Herkunft und Namen

Der Name Doriath gehört dem Sindarin an, der Sprache der Elben Beleriands, und bezeichnet das Land des Zauns. Gemeint ist damit kein gebauter Wall, sondern die Bannmacht, die Melian um die Wälder Thingols legte: eine Grenze aus Schatten und Irreführung, nach der das Reich schließlich benannt wurde. Die Benennung folgte also nicht der Landschaft, sondern ihrem Schutz, und sie stammt von den Sindar selbst, die im Umkreis dieser Grenze lebten. Im Deutschen begegnet der Name unübersetzt; verbreitet sind daneben die Umschreibungen als Verborgenes Königreich und als Land des Gürtels, die beide dieselbe Vorstellung wiedergeben. Die Aussprache ist dreisilbig, Do-ri-ath, mit stimmlosem Schlusslaut wie im englischen „thin“.

Vor dieser Umbenennung trug das Land den Namen Eglador. Er gehört zu der Bezeichnung, die Thingols Volk sich selbst gab, nachdem es beim Aufbruch der Verwandten am Meer zurückgeblieben war: die Verlassenen, die den König suchten, statt Beleriand zu verlassen. Eglador benennt somit ein Volk und dessen Geschick, Doriath dagegen eine Einrichtung des Schutzes, und der Wechsel der Namen markiert den Wechsel von einem offenen Waldland zu einem umschlossenen Reich. Innerhalb der Grenze führten die Landesteile eigene Namen: Neldoreth im Norden mit seinen Buchenwäldern, Region im Süden, und Nivrim, die Westmark jenseits des Sirion. Der Sitz der Könige hieß Menegroth, die Tausend Grotten, nach den Hallen, die in den Fels der Uferklippen des Esgalduin getrieben wurden.

Die Namen überdauerten das Land, dem sie galten. Im Dritten Zeitalter erinnert sich Baumbart an Wälder der Älteren Tage und nennt Neldoreth in seiner älteren Form, was zeigt, wie tief diese Bezeichnungen im Gedächtnis der langlebigen Geschöpfe hafteten. Auch Doriath selbst bleibt in den Aufzeichnungen der Dúnedain gegenwärtig, wo die Abstammungslinien der Halbelben auf das Königshaus des Waldreichs zurückgeführt werden. In der lautlichen Beschreibung der elbischen Sprachen, die Tolkien seinem Hauptwerk beigab, sind die Regeln festgehalten, nach denen solche Namen zu lesen sind; sie erklären, weshalb das i vor dem folgenden Vokal eine eigene Silbe bildet und nicht mit ihm verschmilzt.

Land und Lage

Doriath lag im Binnenland Beleriands, ein geschlossenes Waldgebiet, das nicht von Gebirgen, sondern von Flussläufen und leeren Marken gefasst wurde. Im Westen gab der Sirion die Richtung vor, im Osten kamen der Aros aus Dorthonion und sein Zufluss Celon aus Himring herab und begrenzten das Reich zu den weiten Ebenen hin. Nach Süden lief das Waldland auf Aelin-uial zu, die Dämmerseen, wo sich die Gewässer stauten, ehe der Sirion in die Sümpfe eintrat. Im Norden schloss sich Ödland an: das menschenleere Dor Dínen zwischen Esgalduin und Aros und dahinter die Schlucht Nan Dungortheb am Fuß der Ered Gorgoroth, jenseits deren das Hochland Dorthonion aufragte. Das Reich war so von Räumen umgeben, die kaum jemand freiwillig durchquerte.

Im Inneren teilte der Esgalduin das Land. Er kam aus dem Norden, wandte sich nach Westen und trennte die nördlichen Wälder von Region im Süden, das dichter und weniger begangen war, ehe er sich mit dem Sirion vereinigte. Jenseits des Sirion lag Nivrim, ein Waldstreifen auf dem Westufer, der gleichwohl zum Reich gezählt wurde. Zugänge gab es wenige und sie lagen an den Rändern: im Nordosten die Furten des Aros, im Norden eine alte Steinbrücke über den Esgalduin, die den Weg zu den Hochländern hielt. Wer nicht diese Übergänge nahm, fand keine Straße, die durch die Wälder geführt hätte.

Die eigentliche Grenze des Reiches folgte jedoch keiner Küste, keinem Kamm und keinem Fluss durchgehend, sondern dem Verlauf, den Melian ihr gab. Sie schloss Nivrim jenseits des Stromes mit ein, ließ dagegen nördliche Waldstücke außerhalb, in denen Thingols Grenzwachen ohne diesen Schutz auskommen mussten. Von außen zeigte sich das Land als ein Wald wie andere auch; wer hineinwollte, verlor die Richtung, kehrte um oder ging in die Irre, sofern nicht der Wille der Königin oder des Königs ihn einließ. Im Mittelpunkt dieses umschlossenen Raums lagen die Hallen der Könige, die vom nördlichen Ufer her allein über eine Brücke zu erreichen waren, sodass der Sitz der Herrschaft ebenso abgeschirmt war wie das Reich selbst.

