Herkunft und Namen
Haldan entstammt der Sippe, die an der Spitze der Haladin stand: Sein Vater war Haldar, der Sohn Haldads, und Haldad wiederum war jener Mann, den das Volk in seiner Not als Ersten über sich stellte. Haldar hatte eine Zwillingsschwester, Haleth, und über sie ist Haldan mit der Frau verbunden, deren Namen das ganze Volk später trug. Eine Deutung seines Namens geben die überlieferten Texte nicht; sie nennen ihn nur im Zusammenhang der Nachfolge. Auffällig bleibt allein, dass die anlautende Silbe Hal- die Sippe wie ein Familienzeichen durchzieht — Haldad, Haldar, Haleth, Haldan —, doch bietet das Quenta Silmarillion keine Übersetzung dieser Namen an, und sie gehören auch nicht zu den Elbensprachen, aus denen sich sonst so vieles herleiten lässt.
Das Volk, in das Haldan hineingeboren wurde, ist die zweite Schar der Menschen, die über die Blauen Berge nach Beleriand hinüberzog. Die Haladin unterschieden sich von den übrigen Edain deutlicher, als es die bloße Nähe ihrer Wohnsitze vermuten lässt: Sie sprachen eine eigene Sprache, die den anderen Menschengeschlechtern fremd blieb, sie kannten keinen Herrn über alle, sondern lebten in einzelnen Höfen und Sippen verstreut, und sie mieden den Umgang mit Fremden. In Thargelion, dem Land Caranthirs jenseits des Gelion, siedelten sie ohne Erlaubnis, weil niemand ihnen den Boden angeboten hatte und sie um keine baten. Mit ihnen zogen zudem die Drúedain, ein kleines, schweigsames Waldvolk, das sich zu keinem anderen Menschenstamm hielt.
Aus dieser Ordnung erklärt sich auch Haldans Stellung. Die Führung der Haladin war kein Königtum mit festem Erbgang, sondern eine Häuptlingswürde, die dem Ansehen einer Sippe folgte; nach den Kämpfen an der Umzäunung fiel sie Haleth zu, die das Volk gewählt hatte, und blieb bei ihr, solange sie lebte. Da sie sich nicht vermählte, ging die Würde nicht an ein eigenes Kind, sondern seitwärts an den Sohn ihres Bruders. Über Haldan selbst schweigen die Quellen fast vollständig: Das Quenta Silmarillion führt ihn in einem einzigen Satz auf, der seine Abkunft und den Übergang der Häuptlingswürde festhält. Alles Weitere über ihn bleibt Schluss aus dem, was von seinem Volk berichtet wird.
Geschichte
Die Geschichte, an deren Ende Haldan die Leitung des Volkes übernahm, beginnt mit einem Überfall. Während die Haladin ohne gemeinsamen Herrn und in einzelnen Gehöften über Thargelion verstreut saßen, brach ein Orkheer von Norden in das Land östlich des Gelion ein, und weil niemand Wachen ausstellte und niemand Befehle gab, wurden viele erschlagen, ehe sie sich überhaupt sammeln konnten. Haldad, Haldans Großvater, brachte zusammen, wen er erreichte, und ließ im Winkel zwischen Ascar und Gelion einen Zaun aufwerfen, hinter den er die Überlebenden mit ihrem Vieh führte. Dort belagerten die Orks sie, bis die Vorräte zur Neige gingen. Bei einem Ausfall fiel Haldad; und Haldar, sein Sohn und Haldans Vater, wurde erschlagen, als er hinauslief, um den Leichnam vor der Schändung durch die Feinde zu bewahren.
Sieben Tage hielt Haleth die Eingeschlossenen zusammen, obwohl die Lage aussichtslos schien. Dann kam ein Heer Caranthirs von Norden herab, schlug die Orks und trieb sie in die Flüsse. Der Elbenfürst, der das kleine Volk in seinem Gebiet bis dahin nicht beachtet hatte, sah nun mit Achtung auf Haleth und bot ihr Land weiter nördlich an, wo die Haladin unter dem Schutz der Eldar hätten leben können. Sie schlug das Angebot aus, denn sie wollte nicht unter fremder Herrschaft stehen, und führte die geringe Zahl der Überlebenden über den Gelion nach Westen in das Gebiet zwischen Celon und Nan Elmoth, das Estolad genannt wurde und in dem zuvor schon Beors Leute gelagert hatten. Damit war die Sippe, aus der Haldan stammte, um Vater und Großvater ärmer, aber an der Spitze des Volkes bestätigt.
In Estolad blieben die Haladin nicht lange. Haleth brach abermals nach Westen auf, und der Weg, den sie wählte, führte am Nordrand von Doriath entlang durch das öde Land zwischen den Schattenbergen und dem Gürtel Melians — eine Gegend, die schon damals von Furcht und den Nachkommen Ungoliants heimgesucht war. Viele kamen dabei um, und die Überlieferung schreibt es allein dem Willen der Anführerin zu, dass der Zug nicht auseinanderbrach. Am Ende erreichten sie den Wald zwischen Teiglin und Sirion, den die Elben Brethil nannten, und schlugen dort ihre Wohnsitze auf. Haldan dürfte diesen Marsch als Kind oder junger Mann mitgemacht haben, doch nennen ihn die Texte an dieser Stelle nicht.
