Herkunft und Namen

Die Haladin gehören zu jenen Menschen, die aus dem Osten über das Blaue Gebirge nach Beleriand zogen und von den Elben später unter dem Namen Edain zusammengefasst wurden. Unter den drei Völkern, die man als die Väter der Edain zählt, trafen sie als zweites ein, nach der Gefolgschaft Beors und vor den Leuten Marachs. Anders als diese beiden suchten sie nicht die Nähe der Noldor im Norden. Sie ließen sich zunächst in Thargelion nieder, im Land südlich von Caranthirs Herrschaft, und lebten dort weitgehend für sich. Über ihre fernere Herkunft jenseits der Berge berichten die Quellen nichts Näheres, und auch eine Deutung des Namens Haladin gibt der Werktext nicht.1

Dass sie ein eigenes Volk und nicht bloß ein Zweig der Beor-Leute waren, zeigt sich vor allem an der Sprache. Beor selbst erklärte Finrod Felagund, die Haladin seien ein Volk, mit dem man sich in der Rede nicht verständigen könne. Die gemeinsame Wanderung nach Westen hatte also keine gemeinsame Zunge hervorgebracht. Diese Abgrenzung blieb auch in Beleriand bestehen: Als die Haladin später unter der Führung Haleths Thargelion verließen und nach Westen zogen, lehnten sie es ab, sich unter die Herrschaft eines Elbenfürsten zu stellen.2

Aus dieser Zeit stammt der Name, unter dem das Volk bei Elben und Menschen fortan geführt wurde: das Volk der Haleth, benannt nach der Frau, die es in seiner schwersten Stunde zusammenhielt und ihm eine neue Heimat suchte. Weil diese Heimat der Wald von Brethil wurde, heißen die Haladin auch die Menschen von Brethil. Die Bezeichnung „Haus der Haleth“, die sie neben die Häuser Beors und Hadors stellt, verwendet der Text sparsam, meist dort, wo von der Nachfolge in der Führung die Rede ist. So spricht die Erzählung von Turin von einem Erben dieses Hauses, dem die ihm zugedachte Rolle zu schwer fällt. Im Alltag der Überlieferung bleibt dagegen die alte Volksbezeichnung Haladin die übliche Form.3

  1. 1Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  2. 2Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  3. 3Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West; Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar

Geschichte

Die Ruhe, die die Haladin in Thargelion suchten, hielt nicht lange. Morgoth, dem die Ankunft der Menschen und ihre Freundschaft mit den Elben missfiel, ließ ein Heer von Orks über das Land herfallen, in dem sie siedelten. Ihr Anführer Haldad sammelte die Überlebenden in einem hastig befestigten Lager im Winkel zwischen den Flüssen Ascar und Gelion und hielt dort mit ihnen stand. Bei einem Ausfall fiel er selbst, und sein Sohn Haldar kam ums Leben, als er den Leichnam des Vaters vor den Feinden schützen wollte. Von da an lag die Verteidigung bei Haldads Tochter Haleth, die das Lager noch sieben Tage lang gegen die Übermacht behauptete.1

Gerettet wurden die Eingeschlossenen, als Caranthir mit seinen Kriegern heranzog und die Orks vertrieb. Der Noldo erkannte, was die Menschen geleistet hatten, bot Haleth Wiedergutmachung an und stellte ihrem Volk Land und Schutz in seinem Herrschaftsgebiet in Aussicht. Haleth dankte, lehnte aber ab. Wie schon im vorigen Abschnitt angedeutet, führte sie die Ihren stattdessen nach Westen, und die Wanderung war lang und verlustreich. Am Ende fanden die Haladin ihren Platz im Wald von Brethil zwischen Teiglin und Sirion, an der Grenze zum Reich Thingols. Der König von Doriath duldete sie dort, nach dem Bericht auf die Fürsprache Finrods hin, unter der Bedingung, dass sie die Furten des Teiglin gegen die Orks bewachten.2

