Herkunft und Namen

Für dasselbe Land stehen im Werk zwei Namen nebeneinander, die verschiedenen Sprachschichten angehören. In den chronikartigen Partien der Anhänge, wo von den Königen Gondors, ihren nördlichen Verbündeten und den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Wagenfahrern die Rede ist, gebraucht der Text durchgehend die Form „Rhovanion“. Der Name trägt dort den Ton einer offiziellen, in Aufzeichnungen und Stammtafeln verankerten Bezeichnung, wie sie eher der gelehrten Rückschau als dem Alltagswort entspricht.

Im erzählenden Haupttext dagegen, von den Wanderungen Bilbos bis zu den Reiseberichten der Hobbits, ist fast durchweg von „Wilderland“ die Rede. Das Wort beschreibt das Land aus der Sicht derer, die im Auenland oder in Bree beheimatet sind: alles jenseits des Nebelgebirges erscheint ihnen als unerschlossene, kaum bereiste Wildnis, ohne dass damit eine eigene politische Ordnung des Gebiets gemeint wäre. Der Prolog stellt diesen Namen ausdrücklich neben „Eriador“, um die Wegstrecken der Hobbits im Westen von jenen im Osten abzugrenzen – ein Beleg dafür, dass „Wilderland“ eine Perspektivbezeichnung ist, kein Eigenname im engeren Sinn.

Anders als etwa der Grünwald oder die Ebermark, die jeweils enger umgrenzte Landschaften oder Herrschaftsbereiche bezeichnen, fasst „Rhovanion“ das ganze weite Gebiet zwischen Gebirge und Binnenmeer unter einem einzigen Namen zusammen, unabhängig davon, welches Volk gerade welchen Teil davon bewohnt. Diese Weite macht den Namen zu einer eher geographischen als politischen Bezeichnung: Er benennt eine Himmelsrichtung und einen Landschaftstyp, nicht ein Reich oder ein Volk, und wird deshalb in den Anhängen auch dann verwendet, wenn sich die Bewohner dieses Raums im Lauf der Zeitalter mehrfach ändern.

Lage und Landschaft

Rhovanion bildet den weiten, kaum in sich gegliederten Landstrich, der sich östlich des Nebelgebirges erstreckt und damit das Gegenstück zu Eriador im Westen des Gebirges darstellt. Sein eigentliches Rückgrat sind die Täler des Anduin, der das Land von Norden nach Süden durchzieht und es in einen schmaleren westlichen Saum unterhalb der Berge und einen breiteren östlichen Teil scheidet. Nach Osten hin geht das Gelände allmählich in offenere Landschaften über, die bis zum Meer von Rhûn reichen, ohne dass eine deutliche Grenzlinie diesen Übergang markiert; Rhovanion ist damit eher eine weiträumige Himmelsrichtung als ein Gebiet mit festen Rändern.

Den auffälligsten Zug der Landschaft liefert der große Grünwald, der einen erheblichen Teil des Gebiets zwischen den beiden Anduin-Ufern einnimmt und das Land in nördliche und südliche Landstriche teilt, die kaum unmittelbaren Verkehr miteinander pflegen. Nördlich davon liegen die offeneren Täler nahe dem Gebirge, südlich schließt sich Land an, das näher an Gondor grenzt; dazwischen bleibt der Wald selbst über weite Strecken das eigentliche Hindernis, das Reisende zwingt, ihn zu umgehen oder auf beschwerlichen Pfaden zu durchqueren.

In den Zeiten seiner größten Macht dehnte Gondor seine Herrschaft bis in die westlichen und südlichen Ausläufer Rhovanions aus und sicherte sich damit Einfluss auf ein Land, das ansonsten keiner einzelnen Krone unterstand. Nach Osten hin, gegen das Binnenmeer von Rhûn, blieb die Herrschaft jedoch stets locker und die Grenze unbestimmt, so dass sich dort feindliche Reitervölker sammeln und gegen Gondor und seine nördlichen Verbündeten ziehen konnten. Rhovanion erscheint dadurch als ein Land, dessen politische Zugehörigkeit sich immer wieder verschob, während seine geographische Gestalt – Gebirge im Westen, Strom und Wald in der Mitte, offenes Land im Osten – über die Zeitalter hinweg dieselbe blieb.

