Name und Benennung
Der Name „Gelion“ gehört zu den Flussnamen Beleriands, die das Silmarillion ohne weitere Erläuterung einführt. Anders als bei manchen Orten, deren Bedeutung der Erzähltext beiläufig mitliefert, bleibt er hier unübersetzt und unkommentiert. Er begegnet stets in derselben Form, einen zweiten Namen für den Fluss selbst kennt die Darstellung nicht. Auch die deutsche Ausgabe übernimmt ihn unverändert, sodass sich zwischen den Sprachfassungen keine Namensfrage stellt. Wer die Benennung vornahm und in welcher Zeit, sagt der Text nicht. Eine Deutung über die bloße Form hinaus lässt sich allein aus den publizierten Erzählwerken daher nicht gewinnen.1
Aufschlussreicher als die Etymologie ist die Art, wie der Name weitergegeben und aufgeteilt wird. Im Norden speisen den Strom zwei Quellarme, und beide tragen den Namen des Hauptflusses mit einem unterscheidenden Zusatz: der Kleine Gelion, der vom Himring herabkommt, und der Große Gelion, der am Berg Rerir entspringt. Die Benennung folgt damit keinem eigenen Namen für jeden Oberlauf, sondern ordnet beide dem einen Fluss unter, dessen Namen sie weitertragen. So wird schon in der Namensgebung sichtbar, dass die Beschreibung den Gelion als zusammenhängendes Ganzes versteht, auch dort, wo er sich in zwei Läufe gliedert.2
Mittelbar lebt der Fluss auch im Namen einer Landschaft fort. Ossiriand, das Land zwischen Gelion und den Blauen Bergen, heißt das Land der Sieben Flüsse, und diese Zählung schließt den Gelion selbst ein: Zu ihm kommen die sechs Zuflüsse, die aus dem Gebirge herabströmen, nämlich Ascar, Thalos, Legolin, Brilthor, Duilwen und Adurant. Einer von ihnen erhielt später einen zweiten Namen, denn der Ascar wurde als Rathloriel, als Goldbett, bekannt. Für den Gelion ist eine solche Umbenennung nicht überliefert. Er bleibt in dieser Siebenzahl der eine Strom, dem die anderen ihr Wasser zuführen und nach dem sich das Gefüge der Namen östlich von ihm ordnet.3
Lauf und Lage
Der Gelion ist der östliche Hauptstrom Beleriands und bildet das Gegenstück zum Sirion im Westen. Zwischen beiden erstreckt sich Ostbeleriand, dessen Breite die Darstellung vom einen Fluss bis zum anderen bemisst. Seine Wasser sammelt der Gelion im Norden aus den beiden schon genannten Quellarmen, die von den Höhen am Rand der Marschen herabkommen. Von dort wendet er sich nach Süden und durchzieht in langem Lauf das ganze Land bis in die Nähe des Meeres. An Länge übertrifft er den Sirion, an Breite und Wasserfülle bleibt er hinter ihm zurück. Die Beschreibung begründet das mit dem Regen: Über Hithlum und Dorthonion, woher der Sirion sein Wasser bezieht, fällt mehr davon als in den östlichen Landen.1
Nach Osten trennt der Fluss Beleriand von den Landen am Fuß der Ered Luin, der Blauen Berge. Im Norden liegt jenseits von ihm Thargelion, das Gebiet zwischen dem Gelion, dem Berg Rerir und dem See Helevorn, das Caranthir in Besitz nahm und das nach ihm auch Dor Caranthir hieß. Weiter südlich schließt sich Ossiriand an, dessen Zuflüsse bereits erwähnt wurden; in seinen Wäldern wohnten die Grünelben. Auf dem westlichen Ufer dagegen dehnen sich die weiten, dünn besiedelten Landschaften Ostbeleriands, im Süden bis an den Wald zwischen den Flüssen, Taur-im-Duinath, der das wilde Land zwischen Sirion und Gelion unterhalb der großen Geländestufe bedeckt.2
Als Grenze war der Gelion zugleich eine Stelle des Übergangs. Die Straße, auf der die Zwerge aus Nogrod und Belegost über das Gebirge nach Beleriand zogen, folgte dem Lauf des Ascar und überquerte den Gelion an einer Furt, Sarn Athrad, der Steinfurt. Damit lag an diesem Fluss einer der wenigen festen Verbindungswege zwischen den Hallen der Zwerge im Osten und den Reichen der Elben im Westen. Der Strom schied also nicht nur zwei Landschaften voneinander, sondern bestimmte auch, wo Reisende aus dem Gebirge ins Innere Beleriands gelangten.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath
Geschichte
Die frühesten Nachrichten über das Land am Gelion stammen aus der Zeit, bevor die Noldor nach Mittelerde zurückkehrten. Ein Teil der Nandor, die sich auf der Großen Wanderung von den übrigen Eldar getrennt hatten, zog unter der Führung Denethors über die Blauen Berge nach Westen und ließ sich in Ossiriand nieder. Damit wurde der Strom zur Westgrenze eines Volkes, das in den Wäldern jenseits von ihm wohnte und das Land lange ohne feste Burgen hielt. Als die ersten Scharen Morgoths nach Beleriand vordrangen, kamen diese Elben dem König Thingol zu Hilfe. Denethor fiel dabei auf dem Hügel Amon Ereb, und sein Volk zog sich danach in die Verborgenheit seiner Wälder zurück.1
Mit der Ankunft der Noldor erhielt die Landschaft zu beiden Seiten des Flusses neue Herren. Die Söhne Feanors nahmen den Osten Beleriands in Besitz und sicherten ihn gegen den Norden: Maedhros hielt den Himring, Maglor die offene Lücke zwischen den nördlichen Höhen und den Blauen Bergen, die nach ihm benannt wurde. Caranthir setzte sich jenseits des Stroms im Nordosten fest, während Amrod und Amras weiter südlich in den weiten Ländern Ostbeleriands umherzogen. In Caranthirs Gebiet begegneten die Noldor erstmals den Zwergen, und zwischen beiden entstand ein Handel, der mehr aus Nutzen als aus Zuneigung erwuchs. Der Gelion lag so während der langen Belagerung Angbands mitten im Machtbereich des Hauses Feanor.2
Auch die Menschen erreichten Beleriand zuerst über die Blauen Berge und damit durch die Länder am östlichen Ufer. Ein Teil von ihnen, das Volk, das später nach Haleth benannt wurde, wohnte eine Zeit lang in Thargelion. Dort überfiel es ein Heer von Orks, und die Bedrängten verschanzten sich hinter einem Palisadenwall im Winkel zwischen dem Gelion und dem Ascar. Ihr Anführer Haldad und dessen Sohn fielen in den Kämpfen, doch Haleth hielt mit den Übrigen stand, bis Caranthir nach sieben Tagen mit seinen Reitern kam und die Belagerer vertrieb. Danach verließ ihr Volk das Land am Fluss und zog nach Westen weiter.3
Die Ordnung am Oberlauf zerbrach in der Schlacht des Jähen Feuers, mit der Morgoth die Belagerung beendete. Durch Maglors Lücke drangen die Orks nach Ostbeleriand ein, verwüsteten Caranthirs Land und zwangen Maglor, sich zu Maedhros auf den Himring zurückzuziehen. Caranthir wich mit Amrod und Amras nach Süden aus, wo sie ihre Leute bei Amon Ereb sammelten. In der Folge kamen Scharen östlicher Menschen über das Gebirge in die Länder am Fluss; einige von ihnen schlossen sich den Söhnen Feanors an. Nach der Niederlage im Krieg der Ungezählten Tränen war die Macht der Feanorer im Osten gebrochen, und ihre Leute lebten zerstreut und ohne feste Sitze.4
Das folgenreichste Ereignis am Fluss selbst fällt in die späte Zeit des Ersten Zeitalters. Zwerge aus Nogrod hatten Menegroth geplündert und Thingol erschlagen, und auf dem Heimweg nahmen sie mit ihrer Beute die Straße über die schon erwähnte Steinfurt. Beren erwartete sie dort mit den Grünelben aus Ossiriand und überfiel sie mitten beim Durchqueren des Wassers. Er tötete den Herrn von Nogrod und nahm ihm das Halsband mit dem Silmaril ab; die entkommenen Zwerge wurden in den Wäldern am Gebirge von den Hirten der Bäume vernichtet. Den übrigen Schatz versenkten die Sieger im nahen Ascar, woher dessen späterer Beiname rührt.5
Ein eigenes Ende des Gelion schildert die Überlieferung nicht. Im Krieg des Zorns, mit dem die Valar Morgoth stürzten, wurde der Norden der Welt zerrissen, das Meer brach in weite Teile Beleriands ein, und das Land, das zwischen Sirion und Gelion gelegen hatte, verschwand in den Fluten. Erhalten blieb nur ein schmaler Streifen westlich der Blauen Berge, der im Zweiten Zeitalter den Namen Lindon trug und in dem Gil-galad herrschte. Ob und in welcher Gestalt der Fluss dort fortbestand, sagt der Text nicht. Mit dem Untergang Beleriands endet daher auch die überlieferte Geschichte des Stroms.6
