Was für ein Buch das ist
„Sauron Defeated“ ist ein umfangreicher Band, der drei ungleich gewichtige Teile unter einem Titel versammelt und dadurch weniger wie ein Buch wirkt als wie zwei, die man aneinandergebunden hat. Der erste Teil führt jene mehrbändige Darstellung zu Ende, in der Christopher Tolkien die Entstehung des „Herrn der Ringe“ Schritt für Schritt und Kapitel für Kapitel verfolgt hatte; mit ihm ist diese Untersuchung abgeschlossen. Die beiden folgenden Teile, „The Notion Club Papers“ und „The Drowning of Anadûnê“, entstammen einem anderen Arbeitszusammenhang und stehen deshalb gesondert für sich. Dass der erste Teil später auch als eigener, schmalerer Band für sich allein erschienen ist, macht diese innere Naht noch sichtbarer.
Erzählt wird hier nicht, sondern vorgelegt. Der Herausgeber druckt Handschriften und Typoskripte ab, ordnet sie zeitlich ein, soweit die Papiere selbst es zulassen, und begleitet sie mit einem Kommentar, in dem seine eigene Stimme deutlich von der des Verfassers geschieden bleibt. Dazu treten Anmerkungen, Verweise auf die entsprechenden Stellen des veröffentlichten Textes und Angaben zu Streichungen, Überschreibungen und späteren Eingriffen. Widersprüche zwischen den Fassungen werden benannt und nicht geglättet; wo eine Datierung unsicher ist, wird sie als unsicher bezeichnet. Der Ton ist durchweg nüchtern, eher prüfend als deutend, und verlangt vom Leser ein beständiges Hin und Her zwischen Entwurf und gedrucktem Buch.
Der Band richtet sich damit an Leser, die die fertigen Bücher bereits kennen und wissen wollen, auf welchen Wegen sie entstanden sind. Als Leseausgabe taugt er nicht, und als Einstieg schon gar nicht: Ohne den veröffentlichten Text im Rücken bleiben die abgebrochenen Ansätze und die vielen Namensschwankungen stumm. Innerhalb der Reihe steht er an der Stelle, an der sich die Aufmerksamkeit endgültig vom „Herrn der Ringe“ löst und den älteren Stoffen wieder zuwendet. Was er bietet, sind aufgegebene Möglichkeiten und Zwischenstufen; sie erhellen die veröffentlichten Werke, treten aber nicht an deren Stelle und haben ihnen gegenüber keine Geltung.
Entstehung und Veröffentlichung
Die Texte, die dieser Band vorlegt, stammen nicht aus einem Arbeitsgang, sondern aus etwa vier Jahren, in denen Tolkien mehrfach das Vorhaben wechselte. Nachdem die Erzählung des „Herrn der Ringe“ gegen Ende des Vierten Buches ins Stocken geraten war, wandte er sich im Winter 1945/46 den „Notion Club Papers“ zu und ließ sie 1946 unvollendet liegen; aus demselben Zusammenhang und aus demselben Jahr erwuchs „The Drowning of Anadûnê“ samt den zugehörigen sprachlichen Ausarbeitungen. Erst danach kehrte er zur Haupterzählung zurück und brachte sie im Herbst 1948 zum Abschluss. Zu den Papieren dieser letzten Phase gehören auch die beiden Ansätze zu einem Nachwort, das Tolkien vor der Drucklegung wieder aufgab. Die Datierungen beruhen im Einzelnen auf dem Befund der Handschriften selbst und werden vom Herausgeber dort, wo dieser nicht eindeutig ist, ausdrücklich als Annahme bezeichnet.
Die Herausgabe selbst zog sich über Jahre und folgte dem Takt der Reihe. Die Untersuchung zum „Herrn der Ringe“ war in drei vorangehenden Bänden erschienen — „The Return of the Shadow“ 1988, „The Treason of Isengard“ 1989, „The War of the Ring“ 1990 —, sodass der abschließende vierte Teil nach zwei Jahren Abstand folgte. Dass er nicht allein, sondern mit zwei weiteren Textgruppen zusammen erschien, begründet der Herausgeber im Vorwort damit, dass die verbliebene Menge für einen eigenen Band zu gering war und die beiden anderen Werkkomplexe zeitlich ohnehin in die Jahre der Unterbrechung gehören. Die Anordnung im Buch spiegelt also weniger eine sachliche Verwandtschaft als die Chronologie der Arbeitsjahre und die Rücksicht auf den Umfang.
