Herkunft und Namen
Thingol zählte zu jenen Quendi, die am Ufer des Sees Cuiviénen erwachten, und gehörte der dritten und zahlreichsten der drei Scharen an, die dem Ruf der Valar folgten: den Teleri. Unter seinem ursprünglichen Namen Elwë stand er diesem Volk gemeinsam mit seinem Bruder Olwe vor, und beide galten als dessen anerkannte Fürsten. Die Teleri brachen später auf als die Vanyar und die Noldor und blieben unterwegs am längsten zurück; ihre Neigung zu Wassern und Ufern prägt die Überlieferung ihrer Sippe durchweg. Ein dritter, jüngerer Bruder namens Elmo wird nur beiläufig in einem späteren Nebentext genannt und bleibt eine schemenhafte Gestalt, an die sich keine eigene Erzählung knüpft.
Der Name, unter dem die Überlieferung ihn schließlich führt, ist ein Beiname. In der hochelbischen Form heißt er Elwë Singollo, in der Sprache seines eigenen Volkes Elu Thingol, wobei Elu lediglich die sindarinische Entsprechung zu Elwë darstellt. Beide Beinamen sind Zusammensetzungen aus einem Wort für „grau“ und einem für „Mantel“ und lassen sich als „Graumantel“ oder „Graurock“ wiedergeben; das Namenglossar des Silmarillion führt sie ausdrücklich auf diese Bestandteile zurück. Anlass war seine Erscheinung: Das Haar Elwës war lang und von silbergrauem Glanz, ein unter den Elben ungewöhnlicher Zug. Bemerkenswert ist, dass dasselbe Element für „grau“ auch im Namen der Sindar steckt, jenes Volkes, dessen Herr er wurde, und in der Bezeichnung König von Doriath tritt neben den Beinamen der Titel.
Für die Aussprache gelten die Regeln, die Tolkien im Anhang zum Herrn der Ringe niedergelegt hat: Das TH in Thingol steht für den stimmlosen Reibelaut, wie ihn das englische Wort thin zeigt, keinesfalls für ein deutsches t; betont wird die erste Silbe. Auch im Herrn der Ringe selbst bleibt der Zusammenhang greifbar, wenn auch nur mittelbar. Die Grauelben, mit ihrem hochelbischen Namen Sindar genannt, und ihre Sprache Sindarin gehören dort zum festen Bestand der Nomenklatur, und in den Anhängen erscheint Thingol als ferner Vorfahr im Stammbaum der Halbelben, über den sich die Linien von Bruchtal und Númenor bis zu den Elben der Ersten Tage zurückverfolgen lassen.
Geschichte
Am Anfang von Thingols überliefertem Wirken steht eine Gesandtschaft. Als die Valar die Quendi nach Westen luden und diese zögerten, wählte jede der drei Sippen einen Boten, den Orome über das Meer nach Aman geleitete: für die Vanyar Ingwe, für die Noldor Finwe, für die Teleri Elwë. Was die drei dort sahen, das Licht der Zwei Bäume und die Herrlichkeit der Valar, machte sie nach ihrer Rückkehr zu Fürsprechern des Aufbruchs, und ihr Zeugnis entschied die Unschlüssigen. Von dieser Reise an verband Elwë mit Finwe eine Freundschaft, die die Überlieferung eigens vermerkt. Der große Zug nach Westen begann daraufhin unter der Führung eben dieser drei Boten, und Elwë brach mit seinem Bruder Olwe an der Spitze der Teleri auf.