Haleth blieb bis zu ihrem Tod die Herrin des Volkes; Kinder hatte sie keine, und so ging die Führung auf Haldan über, den Sohn ihres gefallenen Bruders. Nach ihm lenkte Halmir die Geschicke Brethils. Die Haladin lebten in ihren Wäldern zurückgezogener als die beiden anderen Häuser, doch die Verbindungen zu ihnen wuchsen durch Heiraten: Halmirs Tochter Hareth wurde die Frau Galdors aus dem Haus Hadors und damit die Mutter Hurins und Huors, und Halmirs Sohn Haldir nahm Hadors Tochter Gloredhel zur Frau. So kam es, dass die beiden Knaben aus Dor-lomin eine Zeit lang bei ihrem Oheim Haldir in Brethil aufwuchsen.3

Nach der Dagor Bragollach, als die Belagerung Angbands gebrochen war, drangen Orks über den Pass des Sirion nach Süden vor. Halmir und seine Leute stellten sich ihnen gemeinsam mit Beleg und den Grenzwächtern aus Doriath entgegen und brachten ihnen an den Furten des Teiglin eine schwere Niederlage bei, sodass Brethil für eine Weile verschont blieb. Weit teurer wurde der Anteil der Haladin an der Nirnaeth Arnoediad. Die Männer aus Brethil zogen mit in die Schlacht, und unter den Gefallenen des Rückzugs waren Haldir und Hundar; mit ihnen blieb der größte Teil der Kämpfer des Waldes auf dem Feld.4

In den Jahren nach der Niederlage hielten sich die Haladin in ihren Wäldern und führten einen verdeckten Kleinkrieg gegen die Orks. Haldirs Sohn Handir fiel, als feindliche Scharen in Brethil einbrachen, und die Führung ging an dessen Sohn Brandir über. Brandir war von Kindheit an lahm, von sanfter Art und eher der Heilkunst als dem Kampf zugeneigt; er suchte sein Volk durch Verborgenheit zu schützen, nicht durch offenen Widerstand. Dieser Weg geriet in Bedrängnis, als Turin unter dem Namen Turambar nach Brethil kam, die Männer des Waldes zu kühneren Taten mitriss und viele von ihnen ihm mehr folgten als ihrem Herrn.5

Das Ende von Brandirs Herrschaft ist mit dem Untergang Turins verknüpft. Als Glaurung gegen Brethil zog, ging Turin ihm mit wenigen Begleitern entgegen und erschlug den Drachen, doch das Unglück, das ihm folgte, riss auch den Herrn der Haladin mit: Nachdem Niniel sich das Leben genommen hatte, tötete Turin Brandir im Zorn über dessen Nachricht und stürzte sich danach selbst in sein Schwert. Damit war die Linie, die von Haleth her über Haldan geführt hatte, ohne Erben. Von einer weiteren Geschichte des Volkes in Brethil berichtet das Silmarillion nichts Zusammenhängendes mehr; die Haladin treten nach diesen Ereignissen nur noch am Rand der Überlieferung auf, im großen Niedergang Beleriands, der am Ende des Ersten Zeitalters alle Häuser der Edain erfasste.6

  1. 1Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  2. 2Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  3. 3Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West; Das Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin
  4. 4Das Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin; Das Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
  5. 5Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar
  6. 6Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar

Lebensweise und Eigenart

Was die Haladin von den Häusern Beors und Hadors unterschied, war weniger eine besondere Kunst als ein beharrlicher Sinn für das Eigene. Sie waren ein Waldvolk, das sich im Schutz der Bäume einrichtete und die Nähe mächtiger Nachbarn nur so weit suchte, wie es die eigene Sicherheit verlangte. In Brethil lag der Sitz ihrer Führer später auf dem Amon Obel, einer Anhöhe mitten im Wald, wo Brandirs Leute hinter einem Zaun aus Pfählen wohnten. Die Überlieferung zeigt sie als Menschen, die ihr Land eher durch Kenntnis der Pfade und durch Wachsamkeit hielten als durch Burgen und Mauern. Auch nachdem sie Verbündete der Elben geworden waren, blieben sie in Sitte und Rede für sich, und der Text lässt erkennen, dass die anderen Edain sie stets als etwas fremd empfanden.1