Geschichte

Das Reich entstand in den Jahren der Bäume, lange vor der Rückkehr der Noldor nach Mittelerde. Elwë, den sein Volk später Thingol nannte, war auf dem Zug zum Meer im Wald zurückgeblieben und kehrte erst nach langer Zeit wieder unter die Seinen, nun an der Seite Melians, einer Maia aus dem Gefolge der Valar. Die Zurückgebliebenen nahmen ihn als König an, und er richtete seine Herrschaft in den Wäldern zwischen Aros und Sirion ein. Als Melian von der Unruhe im Norden sprach, suchte Thingol einen festen Sitz für Haus und Hort: Zwerge aus den Blauen Bergen, vor allem aus Belegost, trieben ihm gegen reichen Lohn die Hallen in den Fels, und was ihre Steinmetzkunst schuf, formte sich nach dem Rat der Königin. Aus demselben Verkehr kamen Waffen und Rüstungen in ein Land, das bis dahin kaum gerüstet gewesen war.

Die erste Bewährung kam, als Morgoth aus dem Norden ausgriff und seine Heere über Beleriand warf. Thingol schlug den einen Angriff nieder, doch im Osten fiel Denethor, der Fürst der Grünelben, auf dem einzeln stehenden Hügel Amon Ereb, und sein Volk zog sich in die Wälder zurück. Erst nach diesem Krieg legte Melian ihre Bannmacht um das Waldland, und von da an war das Reich verschlossen. Als die Noldor aus dem Westen kamen, empfing Thingol ihre Fürsten zunächst mit Vorbehalt und beanspruchte die Oberherrschaft über Beleriand; später drang die Kunde vom Brudermord an den Küsten Amans nach Menegroth, und der König verbot in seinem Land den Gebrauch der Sprache, die die Verbannten mitgebracht hatten. Während der langen Belagerung Angbands blieb das Reich unbehelligt; erst als diese Belagerung zerbrach, drängten Flüchtlinge aus dem Norden an seine Marken.

In dieser Zeit trat der Mensch Beren über die Grenze, dem die Bannmacht keinen Weg verwehrte. Thingol setzte für die Hand seiner Tochter einen Preis fest, der einem Todesurteil gleichkam: einen der drei Silmaril aus Morgoths Krone. Was folgte, führte weit von Doriath fort, doch es endete am Hof des Königs. Denn der Werwolf Carcharoth, wahnsinnig von dem verschlungenen Stein, brach durch die Grenze, der noch niemand widerstanden hatte, und die Jagd auf ihn wurde in den Wäldern des Reiches geführt. Der Wolf wurde erlegt, Huan starb an seinen Wunden, und Beren empfing eine Verletzung, an der er starb. Lúthien folgte ihm in den Tod und kehrte mit ihm für eine kurze Frist zurück, doch nicht nach Menegroth: die beiden lebten fortan außerhalb des Reiches, und der Stein blieb bei ihnen.

Aus der fünften Schlacht hielt Thingol sein Volk heraus; nur Beleg und Mablung zogen ohne die Zustimmung des Königs zum Heer der Noldor und kehrten als wenige Überlebende zurück. Nach der Niederlage sandte Morwen ihren Sohn Túrin über die gefährlichen Wege nach Süden, und Thingol nahm ihn als Pflegesohn an. Der Junge wuchs in Menegroth auf, zog mit Beleg an die Nordmarken und verließ das Reich als Geächteter, nachdem er den Ratgeber Saeros in den Tod getrieben hatte; das nachträglich gesprochene Urteil des Königs erreichte ihn nicht mehr. Beleg erhielt Urlaub und ein schwarzes Schwert aus dem Schatz und folgte ihm; er kam nicht wieder. Später führte Mablung Späher bis vor Nargothrond, und auf diesem Weg verlor sich Túrins Schwester Nienor unter dem Bann des Drachen. Doriath verlor an dieser Geschichte drei seiner Getreuen und gewann nichts.

Den Anstoß zum Ende gab der aus langer Gefangenschaft entlassene Húrin, der das Halsband der Zwerge aus dem geplünderten Hort Nargothronds vor Thingol niederwarf und ihm bittere Vorwürfe machte. Der König ließ Zwerge aus Nogrod, die in Menegroth arbeiteten, den Silmaril in das Kleinod fassen. Über den fertigen Schmuck kam es zum Streit, und die Zwerge erschlugen Thingol in seinen eigenen Hallen. Mit seinem Tod wich Melian aus Mittelerde, und mit ihr fiel die Grenze, die das Land jahrhundertelang getragen hatte. Ein Heer aus Nogrod nahm die schutzlosen Hallen, plünderte den Hort und tötete viele; Mablung fiel vor den Türen der Schatzkammer. Auf dem Rückweg wurde dieses Heer an einer Furt des Gelion von Beren und den Grünelben gestellt, und die Baumhirten Ossiriands vernichteten, was entkommen war.