Geschichte

Rhovanions Geschichte tritt erst greifbar hervor, als Gondor unter der Regentschaft Minalcars im Jahr 1248 des Dritten Zeitalters ein Heer bis an die Grenze zum Binnenmeer führte und die von Osten vordringenden Feinde dort zurückschlug. In der Folge dieses Sieges schloss Gondor Freundschaft mit den Nordmenschen, die das Land bewohnten und deren mächtigster Fürst, Vidugavia, sich selbst König von Rhovanion nannte. Minalcars Sohn Valacar wurde eine Zeitlang zu den Nordmenschen entsandt und heiratete dort Vidugavias Tochter Vidumavi – eine Verbindung, die später in Gondor selbst zum Kinstreit führen sollte, während Rhovanion davon zunächst kaum berührt blieb.

Wenig später, im Jahr 1636, brach von Osten her die Große Pest über die Länder herein und traf Rhovanion ebenso schwer wie Gondor selbst; ganze Landstriche entvölkerten sich, und die Nordmenschen, die zuvor ein starkes Bollwerk gegen die Völker jenseits des Binnenmeeres gebildet hatten, gingen geschwächt aus der Seuche hervor. Diese Schwäche öffnete das Land in den folgenden Jahrhunderten den Wagenfahrern, die aus dem Osten heranrückten und sich allmählich in Rhovanion festsetzten.

Im Jahr 1856 überrannten die Wagenfahrer die Gebiete östlich des Anduin, unterwarfen die dort verbliebenen Nordmenschen und rissen Gondor die lange gehaltene Vormacht über das Land aus der Hand; König Narmacil II. fiel in diesen Kämpfen. Erst seinem Sohn Calimehtar gelang 1899 bei Dagorlad, verbündet mit den freien Resten der Nordmenschen, ein entscheidender Gegenschlag. Doch der Friede währte nicht lange: Bei einem erneuten Einfall der Wagenfahrer fielen 1944 König Ondoher samt seinen Söhnen, und nur weil im Süden Earnil die Feinde schlug und im Norden der Nordmenschen-Heerführer Marhari mit seinem Volk an Gondors Seite kämpfte, wenn auch unter hohen Verlusten, wurde das Reich vor dem Untergang bewahrt.

Marharis Sohn Marhwini führte die Überlebenden seines Volkes darauf in die oberen Anduin-Täler zurück, wo sie fortan als die Éothéod bekannt waren; aus der Mitte Rhovanions, wo einst Vidugavias Reich gestanden hatte, verschwand die Herrschaft der Nordmenschen damit endgültig. Als die Éothéod selbst im Jahr 2510 unter Eorl dem Jungen nach Süden zogen, um Gondor in der Schlacht auf dem Feld von Celebrant beizustehen, und dafür mit Calenardhon belehnt wurden, verließen auch die letzten Nachfahren jenes Volkes das Land; Rhovanion blieb seither ohne eine Macht, die den ganzen Raum als Ganzes beherrscht hätte.

Während sich diese Kämpfe im Osten und Norden Rhovanions abspielten, verdunkelte sich zugleich der Grünwald von Süden her: Ein namenloses Übel, das sich in Dol Guldur eingenistet hatte, ließ Bäume und Getier des Waldes verderben, bis man ihn fortan mied und Düsterwald nannte. Im Jahr 2770 brach überdies der Drache Smaug aus dem Norden über Thal und das Zwergenreich unter dem Erebor herein und verwüstete die Länder um den Langen See, so dass Handel und Bevölkerung im nördlichen Rhovanion für Generationen zurückgingen, ehe der Drache 2941 in der Schlacht der Fünf Heere sein Ende fand.

Am Ende des Dritten Zeitalters war Rhovanion dadurch ein Land ohne zusammenhängende Herrschaft geblieben: In seinen Wäldern und Tälern lebten verstreut die Waldmenschen und die Beorninger, während die Waldelben unter Thranduil den nördlichen Düsterwald für sich behaupteten. Keines dieser Völker vermochte das weite Land als Ganzes zu ordnen oder zu schützen, so dass Rhovanion, anders als in den Tagen Vidugavias, bis zum Ende des Zeitalters ohne einen einzigen Herrn blieb.

Völker und Herrschaft

Innerhalb Rhovanions unterschieden sich die Herrschaftsformen der verbliebenen Völker erheblich voneinander, obwohl keines von ihnen das Land als Ganzes beanspruchte. Die Waldmenschen, die an den östlichen Rändern des Grünwaldes und entlang der alten Waldstraße siedelten, kannten offenbar keinen gemeinsamen Anführer, sondern lebten in verstreuten, lose verbundenen Gemeinschaften. Die Beorninger dagegen standen unter einer erblichen Führung: Nach Beorn selbst übernahm sein Sohn Grimbeorn der Alte die Herrschaft über ein an Zahl gewachsenes Volk, das die Übergänge über den Anduin und den Hohen Pass gegen Orks und Warge offenhielt, wie Glóin bei seinem Bericht in Bruchtal erzählte. Die Waldelben schließlich bildeten mit dem Elbenkönig Thranduil und seinen Hallen im Nordosten des Waldes die einzige eigentliche Monarchie unter den Bewohnern Rhovanions, mit einem Hof, bewaffneten Gefolgsleuten und eigenen Schatzkammern.