Auf dem Marsch durch Beleriand suchte Elwë den Wald Nan Elmoth auf, um seinen Freund Finwe zu treffen, und traf dort auf Melian, eine Maia aus dem Volk der Valar. Über der Begegnung vergingen lange Jahre, während sein Volk ihn vergeblich suchte. Als Ulmo schließlich die wartenden Teleri fortführte, ging der größere Teil unter Olwe über das Meer; jene aber, die den verschollenen Fürsten nicht aufgeben wollten, blieben zurück und nannten sich fortan die Eglath, die Verlassenen. Als Elwë endlich mit Melian aus dem Wald trat, fand er die Sippe seines Bruders fort und den eigenen Anhang harrend. Aus diesen und den übrigen in Beleriand verbliebenen Elben wurde ein Volk und ein Reich, und Thingol wurde ihr König, mit Melian als Königin an seiner Seite.
In den Jahren des Friedens ließ Thingol seinen Königssitz erbauen. Für das Werk gewann er die Zwerge von Belegost, die die Höhlen an den Ufern des Esgalduin zu Menegroth ausbauten, den Tausend Grotten; er entlohnte sie mit Perlen, die ihm Círdan von der Küste gebracht hatte. Aus derselben Verbindung kamen Waffen und Rüstungen in sein Reich, denn die Schmiedekunst der Naugrim übertraf damals die der Sindar. Als Morgoths Orkheere zum ersten Mal nach Süden vorstießen, führte Thingol seine Streitmacht gemeinsam mit Denethor, dem Herrn der Nandor, gegen sie; Denethor fiel auf dem Amon Ereb, und der Sieg blieb teuer erkauft. Danach zog Melian ihre Macht als unsichtbaren Gürtel um die Wälder, so dass niemand ohne Thingols Willen oder eine stärkere Macht hindurchfand, und das umschlossene Land trug den Namen Doriath.
Die Rückkehr der Noldor aus Aman stellte Thingol vor eine neue Lage. Er beanspruchte die Oberherrschaft über ganz Beleriand und wies den Neuankömmlingen zu, wo sie sich niederlassen durften; mit Finrod, dem Sohn seiner Nichte Earwen, verband ihn dagegen ein enges Verhältnis, und Nargothrond entstand mit seiner Kenntnis und Förderung. Der Friede brach, als Angrod in Menegroth offenlegte, was am Hafen von Alqualonde geschehen war, wo Noldor die Seeleute des Volkes seines Bruders Olwe erschlagen hatten. Thingol verbot daraufhin den Gebrauch der hochelbischen Sprache in seinem Reich, und weil die Sindar dem Verbot folgten, wurde Sindarin zur Alltagssprache auch der Verbannten. Gegen die Söhne Feanors blieb sein Misstrauen dauerhaft, während er das Haus Fingolfins nicht in gleicher Weise verantwortlich machte.
Der folgenschwerste Entschluss seiner Regierung fiel, als Beren, ein Sterblicher aus dem Haus Beors, nach Menegroth kam und um Lúthien warb. Thingol wollte ihn nicht offen töten und verlangte statt dessen einen Silmaril aus Morgoths Krone als Brautpreis, eine Forderung, in der Melian sogleich das Verhängnis für Doriath erkannte. Beren kehrte tatsächlich zurück, doch die Hand mit dem Juwel hatte der Wolf Carcharoth ihm abgebissen. Auf der Jagd nach dem Untier ritten Thingol selbst, Beleg und Mablung mit Beren und dem Hund Huan aus; Huan erlegte den Wolf und starb an seinen Wunden, Mablung schnitt den Stein aus dem Kadaver, und Beren erlag noch am selben Tag seinen Verletzungen. So kam der Silmaril nach Menegroth, wo Thingol ihn hütete und sich seiner Schönheit kaum mehr entziehen konnte.
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Schicksal
Später nahm Thingol den Sohn Húrins, Túrin, als Pflegesohn an seinen Hof, sprach ihn nach dem Tod des Sindar Saeros frei und gab Beleg für die Suche nach dem Entwichenen das Schwert Anglachel, gegen Melians Warnung. Als Húrin selbst, aus Morgoths Haft entlassen, nach Menegroth kam, warf er dem König das aus Nargothrond geraubte Halsband Nauglamír vor die Füße. Thingol beauftragte Zwerge aus Nogrod, den Silmaril in dieses Werk einzufügen; über dem fertigen Schmuck entbrannte der Streit um den Besitz, und die Zwerge erschlugen den König in den tiefen Hallen seiner eigenen Feste. Mit seinem Tod verließ Melian Mittelerde, der Gürtel fiel, und Doriath lag den Angriffen offen, die sein Ende herbeiführten. Eine eindeutige Jahreszahl nennt der veröffentlichte Text für diesen Tag nicht.
