Was für ein Buch das ist
„The Return of the Shadow“ ist kein Erzählwerk, sondern eine Edition: ein umfangreicher Band, in dem Christopher Tolkien die frühesten Niederschriften zum „Herrn der Ringe“ aus dem Nachlass seines Vaters abdruckt, ordnet und erläutert. Er erschien 1988 als sechster Teil der zwölfbändigen Reihe „The History of Middle-earth“ und eröffnet zugleich deren vierbändige Untergruppe zur Entstehungsgeschichte des Romans. Wer den Band aufschlägt, findet nicht eine Geschichte, sondern deren Vorstufen, jeweils gerahmt von den Beobachtungen des Herausgebers. Eine deutsche Ausgabe gibt es nicht; von der Reihe sind allein die beiden Bände des „Buchs der verschollenen Geschichten“ übersetzt worden, weshalb auch im Deutschen der englische Titel die gültige Nennform bleibt.
Der Aufbau folgt nicht der Handlung, sondern der Chronologie des Schreibens. Christopher Tolkien gliedert das Material in aufeinanderfolgende „Phasen“ der Niederschrift, in denen sein Vater jeweils neu am Anfang ansetzte und das bereits Geschriebene überarbeitete, ehe er weiterkam. Auf jedes Textstück folgt ein Kommentar, dazu treten Anmerkungen, Beschreibungen des Handschriftenbefundes und gelegentlich Faksimiles oder Umzeichnungen. Die Erzählhaltung ist die eines Philologen in eigener Sache: nüchtern referierend, in der ersten Person, mit klarer Kennzeichnung dessen, was gesichert ist, was erschlossen wurde und was offenbleiben muss. Der Band deckt den Weg von der ersten Fassung des Eröffnungskapitels bis zum Eintritt der Gefährten in Moria ab; alles Weitere setzt der Folgeband fort.
Angesprochen ist damit ein Leser, der den fertigen Roman bereits kennt und wissen will, wie er zustande kam. Ohne diese Vorkenntnis bleiben die Vergleiche unverständlich, denn der Band erklärt nicht die Welt, sondern die Arbeit an ihr; er ist Werkstattbericht und Textkritik, nicht Lesebuch. Für das Legendarium hat er deshalb einen eigenen, klar begrenzten Rang: Was hier steht, sind verworfene Stufen, keine ergänzenden Nachrichten aus Mittelerde. Autorität über die erzählte Welt behält der veröffentlichte Text; die Entwürfe zeigen lediglich, welche Wege dorthin führten und welche der Verfasser wieder verließ. Gerade darin liegt der Wert des Buches — es macht sichtbar, dass die Fortsetzung des „Hobbit“ ihre Gestalt erst im Schreiben fand.
Entstehung und Veröffentlichung
Die Niederschriften, die der Band vorlegt, setzen im Dezember 1937 ein. Nach dem Erfolg des „Hobbit“ verlangte der Verlag nach einer Fortsetzung, und noch vor dem Jahreswechsel konnte Tolkien melden, ein erstes Kapitel einer neuen Hobbit-Geschichte liege geschrieben vor — ohne dass er hätte sagen können, wohin sie führen werde. Schon die Briefe der folgenden Monate lassen erkennen, dass sich das Vorhaben der ursprünglichen Absicht entzog: Aus dem geplanten Nachklang zum Kinderbuch wurde ein Stoff, der dunkler geriet und sich an den älteren Mythenkreis anschloss. Der zeitliche Rahmen der hier abgedruckten Arbeit ist damit gesteckt; er reicht von jenen Wochen Ende 1937 bis in die frühen Kriegsjahre.
Über den Verlauf dieser Jahre hat Tolkien selbst im Vorwort zur zweiten Auflage des Romans Rechenschaft abgelegt, und seine Angaben bilden das Gerüst, an dem der Band sein Material aufhängt. Die Arbeit erstreckte sich mit langen Unterbrechungen über die Jahre von 1936 bis 1949; der Kriegsausbruch 1939 verzögerte sie zusätzlich, sodass zum Jahresende noch nicht einmal das erste Buch abgeschlossen war. Nachts und in Bruchstücken kam die Erzählung weiter, bis sie am Grab Balins in Moria zum Stillstand kam — eine Unterbrechung von annähernd einem Jahr, ehe der Weg nach Lothlórien und zum Großen Strom gegen Ende 1941 gefunden war. Genau an dieser Bruchstelle endet der sechste Band: Er umfasst nicht ein Erzählpensum, sondern eine Schaffensperiode, die mit einem Abbruch schließt.