Eine Besonderheit ihres Gemeinwesens war das Zusammenleben mit den Drúedain. Einige Angehörige dieses kleinen, schweigsamen Volkes lebten unter den Haladin in Brethil, und das Verhältnis beider war von Achtung und Vertrauen getragen, wie es zwischen den Drúedain und anderen Menschen selten bestand. Die Haladin schätzten sie als Fährtensucher und Wächter und als geschickte Bildschnitzer, deren steinerne Wachfiguren nach dem Glauben der Waldleute etwas von der Kraft ihrer Schöpfer in sich trugen. Dass die Haladin solche Nachbarn bei sich aufnahmen, fügt sich in das Bild eines Volkes, das Fremdheit nicht scheute, solange sie ihm nicht als Herrschaft entgegentrat.2

Über das Verhältnis der Haladin zu Tod und Andenken sagt der Text am deutlichsten an zwei Grabstätten etwas aus. Als Haleth starb, errichteten ihre Leute über ihr einen grünen Hügel auf den Höhen des Waldes, der fortan nach ihr benannt war; in der Sprache der Elben hieß er Haudh-en-Arwen. Die Erinnerung an die Frau, die das Volk nach Brethil geführt hatte, wurde so in die Landschaft selbst eingeschrieben. Ähnlich handelten die Männer Brethils nach dem Ende Turins: Sie legten ihn an der Schlucht, in der Glaurung gestorben war, in ein hohes Grab, gaben ihm die Bruchstücke seines Schwertes bei und setzten einen Stein mit Runen darüber, auf dem auch Niniels gedacht wurde.3

  1. 1Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West; Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil IV, Kap. 1, The Drúedain
  3. 3Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West; Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar

Sippen und Häuser

Eine Gliederung der Haladin in einzelne Stämme oder Sippenverbände kennt der Werktext nicht. Er unterscheidet allein zwischen dem Volk als Ganzem und der einen Familie, aus der seine Führer hervorgingen. Diese Linie beginnt für die Überlieferung mit Haldad, dessen beide Kinder Zwillinge waren, die Tochter Haleth und der Sohn Haldar. Weil Haleth keine Nachkommen hinterließ, lief die Führung über Haldars Zweig weiter, und alle späteren Herren Brethils stammen von ihm ab. Auch in der nächsten Generation nennt der Text neben dem Erben einen Bruder: Halmir hatte zwei Söhne, Haldir und Hundar, die beide in der Nirnaeth Arnoediad umkamen. Auffällig ist, wie viele Namen dieser Familie mit derselben Silbe beginnen; eine Erklärung dafür liefert das Silmarillion nicht.1

Dass „Haus“ bei den Haladin eine Herkunftsgemeinschaft und kein bloßes Amt bezeichnet, zeigt sich in der Erzählung von Turin. Die Männer Brethils wandten sich dem Fremden zu, obwohl Brandir nach dem Erbrecht ihr Herr war, und der Konflikt wird ausdrücklich als Frage danach erzählt, wer diesem Haus vorstehen kann. Neben dem Herrn selbst erscheinen dort auch dessen weitere Angehörige: Hunthor, ein Verwandter Brandirs, schloss sich Turin bei dem Gang gegen Glaurung an und kam in der Schlucht des Teiglin durch einen herabstürzenden Stein ums Leben. Andere Männer des Waldes wie Dorlas werden dagegen ohne Bindung an die führende Familie genannt. Die Drúedain, die in Brethil unter den Haladin lebten, zählt der Text nicht zu ihrem Volk, sondern führt sie als eigenes Geschlecht.2

  1. 1Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West; Das Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
  2. 2Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 4, Kap. 1, The Drúedain