Trotz dieser Vielfalt bestanden zwischen einigen dieser Völker enge Bande verwandtschaftlicher oder bündnischer Art. Die Rohirrim, die als Éothéod einst selbst in den oberen Anduin-Tälern Rhovanions gesessen hatten, betrachteten sich weiterhin mit den dort verbliebenen Nordmenschen als eines Blutes, wie es in der Geschichte des Hauses Eorl festgehalten ist, auch wenn ihre eigene Herrschaft längst nach Calenardhon verlegt war. Zwischen den Menschen von Thal und den Zwergen unter dem Erebor wiederum entwickelte sich seit den Tagen Bards des Bogenschützen eine so enge Partnerschaft, dass beide Völker Handel, Verteidigung und zuletzt auch ihr Schicksal in der Schlacht miteinander teilten – eine Nähe zwischen Menschen und Zwergen, wie sie anderswo in den überlieferten Berichten kaum ihresgleichen findet.

Nach außen hin blieb Rhovanion darauf angewiesen, dass seine Bewohner sich einzeln mit den benachbarten Mächten verständigten, statt durch einen gemeinsamen Herrscher vertreten zu werden. Sowohl Gondor als auch das spätere Rohan pflegten Freundschaft mit einzelnen Völkern des Landes, ohne deshalb Anspruch auf ihre Herrschaft zu erheben. Wie lose dieses Geflecht blieb, zeigte sich noch im Ringkrieg, als Thal und Erebor gemeinsam die Schlacht von Thal bestanden, in der König Brand und König Dáin Eisenfuß fielen, während Waldelben und Beorninger, jeder für sich, die Zugänge zu ihrem eigenen Land gegen die von Osten anrückenden Feinde verteidigten, ohne dass ein übergeordneter Befehl ihre Kräfte vereint hätte.

In der Geschichte

In „Der Hobbit“ bildet Rhovanion die eigentliche Bühne der Erzählung, sobald die Gesellschaft das Nebelgebirge hinter sich gelassen hat: Von den Höhlen unter dem Gebirge bis zum Erebor spielt sich fast die gesamte zweite Hälfte von Bilbos Reise in diesem Land ab. Was Bilbo dort im Dunkeln findet, entscheidet zunächst nichts über sein Wesen; erst die Beschwerlichkeiten, die er und die Zwerge in Grünwald, bei Beorn und in Thal bestehen müssen, machen aus der Reise eine Prüfung, aus der Bilbo als ein anderer zurückkehrt. Rhovanion fungiert damit als der Raum, in dem sich der Charakter der Titelfigur erst formt, während das Auenland selbst nur Ausgangs- und Zielpunkt bleibt, nicht Schauplatz des eigentlichen Geschehens.

Im „Herrn der Ringe“ tritt das Land zunächst nur mittelbar in Erscheinung, als der Weiße Rat seine Aufmerksamkeit auf die finstere Feste in Dol Guldur richtet und dort, wie sich erst spät herausstellt, den zurückgekehrten Sauron selbst aufspürt. Enger noch ist Rhovanion mit der Gefangennahme Gollums verknüpft, der jahrelang durch die Wälder und Sümpfe des Landes irrt, ehe Aragorn ihn an seinem Rand aufgreift und zu Gandalf bringt – ein Weg, der die Fäden aus dem Hobbit mit der eigentlichen Ringsuche verbindet. Später führt auch die Fahrt der Gefährten den Anduin hinab durch den westlichen Saum des Landes, bis Boromirs Fall und die Trennung der Gemeinschaft bei Amon Hen diesem kurzen Durchzug durch Rhovanion ein jähes Ende setzen.

In beiden Werken steht Rhovanion für ein Land, das von den Reisenden aus dem Westen stets nur durchquert, nie eigentlich verstanden wird: Seine Bewohner, seine Gefahren und sein Wald bleiben den Hobbits ebenso fremd wie den Lesern, die auf deren Perspektive angewiesen sind. Gerade weil das Land keiner der Hauptfiguren als Heimat dient, erscheint es als der eigentliche Prüfstein zwischen dem geordneten Westen und dem kaum bekannten Osten – ein Weg, der gefunden werden muss, ohne dass er den Reisenden je ganz vertraut würde.