Herkunft, Wesen und Namen
Melian gehörte zu den Ainur, jenen Geistern, die vor der Gestaltung der Welt aus dem Denken Ilúvatars hervorgingen und am Großen Gesang teilhatten. Innerhalb dieser Ordnung zählte sie nicht zu den Mächtigen, den Valar, sondern zu den Maiar — den Geistern geringeren Ranges, die den Valar zugesellt waren und ihnen dienten. Wie alle Ainur, die in die Welt eintraten, war sie nicht an einen Leib gebunden, sondern konnte sichtbare Gestalt annehmen und wieder ablegen; die Gestalt, in der sie erschien, folgte dem Bild der Erstgeborenen. Der Rang der Maiar bemisst sich in den Quellen weniger nach Macht als nach der Nähe zu jenem Vala, dessen Werk sie teilten.
In Aman stand Melian im Dienst zweier Herrinnen, Vánas und Estes, und hielt sich lange in den Gärten Lóriens auf, dem Reich Irmos, wo sie die dort blühenden Bäume pflegte. Ihre Stimme galt als die schönste in Valinor, und wo sie ging oder sang, folgten ihr Nachtigallen. Die Überlieferung stellt sie in eine besondere Nähe zu Yavanna, der Herrin der wachsenden Dinge, und schreibt ihr eine Weisheit zu, die das Maß der Elben und erst recht der Sterblichen überstieg. Diese doppelte Prägung — Kenntnis des Wachstums und der Träume, Beherrschung des Gesangs — bestimmt alles, was von ihr später in Mittelerde berichtet wird.
Der Name Melian ist die sindarinische Form, unter der sie in der Überlieferung Beleriands durchgehend erscheint; der erzählende Text bietet dazu keine ausdrückliche Namensdeutung, sodass jede Herleitung Sache der späteren sprachwissenschaftlichen Papiere bleibt. Neben dem bloßen Namen begegnen vor allem sachliche Bestimmungen: Melian die Maia, die ihre Art benennt, und Königin von Doriath, die ihre Stellung im Waldreich bezeichnet. Da die Maiar zu den Ainur gehören, ist auch die Anrede als Ainu sachlich zutreffend. Ungewöhnlich ist, dass ihr Name überdies an ein Werk gebunden blieb: Der Zaubergürtel, der Doriath umschloss, trägt in allen Quellen ihren Namen und nicht den des Reiches. Die deutsche Aussprache trennt die Endung in zwei Silben, mit Betonung auf der ersten.
Geschichte
Noch während der Jahre der Bäume verließ Melian das Gesegnete Reich und kam nach Mittelerde, wo sie in den Wäldern östlich des Sirion umherging. In Nan Elmoth traf sie Elwë, den Herrn der Teleri, der auf dem Weg zu seinem Freund Finwe war und dem Klang ihres Gesanges nachging, bis er sie unter den Bäumen fand. Über der Begegnung vergaß er sein Volk und die Zeit: Lange Jahre standen die beiden schweigend beieinander, während die Sterne über ihnen wanderten. Sein Volk suchte ihn vergeblich, und als der Zug der Eldar über das Meer aufbrach, blieb ein Teil der Teleri zurück, um weiterzusuchen — die Eglath, die „Verlassenen“ —, während Olwe die übrigen fortführte. So wurde Melians Ankunft in Mittelerde zum Grund dafür, dass ein ganzes Volk auf der Hinterseite des Meeres blieb.
Als der Bann des Schweigens von ihnen wich, gingen Melian und Elwë gemeinsam nach Beleriand hinein, und die Zurückgebliebenen sammelten sich um sie; Elwë wurde als Thingol König der Sindar, Melian seine Königin. In der Mitte des Landes ließ das Paar Menegroth erbauen, die Tausend Grotten unter dem Esgalduin, wozu die Zwerge der Blauen Berge ihre Steinkunst gaben, während die Bilder der Hallen — geschnitzte Buchen mit Laub und Vögeln — Melians Erinnerung an die Gärten jenseits des Meeres folgten. Aus dieser Verbindung ging Lúthien hervor, geboren in den Wäldern von Neldoreth; sie blieb das einzige Kind, das je einem Ainu und einer Elbin gemeinsam entstammte. Melians Weisheit prägte die Regierung des Waldreiches ebenso wie ihre Kunst: Was in Doriath an Wissen, Rat und Vorsicht galt, kam großenteils von ihr.
