erzählung nicht zu übergehen.
Beziehungen
In der Überlieferung erscheint Vidumavi ausschließlich in verwandtschaftlichen Bestimmungen: als Tochter, als Gemahlin, als Mutter. Weder eine Gefährtin noch ein Ratgeber, weder Dienerschaft noch Gefolge wird ihr beigegeben, und außerhalb dieser drei Rollen ist keine Begegnung von ihr verzeichnet. Bemerkenswert ist dabei, worauf sich die Zuneigung richtet, von der der Bericht spricht: Sie gilt dem Land und den Menschen des Nordens, und die Ehe folgt in der Erzählung aus dieser Neigung, nicht die Neigung aus der Ehe. Über Vidumavis eigenes Empfinden, über eine Werbung oder die Zustimmung ihres Vaters sagt der Text nichts; die Verbindung wird als Tatsache verzeichnet, an der allein die Folgen zählen.
Politisch tragend ist die Beziehung, die durch sie zwischen zwei Vätern entsteht. Vidugavia, der sich den Königstitel selbst beigelegt hatte, gewann durch die Heirat eine Bindung an das Haus der Anárioner, wie kein Vertrag sie hätte stiften können, und Gondor band umgekehrt sein wichtigstes Bollwerk im Osten enger an sich. Was diese Rechnung nicht vorsah, war die Haltbarkeit der Bindung von Vidumavis Seite her: Zwei Menschenalter später öffneten eben diese Verwandten dem vertriebenen Enkel ihre Häuser und stellten ihm das Heer, mit dem er zurückkam. Das Bündnis, das ihre Ehe hatte bekräftigen sollen, bewahrte am Ende ihre Nachkommen vor dem Untergang.
Ihr Sohn trägt die Doppelheit dieser Herkunft im eigenen Namen — einen unter dem Volk der Mutter, einen anderen als König in Gondor —, und darin liegt das Deutlichste, was sie ihm vererbt hat. Von den Enkeln fiel der ältere dem Krieg zum Opfer, während der jüngere, Aldamir, seinem Vater auf den Thron folgte; über ihn läuft die Linie weiter. Gegenspieler im eigentlichen Sinne hat Vidumavi nicht: Castamir und die Fürsten der südlichen Küstenlande führten ihren Streit gegen Eldacar, doch ihr Einwand galt dem Blut, das er von ihr hatte. Sie stritten also gegen eine Abwesende, die zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr in die Geschehnisse hineinreichte. So verlaufen alle Beziehungen dieser Gestalt in einer Richtung: Andere bestimmen sich zu ihr, sie sich zu niemandem.