Brethil aber gehörte zum Herrschaftsanspruch Thingols, und der König von Doriath sah die Ansiedlung zunächst nicht gern. Auf Fürsprache Finrod Felagunds gestand er Haleth zu, dass ihr Volk frei in dem Wald leben dürfe, unter einer einzigen Bedingung: Es sollte die Furten des Teiglin gegen die Feinde der Eldar halten und keinen Ork in seine Wälder lassen. Diese Abmachung war kein Lehnseid und begründete keine Gefolgschaft, sondern eine Aufgabe, und sie wurde zur eigentlichen Erbschaft des Hauses. Denn was Haldan später übernahm, war nicht bloß der Vorsitz über verstreute Höfe, sondern die Pflicht, einen Übergang zu bewachen, an dem die Wege der Feinde nach Süden und Westen zusammenliefen.
Haleth blieb in Brethil bis zu ihrem Tod; ihr Volk errichtete über ihr einen grünen Hügel, den es Tûr Haretha nannte, in elbischer Zunge Haudh-en-Arwen. Erst an dieser Stelle tritt Haldan in die Erzählung ein, und er tut es in einem einzigen Satz: Weil Haleth kinderlos geblieben war, ging die Führung auf den Sohn ihres Bruders über. Ein Jahr nennt das Quenta Silmarillion dafür nicht, ebenso wenig eine Dauer seiner Leitung oder eine Nachricht von seinem Ende. Auch von einer Tat, einem Kampf oder einem Rat unter seinem Namen ist nirgends die Rede — er erscheint ausschließlich als Glied einer Reihe.
Was nach ihm geschah, zeigt allerdings, dass die Reihe hielt. Die Stammtafel des Werkes führt Halmir als seinen Sohn, und dieser Halmir erscheint im Erzähltext als Herr der Männer von Brethil zu jener Zeit, als nach dem Bruch der Belagerung Angbands Orkscharen bis zu den Furten des Teiglin vordrangen; er sandte Nachricht nach Doriath, und mit Beleg Cúthalion und dessen Schar wurden die Angreifer aufgerieben — genau die Aufgabe also, die Haleth einst angenommen hatte, wurde von seinen Nachkommen erfüllt. Über Halmirs Tochter Hareth, die Galdor von Dor-lómin heiratete, führt dieselbe Linie weiter zu Húrin, so dass Haldan im Geschlechterzusammenhang der Edain als dessen Urgroßvater steht. Sein eigener Anteil daran bleibt unbeschrieben: Die Quellen geben ihm keine Stimme, sondern nur eine Stelle zwischen der Anführerin, die dem Volk seinen Namen gab, und den Herren von Brethil, die in die großen Kriege Beleriands hineingerieten.
Rolle im Legendarium und Grenzen seiner Stellung
Im Gefüge des Legendariums hat Haldan keine handelnde, sondern eine tragende Rolle: Er verbindet zwei Abschnitte der Überlieferung, die sonst ohne Naht aneinanderstießen. Das Kapitel, in dem er vorkommt, berichtet von der Ankunft der Menschen in Beleriand im Ton einer Zusammenfassung; auf wenigen Seiten laufen drei Geschlechter nebeneinander her, und Personen erscheinen darin oft nur als Träger einer Abfolge. Haldan gehört zu dieser Gruppe von Namen. Ihm ist keine Szene zugeordnet, kein Wort und kein Gegenüber; sein Gewicht im Werk ist ein stellungsbedingtes. Wer nach seiner Bedeutung fragt, fragt darum genau genommen nach der Bedeutung des Amtes, das durch ihn hindurchging.
Dieses Amt war mit weniger Macht ausgestattet, als das Wort Anführer vermuten lässt. Die Haladin blieben das kleinste der drei Häuser der Edain und mehrten sich nicht wie die übrigen; zudem waren sie die Einzigen, denen kein Land aus Elbenhand zufiel. Beors Leute erhielten Wohnsitze und später Gebiete in Dorthonion, das Haus Hadors empfing Dor-lómin von Fingolfin zu Lehen — dem Volk von Haleth wurde lediglich eine Erlaubnis eingeräumt, und diese war an eine Auflage gebunden. Wer in Brethil an der Spitze stand, verfügte also weder über ein verliehenes Reich noch über eine feste Burg. Was seinem Volk an Stärke zu Gebote stand, lag im Wald selbst und in der Enge jenes Übergangs, den es zu hüten übernommen hatte.