Der Frieden endete, als Morgoth nach Mittelerde zurückkehrte und seine Orks von Norden her in Beleriand einfielen. In der Ersten Schlacht wurden die Elben zerstreut, Denethor, der Herr der Grünelben, fiel auf dem Amon Ereb, und Thingol zog sein Volk hinter die Flüsse zurück. Da setzte Melian ihre Macht ein und legte um Neldoreth und Region einen unsichtbaren Wall aus Schatten und Verwirrung, sodass niemand ihn überschreiten konnte, der nicht größere Macht besaß als sie selbst oder den Willen der Herrscher hinter sich hatte. Nach diesem Zaun erhielt das Reich seinen Namen, und der Gürtel hielt, solange Melian ihn hielt: Während des ganzen Ersten Zeitalters drang kein Heer Morgoths hinein. Die Abschirmung war zugleich eine Entscheidung — Doriath blieb bewahrt, aber auch abgesondert von den Kämpfen ringsum.
Mit der Rückkehr der Noldor trat Melian zum ersten Mal wieder Verwandten aus Aman gegenüber. Galadriel weilte lange in Menegroth, und Melian fragte sie nach dem Grund des Auszugs; Galadriel erzählte vom Verderben der Bäume, verschwieg jedoch, was in Alqualonde geschehen war. Melian erkannte die Lücke in dem Bericht, sprach von einem Schatten, der auf den Fürsten der Noldor liege, und band ihn an die Juwelen Feanors, in denen sich das Schicksal des Nordens verknoten werde. Als die Wahrheit über den Sippenmord später doch nach Doriath kam und Thingol im Zorn den Gebrauch der Quenya in seinem Reich untersagte, war ihre Warnung bereits ausgesprochen. Es ist die erste jener Voraussagen, die den weiteren Verlauf der Erzählung begleiten, ohne ihn abwenden zu können.
Am schärfsten trat Melians Voraussicht hervor, als Beren nach Menegroth kam und Thingol als Brautpreis einen Silmaril aus Morgoths Krone forderte. Melian hielt ihm entgegen, dass er mit diesem Wort sein eigenes Geschick festgelegt habe — gleich, ob Beren scheitere oder gelinge. Sie widersprach auch der Gefangensetzung Lúthiens im Baumhaus auf der Hírilorn und half dem König nicht, die Entflohene aufzuspüren. In den Jahren danach blieb ihre Rolle die der Ratgeberin: Sie gab Beleg auf dessen Suche nach Túrin das Wegbrot der Elben mit, eine Gabe, die selten an andere erging, und sie empfing Morwen und Niënor mit Ehren in Doriath, als diese aus Hithlum flüchteten. Auch dort riet sie ab, wo sie Unheil sah, und auch dort wurde ihr Rat überhört, als Morwen dennoch auszog, um ihren Sohn zu suchen.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Zuletzt gelangte der Silmaril, den Beren errungen hatte, doch nach Menegroth, und Melian warnte Thingol wiederholt vor der Begierde, die von ihm ausging. Als Húrin das Halsband der Zwerge aus dem geplünderten Nargothrond brachte und der König Handwerker aus Nogrod anwarb, um den Stein darin zu fassen, kam es zum Streit über den Lohn, und Thingol wurde in seinen eigenen unterirdischen Hallen erschlagen. Mit seinem Tod verlor Melian den Halt, der sie an Mittelerde band; die Kraft wich aus den Wäldern, der Esgalduin bekam eine andere Stimme, und der Gürtel, der Doriath so lange verschlossen hatte, zerging. Bevor sie ging, sprach sie mit Mablung, trug ihm die Bewachung des Steins auf und gebot, Beren und Lúthien in Ossiriand Nachricht zu senden. Dann verschwand sie aus Mittelerde und kehrte über das Meer in die Gärten Lóriens zurück, aus denen sie einst gekommen war; von dort ist sie nie wieder in die Länder der Sterblichen gelangt.