Die Edition selbst entstand rund vier Jahrzehnte später. Christopher Tolkien hatte die Reihe 1983 mit dem ersten Teil des „Buchs der verschollenen Geschichten“ eröffnet und die frühen Bände der Chronologie des Legendariums gewidmet; erst nach dem fünften Band wandte er sich der Entstehung des Romans zu. Im Vorwort begründet er, dass ihm der Umfang des Materials zunächst gegen eine solche Fortsetzung gesprochen hatte und dass die Papiere weit mehr Raum beanspruchten, als anfangs veranschlagt war — statt eines Bandes wurden mehrere nötig. Hinzu kam der Zustand der Handschriften: mit Bleistift geschriebene Lagen, später mit Tinte überschrieben, mehrfach überarbeitete Blätter, deren untere Schicht nur teilweise zu entziffern war. Der Herausgeber vermerkt diese Schwierigkeiten ausdrücklich, statt sie in einem geglätteten Lesetext verschwinden zu lassen.
Der Band erschien 1988 in Großbritannien im Haus, das Tolkien seit dem „Hobbit“ verlegt hatte, und in den Vereinigten Staaten bei Houghton Mifflin; spätere Auflagen kamen unter dem Namen HarperCollins heraus, auch als Taschenbuch und in Sammelausgaben der Reihe. Eine inhaltliche Neubearbeitung hat der Text danach nicht erfahren — was an Änderungen vorkommt, betrifft Druckfehler und Satz, nicht Anordnung oder Kommentar. Die Fortsetzung folgte in kurzen Abständen: 1989 der siebte, 1990 der achte, 1992 der neunte Band, womit die Geschichte der Niederschrift bis zum Ende des Romans geführt war. Abgeschlossen wurde die Reihe 1996 mit dem zwölften Band. Der sechste Band steht also nicht für sich, sondern als erster Teil einer über vier Jahre hinweg veröffentlichten Untersuchung, deren Bände einander voraussetzen.
Aufbau und Inhalt
Dem Band ist ein Vorwort des Herausgebers vorangestellt, das Umfang, Grenzen und Verfahren der Edition benennt, ehe der eigentliche Textteil beginnt. Dieser zerfällt in drei große Abschnitte, die nach den Arbeitsphasen benannt sind, deren Anordnung im Buch bereits an anderer Stelle beschrieben ist. Für die Orientierung folgt daraus die wichtigste Eigenheit des Bandes: Er ist nicht nach Schauplätzen oder Kapiteln des fertigen Romans geordnet, sondern nach Anläufen. Wer eine bestimmte Szene sucht — den Aufbruch aus Hobbingen, den Abend im Gasthof zu Bree —, findet sie deshalb an mehreren, weit auseinanderliegenden Stellen wieder, jeweils in anderer Gestalt. Die Kapitel sind über die drei Teile hinweg fortlaufend gezählt, sodass sich Querverweise eindeutig auflösen lassen.
Der erste Teil führt vom Fest im Auenland über die Wanderung durch das Ostviertel, den Hof des Bauern Maggot und das Bockland in den Alten Wald, zu Tom Bombadil und den Hügelgräbern, weiter nach Bree, zur Wetterspitze und schließlich nach Bruchtal; eingeschoben ist ein frühes Kapitel über Gollum und den Ring, in dem die Vorgeschichte des Fundstücks neu bestimmt wird. Der zweite Teil setzt wieder in Hobbingen an und arbeitet dieselbe Strecke ein zweites Mal durch, wobei die Gespräche über die ältere Geschichte des Rings deutlich anwachsen. Der dritte Teil führt über Bree und die Furt hinaus: Er enthält den Rat in Bruchtal, den Zug nach Süden und am Ende zwei Kapitel zu Moria, mit denen der Band schließt. Zwischen den Erzählstücken stehen Abschnitte, die keinen fortlaufenden Text bieten, sondern Tolkiens eigene Arbeitsnotizen — Fragenlisten, Änderungsvorschläge, Entwürfe künftiger Handlungsführung. Sie sind für die Datierung der Entscheidungen oft aufschlussreicher als die Kapitel selbst.
