Name und Herkunft

Im „Herrn der Ringe“ begegnet das Volk nur unter fremden Namen. Die Rohirrim sprechen von den Wosen oder den Wilden Menschen der Wälder, und sie meinen damit scheue Waldbewohner, deren Pfade sie kaum kennen. Ghân-buri-Ghân selbst beansprucht für seine Leute ein höheres Alter als das der Menschen aus Gondor: Sie hätten die Wälder schon bewohnt, bevor die großen Menschen über das Wasser kamen und ihre Steinhäuser errichteten. Schon an der Straße nach Dunharg stehen die Púkel-Männer, verwitterte Sitzfiguren, an denen die Reiter achtlos vorüberziehen. Als Merry später dem Häuptling der Wosen gegenübersteht, fällt ihm die Ähnlichkeit sofort auf. Der Roman selbst erklärt diesen Zusammenhang nicht, er lässt ihn nur erkennen.1

Erst die postum veröffentlichten Schriften ordnen die Namen. Sich selbst nannte das Volk Drughu. Die Elben von Beleriand formten daraus im Sindarin Drû, in der Mehrzahl Drúin oder Drúath. Die Form Drúedain verbindet diesen Stamm mit dem Wort für die Menschen der Elbenfreunde und drückt aus, dass die Eldar das Volk zu den Atani rechneten. Die Orks, die es fürchteten und hassten, nannten es Oghor-hai. Das Wort „Wosen“ schließlich ist eine Übertragung der Sprache Rohans in altenglisches Gewand: Christopher Tolkien verweist in einer Anmerkung auf das angelsächsische wása, das nur in der Zusammensetzung wudu-wása überliefert ist, also im Waldschrat der englischen Volksüberlieferung.2

Über den Ursprung der Drúedain berichten die späten Texte, dass sie gemeinsam mit dem Volk der Haleth aus dem Osten nach Beleriand gelangten. Trotz dieser Gemeinschaft blieben sie den Haladin in Gestalt und Sprache fremd. Schon lange vorher hatten Angehörige des Volkes in den Weißen Bergen gewohnt, weit früher als die Siedler aus Númenor. Von dieser Zeit zeugen die Steinbilder, die sie hinterließen und die in Rohan als Púkel-Männer bekannt sind. Die Gruppe im Drúadan-Wald erscheint so als letzter Rest einer ehemals weiter verbreiteten Bevölkerung, deren Herkunft auch den Eldar nur in Umrissen bekannt war.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 5, The Ride of the Rohirrim; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 3, The Muster of Rohan
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, I, The Drúedain; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, I, The Drúedain, note 14
  3. 3Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, I, The Drúedain

Geschichte

Im Ersten Zeitalter lebte ein Teil der Drúedain unter den Haladin im Wald von Brethil. Das Verhältnis beider Völker war eng, doch es beruhte nicht auf Gleichheit der Lebensweise, sondern auf gegenseitigem Nutzen und wachsendem Vertrauen. Die Drúedain waren Späher und Fährtenleser von großer Geduld, und ihre Wachsamkeit schützte die Siedlungen des Waldvolkes. Nach den späten Aufzeichnungen zählten sie nur wenige Köpfe. Ihr Leben war kürzer als das der übrigen Edain, und sie blieben auch unter ihren Verbündeten eine Gemeinschaft für sich.1

Den Orks galten die Drúedain als gefährlichster Gegner in den Wäldern. Zum Ruf des Volkes trug bei, dass man seinen geschnitzten Wächterfiguren besondere Kraft zuschrieb. Solche Figuren stellten die Drúedain an Wegen und Häusern auf, und es hieß, ihr Schöpfer habe ihnen etwas von der eigenen Kraft mitgegeben. Die Überlieferung von Brethil verbindet diesen Glauben mit einer Erzählung um den Drû Aghan und einen Waldbewohner aus dem Volk der Haleth. Als Orks das Haus angriffen, soll ein solcher Wächterstein es verteidigt haben. Die Erzählung zeigt, wie die Haladin das Volk sahen: als Hüter von fast unheimlicher Treue, deren Wesen sie nie ganz ergründeten.2