Die Erstausgabe erschien 1992 in London bei HarperCollins, in den Vereinigten Staaten bei Houghton Mifflin; ein Jahr darauf folgte die Ausgabe im Taschenbuchformat. Innerhalb der zwölfbändigen Reihe, die 1983 begonnen hatte und 1996 mit „The Peoples of Middle-earth“ zum Abschluss kam, trägt der Band die Nummer neun. Der Titel bezieht sich, wie das Vorwort zu erkennen gibt, auf den ersten Teil und nicht auf das Buch als Ganzes, was den Umgang mit dem Band von Anfang an erschwert hat. Alle drei Teile sind mit eigenen Zählungen der Anmerkungen versehen; ein gemeinsames Register schließt den Band ab.
Eine spätere Umarbeitung des Textes hat nicht stattgefunden, wohl aber eine Neuordnung des Materials: Im Jahr 2000 gab HarperCollins den ersten Teil unter dem Titel „The End of the Third Age“ gesondert heraus, als vierten und letzten Band einer eigens gezählten Taschenbuchfolge, die zuvor schon die drei vorangehenden Untersuchungen zum „Herrn der Ringe“ vereinigt hatte. Der Wortlaut blieb dabei im Wesentlichen unverändert; angepasst wurden die Vorbemerkung und der Registerteil, da die beiden übrigen Teile entfielen. Eine deutsche Ausgabe des Bandes gibt es nicht: Von der Reihe sind allein die beiden Bände des „Buchs der verschollenen Geschichten“ übersetzt worden, die Bände drei bis zwölf nicht. Im deutschen Schrifttum wird der Band deshalb unter seinem englischen Titel geführt, und Fundstellen werden nach der englischen Ausgabe angegeben.
Aufbau und Anordnung
Der erste und längste Teil trägt die Überschrift „The End of the Third Age“ und setzt dort ein, wo der vorangehende Band abgebrochen hatte. Er beginnt nicht mit dem Feldzug gegen Mordor, dessen Entwürfe bereits behandelt waren, sondern mit dem Weg Frodos und Sams im Feindesland: dem Turm von Kirith Ungol, dem Schattenland und dem Schicksalsberg. Von dort folgen die Entwürfe zu den abschließenden Kapiteln in der Reihenfolge des gedruckten Buches — das Feld von Kormallen, der Truchsess und der König, die Abschiede, die Heimkehr, die Befreiung des Auenlandes und die Grauen Anfurten. Jedes Kapitel bildet einen eigenen Abschnitt aus abgedrucktem Entwurfstext und anschließendem Kommentar, sodass der Leser eine bestimmte Stelle des „Herrn der Ringe“ über die Kapitelfolge auffinden kann. Den Beschluss bilden die beiden Ausarbeitungen des verworfenen Nachworts, die als gesonderter Abschnitt am Ende dieses Teils stehen.
Der zweite Teil, „The Notion Club Papers“, ist anders gebaut, weil er kein Vorstufenmaterial zu einem veröffentlichten Buch ist, sondern ein eigenes, unvollendetes Werk. Ihm geht eine fingierte Vorbemerkung voraus, die die Aufzeichnungen als aufgefundenes Schriftstück ausgibt; der Text selbst ist nach den Zusammenkünften des erfundenen Clubs gegliedert, die durchnummeriert sind und den Faden von Traum, Überlieferung und Sprache über mehrere Abende hinweg fortspinnen. Das Ganze zerfällt in zwei Folgen von Sitzungen; die stark abweichenden früheren Fassungen einzelner Abende sind nicht in den Haupttext eingearbeitet, sondern hinter ihm als eigener Abschnitt abgedruckt. Angeschlossen sind das Gedicht über die Seefahrt des heiligen Brendan sowie Wiedergaben jener Schriftfragmente, die im Text eine Rolle spielen.