Über die Person hinaus ist von Fähigkeiten nichts überliefert, und es besteht kein Anlass, welche anzunehmen. Haldan war ein sterblicher Mensch des Ersten Zeitalters ohne Anteil an den Künsten der Eldar; die längere Lebensspanne und das Inselreich, die den Edain später zugedacht wurden, kamen erst nachgeborenen Geschlechtern zugute, nicht ihm. Auch nach innen blieb seine Stellung begrenzt, denn sie beruhte auf der Zustimmung des Volkes: Wie wenig ein Häuptling von Brethil gegen fremdes Ansehen auszurichten vermochte, zeigt sich Generationen danach an Brandir, dessen Wort vor dem Ruf eines Zugewanderten nicht bestand. Von Haldan selbst nennt die Überlieferung keine Tat, kein Jahr und kein Ende. Sein Vermögen lässt sich deshalb nicht bemessen — nicht weil es gering gewesen sein müsste, sondern weil nichts davon aufgezeichnet wurde.
Sippe und Bindungen
Die eine Bindung, auf der Haldans ganze Stellung ruht, ist eine, die er selbst nicht geknüpft hat: die zwischen seinem Vater und dessen Zwillingsschwester. Aus dieser Geschwisterschaft erwuchs ihm ein Anspruch, den er nicht durch Nähe zu Haleth, sondern durch das Fehlen anderer Erben erhielt — sie hatte kein Kind, und so trat der Neffe an eine Stelle, die eigentlich für eine Tochter oder einen Sohn offen gestanden hätte. Bemerkenswert ist, wie einseitig die Überlieferung diese Verwandtschaft ausleuchtet: Von einer Frau an Haldans Seite spricht kein Satz, obwohl ihm ein Sohn zugeschrieben wird, und auch seine Mutter bleibt namenlos. Er besitzt im Werk Vorfahren und Nachkommen, aber keine Gefährten.
Nach außen erbte er ein Verhältnis zu den Eldar, das aus Achtung und Abstand zugleich bestand. Caranthir hatte den Mut der Belagerten anerkannt und ein Bündnis unter seinem Schutz angeboten; die Ablehnung dieses Angebots wirkte fort, denn danach trat kein Elbenfürst mehr als Herr oder Freund an dieses Volk heran. Thingol blieb ein Nachbar, mit dem eine Abmachung, nicht eine Freundschaft bestand, und Finrod, der sich sonst so gern unter die Menschen mischte, erscheint hier nur als Fürsprecher aus der Ferne. Enger als mit allen Elben lebten die Leute von Haleth mit den Drúedain zusammen, jenem kleinen Waldvolk, das bei ihnen wohnte, ihre Gehöfte bewachte und den Orks mit einer Feindschaft begegnete, die keiner Absprache bedurfte.
Erst eine Generation nach ihm öffnete sich die Sippe wirklich nach außen, und zwar durch zwei Ehen auf einmal: Haldans Enkel Haldir nahm Glóredhel, die Tochter Hadors, zur Frau, und beim selben Fest wurde dessen Schwester Hareth mit Galdor vermählt. Damit waren die Häuser von Brethil und Dor-lómin doppelt verschwistert, und was bis dahin ein abgesondertes Volk gewesen war, geriet in die Verpflichtungen und Verluste des größeren Krieges. Haldan steht genau vor dieser Öffnung. Seine Beziehungen sind alle nach innen gerichtet — auf eine Sippe, deren Männer vor ihm gefallen waren, und auf ein Volk, das ihn trug, ohne dass ein Name daraus überliefert wäre.
Entwürfe und Varianten
In den älteren Fassungen der Überlieferung gibt es keinen Haldan, weil es die Voraussetzung seiner Stellung nicht gibt: Haleth war dort ein Mann. In der Quenta, dem zusammenfassenden Bericht aus der Zeit nach den Verlorenen Geschichten, führt „Haleth der Jäger“ das zweite Menschenhaus nach Beleriand, und die Leitung geht von ihm geradewegs auf seinen Sohn über. Ein Zwillingspaar Haldar und Haleth, ein Vater Haldad, ein Neffe als Nachfolger — nichts davon ist in dieser Schicht angelegt. Auch die spätere Ausarbeitung des Quenta Silmarillion in den dreißiger Jahren hält an dieser Anordnung fest; die Sippenfolge des Volkes ist dort um eine Generation kürzer und rein männlich gedacht.
Erst mit den Grauen Annalen, dem späten Annalenwerk zu Beleriand, wird Haleth zur Frau umgedacht, und aus dieser einen Änderung erwächst die ganze Sippe, in der Haldan steht: Haldad als Vater, Haldar als Zwillingsbruder, dessen Sohn die Häuptlingswürde erhält, weil Haleth unvermählt bleibt. Der Satz des veröffentlichten Silmarillion über den Übergang der Führung stammt aus dieser Schicht. Zugleich verschieben sich die Namen der Nachfahren: Was in den älteren Texten Hundor hieß, der Sohn des Anführers, der in der Nirnaeth fiel, erscheint danach als Haldir, nun jedoch eine Generation weiter unten und als Sohn Halmirs. Der späteste Text über Húrins Weg nach Brethil setzt diese Arbeit fort und entwirft die Nachkommenschaft Haldads mit mehreren Zweigen, deren Anspruch auf die Häuptlingswürde miteinander streitet — ein Ausbau, der zwar nicht Haldan selbst gilt, aber zeigt, wie genau Tolkien zuletzt an dieser Erbfolge arbeitete.