Herkunft, Wesen und Namen
Ungoliant gehört zu den wenigen Gestalten der Ältesten Tage, deren Ursprung im überlieferten Bericht bewusst offengelassen bleibt. Die Quenya-Form ihres Namens lautet Ungoliantë; die im Deutschen wie im Englischen gebräuchliche Kurzform Ungoliant entspricht der Sindarin-Gestalt. Das Wortelement, das dem Namen zugrunde liegt, verweist auf die dunkle Spinne — jene Bedeutung, die im Sindarin-Wort für Spinne wiederkehrt und die auch dem Namen ihres späten Nachkommen Kankra zugrunde liegt. Die Aussprache folgt den allgemeinen Regeln des Anhangs zur Aussprache: Das „g“ bleibt stets hart, und der Ton liegt auf der mittleren Silbe. Die Elben Beleriands kannten sie überdies unter dem Namen Ungol, dem die Spinnenschluchten des Ered Gorgoroth ihre Bezeichnung verdanken.
Über ihr Wesen berichtet die Überlieferung mit auffälliger Zurückhaltung. Manche sagten, sie sei ursprünglich eines jener Geschöpfe gewesen, die Melkor in der Frühzeit der Welt verdorben habe; doch dieselbe Überlieferung räumt ein, dass sie ihm nie wirklich diente, sondern allein sich selbst und ihrem Hunger. Andere Deutungen sahen in ihr etwas, das aus der Finsternis selbst hervorgegangen war, die Arda umgibt — ein Wesen also, dessen Anfang außerhalb der bekannten Geschichte der Welt läge. Der Bericht entscheidet zwischen diesen Möglichkeiten nicht, und gerade diese Unentschiedenheit gehört zu ihrer Gestalt: Sie steht außerhalb der geordneten Ränge der Ainur wie der Kinder Ilúvatars.
Ihre Erscheinung war die einer ungeheuren Spinne, doch war diese Gestalt angenommen und nicht notwendig ursprünglich. Sie besaß die Fähigkeit, Licht in sich aufzunehmen und in ein Gespinst der Finsternis zu verwandeln, das mehr war als bloße Abwesenheit von Helligkeit: ein Unlicht, das Blicke und selbst Körper einzuschließen vermochte. Vor den Ereignissen, von denen andernorts zu berichten ist, hauste sie in Avathar, dem schmalen, schattigen Küstenstreifen zwischen den Pelóri und dem Meer im Süden Amans, den weder Valar noch Elben aufsuchten. Dort nährte sie sich von allem, was sie erreichen konnte, und wuchs in Hunger und Kraft, während die Erinnerung an sie in Valinor nahezu erlosch.
Geschichte
Ungoliant tritt in die überlieferte Geschichte erst in jenem Augenblick ein, in dem Melkor sie aufsucht. Nach seiner erzwungenen Rückkehr in die Gefangenschaft war er begnadigt worden, hatte sich aber dem Frieden Valinors nie gefügt; als seine Ränke unter den Noldor aufgedeckt waren, verließ er Valmar und wandte sich, allen Erwartungen zuwider, nicht nach Norden, sondern in den Süden. In Avathar suchte er das Wesen auf, von dem in Valinor kaum noch jemand wusste, und bot ihm ein Bündnis an. Ungoliant zögerte, denn sie fürchtete die Macht der Valar und wollte den Schutz ihrer Schatten nicht verlassen; erst als Melkor ihr schwor, ihren Hunger reichlich zu stillen und ihr alles zu geben, was sie begehre, willigte sie ein. Der Bericht hält fest, dass sie ihm dabei nie unterworfen war, sondern einen Handel schloss, dessen Bedingungen sie später einzufordern gedachte.
Von Avathar aus wob sie ein Gespinst der Finsternis um sich und ihren Verbündeten, in dem beide unsichtbar wurden, und erklomm mit ihm die Südflanke der Pelóri. Auf den Höhen des Hyarmentir, des höchsten Berges jener Gegend, sahen sie über das Land hinweg; dann ließ sie sich an einer Leiter aus ihren eigenen Fäden auf die andere Seite hinab, und ungesehen zogen die beiden über die Ebene nach Valmar. Der Zeitpunkt war gewählt: In Valinor wurde ein hohes Fest gefeiert, zu dem sich die Valar und ein großer Teil der Elben nach Taniquetil begeben hatten, und die Wachsamkeit war so gering wie nie zuvor. So erreichten sie den grünen Hügel Ezellohar in der Stunde, da sich das Licht beider Bäume mischte.