Rolle und Fähigkeiten
Thingols Stellung im Legendarium beruht auf einer Doppelheit, die ihn von allen übrigen Herrschern der Ersten Tage abhebt. Als einziger unter den Elben, die dauerhaft in Mittelerde blieben, hatte er das Licht der Zwei Bäume mit eigenen Augen gesehen, und die Überlieferung rechnet ihn deshalb zu den Elben des Lichts, während sein gesamtes Volk zu den Dunkelelben zählt; von seiner Rückkehr aus dem Wald an lag, so der Bericht, ein Abglanz Amans auf seinem Angesicht. Er war überdies der größte an Wuchs unter allen Kindern Ilúvatars. Von seiner persönlichen Ausrüstung nennt die Überlieferung das Schwert Aranrúth, das den Untergang seines Reiches überdauerte und später zu den Erbstücken der Könige von Númenor gehörte.
Wie weit die kulturelle Ausstrahlung seines Hofes reichte, lässt sich noch an den Anhängen des Herrn der Ringe ablesen. Die Runenschrift der Elben, die Certar oder Cirth, entstand in Beleriand unter den Grauelben; ihre reichste und geordnetste Gestalt wird Daeron zugeschrieben, dem Sänger und Meister der Überlieferung am Hof König Thingols. Die Zwerge übernahmen dieses Zeichensystem und bewahrten es länger als seine Urheber, so dass eine Schöpfung aus Doriath in Moria und weit im Osten fortlebte. Von der politischen Macht des Königs ist im veröffentlichten Werk dagegen nur noch der Name geblieben.
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Schicksal
Die Grenzen dieser Macht sind im Bericht deutlicher gezeichnet als ihre Reichweite. Der Schutz seines Reiches war nicht sein eigener, sondern der Melians, und die Weisheit seines Hofes rührte ebenfalls aus ihrer Unterweisung her; wo er ihrem Rat zuwiderhandelte — beim Brautpreis für Lúthien wie bei der Übergabe des Schwertes Anglachel —, ging jedes Mal Unheil daraus hervor. Der unsichtbare Gürtel hielt Heere auf, doch gegen ein Wesen, das ein größeres Verhängnis trieb, war er machtlos: Carcharoth durchbrach ihn und verwüstete die Wälder, bevor ihn die Jagd zur Strecke brachte. Auch seine beanspruchte Oberherrschaft über Beleriand blieb Anspruch; die Fürstentümer der Noldor gingen ihre eigenen Wege. Am Ende fiel er nicht im Krieg gegen Angband, sondern in seinen eigenen Hallen durch die Hand einer Handvoll Handwerker.
Beziehungen
Die Verbindung mit Melian ist die einzige Ehe zwischen einem der Ainur und einem der Erstgeborenen, von der die Überlieferung berichtet, und sie bestimmt Thingols Verhältnis zu allen übrigen Gestalten. Melian gab Rat, doch sie zwang ihn nie; die Entscheidungen blieben die seinen, und eben darum wirken ihre Warnungen im Bericht wie Vorzeichen und nicht wie Eingriffe. Lúthien war das einzige Kind dieser Ehe und der Punkt, an dem Zuneigung und Herrschaft bei ihm ununterscheidbar wurden. Wie stark der Hof auf die Person des Königs hin ausgerichtet war, zeigt Daeron: Der Sänger liebte Lúthien selbst und trug ihrem Vater zweimal zu, was sie verbergen wollte — eine Treue, die dem Herrn galt und der Tochter schadete.
