Herkunft und Namen
Die Palantíri sind älter als Mittelerdes eigene Geschichte: Feanor, der kunstfertigste unter den Noldor, fertigte sie in Valinor, noch in den Tagen der Bäume, aus einem kristallenen Werkstoff, über dessen genaue Beschaffenheit die Überlieferung schweigt. Ihr Name ist Quenya und lautet im Plural „Palantíri“; er setzt sich aus dem Wort für „fern, weithin“ und einer Wurzel für „schauen, wachen“ zusammen, sodass sich „Palantír“ sinngemäß mit „der weithin Schauende“ wiedergeben lässt. Als Geschenk der Eldar gelangten die Steine später nach Númenor und zählten dort über Generationen zu den kostbarsten Erbstücken der Insel. Erst beim Untergang Númenors rettete Elendil mehrere von ihnen auf seiner Flucht und brachte sie so in die neu gegründeten Reiche im Exil.
In Arnor und Gondor wurden die geretteten Steine über mehrere Türme verteilt und trugen fortan keinen eigenen Namen mehr, sondern wurden schlicht nach ihrem jeweiligen Standort bezeichnet – als Ithil-Stein, als Anor-Stein oder als Stein von Osgiliath, benannt nach den Türmen und Städten, in denen sie aufbewahrt wurden. Der größte und bedeutendste der sieben, gewissermaßen ihr Haupt- oder Meisterstein, stand ursprünglich unter der Kuppel der Sterne in Osgiliath und ging erst verloren, als die Stadt selbst verfiel. Die geläufige Übersetzung, im Deutschen als „Sehender Stein“ wiedergegeben, gibt den wörtlichen Sinn des Quenya-Namens unmittelbar wieder und diente vor allem jenen als Bezeichnung, die von den Palantíri nur vom Hörensagen wussten. So blieb „Palantír“ zugleich Gattungsname für alle sieben Steine und, je nach Zusammenhang, Bezeichnung für einen ganz bestimmten von ihnen.
Beschaffenheit und Vermögen
Wie die Steine im Einzelnen beschaffen waren, lässt sich nur aus verstreuten Hinweisen erschließen: vollkommen runde Kugeln aus einem glasartigen, überaus harten Kristall, die im Ruhezustand dunkel und undurchsichtig wirkten und sich erst unter der Berührung eines geübten Betrachters mit Licht und inneren Bildern füllten. Ihre Größe war unterschiedlich – die größten waren so schwer, dass sie fest auf steinernen Tischen ruhten und sich nicht mehr fortbewegen ließen, während kleinere, wie der Orthanc-Stein, mit beiden Händen getragen und verborgen werden konnten. Innerhalb der Kugel schien sich das Gezeigte in wechselnder Tiefe zu bewegen, sodass ferne Dinge dem Betrachter bald groß und nah, bald winzig und entrückt erschienen, je nachdem, wie er seinen Willen auf sie richtete.
Zwei Steine, die miteinander „gestimmt“ waren, ließen ihre Halter einander sehen und hören, gleich wie groß der Abstand zwischen ihnen war; ein hinreichend geübter Wille konnte einen Stein aber auch ohne Gegenüber auf beliebige Orte richten und so Geschehnisse in der Ferne beobachten. Der verlorene Meisterstein von Osgiliath nahm dabei eine besondere Stellung ein: Allein er vermochte die übrigen sechs zugleich zu überblicken und ihren Gebrauch gewissermaßen zu ordnen, während die einfachen Steine untereinander stets nur paarweise wirkten. Mit seinem Verlust zerfiel diese Ordnung, sodass die verbliebenen Steine fortan unabhängig voneinander und ohne übergeordnete Kontrolle gebraucht wurden.
Was ein Palantír zeigte, war kein Trug, sondern wirkliches Geschehen; doch ein stärkerer Wille am anderen Ende konnte lenken, was der schwächere zu sehen bekam, und ihm so ein zwar wahres, aber unvollständiges und darum irreführendes Bild der Lage vermitteln. Wer den Stein ohne ausreichende Kraft oder Schulung gebrauchte, lief zudem Gefahr, dass sein Gegenüber nicht nur das Gezeigte bestimmte, sondern auch Gedanken und Aufenthaltsort des Betrachters erkannte oder dessen Willen sich zu unterwerfen suchte. Deshalb blieb der Umgang mit den Steinen wenigen Kundigen vorbehalten, und selbst unter diesen konnte, wie sich am Ende des Dritten Zeitalters am verbliebenen Orthanc-Stein zeigte, den unangefochtenen Meisteranspruch mit Sicherheit nur behaupten, wer als rechtmäßiger Erbe Elendils galt.