Rolle, Macht und Grenzen
Melians Rolle im Legendarium ist die einer Macht im Hintergrund. Sie führte kein Heer, trat in keiner der Schlachten Beleriands auf und beanspruchte keinen Königstitel für sich; die Herrschaft blieb bei Thingol, während ihr Anteil in Schutz, Rat und Überlieferung bestand. Gleichwohl ruhte das Gewicht Doriaths auf ihr: Unter ihrem Schirm wurde das Waldreich zum Sammelpunkt sindarischen Wissens und sindarischer Kunst, während ringsum die Reiche der Elben unter dem Druck des Nordens standen. Galadriel, die lange in Menegroth blieb, führte mit ihr viele Gespräche und gewann dort einen Teil jener Kenntnis, die sie durch die späteren Zeitalter trug. Über Lúthien trat Melians Abkunft überdies in das Geschlecht der Halbelben ein, sodass die Herkunft von den Ainur in der Linie Earendils und der Könige von Númenor fortwirkt.
Ihr Vermögen ist durchweg an Gesang, Wachstum und Gemüt gebunden, nicht an Waffen oder an die Bearbeitung von Stoffen; nirgends wird ihr ein geschmiedetes Werk oder ein Kampf zugeschrieben. Der Zaun um das Waldreich war entsprechend kein Gegenstand, den man hätte weitergeben oder zerbrechen können, sondern ein fortdauernder Akt ihres Willens, der in der Wahrnehmung des Eindringenden wirkte und ihm Weg und Richtung nahm. Daneben steht ein Erkenntnisvermögen, das über das der Elben hinausging: Sie bemerkte Verschwiegenes, benannte den Schatten über den Fürsten der Noldor und sah kommendes Unheil, ehe es Gestalt annahm. Was sie besaß, war Abwehr und Voraussicht — nicht die Fähigkeit, einen anderen Willen zu beugen.
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Schicksal
Die Grenzen dieser Macht benennen die Quellen ebenso deutlich wie ihre Wirkung. Der Zaubergürtel hielt Heere auf, doch nicht das Verhängnis: Beren gelangte hindurch, weil ein größeres Geschick ihn trieb, und der Wolf Karcharoth brach herein, getrieben von der Kraft des Silmarils, den er verschlungen hatte. Gegen Verderben, das im Innern aufkam — Begehren, Zorn, zerredete Abmachungen —, richtete der Wall nichts aus, und die Steinmetzen aus Nogrod betraten das Reich als geladene Handwerker. Melians Rat blieb überdies Rat: Sie konnte den König nicht binden, und ihre Voraussagen trafen ein, ohne den Gang der Dinge zu wenden. Hinzu kommt eine Grenze eigener Art, die der Text ausdrücklich festhält: Mit der Verbindung zu Elwë hatte sie sich der Leiblichkeit Ardas unterworfen, und alles, was sie in Mittelerde vermochte, hing an dieser Gestalt und an ihrem gerichteten Willen — beides fiel dahin, als der Halt zerbrach und sie das Land verließ.
Beziehungen
Im Mittelpunkt steht die Ehe mit Thingol, und ihr Zuschnitt ist bemerkenswert: Melian überragte ihren Gemahl an Macht und Einsicht bei Weitem, trat aber nie an seine Stelle. Sie sprach als Ratgeberin, er entschied als König, und nirgends zeigt die Überlieferung, wie sie einen Beschluss erzwingt oder aufhebt — auch dort nicht, wo sie den Ausgang längst kannte. Wo sie eine Entscheidung nicht mittragen konnte, entzog sie ihre Mitwirkung, statt sich über den König hinwegzusetzen. Umgekehrt gewann Thingols Königtum durch sie ein Gewicht, das kein anderer Fürst der Sindar besaß, und die Ehrfurcht, die dem Waldreich von außen entgegengebracht wurde, galt zu gutem Teil ihr. Dass diese Ordnung über Jahrhunderte hielt, setzt ein Einvernehmen voraus, das die Erzählung eher andeutet als ausführt.