Der dritte Teil, „The Drowning of Anadûnê“, ist als Fassungsreihe angelegt: Die aufeinanderfolgenden Ausarbeitungen der Erzählung vom Untergang der Insel werden nacheinander vollständig oder in den abweichenden Partien gegeben, jeweils mit einem Vergleich zur vorigen Stufe und zu der älteren Überlieferung, die in einem früheren Band der Reihe steht. An sie schließt sich das sprachliche Material an, das aus demselben Arbeitszusammenhang stammt — vor allem der ausführliche Bericht über das Adûnaische, dazu ein Wörterverzeichnis mit erläuternden Anmerkungen. Karten enthält der Band nicht; an ihre Stelle treten die Wiedergaben von Handschriftenseiten. Wer sich zurechtfinden will, halte sich an die Dreiteilung: Kapitelfolge im ersten, Sitzungsfolge im zweiten, Fassungsfolge im dritten Teil.
Stellung im Legendarium
Innerhalb des Gesamtwerks steht dieser Band nicht neben den erzählenden Büchern, sondern hinter ihnen. Für den Gang der Ereignisse gibt er nichts her, was nicht schon im veröffentlichten Text stünde: Was am Ende des Ringkrieges geschieht, ist dort entschieden, und die Entwürfe zeigen allein, auf welchen Umwegen dieser Schluss gefunden wurde. Am deutlichsten wird das am aufgegebenen Nachwort. Was es über die späteren Jahre Sams, über Elanor und über das Weiterleben im Auenland ausführen wollte, ist in der gedruckten Fassung auf die knappen Einträge der Zeittafel zusammengezogen, die von Sams Amtszeit und von seinem Weggang über das Meer nur noch in Jahreszahlen berichten. Der Band erhellt also die Wahl, nicht den Sachverhalt.
Die zweite Textgruppe knüpft an ein Vorhaben an, das Tolkien Jahre zuvor schon einmal begonnen und liegen gelassen hatte: eine Erzählung, die von der Gegenwart aus über ererbte Erinnerung in die Vergangenheit zurückführt und in Númenor endet. In seinen Briefen hat er diesen Plan später selbst beschrieben und dabei auch den wiederkehrenden Traum von der großen Welle erwähnt, der ihn seit seiner Kindheit begleitete und den er im „Herrn der Ringe“ an Faramir weitergab. Für das Gefüge des Ganzen folgt daraus, dass der Untergang der Insel für ihn nicht bloß eine Episode der Zweiten Zeit war, sondern die Stelle, an der die alte Welt an die heutige grenzt.
Die dritte Textgruppe erzählt denselben Untergang ein zweites Mal, aber aus anderer Überlieferungslage. Die später veröffentlichte Gestalt des Stoffes, die Akallabêth, gibt den Hergang so, wie ihn die Elben und die Getreuen bewahrt haben; die hier abgedruckte Erzählung führt ihn dagegen als Wissen der Menschen, das um Ilúvatar und die Mächte des Westens nur noch verdunkelt weiß und die Umgestaltung der Welt eher als Nachrede denn als Bericht mitteilt. Im Kern stimmen beide überein — im Hochmut des letzten Königs, in Saurons Stellung als Gefangenem und Verführer, im Ende selbst —, auseinander gehen sie in der Frage, wer spricht und wie viel er wissen kann. Das sprachliche Beiwerk hingegen berührt unmittelbar den veröffentlichten Text: Das Adûnaische ist die Sprache Númenors, aus der die Gemeinsame Sprache hervorging, und als solche in den Anhängen ausdrücklich benannt.
Die Kanon-Schicht ist damit klar bestimmt: Der Band trägt Entwurf, nicht Geltung. Wo eine seiner Angaben dem zu Lebzeiten Veröffentlichten widerspricht, gilt das Veröffentlichte; wo sie den posthum herausgegebenen Sammlungen widerspricht, ist zunächst zu fragen, welche Fassung die spätere ist, denn auch dort steht Frühes neben Späterem. Namensformen und Zahlenangaben, die hier begegnen und die Tolkien danach fallen ließ, gehören deshalb in die Darstellung der Werkgeschichte, nicht in die der Erzählung. Nutzbar ist der Band als Zeugnis für Absicht und Verwerfung — dafür, welche Auskunft über Númenor Tolkien erwog, bevor er die knappere Beschreibung der Insel und die Königsreihe an ihre Stelle setzte.