Ein letztes Mal richtete sich das Reich auf. Dior, der Sohn Berens und Lúthiens, kam nach Menegroth und wurde als Erbe angenommen; die Hallen wurden wieder bewohnt, und mit dem Tod seiner Eltern gelangte das Halsband samt dem Stein in seine Hand. Auf die Forderungen der Söhne Feanors antwortete er nicht, und im Winter fielen sie über das wehrlose Land her. In der zweiten Verwandtenschlacht der Elben starben Dior und seine Gemahlin Nimloth, und mit ihnen fielen Celegorm, Curufin und Caranthir; die beiden kleinen Söhne des Königs wurden im Wald ausgesetzt und nie gefunden. Elwing entkam mit dem Silmaril zu den Mündungen des Sirion, wo sich die Überlebenden sammelten. Doriath wurde nicht wieder aufgerichtet; das Land blieb leer, bis es beim Untergang Beleriands mit allem übrigen im Meer versank.

Volk und Herrschaft

Die Bewohner des Reiches waren die Sindar, jener Teil der Teleri, der in Beleriand geblieben war und nie das Meer überquerte. Sie führten sich auf Elwë zurück, der als Thingol Graumantel über sie herrschte, und sie sprachen die Sprache, die sich in Mittelerde aus dem gemeinsamen elbischen Erbe entwickelt hatte. Neben ihnen lebten im Reich Angehörige der Nandor, die aus Ossiriand kamen, und in den späteren Zeiten fanden auch Elben aus anderen Teilen des zerfallenden Beleriands hier Aufnahme. Menschen dagegen wurden nicht eingelassen, mit den bekannten Ausnahmen, die die Erzählungen tragen: Beren, der Sohn Barahirs, und Túrin mit den Seinen, denen der König um seiner Verwandtschaft und um alter Treue willen die Grenze öffnete. Die Herrschaft war doppelt: König und Königin regierten gemeinsam, und Melians Rat wog in den Entscheidungen des Hofes schwer, wenngleich Thingol ihm nicht immer folgte.

Um den Thron ordnete sich ein Kreis von Verwandten und Dienstleuten, deren Aufgaben in den Berichten deutlich hervortreten. Mablung führte die Truppen des Königs und trug den Beinamen der Schweren Hand; Beleg Cúthalion hielt als Bogenschütze die Nordmarken, wo das Land ohne den Schutz der Grenze auskommen musste; Saeros gehörte zu den Ratgebern, und Daeron war der Spielmann des Hofes und der Erfinder der Zeichen, mit denen die Sindar zu schreiben begannen. Thingols nächste Verwandte trugen eigene Fürstentümer außerhalb: seine Schwester Elmo stand am Anfang der Linie, aus der Celeborn stammte, und der Zusammenhang mit Nargothrond kam über Galadriel und ihren Bruder Finrod zustande, der Menegroth besuchte, ehe er seine eigene Feste gründete. Die Erbfolge lief allein über die Tochter, denn Thingol hatte keinen Sohn; nach seinem Tod ging der Anspruch über Lúthien auf Dior, in dem sich Elben, Menschen und die Maia-Herkunft Melians vereinten.

Nach außen beanspruchte Thingol mehr, als er zu schützen vermochte. Er nannte sich Herrn von Beleriand und wollte, dass die aus dem Westen zurückgekehrten Fürsten der Noldor ihre Sitze nur mit seiner Erlaubnis nähmen; wirklich durchgesetzt hat er das nirgends, doch das Verhältnis zu den Häusern Feanors blieb kühl und wurde nach der Kunde von Alqualonde offen feindselig. Mit den westlichen Noldor und mit Fingolfins Haus bestand dagegen Verkehr, und die Grünelben Ossiriands hielten sich, seit ihr Fürst gefallen war, an Doriath. Dauerhaft und für beide Seiten einträglich war allein der Umgang mit den Zwergen der Blauen Berge, die Waren, Werkarbeit und Waffen brachten und dafür Lohn aus dem Hort empfingen — eben jener Verkehr, der später den Anlass zum Untergang gab. Gegen Angband führte das Reich keine gemeinsame Sache: Thingol beteiligte sich weder am Bündnis noch an dem großen Aufgebot, das ihm folgte, und wahrte eine Neutralität, die das Land lange erhielt und es am Ende doch nicht rettete.