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 13, Of the Return of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
- 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle
- 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath
- 6Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
Völker und Herrschaft
Am Gelion trafen zwei ganz verschiedene Formen von Herrschaft aufeinander. Östlich des Stroms lebten die Grünelben Ossiriands, die Laiquendi, die nach dem Tod Denethors keinen König mehr über sich setzten. Sie waren ein Volk von Waldläufern, gewandt darin, sich ungesehen durch ihr Land zu bewegen, und hielten sich von den Händeln der Mächtigen fern. Wie empfindlich sie ihr Gebiet hüteten, zeigt ihr Verhalten gegenüber den ersten Menschen, die über das Gebirge in ihre Wälder kamen. Die Grünelben fühlten sich von den Neuankömmlingen bedrängt und wandten sich an Finrod mit der Bitte, er möge sie weiterziehen lassen, da sie das Fällen der Bäume nicht duldeten.1
Westlich und nördlich des Flusses beruhte die Ordnung dagegen auf der Herrschaft der Söhne Feanors, die über weite, kaum bewohnte Landstriche geboten. Ihre Macht stützte sich auf Burgen und Heerscharen, nicht auf ein zahlreiches ansässiges Volk. Später traten Menschen aus dem Osten in ihren Dienst, und daran lässt sich ablesen, wie unterschiedlich die Bindungen ausfielen. Bor und seine Söhne folgten Maedhros und Maglor und blieben ihnen treu. Ulfang der Schwarze und seine Söhne Ulfast, Ulwarth und Uldor schlossen sich dagegen Caranthir an und brachen diese Gefolgschaft in der Fünften Schlacht durch Verrat.2
Eine eigene, stille Herrschaft entstand östlich des Stroms, als Beren und Lúthien nach ihrer Rückkehr auf Tol Galen wohnten, der Insel im Fluss Adurant. Dieses Land hieß Dor Firn-i-Guinar, und dort wuchs ihr Sohn Dior heran, bevor er nach Doriath ging, um Thingols Erbe anzutreten. Die Zwerge dagegen blieben am Gelion stets Nachbarn und niemals Bewohner. Sie hatten ihre Hallen jenseits der Blauen Berge und betraten die Länder am Fluss nur auf ihren Handelszügen.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 19, Of Beren and Lúthien; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath
Rolle in der Erzählung
In der Erzählung ist der Gelion selten Schauplatz und häufig Maßstab. Das Silmarillion zieht ihn heran, wenn es Beleriand als Ganzes überblickt und seine Weite fassbar machen will. Die großen Geschichten des Ersten Zeitalters spielen dagegen fast alle westlich von ihm, in Doriath, Nargothrond, Gondolin und Hithlum. So markiert der Strom den äußeren Rand der Bühne, auf der die Kriege gegen Morgoth ausgetragen werden. Was jenseits seines Ufers liegt, bleibt meist im Hintergrund und rückt nur an wenigen Stellen ins Licht.1
Für die Erzählung ist der Fluss vor allem eine Schwelle. Wer aus dem Osten nach Beleriand kommt, muss ihn überschreiten, und so treten Neuankömmlinge hier zum ersten Mal in die Handlung ein, wie die bereits geschilderten Wege von Elben, Zwergen und Menschen zeigen. Besonders deutlich wird das bei der ersten Begegnung zwischen Elben und Menschen. Finrod trifft das Volk Beors nicht im Herzen des Landes, sondern jenseits des Gelion in den Tälern am Fuß des Gebirges. Die Geschichte der Menschen im Westen beginnt damit ausdrücklich am östlichen Rand, von dem aus sie Schritt für Schritt ins Innere vordringen.2
Seinen gewichtigsten Auftritt hat der Fluss, als der Weg des Silmaril ihn kreuzt. Der schon erzählte Überfall an der Furt ist mehr als ein Rachezug: Hier kehrt der Stein aus fremder Hand zu denen zurück, die ihn einst errungen hatten. Zugleich zeigt die Szene, welche Bedeutung das Land östlich des Stroms im Buch trägt. Es ist ein Ort des Rückzugs, abseits der Kriege, in dem Beren und Lúthien ihr zweites Leben verbringen und aus dem sie nur dieses eine Mal hervortreten. Der Gelion trennt in diesem Sinn die Welt der Kämpfe von einem stillen Rest, den die Erzählung bewusst unerzählt lässt.3