Geschichte
Von den sieben geretteten Steinen wies Elendil dem Nordreich drei Türme zu: Annúminas an den Ufern des Nenuial, die Wetterspitze und Elostirion in den Turmbergen nahe den Grauen Anfurten. Der Stein von Elostirion nahm dabei von Beginn an eine Sonderstellung ein, denn er stand zu keinem der übrigen sechs in Verbindung, sondern war einzig auf einen Turm jenseits des Meeres in Eldamar abgestimmt; wer ihn gebrauchte, konnte darum nur westwärts über das Wasser blicken, nie aber nach Mittelerde selbst. Die vier übrigen Steine kamen ins Südreich, nach Gondor, wo sie auf Osgiliath, Minas Ithil, Minas Anor und den Turm von Orthanc verteilt wurden.
Das Nordreich verlor seine beiden verbliebenen Steine gemeinsam mit seinem letzten König: Als Fornost fiel und Arvedui in die Eisbucht von Forochel floh, führte er die Steine von Annúminas und der Wetterspitze mit sich; das Schiff, das ihn im Winter des Jahres 1975 D.Z. retten sollte, zerschellte im Packeis, und beide Steine versanken mit ihm im Meer. Damit war das Nordreich fortan ohne einen einzigen wirkenden Palantír, während der abseits stehende Stein von Elostirion in der Hut der Turmberge verblieb und von der Geschichte der übrigen sechs unberührt blieb.
Auch Gondor blieb von Verlusten nicht verschont. Den bedeutendsten der sieben, den Meisterstein von Osgiliath, verschlang der Anduin, als Castamir während des Verwandtenstreits im Jahr 1437 D.Z. die Stadt in Brand setzen ließ und mit ihr die Kuppel der Sterne unterging. Weit später, im Jahr 2002 D.Z., erbeuteten die Nazgûl bei der Eroberung von Minas Ithil den dortigen Stein, der fortan als Werkzeug in Saurons Hand lag. Der Stein von Orthanc dagegen ging um das Jahr 2759 D.Z. mit den Schlüsseln des Turms an Saruman über, während der Anor-Stein in Minas Tirith unter der Obhut der Truchsesse verblieb, offenbar über Generationen kaum noch gebraucht.
Über die Verbindung des Orthanc-Steins mit dem erbeuteten Ithil-Stein gewann Sauron allmählich Macht über Saruman, der, selbst überzeugt, den Palantír zu meistern, zusehends zu dessen Werkzeug wurde. Beim Sturz Isengarts warf Gríma Schlangenzunge den Stein aus einem Turmfenster; Peregrin Tuk hob ihn auf und blickte heimlich hinein, wodurch er sich Sauron offenbarte, der ihn für den Ringträger hielt. Gandalf nahm den Stein danach an sich und übergab ihn schließlich in Aragorns Obhut.
Denethor hatte sich unterdessen heimlich des Anor-Steins bedient und geriet dabei zunehmend unter Saurons lenkenden Einfluss, der ihm wahre, doch gezielt ausgewählte Bilder der Übermacht Mordors zeigte und ihn so in Verzweiflung trieb, bis er sich selbst auf dem Scheiterhaufen den Tod gab, den Stein noch in den Händen. Aragorn hingegen beanspruchte den Orthanc-Stein offen als Erbe Elendils und wandte ihn gegen Sauron selbst, indem er sich ihm zu erkennen gab und ihn so zu einem verfrühten Angriff auf Gondor verleitete. Nach dem Krieg blieben allein Orthanc- und Anor-Stein in bekannter, arbeitender Hand; über den Verbleib des Ithil-Steins nach Saurons Fall schweigen die Überlieferungen.
In der Erzählung
In der Erzählstruktur des Herrn der Ringe tritt der Palantír zuerst als greifbares Objekt in Erscheinung, als Peregrin Tuk sich heimlich des Steins bemächtigt, den Gríma Schlangenzunge aus einem Fenster Orthancs geworfen hat, und aus bloßer Neugier hineinblickt. Die Szene wirkt als Lehrstück über die Gefahr, die von scheinbar harmlosen Relikten ausgeht, deren wahre Macht der Betrachter nicht ermisst – ein Motiv, das die Erzählung bereits beim Ring selbst eingeführt hat und hier in kleinerem Maßstab wiederholt. Gandalfs Reaktion, scharf und zugleich nachsichtig gegenüber Pippins Reue, setzt den Ton für das weitere Verhältnis der Gefährten zu Mächten, die sie nicht durchschauen: Wichtiger als Strafe ist das Eingeständnis eigener Grenzen. Zugleich liefert der Vorfall der Handlung eine entscheidende Wendung, denn Pippins Blick lenkt Saurons Aufmerksamkeit fälschlich auf den Hobbit als vermeintlichen Ringträger und trägt so indirekt dazu bei, Frodos und Sams Weg nach Mordor zu erleichtern.