Was dort geschah, gilt als der entscheidende Einschnitt der Ältesten Tage. Melkor stieß die Bäume mit seinem Speer an, und Ungoliant trank, was aus den Wunden hervorquoll, bis Laurelin und Telperion bis in die Wurzeln erschöpft und tot waren. Danach leerte sie auch die Brunnen der Varda, in denen der Tau der Bäume gesammelt worden war, und wuchs dabei zu einer Gestalt von solchem Ausmaß, dass Melkor selbst vor ihr zu erschrecken begann. Ihr Unlicht breitete sich über Valinor aus und lähmte jeden Widerstand; Orome und Tulkas nahmen die Verfolgung auf, verloren aber in der Finsternis jede Spur. Unter diesem Schutz flohen beide nordwärts, und Melkor brach unterwegs in die Feste Formenos ein, erschlug Finwe und nahm die dort verwahrten Juwelen der Noldor samt den Silmaril an sich.
Über die Öden Aramans und das Eis des Helcaraxe gelangten die beiden nach Mittelerde, und in dem Küstenland, das später Lammoth heißen sollte, forderte Ungoliant ihren Lohn. Melkor gab ihr zunächst die Edelsteine aus Formenos, die sie einen nach dem anderen verschlang, sodass sie noch größer und finsterer wurde; die Silmaril jedoch, die er in seiner Faust barg, wollte er nicht hergeben. Da umspann sie ihn mit ihren Fäden und drohte ihn zu ersticken. Sein Schrei war so gewaltig, dass die Berge davon widerhallten und dem Land seinen Namen gaben; er rief die Balrogs aus den Tiefen Angbands herbei, die mit ihren Feuerpeitschen das Gespinst zerrissen und Ungoliant vertrieben. Damit endete das Bündnis, das die Zwei Bäume vernichtet hatte, nach kaum mehr als der Zeit einer Flucht.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Ungoliant zog sich in das Bergland des Ered Gorgoroth zurück, in dessen finsteren Tälern sie sich niederließ. Dort vermischte sie sich mit den Spinnengeschöpfen jener Gegend und verschlang sie danach; ihre Brut aber blieb und machte Nan Dungortheb zu einem Land, das von Norden wie von Süden gemieden wurde. Wer es dennoch durchquerte, ging durch Grauen, das der Bericht nicht ausmalt: Beren gelangte auf seinem Weg aus Dorthonion nach Doriath durch dieses Tal, und es heißt, dass er den Übergang nie zu schildern vermochte. Von Ungoliant selbst verliert sich die Spur; sie wanderte, so wird berichtet, weiter in die alten Wildnisse des Südens, und ihr Ende ist unbezeugt. Eine Überlieferung will wissen, dass ihr Hunger sie zuletzt selbst verzehrte, doch der Bericht gibt dies nur als Vermutung.
Ihre Nachkommenschaft überdauerte die Untergänge Beleriands und blieb noch in den Zeitaltern danach wirksam. Als letzte ihres Geschlechts, die der Welt zu schaffen machte, gilt Kankra, die in den Schluchten oberhalb des Passes an der Westgrenze Mordors hauste und dort schon lange saß, ehe Sauron zurückkehrte; sie stellte kein Bündnis mehr, sondern nahm, was in ihre Reichweite geriet, und Sauron duldete sie als Wächterin seines Weges. Im März des Jahres 3019 des Dritten Zeitalters begegneten ihr Frodo Beutlin und Samweis Gamdschie auf dem Weg nach Mordor und entkamen ihr verwundet. So reicht die Wirkung Ungoliants, deren eigenes Ende ungeklärt bleibt, in den Bericht vom Ringkrieg hinein.