Über den Verbleib des Volkes nach dem Untergang Beleriands berichten die Texte nur knapp. Einige Drúedain sollen die Edain zur Insel der Númenórer begleitet haben, doch blieben sie dort nicht auf Dauer und hatten das Land lange vor dessen Ende wieder verlassen. In Mittelerde hielten sich Reste des Volkes in abgelegenen Gegenden. Dazu gehörten das Bergland am Westende der Weißen Berge und die Halbinsel Andrast, eine Wildnis, die ihren Namen nach den Drúedain trug. Als die Macht Gondors wuchs und später die Reiter von Rohan ins Land kamen, war das Volk bereits in unwegsame Winkel zurückgedrängt. Die Neuankömmlinge verstanden es nicht und sahen in ihm eher ein Stück der Wildnis als ein Menschenvolk.3

Im Dritten Zeitalter hauste der bekannteste Rest im Drúadan-Wald in Anórien, zwischen Rohan und Minas Tirith. Aus den Worten Ghân-buri-Ghâns wird deutlich, dass die Rohirrim sein Volk früher wie Wild gejagt hatten. Die Wosen mieden Kriege der großen Menschen. Ihre Feindschaft galt allein den Orks, die sie in ihren Wäldern aufspürten und töteten. Als das Heer König Théodens auf dem Weg nach Gondor im Wald lagerte, war die Hauptstraße bereits vom Feind besetzt. Ghân-buri-Ghân erbot sich, die Reiter auf einem vergessenen Weg durch die Täler zu führen, den seine Leute noch kannten, die Menschen aber längst aufgegeben hatten. Seine Späher hatten Stärke und Stellung des Gegners genau erkundet. Mit ihrer Hilfe erreichte das Heer die Ebene vor der Stadt unbemerkt.4

Als Lohn verlangte der Häuptling nichts als Frieden. Die Rohirrim sollten sein Volk künftig in den Wäldern unbehelligt lassen und nicht länger Jagd auf es machen, und Théoden sagte dies zu. Nach dem Ende des Ringkrieges bestätigte König Elessar diese Zusage in verbindlicher Form. Er übergab den Drúadan-Wald für alle Zeit Ghân-buri-Ghân und seinem Volk und verfügte, dass niemand ihn ohne ihre Erlaubnis betreten dürfe. Damit endet die überlieferte Geschichte der Drúedain nicht mit ihrem Verschwinden, sondern mit einem geschützten Rückzugsraum. Er war klein, blieb ihnen aber gesichert.5

  1. 1Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, I, The Drúedain
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, I, The Drúedain
  3. 3Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, I, The Drúedain
  4. 4Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 5, The Ride of the Rohirrim
  5. 5Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 5, The Ride of the Rohirrim; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 5, The Steward and the King

Lebensweise und Eigenart

Der Roman zeigt die Lebensweise der Wosen nur aus der Sicht der Reiter und eines Hobbits. Ghân-buri-Ghân erscheint Merry gedrungen und knorrig, beinahe wie eine der steinernen Figuren am Weg nach Dunharg, und er trägt kaum mehr als einen Rock aus Gras. Er spricht die Gemeinsame Sprache nur stockend, in knappen, altertümlich klingenden Wendungen, und er zählt die Feinde nicht in Zahlen, sondern auf seine eigene Weise. Bevor er urteilt, prüft er die Luft, als könne er aus dem Wind mehr lesen als die Reiter mit ihren Augen. Aus der Tiefe des Waldes dringen Trommeln herauf, über die sich die Wosen über weite Strecken hinweg verständigen. Die Rohirrim wissen wenig Gewisses über sie und schreiben ihnen den Gebrauch vergifteter Pfeile zu.1