Bei Denethor dient der Palantír der Erzählung als Werkzeug einer besonderen Form der Täuschung: Alles, was der Truchsess im Stein sieht, ist wahr, doch Sauron wählt, was er zeigt, sodass Wahrheit selbst zur Waffe gegen Hoffnung wird. Darin spiegelt sich ein wiederkehrendes Thema des Buches – dass Verzweiflung häufig nicht aus Lüge, sondern aus unvollständiger, gelenkter Erkenntnis erwächst –, und Denethors Sturz in Wahnsinn und Tod wird so zur Warnung vor dem Vertrauen auf bloße Information ohne Vertrauen auf Gefährten. Sein Gegenbild ist Faramir, der dem Stein nie begegnet und dessen Urteilskraft gerade dadurch unverstellt bleibt.
Aragorns Griff nach dem Orthanc-Stein kehrt dieses Muster um: Statt sich heimlich beobachten zu lassen, tritt er dem Stein und damit Sauron selbst offen entgegen, gibt sich als Erbe Elendils zu erkennen und verwandelt ein Werkzeug der Bespitzelung in eines der offenen Herausforderung. Erzählerisch treibt dieser Schritt die Handlung im letzten Buch entscheidend voran, da er Sauron zu einem verfrühten, unvorbereiteten Angriff auf Gondor verleitet und so den Gefährten die Zeit verschafft, die Frodo und Sam für ihren letzten Weg nach Mordor brauchen. Der Palantír steht damit am Ende weniger für Gefahr als für den Mut, eine gefährliche Macht bewusst und mit klarem Anspruch zu ergreifen – ein Kontrast, der die Rolle der Sehenden Steine in der Erzählung insgesamt rahmt.
In Verfilmungen und Hörspielen
In Peter Jacksons Filmtrilogie (2001–2003) ist der Orthanc-Stein der einzige Palantír, der eine tragende Rolle erhält; Herkunft, Zahl und Verteilung der Steine über die Türme der Reiche im Exil bleiben unerwähnt. Bereits der erste Teil zeigt Saruman, gespielt von Christopher Lee, in Verbindung mit Sauron, ohne dass die Filme erklären, woher das Gerät stammt oder woran seine Wirkung gebunden ist. Der Weg des Steins in Pippins Hände ist gegenüber der Vorlage verändert: Gríma Schlangenzunge wirft ihn nicht aus einem Fenster Orthancs, vielmehr findet der von Billy Boyd gespielte Peregrin Tuk die Kugel im Flutwasser rings um den Turm. Auch der Zeitpunkt verschiebt sich, denn die Szene, in der Pippin sie dem schlafenden Gandalf (Ian McKellen) entwendet und hineinblickt, steht nicht mehr am Ende des zweiten Films, sondern am Anfang des dritten.
Aragorns Gebrauch des Steins zeigt der dritte Film unmittelbar, während das Buch ihn erst im Nachhinein berichten lässt; hinzu kommt eine Gegenvision, in der Sauron dem von Viggo Mortensen dargestellten Erben Elendils das Sterben Arwens vorhält – im Roman ohne Entsprechung. Der Anor-Stein fällt dagegen ganz fort: Denethor, gespielt von John Noble, wird nie bei dessen Gebrauch gezeigt, sodass die im Buch entscheidende Begründung seiner Verzweiflung entfällt und sein Zusammenbruch allein aus Trauer und Charakter erklärt wird. Die Hörspielfassung der BBC von 1981 verfährt anders und hält in ihren sechsundzwanzig Teilen den gesamten Erzählstrang samt Denethors heimlichem Gebrauch des Steins bei; Michael Hordern spricht dort Gandalf, Robert Stephens Aragorn und Peter Vaughan Denethor. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 wiederum bricht nach dem Kampf um Helms Klamm ab und erreicht die Ereignisse um den Orthanc-Stein deshalb gar nicht mehr.