Rolle im Legendarium, Macht und ihre Grenzen
Innerhalb der Ordnung Ardas nimmt Ungoliant eine Stellung ein, die keiner der überlieferten Kategorien recht entspricht. Sie ist weder ein Diener Melkors im Sinne der Balrogs noch ein verdorbenes Geschöpf der Kinder Ilúvatars, sondern tritt als eigenständige Macht auf, die Bündnisse schließt und wieder aufkündigt, sobald ihr Vorteil es verlangt. Der Bericht ordnet sie damit einer schmalen Reihe von Wesen zu, deren Bosheit nicht aus Herrschsucht, sondern aus reinem Verlangen erwächst: Sie begehrt nicht Macht über andere, sondern Aufnahme in sich selbst. Diese Ausrichtung bestimmt zugleich ihre erzählerische Funktion, denn sie ist das Werkzeug, das den entscheidenden Verlust der Ältesten Tage überhaupt möglich macht — Melkor allein hätte die Zwei Bäume wohl verwunden, nicht aber ihr Licht aus der Welt tilgen können.
Ihre eigentliche Fähigkeit liegt im Umgang mit Licht. Sie vermag es nicht nur zu verzehren, sondern in sein Gegenteil zu verwandeln: in eine Finsternis, die als stoffliches Gewebe wirkt und in der auch Sehende blind werden, weil der Blick selbst darin verschlungen wird. Diese Dunkelheit hemmt die Gedanken derer, die in sie geraten, und der Überlieferung nach war sie stark genug, die Verfolgung durch Valar aufzuhalten. Hinzu treten Fäden von solcher Festigkeit, dass sie als Leiter über Gebirgshänge dienen und selbst einen der Mächtigen zu binden vermögen. Bezeichnend ist, dass ihre Kraft mit dem wächst, was sie aufnimmt: Nach dem Trunk aus den Bäumen und den Brunnen der Varda schwoll sie zu einer Gestalt an, vor der ihr eigener Verbündeter Furcht empfand.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Ebenso deutlich benennt die Überlieferung die Grenzen dieser Macht. Ungoliant fürchtete die Valar und war zunächst nicht bereit, den Schutz ihrer Schatten zu verlassen; ihr Wirken hing an Heimlichkeit und an einem günstigen Augenblick, nicht an offener Stärke. Ihr Unlicht bot keinen Schutz gegen Feuer, denn die Peitschen der Balrogs zerschnitten das Gespinst, das Melkor umschlossen hielt, und trieben sie in die Flucht. Vor allem aber blieb ihr das Höchste versagt, wonach sie griff: Die Silmaril, in denen das Licht der Bäume unverderblich gebunden war, entzog ihr Melkor, und sie erlangte sie nie. Ihr Hunger schließlich ist kein bloßes Merkmal, sondern die Grenze ihres Wesens — er treibt sie zu immer neuem Verschlingen, ohne je gestillt zu werden, und in dieser Unersättlichkeit liegt nach einer Deutung des Berichts auch die Ursache ihres unbezeugten Endes.
Beziehungen
Die einzige Bindung, die Ungoliant je einging, war das Zweckbündnis mit Melkor, und schon dessen Form sagt viel über sie. Sie trat ihm nicht als Dienerin gegenüber, wie es die Balrogs oder später Sauron taten, sondern als Vertragspartnerin, die eine Gegenleistung verlangte und deren Einlösung sie zur gegebenen Zeit einforderte. Der Bericht zeichnet das Verhältnis von Anfang an als eines wechselseitigen Misstrauens: Sie fürchtete seine Macht, er brauchte ihren Hunger, und keiner von beiden schuldete dem anderen Treue. Ungoliant ist damit das einzige Wesen, das Melkor einen Teil seiner Beute abnötigte und ihn zwang, gegen einen vermeintlichen Verbündeten Hilfe zu rufen. Dass ihre Verbindung nicht an einer Niederlage zerbrach, sondern an der Frage des Lohns, macht ihre Eigenständigkeit sichtbarer als jede Schilderung ihrer Kräfte.