Die zweite prägende Bindung führt zur Tochter. Was Lúthien vermochte — Gesang, der Schlaf und Vergessen wirkt, Wandlung der Erscheinung, ein Wille, der sich gegen Gegner von anderer Größenordnung behauptete —, stammt der Anlage nach von der Mutter, auch wenn Lúthien es auf eigenen Wegen und gegen den Willen des Hauses gebrauchte. Zwischen beiden steht jedoch eine Scheidung, die keine Macht Melians aufheben konnte: Als die Tochter aus dem Norden zurückkehrte, las Melian ihr das angenommene Los der Sterblichen aus den Augen und wandte sich ab, denn sie erkannte, dass die Trennung über das Ende der Welt hinaus dauern werde. Es ist die einzige Stelle, an der die Erzählung ihr etwas wie eigenen Schmerz zuschreibt, und sie steht ohne Trost da.
Nach außen kannte Melian keine persönliche Feindschaft im gewöhnlichen Sinn; Morgoth begegnete sie nie von Angesicht, ihr Widerstand blieb mittelbar. Am nächsten kam sie ihm, als Húrin nach langer Gefangenschaft vor den Thron trat: Sie durchschaute, dass sein Blick auf Doriath von der Deutung des Feindes gefärbt war, sprach ihn darauf an und löste so den Bann, unter dem er redete. Im Reich selbst war sie der Punkt, an dem sich Wissen und Vorsicht sammelten — nicht nur für den König, sondern für jene, die im Grenzland und in den Wäldern dienten. So ließ sie den Ziehsohn Thingols in seinen ersten Jahren durch eine Elbin des Waldes begleiten, und deren Aussage brachte später die Wahrheit über ein Unglück an den Tag, das den König beinahe zu einem Fehlurteil geführt hätte.
Entwürfe und Varianten
In den frühesten Schichten des Legendariums trägt die Gestalt andere Namen. Das Buch der verschollenen Geschichten führt sie als Wendelin ein, in der Erzählung von Tinúviel heißt sie Gwendeling, in einer späteren Bearbeitung derselben Erzählung Gwenethlin. Sie gehört dort zu jenen Geistern, die der Text als „fays“ bezeichnet — der Begriff Maiar und die abgestufte Ordnung der Ainur, die ihr später einen Dienst bei bestimmten Valar zuweist, sind noch nicht ausgebildet. Ihr Gemahl heißt Tinwelint, in älteren und jüngeren Namensschichten auch Tinwë Linto und Tinthellon, und sein Waldreich trägt nicht den Namen Doriath, sondern Artanor. Auch der Zuschnitt des Reiches ist schlichter: Der König gebietet über ein Volk der Wälder, und seine Höhlenhalle hat von der Steinkunst Menegroths noch nichts an sich. Der Schutz des Landes liegt gleichwohl bereits bei der Königin, deren Zauber die Wege verwirren und Fremde fernhalten — darin liegt der Keim dessen, was erst später als benannter Gürtel gefasst wurde.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Die Form Melian setzt sich in den Arbeiten der mittleren zwanziger und der dreißiger Jahre durch — in der Verserzählung von Leithian ebenso wie in der knappen Prosaskizze der Mythologie — und blieb von da an fest. Unfertig blieb dagegen der Ausgang des Waldreiches. In der Erzählung vom Nauglafring fällt der König in einer Schlacht im Freien gegen ein Zwergenheer und nicht in seinen unterirdischen Hallen, und die Königin entzieht sich danach der Welt. Christopher Tolkien hat in seinem Kommentar zu den späten Húrin-Texten offengelegt, dass sein Vater den Untergang Doriaths nie in später Fassung ausgearbeitet hat und dass das entsprechende Kapitel des Silmarillion aus alten Bestandteilen zusammengesetzt und um verbindende Erfindung ergänzt werden musste. Der unmittelbare Anlass für Melians Weggang gehört damit zum am schwächsten bezeugten Teil ihrer Geschichte, während ihre Begegnung mit Elwë und die Errichtung des Zaunes in den Grauen Annalen ihre reifste und am besten gesicherte Gestalt gefunden haben.