Genauer beschreiben die späten Aufzeichnungen Gestalt und Gaben des Volkes. Die Drúedain waren klein, breit und schwer gebaut, mit kurzen, kräftigen Beinen, breiten Gesichtern und tief liegenden dunklen Augen; Bartwuchs fehlte ihnen fast ganz. Ihre Stimmen waren tief und kehlig, und unter Vertrauten konnten sie ausgelassen lachen, so fremd sie Außenstehenden auch vorkamen. Als Fährtenleser und Waldkundige übertrafen sie alle anderen Menschen, und ihre Sinne waren schärfer als die ihrer Nachbarn. Ihre besondere Kunst war das Bilden von Figuren aus Holz und Stein, und in diesen Werken sahen die Haladin mehr als bloßes Handwerk.2

Am meisten befremdete die Nachbarn eine Fähigkeit zur Reglosigkeit, die kein anderes Volk kannte. Ein Drû konnte lange Zeit, bisweilen Tage, unbewegt sitzen, sei es in Trauer, in Gedanken oder auf der Wacht, und glich dann eher einem Stein als einem lebenden Menschen. Ihre Lebensspanne war kurz, gemessen an der der anderen Edain, und doch trugen sie das Wissen um verschüttete Pfade und alte Siedlungsplätze über viele Geschlechter weiter. Besitz bedeutete ihnen wenig, und sie lebten genügsam von dem, was der Wald bot. So erscheinen die Drúedain in den Texten als ein Volk, dessen Zeitmaß nicht das der Städte und Königreiche war, sondern das der Wälder, in denen sie wohnten.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 5, The Ride of the Rohirrim
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, I, The Drúedain
  3. 3Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, I, The Drúedain

Gliederung und Führung

Anders als bei den Häusern der Edain kennt die Überlieferung für die Drúedain keine benannten Stämme, Häuser oder Geschlechterfolgen. Die späten Aufzeichnungen trennen das Volk nicht nach Abstammung, sondern allein nach den Orten, an denen seine Gruppen lebten, und selbst diese Scheidung ergibt sich eher aus der Geschichte der Nachbarvölker als aus einer eigenen Ordnung. Von Fürsten oder Häuptlingen der Drúedain in Brethil ist nirgends die Rede. Wo ein Einzelner überhaupt mit Namen hervortritt, geschieht es als Freund und Hausgenosse eines Haladin, nicht als Oberhaupt einer Sippe. Die Gemeinschaft erscheint so als kleine, in Familien lebende Schar, deren innere Rangordnung den Chronisten des Waldvolkes verborgen blieb oder ihnen keiner Aufzeichnung wert schien.1

Der einzige Anführer, den die Texte nennen, gehört dem Rest im Drúadan-Wald an. Die Reiter Rohans bezeichnen Ghân-buri-Ghân als Häuptling der Wosen, und er tritt vor Théoden als Sprecher seines ganzen Volkes auf, nicht nur als Führer eines Spähtrupps. Er verhandelt selbst über Weg und Lohn, stellt Bedingungen und bindet mit seinem Wort alle, die in den Wäldern wohnen. Worauf seine Stellung beruht, ob auf Alter, Herkunft oder Wahl, sagt der Roman nicht. Sichtbar wird nur, dass seine Leute ihm folgen und ihre Kundschaft über den Feind durch ihn an die Reiter gelangt. Auch die spätere Schenkung des Waldes richtet sich an ihn persönlich und an sein Volk zugleich, sodass Häuptling und Gemeinschaft in der Überlieferung kaum voneinander zu trennen sind.2

  1. 1Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, I, The Drúedain
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 5, The Ride of the Rohirrim

Rolle in der Erzählung

Im Gefüge des „Herrn der Ringe“ nehmen die Wosen nur wenige Seiten ein, doch sie stehen an einer Nahtstelle der Handlung. Der Ritt der Rohirrim droht zu scheitern, bevor er das Ziel erreicht, und die Rettung kommt weder von Zauberern noch von Königen, sondern von einem Volk, das in der Ordnung der großen Reiche überhaupt nicht vorkommt. Die Szene kehrt das gewohnte Verhältnis um: Die Reiter, die sich als Herren des Landes verstehen, müssen sich der Führung derer anvertrauen, die sie für Wild hielten. Erzählt wird die Begegnung aus Merrys Blick, und gerade die Fremdheit, die der Hobbit empfindet, macht spürbar, wie wenig die Reiter über die Wälder an ihrer eigenen Grenze wissen.1