Auffällig ist, wie leer das Geflecht ihrer übrigen Beziehungen bleibt. Sie hat keine Eltern und kein Volk, keinen Herrn und keine Gefolgschaft; sie gehört weder zu den Ainur, die einander in Rängen zugeordnet sind, noch zu den Geschlechtern der Elben und Menschen, die die Überlieferung sorgfältig verzeichnet. Auch zu den Valar besteht kein eigentliches Gegnerverhältnis, sondern ein beiderseitiges Ausweichen: Sie mied ihre Nähe, und sie wurde von ihnen weder gerichtet noch verfolgt, solange sie in ihrem Schattenland blieb. Selbst ihre Nachkommenschaft entstand nicht aus einer Verbindung, die Bestand hatte, denn sie verschlang, womit sie sich gepaart hatte. Mutterschaft ohne Fürsorge, Bündnis ohne Bindung — was bei anderen Gestalten Verwandtschaft heißt, erscheint bei ihr nur als eine weitere Form der Aufnahme in sich selbst.
In der einzigen ihrer Nachkommen, von der die späteren Berichte ausführlicher erzählen, kehrt dieses Muster wieder. Kankra, die als letztes Kind ihres Geschlechts gilt, kannte keinen Herrn und keinen Dienst; sie hauste für sich, nahm, was ihr in die Reichweite kam, und unterschied dabei nicht zwischen den Geschöpfen des Feindes und dessen Widersachern. Sauron rechnete mit ihr wie mit einer Gegebenheit des Geländes, ließ ihr gelegentlich Gefangene und nutzte ihre bloße Anwesenheit als Sperre seines westlichen Zugangs, ohne sie je zu befehligen. Auch hier also kein Bündnis, sondern eine Duldung, aus der beide Seiten Vorteil zogen. Die Ähnlichkeit ist kein Zufall der Überlieferung, sondern ihr Befund: Was Ungoliant an die Welt weitergab, war nicht Herrschaft und nicht Lehre, sondern eine Art zu sein, die keine Beziehung kennt außer der zwischen Fresser und Fraß.
Entwürfe und Fassungen
Die Gestalt gehört zu den ältesten Bestandteilen des Legendariums und ist bereits in den frühesten Erzählungen ausgebildet, dort allerdings unter anderen Namen. In der Fassung der verlorenen Geschichten heißt sie Ungwë Lianti oder Ungweliantë, daneben in der noldorischen Sprachform jener Zeit Gwerlum sowie Wirilómë, was als „Düsterweberin“ gedeutet wird. Eine der beigegebenen Namenserklärungen setzt sie mit Móru gleich, der als Person gedachten Urnacht — eine Deutung, die ihre spätere Herkunftsfrage bereits vorwegnimmt und zugleich weiter geht, als die endgültige Fassung es je tut. Sie haust hier in Arvalin, dem Schattenland jenseits der Berge, das in der Ortsnamengeschichte dem späteren Avathar entspricht. Der Kern der Handlung steht schon fest: das Abkommen mit Melko, das Aufsaugen des Lichts der beiden Bäume und das Leeren der Gefäße, in denen ihr Licht gesammelt war.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
In den zusammenfassenden Prosafassungen der Zwischenzeit — der frühesten Kurzform der Mythologie und der aus ihr hervorgegangenen Quenta — verfestigt sich die Namensform zu Ungoliant beziehungsweise Ungoliantë, während die Beinamen der Frühzeit zunächst noch mitlaufen und dann entfallen. Erst in diesem Stadium tritt jene Szene hinzu, die den Bruch des Bündnisses trägt: der Streit um die Beute nach der Flucht aus Aman, die Umgarnung des Feindes und sein Hilferuf, der die Balrogs herbeiführt. In den späteren Annalen wird der Bericht ausgearbeitet und erhält weitgehend die Gestalt, in der ihn der veröffentlichte Text bietet. Bemerkenswert ist, dass Tolkien über alle Fassungen hinweg die Frage nach Ursprung und Ende nicht entschied, sondern die Unsicherheit ausdrücklich in den Erzähltext hineinnahm; was in den frühen Namenslisten noch als Gleichsetzung mit der Urnacht formuliert war, erscheint zuletzt nur mehr als eine von mehreren Meinungen der Überliefernden.