In der Erzählung

Erzählerisch ist Doriath vor allem eine Schwelle. Fast alles, was dort geschieht, setzt damit ein, dass jemand hereinkommt, der nicht hereingehört, und der Bericht hält bei jedem Einzelnen fest, wodurch ihm der Zutritt gelang: durch ein Schicksal, das stärker war als der Bann, durch die Fürsprache der Königin, durch Verwandtschaft und alte Verpflichtung oder durch schiere Verzweiflung. Das Reich selbst bewegt sich in diesen Geschichten kaum; es ist der ruhende Punkt, an dem Fremde ankommen, empfangen, geprüft und wieder fortgeschickt werden. So bezeichnet Doriath in der Fabel jenen Ort, an dem Ruhe und Schutz vollständig verwirklicht sind — und an dem gerade darum sichtbar wird, was Schutz kostet.

Auffällig ist, dass in Menegroth weniger gekämpft als gesprochen wird. Die Wendepunkte des Reiches sind Wortereignisse: eine Bedingung, die als Abweisung gemeint ist und angenommen wird; ein höhnischer Spott bei Tisch, der einen Tod nach sich zieht; ein Urteil, das zu spät ergeht; eine Anklage, die ein Heimkehrer vor den Thron wirft; ein Streit über den Lohn einer Arbeit. Der Hof ist der Schauplatz, an dem Stolz sich in Sätzen äußert und Sätze bindend werden. Wer die Erzählungen nebeneinanderlegt, sieht dieselbe Bewegung mehrfach: Das Reich wird nicht bezwungen, sondern verredet, und die Bannmacht, die jedes Heer aufhielt, hatte gegen ein unbedachtes Wort im Inneren nichts einzuwenden.

Über das Erste Zeitalter hinaus dient Doriath als Maßstab. Die späteren verborgenen Reiche werden an ihm gemessen, und noch im Dritten Zeitalter ist es der Stoff, aus dem erzählt wird: Am Lagerfeuer unterhalb der Wetterspitze gibt Streicher den Hobbits die Geschichte Berens und Lúthiens weiter, und er tut es als einer, den diese Geschichte unmittelbar angeht. Die Wälder Neldoreths erscheinen dort nicht als Landeskunde, sondern als Bild einer Schönheit, die vergangen und dennoch wirksam ist. Doriath steht damit im Werk für das, was uneinnehmbar schien, verloren ging und in der Überlieferung weiterlebt — ein Ort, dessen Bedeutung erst durch die Erinnerung derer entsteht, die ihn nie gesehen haben.

Entwürfe und Varianten

In der ältesten Fassung der Mythologie, den frühen Erzählungen aus dem Jahr 1917, trug das Waldreich noch den Namen Artanor, das Land jenseits, und sein Herr hieß Tinwelint; die Königin an seiner Seite war Gwendeling, in noch früherer Schreibung Wendelin, eine Fee, deren Zauber die Pfade verwirrte und Fremde von den Wohnstätten ihres Volkes fernhielt. Dieser Vorläufer der späteren Grenze war noch keine benannte Einrichtung des Reiches, sondern eine persönliche Kunst der Königin. Auch die Bewohner waren anders gezeichnet: Tinwelints Hof erscheint schlichter, waldläuferischer und ärmer als das spätere Menegroth. Vor allem aber war Beren in der ersten Niederschrift der Geschichte um Tinúviel kein Sterblicher, sondern ein Elb aus dem Volk der Noldoli, und die Ablehnung des Königs richtete sich gegen den schlechten Ruf dieses Volkes, nicht gegen die Sterblichkeit des Freiers. Der Gegenspieler auf dem Weg zum Silmaril war damals Tevildo, der Fürst der Katzen.

Auch das Ende des Reiches sah zunächst anders aus. In der frühen Erzählung vom Nauglafring bringt Úrin das Gold Nargothronds nicht allein, sondern mit einer Schar wilder Gefährten in die Hallen, und der König fällt am Ende in offener Schlacht gegen das Zwergenheer, nicht im Streit in seinen eigenen Räumen. Der Name Doriath setzte sich erst mit den Stabreimdichtungen und den Prosafassungen der dreißiger Jahre durch, in denen auch Thingol und Melian ihre bleibenden Namen erhielten, während die Wortlisten derselben Jahre die sprachliche Herleitung festhalten. Die Bezeichnung Eglador für die Zeit vor der Grenzziehung stammt dagegen aus späten begrifflichen Ausarbeitungen. Der Herausgeber hat später offengelegt, dass für den Untergang des Reiches keine späte zusammenhängende Erzählung vorlag und das entsprechende Kapitel des veröffentlichten Textes aus älteren Schichten und knappen Notizen zusammengesetzt werden musste — der weitreichendste redaktionelle Eingriff des ganzen Buches.