Rolle in der Erzählung

Im Gefüge des Silmarillion verkörpern die Haladin eine Möglichkeit, die die beiden anderen Häuser der Edain nicht wählen: Sie gehen ein Bündnis mit den Elben ein, ohne in deren Dienst zu treten. Die Leute Beors und Hadors empfangen ihr Land aus der Hand noldorischer Fürsten und werden so Teil von deren Herrschaft. Das Verhältnis der Haladin zu den Elben bleibt dagegen eines der Nachbarschaft, gegründet auf eine Abmachung und nicht auf Lehnstreue. Dass diese Haltung an Haleth hängt, also an einer Frau an der Spitze eines Volkes, gibt dem Motiv zusätzliches Gewicht, denn Vergleichbares findet sich in dem Werk kaum ein zweites Mal.1

Erzählerisch dient Brethil häufig als Schwelle, über die die Schicksale anderer Häuser verlaufen. Von hier aus geraten Hurin und Huor als Knaben auf einem Streifzug gegen die Orks in die Irre und gelangen mit Thorondors Hilfe nach Gondolin; ohne den Wald der Haladin fände diese Episode keinen Anfang. Später wird derselbe Wald zur letzten Zuflucht Turins. Das Volk selbst steht dabei meist im Hintergrund, als Gastgeber und Zeuge, weniger als Träger der Handlung.2

Am deutlichsten wird die Funktion der Haladin in der Gegenüberstellung von Brandir und Turambar. Die Erzählung stellt dort zwei Antworten auf die Macht des Feindes nebeneinander: das Verbergen, das ein kleines Volk bewahren soll, und den offenen Kampf, der Ruhm verspricht. Die Männer des Waldes folgen dem Helden, doch der Text gibt dem lahmen Herrn die klarere Einsicht und lässt ihn zum Zeugen einer Wahrheit werden, die niemand hören will. Beide Wege enden im Verderben. So stehen die Haladin im Buch für jene, durch deren Land ein großes Verhängnis hindurchzieht und die dessen Preis tragen, ohne es selbst herbeigeführt zu haben.3

  1. 1Das Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  2. 2Das Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin; Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar
  3. 3Das Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar

Entwürfe und Varianten

In den älteren Fassungen der Überlieferung, wie sie die History of Middle-earth zugänglich macht, ist das Volk noch nicht in seiner späteren Gestalt ausgebildet. In der frühen Quenta und den zugehörigen Annalen erscheint Haleth als männlicher Anführer, ein Jäger, nach dem das Volk benannt wird. Die Frau an der Spitze der Waldleute, die das Silmarillion kennt, ist erst eine späte Umgestaltung. Christopher Tolkien verfolgt diesen Wechsel in seinen Erläuterungen zu den Grauen Annalen. Auch die Bezeichnung Haladin gehört zu dieser späten Schicht; die älteren Texte sprechen schlicht vom Volk des Haleth. Die Geschichte von Haldads Lager und der Verteidigung durch seine Tochter setzt die neue Gestalt Haleths bereits voraus.1

Deutlich weiter als das veröffentlichte Werk reicht Tolkiens späte Arbeit an Brethil selbst. In dem Text, den Christopher Tolkien als „The Wanderings of Húrin“ herausgab, führt er die Geschichte des Volkes über Brandirs Tod hinaus fort. Hurin kommt nach seiner Freilassung nach Brethil. Dort trifft er auf den neuen Herrn Hardang, der ihm feindselig begegnet, und auf Manthor, der sich auf Hurins Seite stellt. Der Streit spaltet die Waldleute und endet in Gewalt, bei der Hardang ums Leben kommt. Diese Erzählung ging nicht in das Silmarillion ein. In „Of Dwarves and Men“ behandelt Tolkien außerdem die Sprache der Haladin als eigenständig gegenüber der Rede der anderen Edain und kommt dabei auch auf die Drúedain unter ihnen zu sprechen.2

  1. 1The Shaping of Middle-earth, The Quenta; The War of the Jewels, The Grey Annals
  2. 2The War of the Jewels, The Wanderings of Húrin; The Peoples of Middle-earth, Of Dwarves and Men