Zugleich verkörpern die Wosen jene Schicht Mittelerdes, die älter ist als jede geschriebene Geschichte. Der Roman führt sie in zwei Schritten ein: zuerst als stumme Steinbilder am Wegrand, deren Sinn niemand mehr kennt, dann als lebendiges Volk, das diese Bilder in sich wiedererkennen lässt. So entsteht der Eindruck eines Landes, in dem frühere Bewohner nicht verschwunden, sondern nur übersehen worden sind. Auch in ihrer Haltung setzen die Wosen einen Gegenakzent zum heroischen Grundton des Fünften Buches. Ruhm und Anteil am Sieg kümmern sie nicht, ihr Anliegen ist allein das Recht, ungestört weiterzuleben, und damit bringen sie das Maß der Kleinen und Vergessenen in eine Erzählung von Heerzügen und Königen.2

Die späte Abhandlung über die Drúedain verschiebt diese Deutung nachträglich. Indem Tolkien das Volk zu den Atani stellt und ihm eine Vergangenheit an der Seite der Elbenfreunde gibt, wird aus dem Waldvolk am Rand ein vergessener Zweig der Edain selbst. Liest man die Szene im Drúadan-Wald von hier aus, begegnen sich darin entfernte Verwandte, die einander nicht mehr erkennen: Wo die Eldar einst Menschen ihresgleichen sahen, sehen die Nachfahren derselben Völker nur Wildnis. Die Wosen werden so zu einem Zeugnis dafür, wie schnell Erinnerung verloren geht, und das Buch deutet dies an, ohne es auszusprechen.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 5, The Ride of the Rohirrim
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 3, The Muster of Rohan; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 5, The Ride of the Rohirrim
  3. 3Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, I, The Drúedain

Verfilmungen und Hörspiele

In Peter Jacksons Filmtrilogie fehlen die Wosen ganz. Der dritte Teil, „Die Rückkehr des Königs“, erzählt den Aufbruch der Rohirrim nach Gondor ohne die Begegnung im Drúadan-Wald, und eine Figur Ghân-buri-Ghân gibt es weder in der Kinofassung noch in der verlängerten Fassung. Mit dem Volk entfallen auch die feindliche Sperre auf der Straße und der vergessene Weg durch die Täler. Die Reiter gelangen im Film ohne fremde Führung vor die Stadt. Die Abweichung betrifft deshalb mehr als eine Nebenfigur: Die Umkehrung, die das Buch anlegt, wenn sich die Herren des Landes den Übersehenen anvertrauen müssen, kommt in der Verfilmung nicht vor, und der Ritt erscheint allein als Tat Rohans.1

Ralph Bakshis Zeichentrickfilm bricht nach der Schlacht um Helms Klamm ab und endet damit vor dem Teil des Romans, in dem die Wosen auftreten. Da die geplante Fortsetzung nie gedreht wurde, blieb das Volk in dieser Fassung ohne Darstellung. Auch die ältere Geschichte der Drúedain, ihr Leben unter den Haladin und ihre Aufnahme unter die Atani, hat in den Verfilmungen keinen Platz. Diese Filme stützen sich auf die Romane und deren Anhänge, und selbst Jacksons Hobbit-Trilogie, die über die Vorlage hinaus Stoff aus den Anhängen heranzieht, greift nicht auf die postum veröffentlichten Schriften zurück, in denen allein diese Überlieferung steht.2

  1. 1Der Herr der Ringe (Filmtrilogie), 2001–2003
  2. 2Der Herr der Ringe (Film 1978), 1978; Der Hobbit (Filmtrilogie), 2012–2014