Einen Anhangteil nach dem Muster des Romans besitzt der Band nicht; die Anmerkungen stehen jeweils am Ende des Kapitels, auf das sie sich beziehen, und bleiben so bei ihrem Gegenstand. Kartenmaterial tritt zurück — die eingestreuten Abbildungen sind überwiegend Wiedergaben von Manuskriptseiten, während die zusammenhängende Behandlung der frühen Karten erst im folgenden Band einsetzt. Das eigentliche Findmittel ist das umfangreiche Register am Schluss. Es verzeichnet nicht nur die Namen des fertigen Romans, sondern gerade auch die wieder aufgegebenen, und verknüpft sie über Verweise mit ihren späteren Entsprechungen; so lässt sich etwa der Weg von Trotter zu Streicher oder von den frühen Namensformen der Beutlins über den ganzen Band hinweg verfolgen. Wer den Band benutzt, statt ihn zu lesen, beginnt daher sinnvollerweise beim Register und arbeitet sich von dort in die Kapitel zurück.
Stellung im Legendarium
Der Ort dieses Bandes im Legendarium ergibt sich aus einer Nahtstelle. Die als weitere Hobbit-Geschichte begonnene Fortsetzung geriet im Schreiben an den älteren Mythenkreis und wurde an ihn gebunden; Tolkien selbst hat diesen Zusammenhang beschrieben, als er einem Verleger den Bau seines Werkes darlegte: Der „Hobbit“ sei nachträglich in die größere Erzählung hineingezogen worden, und der Roman lasse sich von der Überlieferung der Älteren Tage nicht mehr ablösen. Innerhalb der Reihe steht der sechste Band genau dort, wo der Übergang von den Aufzeichnungen zur Vorzeit zu denen des Dritten Zeitalters erfolgt. Er setzt das ältere Material voraus, ohne es noch einmal zu verhandeln — sein Gegenstand ist nicht die Vorzeit, sondern das Werden des Romans, der sie erbt.
Vorausgesetzt wird ferner die Kenntnis jener beiden Fassungen, in denen die Auffindung des Rings überliefert ist. Die zuerst gedruckte Erzählung vom Rätselspiel unter dem Berg lautete anders als die heute gelesene: Gollum bot dort den Ring als Einsatz und wies, da er ihn nicht mehr fand, dem Gewinner statt dessen den Weg ins Freie. Als der Ring im Roman sein Gewicht bekam, wurde das Kapitel umgearbeitet, und die abweichende ältere Fassung erhielt eine Erklärung innerhalb der erzählten Welt: Beutlin habe seinen Bericht beschönigt, um den Anspruch auf den Fund zu sichern, und die wahre Darstellung erst später nachgetragen. Der Prolog des Romans hält diesen Sachverhalt ausdrücklich fest, und Gandalf kommt Frodo gegenüber darauf zurück. Es ist der einzige Fall, in dem der veröffentlichte Text eine überholte Vorstufe seiner selbst anerkennt, statt sie zu verschweigen — und eben an dieser Stelle setzt die Arbeit des Bandes an.
Die Kanon-Schicht ist damit bestimmt: Der Band trägt Entwurfsrang. Er ergänzt die erzählte Welt nicht, sondern belegt Entscheidungen über sie; wo eine Vorstufe dem gedruckten Roman widerspricht — in Namen, Verwandtschaften, Wegstrecken oder im Rang einzelner Gestalten —, gilt der gedruckte Roman, und der Herausgeber behauptet nirgends etwas anderes. Tolkien hat den Vorgang selbst so geschildert: Gestalten seien ihm unversehens begegnet, und wer sie waren, habe er erst nach und nach herausgefunden; die Gestalt, die im Gasthof zu Bree in der Ecke saß, sei ihm anfangs ebenso unbekannt gewesen wie Frodo. Darin liegt der Unterschied zu den posthum herausgegebenen Werken, die Überlieferung ergänzen wollen: Das „Silmarillion“ und die „Unfinished Tales“ bieten Erzählstoff, der sonst verloren wäre — etwa Gandalfs nachträgliche Rechenschaft über die Vorgeschichte der Fahrt zum Erebor. Der sechste Band bietet keinen Stoff, sondern dessen Herkunft, und er ist genau in dem Maß verlässlich, in dem er offenlegt, welche Handschrift wann was sagte.