Die Blutsbande blieben über die Trennung durch das Meer hinweg wirksam. Sein Bruder Olwe herrschte jenseits davon, und was dessen Volk widerfuhr, wog in Menegroth schwerer als jede Erwägung des Bündnisses. Im eigenen Land stand ihm Círdan nahe, der Herr der Küstenelben, der demselben Volk entstammte und ihn als König anerkannte. Aus Thingols Verwandtschaft kam ferner Celeborn, der in Doriath lebte und Galadriel zur Frau nahm; sie weilte lange bei Melian und empfing von ihr Unterweisung. Über dieses Paar führt eine Linie aus dem umschlossenen Wald in die späteren Zeitalter hinaus — die einzige Verbindung dieser Art, die den Sturz des Reiches überdauerte.
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Schicksal
Nach außen blieb Thingol ein zurückhaltender Verbündeter. Als Maedhros die Fürsten Beleriands zum gemeinsamen Schlag gegen Angband sammelte, hielt er die Streitmacht seines Reiches zurück; nur Beleg und Mablung zogen mit seiner Erlaubnis aus und erhielten ihren Platz im Heer Fingons. Den Menschen verwehrte er anfangs sein Land überhaupt, und erst nach Beren wandelte sich sein Urteil über die Edain so weit, dass er den Sohn Húrins bei sich aufnahm. Mit den Zwergen verband ihn ein Verhältnis des Austauschs, Werk gegen Lohn, das lange Zeit trug und an einem einzigen Gegenstand zerbrach. Morgoth, den die Überlieferung als seinen eigentlichen Widersacher führt, ist er nie gegenübergetreten; die Schläge, die ihn schließlich trafen, kamen von jenen, mit denen er verhandelt hatte.
Entwürfe und Varianten
In der ältesten Schicht des Legendariums, den Verschollenen Geschichten, trägt die Gestalt den Namen Tinwë Linto; sein zurückgebliebenes Volk nennt ihn Tinwelint. Seine Gemahlin heißt dort Wendelin, später Gwendeling, und das Waldreich, über das er gebietet, Artanor. Von der Pracht der Tausend Grotten ist noch nichts zu spüren: Tinwelint ist ein Waldkönig ohne großen Besitz, dessen Stärke in der Verborgenheit und in den Zaubern seiner Gemahlin liegt. Bemerkenswert ist die Verschiebung der Namen. Als Tinwë verschollen blieb, wählten die Solosimpi nach diesem frühen Bericht Ellu zu ihrem Herrn — eine Bezeichnung, die im Verlauf der Überarbeitungen auf die Hauptfigur selbst überging, während der Bruder als eigene Person erst später hinzutrat. Der Name Thingol setzt sich erst mit der Skizze der Mythologie und den Versdichtungen aus Beleriand durch.
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Schicksal
Am stärksten weicht das Ende ab. In der frühen Erzählung vom Nauglafring stammt das Gold nicht aus einem einzelnen geraubten Schmuckstück, sondern aus dem gesamten Drachenhort von Nargothrond, den Úrin mit einer Schar Geächteter zum Waldkönig schafft; über der Arbeit der Zwerge von Nogrod entbrennt der Streit, und Tinwelint fällt nicht in seinen eigenen Hallen, sondern draußen im Kampf, erschlagen vom Zwergenherrn Naugladur. Diese Fassung hat Tolkien nie durch eine ausgearbeitete späte Erzählung ersetzt. Christopher Tolkien hat später offengelegt, dass das veröffentlichte Kapitel über den Untergang Doriaths deshalb keine durchgehende Vorlage besaß und aus disparatem Material zusammengefügt werden musste — der weitreichendste redaktionelle Eingriff in den gedruckten Text. Wer den Tod des Königs in Menegroth liest, liest damit eine Lösung der Herausgeber, nicht eine ausformulierte Entscheidung des Verfassers.